Wohnstandort Innenstadt
Das Beispiel Mülheim an der Ruhr
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Tanja Linken
- Abgabedatum: April 2006
- Umfang: 141 Seiten
- Dateigröße: 16,8 MB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Ruhr-Universität Bochum Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-9791-0
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-9791-0 P - ISBN (CD) :978-3-8324-9791-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Linken, Tanja April 2006: Wohnstandort Innenstadt, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Ruhrgebiet, Raumplanung, Wohnungsmarkt, Sozialforschung, Städtebau
In den Warenkorb
68,00 €
Diplomarbeit von Tanja Linken
Einleitung:
In den letzten Jahren ist das Schicksal deutscher Innenstädte zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen und -je mehr Missstände offen sichtbar wurden- auch in das öffentliche Interesse gerückt. Dabei werden meist zwei Blickwinkel voneinander abgegrenzt: Der Wirtschaftsstandort und der Wohnstandort Innenstadt. Schlagworte wie „Entleerung“, „schrumpfende Städte“, „Suburbanisierung“ und „Segregation“ weisen jedoch für beide Funktionen auf einen Bedeutungsverlust der Innenstädte und einen dadurch steigenden Handlungsbedarf der Kommunen hin. Andererseits ist insbesondere in prosperierenden Großstädten vermehrt auch von „Reurbanisierung“ und einer „Renaissance der Innenstädte“ die Rede.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der aktuellen Situation der Innenstädte und zwar insbesondere ihrer Funktion als Wohnstandort. Nach einer theoretischen Einführung in aktuelle, die Innenstädte betreffende Stadtentwicklungstrends sowie die Entwicklung und Besonderheiten des Innenstadtwohnens wird das Hauptaugenmerk auf der empirischen Untersuchung der Innenstadt von Mülheim an der Ruhr liegen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie und in welchem Umfang gegenwärtig in der Mülheimer Innenstadt gewohnt wird und welche speziellen Gruppen diesen Wohnstandort präferieren bzw. meiden. Ziel dieser Untersuchung ist es, wesentliche Rahmenbedingungen, Trends sowie Probleme und Hemmnisse innerstädtischen Wohnens darzustellen und mögliche Strategien zur Stärkung des Wohnens in der Mülheimer Innenstadt aufzuzeigen.
Parallele Analysen der Innenstadtbevölkerung und des Wohnungsmarktes Innenstadt sollen dabei zeigen, ob erstens bereits von einer Renaissance gesprochen werden kann oder ob es sich bei den Innenstadtquartieren doch eher um wenig attraktive Wohnlagen für bestimmte Randgruppen der Gesellschaft handelt und zweitens inwiefern demographische Struktur und Baubestand interdependent sind. So aufgedeckte kausale Zusammenhänge und Abhängigkeiten zwischen der Sozialstruktur und speziellen (gegenüber nicht-urbanen Wohngebieten abweichenden) Charakteristika der Innenstadt-Wohngebiete können für Kommune, Stadt- und Sozialplaner sowie Wohnungseigentümer die Grundlage für eine nachhaltige Innenstadtentwicklung sein.
Aus ihrer historischen Entwicklung waren Innenstädte von jeher die Zentren der Städte, die Wohnen, Gewerbe, Kultur, Verwaltung und soziale Dienste gleichermaßen beinhalteten. Und genau diese Mischung machte Urbanität und die Besonderheit des städtischen Lebens gegenüber dem Landleben aus. Welche Entwicklungen haben jedoch zur Auflösung dieser urbanen Strukturen und damit zum Schrittweisen Niedergang der Innenstädte geführt? Oder anders gefragt, mit welchen Stadtentwicklungsprozessen müssen wir uns heute befassen, wenn die Innenstädte ihre Bedeutung (als Wohnstandort) zurückerhalten sollen? An erster Stelle der Stadtentwicklungsprozesse mit starkem (negativen) Einfluss auf die Innenstädte steht wohl die seit den 1960er Jahren verstärkt ablaufende Suburbanisierung, d.h. die Abwanderung von Bevölkerung und städtischer Funktionen ins Umland.
