Wissenschaft und Moral
Bemerkungen zur Motivation von SozialpädagogInnen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Sylvia Zander
- Abgabedatum: April 1998
- Umfang: 79 Seiten
- Dateigröße: 551,2 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Düsseldorf Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-1230-2
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-1230-2 P - ISBN (CD) :978-3-8324-1230-2 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Zander, Sylvia April 1998: Wissenschaft und Moral, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Philosopie - Kant, Adorno, Helfermotivation, Professionalität von Helfern, Sozialpädagogik, Wissenschaftskritik
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Diplomarbeit von Sylvia Zander
Einleitung:
"Was soll ich tun" ist nicht nur die Frage eines ‘Helfers in Handlungsverzug’ sondern die Frage der Praktischen Philosophie schlechthin; Kant wählte sie zu einer zentralen Fragestellung seiner Moralphilosophie. Diese Frage steht in direktem Zusammenhang mit den Sozialwissenschaften, die sich mit ihren empirischen Forschungen um die Möglichkeit der objektiven Beantwortung dieser Frage bemühen. Daraus ergeben sich verschiedene Probleme sowohl auf der theoretischen als auch auf der praktischen Ebene, die sich ebenfalls auf den einzelnen beziehen lassen.
Hinter der Frage ‘was soll ich tun’ steht letztlich die Frage: Gibt es das ‘objektiv richtige (moralische) Handeln’ oder anders ausgedrückt gibt es eindeutige Kriterien für die praktische Handlungsorientierung?
Gang der Untersuchung:
Um das Spannungsverhältnis zwischen Philosophie und Wissenschaft, zwischen Moral und Empirik soll es im ersten Kapitel gehen, wobei der Hauptaugenmerk auf der Vernunft, dem Schlüsselaspekt der Kantischen Philosophie und der Erkenntnistheorie, vertreten durch Adorno, liegen wird. Dazu werde ich zunächst auf die Begriffe der Wissenschaft und Moral eingehen und eine kurze ‘Einführung’ in die Thematik Kants geben.
Daraus hervorgehend werde ich Kritik an der wissenschaftlichen Sichtweise üben.
Das zweite Kapitel stellt den Bezug zwischen der Sozialpädagogik und den erläuterten Problemen zwischen Wissenschaft und Moral dar. Es geht vor allem um die Herstellung eines direkten Praxisbezugs, d.h. die philosophische Diskussion unterwirft sich hier letztlich pragmatischen Zwecken. Gemeint ist nicht die methodische Anwendbarkeit philosophischer ‘Weisheiten’, sondern gemeint ist eine Orientierungsbasis, die für den pragmatisch Handelnden unabdingbar notwendig ist, will er sich nicht dem Vorwurf des irrationales, nicht begründbaren Vorgehens aussetzen.
Anhand des Zweck-Mittel-Schemas werden Beispiele aus der theoretischen Fachliteratur der Sozialpädagogik behandelt. Methodisch gesehen werde ich anhand verschiedener Beiträge von AutorInnen aus unterschiedlichen Theorierichtungen diese Beispiele miteinander vergleichen und zum Abschluß aus meiner Sicht analysieren.
Als Konsequenz dieser Diskussion werde ich Schlußfolgerungen für den Begriff der Hilfe im allgemeinen und im besonderen für die Motivation von HelferInnen, in dem Fall von SozialpädagogInnen ziehen.
Im dritten Kapitel geht es um die Werte und die Moral des Handelns. Als Fazit der vorherigen Diskussion, die von der wissenschaftlich zweckorientierten Interpretation von Handlungen Abstand nimmt, werde ich Beispiele aus der sozialpädagogischen Fachliteratur zum Thema Werte und Moral des Handelns hinterfragen und kritisieren.
Als Gegengewicht zu der wissenschaftlichen Interpretation von Hilfe und Werten werde ich einige Beispiele der wertrational orientierten Grundprinzipien des Handelns aufzeigen, um einen Einblick in andere Formen der Handlungsorientierung zu bieten.
Zum Schluß werde ich mein persönliches Fazit und meine Intention zu dieser Arbeit im Rahmen einer allgemeinen Zusammenfassung und Kritik darstellen.
