Wissenstransfer und Narration
Bedeutung und Grenzen von Narrationen in organisationalen Wissenstransferprozessen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Anna Froese
- Abgabedatum: April 2003
- Umfang: 95 Seiten
- Dateigröße: 836,8 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7194-1
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7194-1 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7194-1 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Froese, Anna April 2003: Wissenstransfer und Narration, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Wissensmanagement, Storytelling, Geschichten, organisationales Wissen, Communities-of-practice
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Diplomarbeit von Anna Froese
Zusammenfassung:
Organisationales Wissen gilt als wichtige kritische Ressource im strategischen Wettbewerb von Unternehmen. Speziell dem Wissenstransfer kommt in diesem Zusammenhang eine herausragende Bedeutung zu. Wissenstransfer ist neben dessen Generierung und Identifikation Kernbestandteil vieler Wissensmanagement-Konzeptionen. Der Rolle von Narrationen in organisa-tionalen Transferprozessen ist bisher wenig Beachtung geschenkt worden.
Narrationen scheinen aufgrund ihrer Eigenschaften zunächst nicht prädestiniert, organisationales Wissen zu übertragen. Soll Wissen zuverlässig transferiert werden, greift man in organisationalen Kontexten viel eher auf konventionelle Methoden wie Schulungen, Seminare, Arbeitsbesprechungen, Mentoren-programme u. a. zurück.
Dabei sind die Begriffe Wissen und Erzählung etymologisch verwandt: Narration hat seinen Ursprung in dem lateinischen Verb narrare („erzählen“), das wiederum Wurzeln im Sanskrit (gnâ ≈ „wissen“) hat. Ursprünglich existierte in der Menschheitsgeschichte die Weitergabe von Wissen ausschließlich in Form von Narrationen. Viele Generationen tauschten Informationen über bedeutende Ereignisse, Werte und Erfahrungen über das gemeinschaftliche Geschichten-erzählen am Lagerfeuer aus und gaben diese an ihre Nachkommen weiter. Religionsgemeinschaften haben ihre Lehren in Form von Sammlungen ursprünglich mündlicher, später schriftlich fixierter Geschichten und Gleichnisse (z.B. Bibel, Koran) überliefert. Märchen, Legenden und Sagen bildeten das kulturelle Fundament ganzer Völker.
Zentraler Gegenstand dieser Arbeit ist die Untersuchung der Bedeutung von Narrationen für organisationale Wissenstransferprozesse. Im ersten Teil der Arbeit wird anhand der von Lyotard vorgenommenen Unterscheidung zweier Wissensmodi eine allgemeine Struktur von Narrationen herausgearbeitet. In diesem Zusammenhang lassen sich vier Hauptformen von Erzählungen in Organisationen definieren.
Im Hauptteil der Arbeit werden Wissenstransferprozesse auf drei Ebenen untersucht: auf der ersten Ebene geht es um Austauschprozesse zwischen der Organisation und dem einzelnen Organisationsmitglied, auf der zweiten Ebene um den Transfer innerhalb von Communities-of-Practice und auf der dritten Ebene um Transferaktivitäten zwischen Communities.
Gegenstand des vierten Teils sind Probleme und Grenzen des Wissenstransfers durch Narrationen. Abschließend werden im fünften Teil Implikationen für das Wissensmanagement abgeleitet.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG | 1 |
| 2. | NARRATIONEN IN ORGANISATIONEN | 2 |
| 2.1 | Narration als Wissensmodus | 2 |
| 2.2 | Narrationen in Organisationen in der Literatur | 3 |
| 2.3 | Narrationen im Verständnis von Martin/Wilkins: Organisationale Geschichten | 4 |
| 2.4 | Narrationen im Verständnis von Gabriel: Individuelle Geschichten | 9 |
| 2.5 | Narrationen im Verständnis von Boje: Community-Geschichten | 11 |
| 2.6 | Narrationen im Verständnis von Orr: War Stories | 13 |
| 2.7 | Storytelling als Ereignis | 14 |
| 3. | NARRATIONEN UND ORGANISATIONALER WISSENSTRANSFER | 16 |
| 3.1 | Transferebene: Organisation - Individuum | 17 |
| 3.1.1 | Systematisierung der transferierten Wissensarten | 17 |
| 3.1.2 | Validierung von Geschichten | 24 |
| 3.1.3 | Funktionen von Geschichten | 28 |
| 3.1.3.1 | Orientierung und Integration | 29 |