Wenngleich Suburbanisierung bereits im 19. Jahrhundert in Form der Urbanisierung ländlicher Räume und der Relativierung des Stadt-Land- Gegensatzes begonnen hat, so wurde sie erst in der Nachkriegszeit mit der Massenmotorisierung und dem Kommunikationsmittel Telefon zu einem generellen Phänomen, das die Innenstädte bedrohte. Der wirtschaftliche Aufschwung und der durch den PKW ermöglichte massenhafte Individualverkehr waren jedoch nicht die Hauptgründe sondern nur die Auslöser der Suburbanisierung, da erst sie es breiten Bevölkerungsschichten technisch möglich machten, den bevorzugten Wohnstandort „Umland“ zu wählen. Die Gründe für diese Standortwahl dagegen lagen – zumindest zu Beginn der Suburbanisierung- in einem ideologischen Wandel, ausgelöst in erster Linie durch die schlechten Wohnbedingungen der Kriegs- und Nachkriegszeit in den Innenstädten. „In vielen deutschen Städten war nach dem verlorenen Krieg und nach der Befreiung eine gewisse Feindschaft gegen die historische Stadt auszumachen. Die Mietkasernenstadt, wie die mittelalterliche Stadt, verkörperte für viele die Un-Stadt, eine `barbarische Mischung´ aus schlechten hygienischen und baulichen Zuständen und unmoderner Häßlichkeit“.
Der Wunsch nach Verbesserung der Wohnverhältnisse war deshalb unmittelbar mit dem Wunsch nach einem Haus im Umland verbunden. Später waren es zusätzlich zu der meist immer noch schlechteren Wohnqualität in den Innenstädten wohl eher die Bedingungen des regionalen Wohnungsmarktes und so rein wirtschaftliche Gründe, die bis heute zu Stadt-Umland-Wanderungen führen. „Es sei zweifellos keine Stadtflucht, wie einige Autoren meinen, so Friedrichs, sondern entspreche einem rationalen Kalkül. Deren Ursache sei eine Güterabwägung, in der die Höhe der Miete, Größe einer Wohnung und das Wohnumfeld in der Kernstadt gegen den Kauf eines Hauses im Umland abgewogen werde. Gemeinhin führe diese Kosten-Nutzen-Kalkulation dazu, sich für ein Eigenheim zu entscheiden“.
Gefördert wurden diese Wanderungswünsche/ -entscheidungen von Seiten der Stadtplanung durch die städtebaulichen Leitbilder „gegliederte und aufgelockerte Stadt“ „Urbanität durch Dichte“ und „autogerechte Stadt“. In Anlehnung an die Gartenstadtbewegung und die Charta von Athen forderte das Leitbild der „gegliederten und aufgelockerten Stadt“ als Gegenbewegung zur „Orientierung am historischen Erbe“ in der Nachkriegszeit eine „weitgehende räumliche Trennung der Funktionen Wohnen, Arbeiten, Verkehr, etc., die störungsfrei im Raum angeordnet werden sollten“. Durch diese Vorstellung beeinflusst hat die Baugesetzgebung von 1960 zu einer häufig zu starren Zuordnung von Fläche und Funktion und insbesondere durch die Suburbanisierung zu einem großen Flächenverbrauch geführt. Das folgende ca. 1960 nicht durch Städtebauer sondern Sozialwissenschaftler etablierte- Leitbild „Urbanität durch Dichte“ beruhte dagegen nicht mehr auf Funktionstrennung, sondern auf dem Gedanken durch Verdichtung und Verflechtung der Nutzungsarten eine neue Urbanität schaffen zu können. Diese sollte jedoch nicht in den alten Stadtzentren entstehen, sondern in neuen, gesamtheitlich geplanten Großwohnsiedlungen am Stadtrand.
Die typische Konzeption dieser Siedlungen umfasste Wohnhochhäuser mit integrierter Infrastruktur und Nahbedarfsversorgung im Kern umgeben von Ringen von Mehrund Einfamilienhäusern und Arbeitsplatzangeboten am Rand der Siedlung. In der Realität wurde in den meisten Fällen jedoch nur die Wohnbebauung fertiggestellt, Einzelhandel, soziale Infrastruktur und Gewerbe fehlten, so dass sich nicht neue Zentren entwickelten, sondern lediglich neue Wohngebiete am Stadtrand, die die Wohnsuburbanisierung beschleunigten3. Parallel zum Wohnungsneubau im Umland fanden in den Innenstädten Projekte des Stadtumbaus statt. „Altbauwohngebiete und das Wohnen im Altbau galten als nicht mehr zeitgemäß und sollten durch Bauten für Handel, Dienstleistungen und Verwaltung ersetzt werden“. Der Begriff „Flächensanierung“ beinhaltete dabei keinesfalls eine echte Sanierung innerstädtischer Gebiete sondern beschönigte den Kahlschlag und Abriss von Altbauwohngebieten zugunsten der „Ausweitung der City-Funktionen für neue, höhere Rendite ermöglichende Nutzungen“.