Im Vorfeld erscheint es mir wichtig zu erwähnen, daß der von mir geäußerten Kritik kein ‘Wert an sich’ zukommt, d.h. sie will nicht als Kritik um der Kritik willen verstanden werden.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG | 2 |
| 2. | PHILOSOPHISCHE BETRACHTUNG DER WISSENSCHAFT UND MORAL | 4 |
| 2.1 | Begriffliche Eingrenzung von ‘Wissenschaft’ | 4 |
| 2.2 | Begriffliche Eingrenzung von ‘Moral’ | 5 |
| 2.3 | Aufgaben der Moralphilosophie | 6 |
| 2.4 | Der Widerspruch zwischen Wissenschaft und Moral; Einführung in die Philosophie Kants | 8 |
| 2.5 | Interpretation zentraler Themen der Moralphilosophie Kants durch Adorno | 12 |
| 2.5.1 | Willensfreiheit und Kausalität (Freiheit und Determinismus) | 12 |
| 2.5.2 | Praxis und Theorie | 17 |
| 2.5.3 | Imperative | 20 |
| 2.5.4 | Zusammenfassender Kommentar | 24 |
| 2.6 | Wissenschaftskritik aus der philosophischen Konsequenz | 26 |
| 2.6.1 | Kritik an der wissenschafttheoretischen Sicht der Wirklichkeit | 27 |
| 2.6.2 | Problematik der wissenschaftlichen Reduzierung | 28 |
| 2.7 | Fazit/ Kommentar | 30 |
| 3. | KRITIK DER POSITIVISTISCHEN AUFFASSUNG VON SOZIALPÄDAGOGIK | 32 |
| 3.1 | Zweck-Mittel-Orientierung der Theorien der Sozialpädagogik | 33 |
| 3.2 | Darstellung des Zweck-Mittel-Schemas anhand von Beispielen aus der sozialpädagogischen Fachliteratur | 33 |
| 3.2.1 | Professionalität | 34 |
| 3.2.2 | Beispiel Fachwissen | 39 |
| 3.3 | Hilfe und HelferInnen | 46 |
| 3.3.1 | Kritik der positivistischen Sichtweise von Hilfe | 46 |
| 3.3.2 | Zur emotionalen Komponente der Hilfe | 49 |
| 3.3.3 | Bemerkungen zur Motivation der SozialpädagogInnen | 51 |
| 3.3.4 | Fazit | 54 |
| 3.4 | Zweckrationale Interpretation von Werten | 55 |
| 3.4.1 | Kritik aus wertrationaler Sicht | 55 |
| 3.4.2 | Fazit | 60 |
| 4. | WERTRATIONALITÄT ALS GRUNDPRINZIP DES HANDELNS | 61 |
| 4.1 | ‘Kantische Sittlichkeit’ als pädagogische Handlungsorientierung | 61 |
| 4.2 | Möglichkeiten und Schwierigkeiten der transzendentalen Sicht von Erziehungszielen | 63 |
| 4.3 | Fazit | 64 |
| 5. | ZUSAMMENFASSENDE REFLEXION UND INTENTION DER ARBEIT | 65 |
| 6. | SCHLUSSBEMERKUNG | 69 |
| 7. | LITERATUR | 70 |
Der oft erwähnte Zeitfaktor und der damit einhergehende Wertewandel wird als Erklärung angeführt. Das impliziert, daß es die ‘objektiv richtige Handlung’ früher gab und aufgrund eines Wertewandels heute nicht mehr gibt. Dadurch entsteht der Eindruck, daß es ‘früher’ Professionalität gegeben hat, das heute aber aufgrund der veränderten Werte nicht mehr möglich ist. Aufgrund der unbeantworteten Frage, wie die ‘richtige Handlung’ zu definieren ist, kann man logischerweise nur zu dem Schluß kommen, daß es Professionalisierung niemals gegeben hat und auch niemals geben kann (zumindest nicht, bevor die Frage nach den Kriterien für ‘richtiges Handeln’ geklärt sind) und der Wertewandel in diesem Licht betrachtet, lediglich dazu beigetragen hat, diese fälschliche Annahme [einer Professionalisierung] zu entlarven. Es werden aber, neben dem Wertewandel, noch andere Gründe in der Fachdiskussion erwähnt, die der Professionalisierung im Wege stehen. Einige Ausschnitte sollen unter der oben angeführten Argumentation Anlaß zu einer kritischen Betrachtung bieten: Beispielsweise sucht Schein die Gründe bei den ‘zu Erziehenden’ der SozialpädagogInnen: „In den nicht mehr unterordnungswilligen Klienten liegt das Problem einer Professionalisierungskrise.“98 Die Äußerung von Schein überschreitet meiner Meinung nach die Grenze desjenigen, was als zumutbar gelten kann. Der ‘scheinbare Erfolg’ der Professionen in der Vergangenheit ist demnach auf die Unterwürfigkeit der zu Erziehenden zurückzuführen. Da Schein die Entwicklung als ‘Problem’ bezeichnet, ihm also die ‘Unwilligkeit zur Unterordnung’ des ‘Klientel’ in welcher Form auch immer nicht zu gefallen scheint, entlarvt er seine eigene Anschauung als autoritär; ich würde es allerdings als faschistoid bezeichnen. Yelloly hingegen macht den Grund für die Problematik der unzureichenden professionellen Praxis eher an dem Punkt fest, „daß sich die Sozialarbeit überhaupt zuviel Gedanken macht“ über jenen Aspekt.99 Auch Sinfield und Wootton sind der Meinung, die SozialarbeiterInnen sollten sich lieber auf ihre eigentliche Rolle, nämlich, auf die Aktion gerichtete Handlung, beschränken. Diese Rolle wird mit Eigenschaften wie Selbstsicherheit und Tatkraft umschrieben, „die nun einmal nötig sind, um Autorität auszuüben, Probleme lösen und wirksame Arbeit leisten zu können.