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Wohnungslosigkeit und Alkoholabhängigkeit

Zur Situation chronisch mehrfachbeeinträchtigter Abhängigkeitskranker in der Bundesrepublik Deutschland

Wohnungslosigkeit und Alkoholabhängigkeit
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Jens Puderbach
  • Abgabedatum: August 2009
  • Umfang: 102 Seiten
  • Dateigröße: 835,2 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Koblenz Deutschland
  • Bibliografie: ca. 45
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4217-0
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Puderbach, Jens August 2009: Wohnungslosigkeit und Alkoholabhängigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Sucht, Obdachlosigkeit, Alkohol, Wohnungslosigkeit, Abhängigkeit

Diplomarbeit von Jens Puderbach

Einleitung:

Wohnungslosigkeit und Alkoholkonsum hängen oft eng zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Wohnungslosigkeit ist häufig Folge einer Alkoholabhängigkeit und die Rückkehr in eine eigene Wohnung wird durch den hohen Alkoholkonsum meist erschwert oder ganz unmöglich. Die Betroffenen versuchen ihre depravierte Lebenslage und die soziale Isolation mit Alkohol zu bewältigen, daher kann Alkoholabhängigkeit auch eine Folge von Wohnungslosigkeit sein.

Diese Zielgruppe, die unter dem Oberbegriff der chronisch mehrfachbeeinträchtigten Abhängigkeitskranken einzuordnen ist, stellt komplexe Anforderungen an die verschiedenen Hilfesysteme, die mit ihnen in Berührung kommen. Da sich die Probleme auf verschiedene Lebensbereiche erstrecken, ist nicht nur ein Hilfesystem zuständig. Das kompliziert gegliederte Hilfesystem für alkoholabhängige und wohnungslose Menschen in Deutschland mit den unterschiedlichen Kostenträgern und Leistungserbringern erzeugt Schnittstellen und damit verbunden oftmals Kooperations-, Kommunikations- und Zuständigkeitsprobleme.

In dieser Arbeit sollen die Entstehungszusammenhänge von Wohnungslosigkeit und Alkoholabhängigkeit aufgezeigt und mögliche Zusammenhänge ermittelt werden. Die bestehenden Hilfestrukturen in Deutschland werden dargestellt, um im Anschluss zu untersuchen, ob sie in ihrer aktuellen Form für eine Versorgung der Klientel geeignet und ausreichend sind. Ich möchte versuchen, Perspektiven für ein zukunftsfähiges Hilfesystem aufzuzeigen.