Die Wohnsuburbanisierung war also nicht einseitig gerichtet durch den Wunsch der Bevölkerung nach dem Wohnen im Umland, sie war in gleichem Maße auch „erzwungen“ durch die Verdrängung der Wohnfunktion durch andere Funktionen im Rahmen des Citybildungsprozesses. So führten das Bevölkerungswachstum und der steigende Anspruch an Pro-Kopf- Wohnfläche begünstigt durch die wirtschaftliche Entwicklung und städtebauliche Leitbilder bis in die 70er Jahre zu einem „Ausufern“ der Städte ins Umland, wobei die Wohnsuburbanisierung vorwiegend von Besserverdienenden und Familien getragen wurde während Arbeitsmigranten und andere wohnimmobile Gruppen (Arme, Alte) in den Innenstädten verblieben oder aufgrund der geringen Mieten in von Deinvestition (unterlassene Erhaltungsinvestitionen) geprägte Gebäude und Stadtviertel zogen.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | iii | |
| Abbildungsverzeichnis | v | |
| Tabellenverzeichnis | vii | |
| Abkürzungsverzeichnis | viii | |
| 1. | Einleitung | 1 |
| A. | Theorieteil | 2 |
| 2. | Hintergründe und Einordnung des Themas in den Kontext der aktuellen Stadtentwicklung | 2 |
| 2.1 | Stadt-Umland-Wanderungen | 2 |
| 2.2 | Segregation | 7 |
| 2.3 | Schrumpfende Städte | 11 |
| 2.4 | Reurbanisierung | 12 |
| 3. | Charakteristik und Bedeutung des Innenstadtwohnens | 16 |
| B. | Empirischer Teil - Innenstadt Mülheim an der Ruhr | 19 |
| 4. | Abgrenzung des Untersuchungsraumes | 19 |
| 5. | Historischer Abriss der Innenstadtentwicklung | 22 |
| 6. | Datenanalyse | 24 |
| 6.1 | Ziele und Methoden der Analyse | 24 |
| 6.2 | Analyse der Bevölkerung in der Innenstadt | 25 |
| 6.2.1 | Datenquellen und statistische Restriktionen | 25 |
| 6.2.2 | Bevölkerungsentwicklung | 29 |
| 6.2.3 | Bestandsaufnahme | 34 |
| 6.2.3.1 | Bevölkerungszahlen | 35 |
| 6.2.3.2 | Bevölkerungsstrukturen | 36 |
| 6.2.4 | Bevölkerungsprognose | 48 |
| 6.2.5 | Beurteilung der Bevölkerungssituation | 50 |
| 6.3 | Analyse des Baubestands in der Innenstadt | 53 |
| 6.3.1 | Datenquellen und statistische Restriktionen | 53 |
| 6.3.2 | Quantitative Bestandsanalyse | 56 |
| 6.3.3 | Qualitative Bestandsanalyse | 67 |
| 6.3.4 | Prognose | 75 |
| 6.3.5 | Beurteilung der Bausubstanz | 75 |
| 7. | Schlussfolgerungen aus der Datenanalyse | 77 |
| 8. | Der Wohnungsmarkt Innenstadt vor dem Hintergrunddemographischer Entwicklungen | 80 |
| 8.1 | Altengerechtes Wohnen: Senioren – negativer demographischerEffekt oder wirtschaftliches Potenzial? | 80 |
| 8.2 | Gefahr der Segregation durch steigenden Migrantenanteil | 84 |
| 9. | Neue Anforderungen an den Wohnstandort Innenstadt | 85 |
| 9.1 | Gewünschte Standortqualitäten | 85 |
| 9.2 | Neue Lebensstile – neue Wohnungsformen | 87 |
| 9.3 | Anforderungen an Wohnungsunternehmen und Stadtentwicklung | 90 |
| 10 | Bisherige Handlungsansätze - Ein Blick in die Zukunft | 92 |
| 10.1 | Zu erwartende Entwicklungen | 92 |
| 10.2 | Ruhrbania | 92 |
| 10.2.1 | Was ist Ruhrbania | 92 |
| 10.2.2 | Ruhrbania und Wohnen | 94 |
| 10.2.3 | Chancen und Risiken von Ruhrbania für den Wohnungsmarkt Innenstadt | 97 |
| 10.3 | Sanierung Hans-Böckler-Platz | 100 |
| 10.3.1 | Geschichte des Wohnkomplexes | 100 |
| 10.3.2 | Bestandsaufnahme | 101 |
| 10.3.3 | geplante Sanierungsmaßnahmen und Ausblick | 102 |
| 10.4 | Städtebaulicher Wettbewerb „Neuer Hauptbahnhof“ | 107 |
| 11. | Handlungsempfehlungen | 109 |
| 12. | Fazit | 114 |
| Literaturverzeichnis | 116 | |
| Abbildungsanhang | 124 |