| 3.1.3.2 | Systembestand | 30 |
| 3.1.3.3 | Spannungsreduktion | 31 |
| 3.1.3.4 | Erwartungs- und Verhaltenssteuerung | 32 |
| 3.1.4 | Vorteile von Geschichten im Vergleich zu alternativen Kommunikationsformen | 36 |
| 3.1.4.1 | Überzeugungskraft | 36 |
| 3.1.4.2 | Flexibilität | 38 |
| 3.1.4.3 | Erinnerbarkeit | 38 |
| 3.2 | Wissenstransfer innerhalb von Communities | 40 |
| 3.2.1 | Systematisierung der transferierten Wissensarten | 40 |
| 3.2.1.1 | Diagnostische War Stories | 40 |
| 3.2.1.2 | Didaktische War Stories | 44 |
| 3.2.1.3 | Soziale War Stories | 45 |
| 3.2.1.4 | Boje's Community-Geschichten | 45 |
| 3.2.2 | Validierung von War Stories und Community-Geschichten | 47 |
| 3.2.3 | Funktionen von War Stories und Community-Geschichten | 48 |
| 3.2.3.1 | Vermittlung und Integration | 48 |
| 3.2.3.2 | Wissensspeicherung | 49 |
| 3.2.3.3 | Identitätsbildung | 51 |
| 3.2.4 | Vorteile von War Stories und Community-Geschichten im Vergleich zu alternativen Kommunikationsformen | 52 |
| 3.3 | Wissenstransfer zwischen Communities | 54 |
| 3.3.1 | Narrationen als Grenzobjekte | 55 |
| 3.3.2 | Narrationen als horizontale Strukturen | 58 |
| 3.4 | Zwischenfazit | 60 |
| 4. | PROBLEME UND GRENZEN DES WISSENSTRANSFERS ÜBER NARRATIONEN | 61 |
| 4.1 | Qualität | 61 |
| 4.1.1 | Narration und Wahrheit | 62 |
| 4.1.2 | Offizielle und inoffizielle Geschichten | 66 |
| 4.1.3 | Negative Geschichten | 68 |
| 4.1.4 | Wandelproblematik | 69 |
| 4.2 | Systematik narrativen Wissens | 70 |
| 5. | STEUERBARKEIT DES NARRATIVEN PROZESSES | 71 |
| 5.1 | Umgang mit inoffiziellen und negativen Geschichten/ Wandelproblematik | 72 |
| 5.2 | Storytelling als Wissensmanagement-Methode | 73 |
| 5.3 | Implikationen für das Wissensmanagement | 74 |
| 6. | ZUSAMMENFASSUNGUND FAZIT | 76 |
| 7. | LITERATURVERZEICHNIS |
problematisch ist. Ein Test, der in üblicher Weise ausgeführt wird, indiziert den Fehler nicht. Wenn er erfolgreich durchgeführt werden soll, ist eine Überprüfung des Systems während eines längeren Zeitraums notwendig. Die Lösung des Problems besteht darin, einen Teil (dicorotron) des Kontrollsystems auszutauschen. Die Perspektiven der Techniker spiegeln sich in der Sprache wider. Die Perspektiven repräsentieren verschiedene Standpunkte: so verweist die Verwendung der ersten Person Singular auf persönliche Erfahrungen, die erste Person Plural signalisiert Community-Wissen, während die zweite Person für abstrakte Problembeschreibungen genutzt wird. War Stories sind von einem ständigen Wechsel der narrativen Stimme gekennzeichnet. Der technische Spezialist geht im letzten Teil von der abstrakten zweiten Person zur ersten Person über, um die Erläuterung der Problemlösung einzuleiten. Orr interpretiert diesen Wechsel als Strategie, die Glaubwürdigkeit der Lösung zu erhöhen. Erkennbar ist auch der elliptische Stil: in der Regel werden Sätze nicht vollendet, in der Vergangenheit liegende Erfahrungen unvollständig dargestellt. Durch das Zusammentragen mehrerer Perspektiven, der Berücksichtigung von Kundeninformationen und einer gemeinsamen Interpretation alter Geschichten kristallisieren sich neue Optionen heraus, die schließlich zu einer Problemlösung führen.312 Dabei werden die einzelnen Geschichten als Anregung gesehen, die weiterführende Untersuchungen, Reflexionen und Erinnerungen auslösen. Sie regen die Experten zur Ausführung neuer Tests an, durch die Erfahrungen zugleich überprüft werden können. Wie gezeigt wurde, kann das Wissen als ein Ergebnis kollektiver improvisierter Strategien und Ad-hoc-Entscheidungen in in-situ-Problemlösungsszenarien aufgefasst werden.313 Durch den kontinuierlichen Prozess des Wissenstransfers unterstützt, wird neues Wissen in Form von innovativen Problemlösungen generiert. Orr bezeichnet dieses als experimentelles Wissen.314 Spezielle Erfahrungen („lessons learned“) lassen sich in Form von Wiedererzählungen reproduzieren und zur Lösung ähnlicher Probleme nutzen.315 Im Unterschied zu organisationalen Geschichten, die spezielle Aspekte organisationaler Realität wiedergeben und außerhalb der Arbeitspraxis der [...]