“100 Wenn man die AutorInnen richtig versteht, läßt sich die Sozialarbeit erst dann richtig perfektionieren, wenn die ‘lästigen Fragen’ der SozialarbeiterInnen aufhören. Sie sollen also handeln und sich nicht darum kümmern, warum, weshalb und vor allem nach welchem Ziel gehandelt werden soll, denn das wird ihnen ja mitgeteilt. Sie haben also zu gehorchen, und Eigenschaften wie Sicherheit und Tatkraft stehen lediglich im Dienste der Autoritätsausübung, die wohl das Mittel oder gar das Ziel der pädagogischen Handlung zu sein scheint. Solche Äußerungen sind dumm und dogmatisch. Dewe/Otto sehen das Problem in der mangelnden Trennung zwischen Theorie und Praxis: Handlungsstrategien können erst dann gegenüber sozialwissenschaftlichen Konstruktionen entwickelt werden, „wenn im vorhinein erstens deren Selbstverständnis explizit gemacht und [...]
das Problem eines eigenen, allgemeinen, vom Träger unabhängigeren Wertekataloges für das Handeln der Sozialarbeiter.“92 Mit anderen Worten soll die Professionalität die Chance, Probleme und Grundfragen besser beantworten zu können, erhöhen. Mittlerweile ist die Anerkennung der Professionalität als Ziel der Sozialarbeit stark zurückgegangen und viele Theoretiker können dem Professionalisierungsanspruch nicht mehr kritiklos zustimmen.93 Einige AutorInnen machen den Wertewandel der ‘heutigen Zeit’ dafür verantwortlich. Beispielsweise laut Cherniss veränderte sich die Anerkennung der Professionalität aufgrund einer „allgemeinen Verunsicherung über Kriterien des ‘richtigen’ Handelns im Rahmen eines generellen Wertewandels und erfaßt auch das Verständnis der Professionen, von denen man sich bis dahin klare Orientierung für existentielle Entscheidung versprach“.94 Auch Dewe/Otto meinen, „die Professionalisierung gelingt nicht mehr, weil der gesellschaftliche Wandel die typische Kombination von Problembezug, Freiheit der Entscheidung und Bindung an eine Berufsmoral nicht mehr zulassen.“95 Auch Adorno hält die ‘richtige Handlung’ „heutzutage für radikal problematisch“ und der Grund dafür liegt „zunächst einmal darin, daß die Substantialität der Sitte, also daß die Möglichkeit eines richtigen Lebens in den Formen, in denen die Gemeinschaft existiert, bereits vorgegeben und gegenwärtig wäre, daß die radikal hinfällig geworden ist, daß es das nicht gibt, und daß man sich heute darauf in gar keiner Weise mehr verlassen kann“.96 Die Autoren übersehen dabei meiner Ansicht nach, daß die Grundfrage , ob es Kriterien für das richtige Handeln gibt, unbeantwortet bleibt. Stattdessen wird die Frage nach dem “wie gewährleiste ich richtige, d.h. qualitative Hilfe?“ vorgeschoben. Beispielsweise das Lexikon der sozialen Arbeit empfiehlt die Erarbeitung von Leistungsmaßstäben und eines Wertkatalogs. Einfach ausgedrückt wird die Frage nach dem ‘wie soll ich perfekt handeln?’ zu beantworten versucht, bevor die Frage geklärt ist, ‘ob es perfektes Handeln überhaupt gibt’ und wenn ja, ‘wie das perfekte Handeln zu definieren ist’. Hier findet, von mir bereits angesprochen, eine Vermischung der qualitativen und der quantitativen Ebene statt. Der Professionalisierungsanspruch steht dabei für die Quantität der Versuche, eine Qualität der Handlung zu gewährleisten. Demzufolge ist den oben beispielhaft angeführten Aussagen nicht bedingungslos zuzustimmen; zwar wird in den meisten Beiträgen der Professionalisierungsanspruch kritisch gesehen, die Gründe dafür werden allerdings ‘an einer methodischen Stelle’ gesucht. Lediglich Schülein stellt fest, daß die Professionalisierung der Sozialarbeit nicht möglich ist, da sie Arbeit als Interaktionstyp voraussetzt. Die Professionalisierung steht in Widerspruch zur subjektiven Interaktionsform, die Spielräume für individuelle Deutungen und Nutzungen beinhaltet.“ 97 Personen werden damit laut Schülein zum Behandlungsgegenstand und nicht zum Interaktionspartner gemacht. [...]