Seitenstraßen dagegen überwiegt eine reine Wohnnutzung. Dieses räumliche Muster entspricht den Bodenwerten: In Citylage (z.B. an der Schloßstrasse) sind Boden- und Mietpreise hoch und Nutzungen müssen entsprechend rentabel sein. Die Wohnfunktion wird daher oftmals von Einzelhandelsgeschäften, Büros oder Arztpraxen verdrängt und findet höchstens in den oberen Etagen der Mischgebäude mit Geschäften im Erdgeschoss Platz. Die vorherrschende Art der Nutzungsmischung ist hier also die vertikale Mischung. Mit zunehmender Entfernung vom Geschäftszentrum sinken dagegen die Bodenpreise und die Wohnnutzung wird konkurrenzfähiger. Leerstände Ein weiteres Indiz für die Qualität von Wohnungen und Wohnumfeld können überdurchschnittlich hohe oder niedrige Leerstandsquoten sowie die Konzentration von Leerständen in bestimmten Quartieren sein. Da es, ähnlich wie bei den Nutzungsarten, keine Verpflichtung zum Melden von Leerständen und somit auch keine amtliche Statistik gibt, muss man sich zur Ermittlung von Leerstandszahlen eines „Tricks“ bedienen. Setzt man voraus, dass heutzutage jede Wohnung einen Stromanschluss besitzt und jeder moderne Haushalt Strom bezieht, so kann man unterstellen, dass diejenigen Wohnungen ohne Stromverbrauch in der Regel nicht bewohnt sind, also leer stehen. In Kooperation mit der RWE AG als Eigentümerin aller Stromzähler konnten so in der Innenstadt Mülheim 42932 potentiell leer stehende Wohnungen, dass heißt Wohnungen mit abgemeldetem Stromzähler oder Minderverbrauch von weniger als 150 kW pro Jahr, ermittelt werden (nur langfristige Leerstände von mindestens 3 Monaten) (Stand November 2005). Abzüglich einer Fluktuationsreserve33 von 3 Prozent ergibt sich somit für die Innenstadt eine überdurchschnittlich hohe Leerstandsquote von 6,99 Prozent gegenüber 2,44 Prozent im Rest Mülheims. [...]
Dieser Anteil erscheint nicht nur angesichts der Citylage sehr hoch. Jeder Laie, der die Mülheimer Innenstadt besucht und die große Zahl der Geschäfte gesehen hat, wird dieses Ergebnis anzweifeln. Grund dafür ist ein statistischer Fehler, der aus der Konzeption der Datenbank und der Variablendefinition herrührt. Ein Gebäude wird hier als Wohngebäude erfasst, wenn es zu mindestens 50 Prozent zu Wohnzwecken genutzt wird, sonstige Gebäude mit Wohnraum sind dementsprechend Gebäude mit weniger als 50 Prozent Wohnnutzung31. Reine Wohngebäude sowie Mischgebäude mit den jeweiligen Nutzungsanteilen können anhand dieser Daten jedoch nicht ermittelt werden. Da aber gerade diese Mischgebäude von besonderem Interesse für die Bewertung des Wohnstandortes [...]
Wohnungen ohne Bad und Toiletten außerhalb der Wohnung sind nicht mehr zeitgemäß und werden heute als unzumutbar angesehen. Mietwohnungen der 50er Jahre hatten in der Regel 2-3 Zimmer und waren in ihrem Grundriss auf die „Standardfamilie“ zugeschnitten. Wenn jedoch heute die „Standardfamilie –statistisch gesehen- nur noch eine Randerscheinung darstellt, muss auch der Standardgrundriß an Bedeutung verlieren“ (Eichener/Heinze/Bucksteeg 1994, S. 10). Die Repräsentativerebnung der Stadt Mülheim 1991 ergab eine durchschnittliche Wohnfläche von 74qm/ Haushalt bei 33,2 qm/ Person und durchschnittlich 2,7 Zimmer/ Wohnung. Damit liegt die Wohnungsgröße in der Innenstadt weit unter dem gesamtstädtischen Durchschnitt von 3,4 Zimmern/ Wohnung (arge planquadrat, u.a. 1993, S. 293). [...]
In den Warenkorb
68,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832497910
Arbeit zitieren:
Linken, Tanja April 2006: Wohnstandort Innenstadt, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Ruhrgebiet, Raumplanung, Wohnungsmarkt, Sozialforschung, Städtebau