Um die theoretischen Aussagen von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten, soll anhand von Klienten- und Experteninterviews ein Einblick in die Praxis gewährt werden.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 1
Erster Teil: Grundlagen 1
1. Wohnungslosigkeit in Deutschland 1
1.1 Begriffsdefinitionen zur Wohnungslosenproblematik 2
1.2 Ausmaß der Wohnungslosigkeit 5
1.3 Soziodemographische Merkmale der Wohnungslosigkeit 6
1.3.1 Geschlecht 6
1.3.2 Altersstruktur 7
1.3.3 Staatsangehörigkeit 8
1.3.4 Schulbildung 8
1.3.5 Familienstand 8
1.3.6 Berufsbildung 9
1.3.7 Arbeits- und finanzielle Situation 9
1.3.8 Gesundheitszustand 11
1.4 Erklärungsansätze für Wohnungslosigkeit 13
1.4.1 Erklärungsansätze aus historischer Sicht 13
1.4.2 Aktuelle Erklärungsansätze 14
1.4.3 Kritische Lebensereignisse 16
2. Alkoholkonsum in Deutschland 20
2.1 Definitionen 22
2.2 Erklärungsansätze für Alkoholabhängigkeit 24
2.3 Ausmaß 26
2.4 Alkoholkonsum im Wohnungslosenmilieu 28
2.5 Funktionen des Alkohols 29
Zweiter Teil: Das System der Suchtkrankenhilfe 31
3. Suchthilfe in Deutschland 31
3.1 Strukturmodell zur Beschreibung des Hilfesystems 31
3.2 Sektor I 32
3.2.1 Die ‘Traditionelle Trias’ 34
3.2.2 Beratungsstellen 34
3.2.3 Stationäre medizinische Rehabilitation 38
3.2.4 Nachsorge 41
3.2.5 Selbsthilfe 41
3.3 Sektor II 42
3.3.1 Psychiatrische/ psychosoziale Basisversorgung 42
3.3.2 Psychiatrie 44
3.3.3 Öffentlicher Gesundheits- und Sozialdienst 45
3.3.4 Basishilfen/ Wohnungslosenhilfe/ Eingliederungshilfe/ berufliche Rehabilitation/ Pflege 47
3.3.5 Ordnungs-, betreuungs- oder strafrechtliche Maßnahmen 48
3.4 Sektor III 49
3.4.1 Medizinische Primärversorgung 49
3.4.2 Allgemeinkrankenhaus 51
3.4.3 Niedergelassener Arzt 53
Dritter Teil: Das System der Wohnungslosenhilfe 55
4. Ambulante Beratungsstellen 55
5. Stationäre Einrichtungen 57
6. Weitere Hilfen 58
6.1 Zentrale Fachstellen 58
6.2 Persönliche Hilfen 59
6.3 Arbeitshilfen 60
6.4 Medizinische Hilfen 60
Vierter Teil: Praxisbezug 62
7. Grundlagen der Interviews 62
8. Klienten-Interviews 62
8.1 Methodische Vorbemerkungen 62
8.2 Horst T. 63
8.3 Thomas S. 67
9. Experteninterviews 71
9.1 Methodische Vorbemerkungen 71
9.2 Fachkräfte 72
Fünfter Teil: Die vergessene Mehrheit 83
10. Alkoholabhängige Wohnungslose in Deutschland 83
10.1 Die Zielgruppe 83
10.2 Probleme der Zielgruppe 83
10.3 Alkoholabhängige Wohnungslose zwischen den Hilfesystemen 85
11. Perspektiven 89
Literaturverzeichnis 93
Anhang 97

Textprobe:

Kapitel 3.3.3, Öffentlicher Gesundheits- und Sozialdienst:

Chronisch mehrfachgeschädigte Abhängigkeitskranke werden, wie bereits erwähnt, oft nicht von den Angeboten der Suchtkrankenhilfe erreicht. Die Psychisch-Kranken-Gesetze (Psych-KG) der meisten Bundesländer verpflichten die öffentlichen Gesundheitsdienste zur Versorgung und Betreuung derjenigen psychisch Kranken, die selbst zu einer aktiven Hilfesuche nicht mehr in der Lage sind. Dem Grundgesetz kann man die ‘Daseinsvorsorge’ für alle Bürger als ein tragendes Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung entnehmen. Auch aus dem SGB XII können individuelle Ansprüche auf Hilfe zur Eingliederung abgeleitet werden. Für die Kommunen besteht daher eine gesetzlich geregelte Versorgungsverpflichtung. Aufgrund des staatlichen Subsidiaritätsprinzips werden die meisten Aufgaben an freie Träger delegiert. Die niedergelassenen Ärzte übernehmen allgemeine medizinische Aufgaben. Alle Pflichtaufgaben die nicht auf andere Weise gesichert sind, müssen von den öffentlichen Gesundheits- und Sozialdiensten übernommen werden. So entwickelte sich über lange Jahre hinweg ein Status des ‘Lückenfüllers’ mit ‘Feuerwehrfunktion’. Wienberg wirft den öffentlichen Gesundheitsdiensten vor, der Problemlage von chronisch mehrfachbeeinträchtigten Abhängigkeitskranken, weder qualitativ noch fachlich-konzeptionell gewachsen zu sein und über die Verwaltung des Elends nicht hinauszukommen.

Um dies zu verdeutlichen führte er eine eigene, nicht repräsentative, Erhebung zur Kontakthäufigkeit von Personen mit Alkoholproblemen zu den öffentlichen Gesundheits- und Sozialdiensten durch. Die Ergebnisse können aufgrund des Auswahlverfahrens zwar keine Repräsentativität in Anspruch nehmen, sie lassen jedoch eine grobe Schätzung für das Bundesgebiet zu. Demnach werden ca. 103.000 Personen mit Hauptproblematik Alkohol pro Jahr von diesen öffentlichen Diensten erreicht. Dies entspricht einem Anteil an der Gesamtprävalenz von 5,1 %. Zu beachten ist, dass die Zahlen aufgrund der unsicheren Datenlage, sehr vorsichtig interpretiert werden müssen. Im Vergleich zu Wienbergs Schätzung von 1992 ist eine abnehmende Tendenz zu erkennen. Ob die Gründe dafür in der fehlenden Aussagekraft der Erhebungen, am Rückgang des Bedarfs oder der Ressourcen zu suchen sind, oder ob mehr Delegation an freie Träger stattfindet, bleibt unklar.