3.2.1 Professionalität Professionelle Hilfe ist kein letztes Ziel, sondern ein Mittel, um das oben angesprochene Ziel der ‘objektiv richtigen Hilfe’, also der ‘objektiv richtigen Handlung’, erreichen zu können. Ist man professionell perfekt, dann kann man auch ‘perfekte soziale Hilfe’ leisten, so lautet die indirekte Botschaft. Demzufolge beschäftigen sich Heerscharen von WissenschaftlerInnen mit der ‘Professionalisierung’ der Sozialpädagogik und die Fülle der Beiträge lenkt, wie ich meine, erfolgreich davon ab, daß es sich lediglich um ein Mittel oder um ein Methode handelt, um das besagte Ziel der ‘richtigen Hilfe’ zu erreichen. Sieht man von der inhaltlichen Dimension der Professionalität an dieser Stelle ab, so läßt sich die fachliche Diskussion auf folgende Feststellung reduzieren: ‘Richtige Hilfe’ (Ziel) kann durch Professionalität (Mittel) gewährleistet werden. Die Frage nach der ‘richtigen Hilfe’ läßt sich letztlich auf den Nenner bringen, ob Kriterien für das ‘objektiv richtige Handeln’ gefunden werden können. Wittschier formuliert es folgendermaßen: „Unter der Voraussetzung, daß der Mensch frei wollen und handeln kann, stellt sich die Frage, wonach er sein Handeln und Wollen ausrichten soll, sofern er den Anspruch erhebt, moralisch [anders formuliert: objektiv richtig] zu sein. Das Stellen einer solchen Frage setzt natürlich voraus, daß es sinnvoll ist, allgemeingültige Handlungs- und Beurteilungskriterien für menschliches Tun aufzufinden und aufzustellen. Allgemeingültig insoweit, als sie sich auf jede zwischenmenschliche Situation anwenden lassen.“91 Schülein formuliert die Voraussetzungen für das ‘richtige Handeln’ anhand der Interaktionsform: Arbeit ist für ihn ein „fundamentaler Interaktionstyp, der themenzentriert ist und aus hochspezifischen, aufeinander abgstimmten Handlungsketten besteht, die einen objektiven Handlungsgegenstand haben.“ Liegen also Subjektbezogene Interaktionen vor [die über ein Sachverhältnis hinausgehen], wie das bei der sozialen Intervention [Sozialarbeit] der Fall ist, stellt sich die Frage, ob es einen objektiven Handlungsgegenstand [‘richtiges Handeln’] noch geben kann. Die Professionalität, so lautete und lautet die theoretische Essenz mancher Wissenschaftler, ist ein solches Kriterium. So heißt es beispielsweise im Lexikon der sozialen Arbeit: „Mit zunehmender Professionalität steigt für die Sozialarbeit die Chance, Grundfragen, die mit dem Verhältnis zur Klientel, zu den Trägern der Sozialarbeit und zu den problemverbundenen und zum Teil konkurrierenden Professionen verknüpft sind, funktionaler, d.h. in einer neuen Sachlichkeit zu formulieren und zu beantworten. Dazu gehören auch auch das Erarbeiten von Leistungsmaßstäben unter Berücksichtigung einer horizontalen und vertikalen Differenzierung im eigenen Berufsfeld und [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832412302
Arbeit zitieren:
Zander, Sylvia April 1998: Wissenschaft und Moral, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Philosopie - Kant, Adorno, Helfermotivation, Professionalität von Helfern, Sozialpädagogik, Wissenschaftskritik