Problemauslöser sind.299 Erschwerend kommen Faktoren wie die Komplexität und die kausale Ambiguität der Maschinen hinzu.300 Oft lassen sich fragmentiert vorliegende Informationen nicht zu einem sinnvollen und kohärenten Bild zusammensetzen.301 Auslöser von diagnostischen Geschichten sind Situationen, in denen Lösungsansätze, die in Dokumentationen und Handbüchern vorgeschlagen werden, nicht funktionieren.302 Eine ausreichend genaue Problemdefinition lässt sich oft nur in Zusammenarbeit mehrerer Community-Mitglieder durch einen narrativen Prozess erarbeiten.303 Bei diagnostischen War Stories fallen die Prozesse der Geschichtenkonstruktion und des Geschichtenerzählens daher zusammen.304 Diagnostische Narrationen enthalten technisches Wissen: in erster Linie Informationen zwischen über bestimmte und Maschinentypen und Fehlerarten, Neben die Funktionsweise der Maschinen und Informationen über kausale Beziehungen Fehlersymptomen Fehlerursachen.305 konkretem Problemlösungswissen vermitteln sie methodisches Wissen für den Umgang mit spezifischen technischen Problemen.306 Zudem transportieren diagnostische Narrationen gültige Standards und Normen der Community (z.B. Serviceorientierung); sie reflektieren das Berufsethos der Kopiertechniker.307 Mithilfe von War Stories lassen sich fehlende oder unzureichende individuelle Wissensbestände ausgleichen.308 Ziel einer diagnostischen Narration ist die Definition der Fehlerursache, auf deren Basis eine Problemlösung erarbeitet werden soll.309 Die Entwicklung einer Problemlösung sei an dem folgenden Beispiel verdeutlicht: [...]
Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass die Gedächtnisebenen strukturelle Ähnlichkeiten zu den in Abschnitt 2 herausgearbeiteten Kriterien der beiden Modi (wissenschaftlich, narrativ) aufweisen. Geschichten sind strukturell episodischer Natur, werden also hauptsächlich im episodischen Gedächtnis gespeichert.286 Vorteil einer solchen Kodierung ist die enorme Speicherkapazität und Effizienz des episodischen Gedächtnisses.287 Zudem können interdependente kognitive Prozesse ausgelöst werden, die eine Kodierung in beide Ebenen ermöglichen: die Ereignisse der Handlung gehen ins episodische Gedächtnis ein, während zugrunde liegende Regeln in das semantische Gedächtnis enkodiert werden.288 Ereignisse in Geschichten speichern Informationen in Form eines kohärenten Ganzen.289 Zudem führt die emotionale Beteiligung des Hörers zu einer ganzheitlichen Beanspruchung, die den Lernprozess fördert. Je lebendiger Geschichten sind und je mehr Identifikationsfläche sie bieten, desto stärker sind die ausgelösten kognitiven und emotionalen Prozesse.290 Die von einer Geschichte ausgehende Wirkung wird daher erheblich von dem Unterhaltungswert und somit u. a. von den Fähigkeiten des Erzählers abhängen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Geschichten meist einen höheren Aufmerksamkeits-, Überzeugungs- und Erinnerungswert erzeugen als abstrakte, sachliche Kommunikationsformen. Sie können den Transfer kulturellen Wissens unterstützen, indem sie vor allem glaubhaft Informationen darstellen und Sachverhalte verständlich zum Ausdruck bringen. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass jede Organisation über eine idiosynkratische Storytelling-Kultur verfügt. Bisher gibt es kaum unternehmensoder gar branchenvergleichende empirische Studien. Einige Autoren setzen sich mit der Quantität der Storytelling-Aktivitäten auseinander. Peters/Waterman interpretieren eine ausgeprägte Storytelling-Kultur als Indikator von „Exzellenz“.291 Gabriel vertritt demgegenüber die Position, dass intensive Storytelling-Aktivitäten auf stark repressive, bürokratische Organisationen hinweisen.292 Andere Autoren verweisen in diesem Zusammenhang auf den [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832471941
Arbeit zitieren:
Froese, Anna April 2003: Wissenstransfer und Narration, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Wissensmanagement, Storytelling, Geschichten, organisationales Wissen, Communities-of-practice