Inwieweit öffentliche Sozialdienste, wie der ASD und die Familien- und Jugendhilfe mit Alkoholproblemen befasst sind, kann nicht abschließend geklärt werden. ‘Es muss jedoch davon ausgegangen werden, dass die entsprechenden Dienste in erheblichem Maße direkt oder indirekt gerade auch mit chronisch Kranken, mehrfach beeinträchtigten Alkoholabhängigen (…) und deren sozialen Problemlagen konfrontiert sind, ohne innerhalb dieses Teilsystems über angemessene Handlungskonzepte zu verfügen.’ Wienberg zeigt anhand von zwei Modellprojekten auf, in welche Richtung eine qualitative Weiterentwicklung erfolgen sollte. Das ‘Bochumer Modell’ verbindet Ressourcen von öffentlichen und freien Trägern mithilfe personenzentrierter und systematischer Hilfeplanung und Casemanagement.

Das ‘Kooperationsmodell nachgehende Sozialarbeit’ setzt auf gezielte Vernetzung von vorhandenen Angeboten für chronisch mehrfachgeschädigte Abhängigkeitskranke, sowie Casemanagement in Form von aufsuchender Sozialarbeit.

Basishilfen/ Wohnungslosenhilfe/ Eingliederungshilfe/ berufliche Rehabilitation/ Pflege:

Der Begriff der Basishilfen bezeichnet niedrigschwellige Angebote, vorwiegend zur Schadensbegrenzung. Dies sind zum Beispiel Notschlafstellen, Aufenthaltsangebote mit lebenspraktischer Hilfe, aufsuchende Gesundheitshilfen, oder Kriseninterventionsdienste. In den letzten zwanzig Jahren gab es einen Anstieg dieser niedrigschwelligen Angebote für Alkoholabhängige. Genaue Zahlen hierzu liegen allerdings nicht vor. Gassmann und Leune sind der Auffassung, dass für Opiatabhängige die niedrigschwelligen Hilfen gut ausgebaut seien, der Bedarf für Alkoholabhängige aber zu großen Teilen von der Wohnungslosenhilfe gedeckt werde. Diese Tatsache lässt sich leicht erklären, da ein Großteil der chronisch mehrfachbeeinträchtigten Alkoholabhängigen zum Klientel der Wohnungslosenhilfe gehört. Auf diesen Bereich des Hilfesystems wird später noch genauer eingegangen.

Für Personen mit schweren und langen Suchtkarrieren, und zum Teil erheblichen Folgeproblemen, sind noch weitere Hilfeangebote notwendig. Besonders in den Bereichen Arbeit, Beschäftigung, Pflege und berufliche Rehabilitation werden solche Maßnahmen angeboten. Nach der medizinischen Rehabilitation sollen chronisch mehrfachbeeinträchtigte Alkoholabhängige wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Da sie jedoch außer der Abhängigkeitserkrankung noch weitere vielschichtige Problemlagen aufweisen, ist es sinnvoll, mithilfe von Arbeits- und Qualifizierungsprojekten in Sonder oder Integrationsfirmen den Zugang zum Arbeitsleben wiederherzustellen. In manchen Fällen sind sogar noch weitaus niedrigschwelligere Maßnahmen notwendig. Hier werden tagesstrukturierende Hilfen und Zuverdienst-Möglichkeiten mit sehr flexiblen Bedingungen verbunden.

Wie viele alkoholabhängige Menschen von diesen Hilfen profitieren bleibt allerdings im Dunkeln.

Arbeit zitieren:
Puderbach, Jens August 2009: Wohnungslosigkeit und Alkoholabhängigkeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Sucht, Obdachlosigkeit, Alkohol, Wohnungslosigkeit, Abhängigkeit

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