Wirtschaftliche Kooperation und Wettbewerb zwischen der Republik China und der Volksrepublik China
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Jochen Otto
- Abgabedatum: Juni 2001
- Umfang: 92 Seiten
- Dateigröße: 1,5 MB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-4646-8
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-4646-8 P - ISBN (CD) :978-3-8324-4646-8 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Otto, Jochen Juni 2001: Wirtschaftliche Kooperation und Wettbewerb zwischen der Republik China und der Volksrepublik China, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Wettbewerb, Großchina, Taiwan
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Diplomarbeit von Jochen Otto
Einleitung:
Diese Arbeit setzt sich mit der wirtschaftlichen Kooperation und dem Wettbewerb zwischen der Volksrepublik China (VR China) und der Republik China (ROC) auseinander. Sie soll die zunehmende Verflechtung der beiden Teile Chinas zum größten, ethnischen weitgehend einheitlich geprägten Wirtschaftsraum der Welt näher untersuchen und sich daraus ergebende Perspektiven aufzeigen.
Untersuchungsgegenstand Die besondere Bedeutung kommt dabei der komplexen Welt Chinas zu. Hier sind Politik, Wirtschaft, Kultur und Sprache auf eine besondere Weise miteinander verbunden.
Untrennbar damit verknüpft ist dabei Chinas Suche nach einem neuen System. Die Transformation von einem revolutionären kommunistischen Staat zu einem konventionelleren Entwicklungsland wurde dabei von Ideologie und politischen Auseinandersetzungen beherrscht. Hauptziele der Pekinger Führung waren Wirtschaftsreform, soziale Stabilität und rasches Wachstum im Gleichgewicht zu halten.
Es ist zu vermuten, daß die Entwicklung der VR China dem Pfad der ROC folgen wird, und zwar politisch (Schlagwort der „Entwicklungsdiktatur“), wirtschaftspolitisch („ostasiatisches Modell“) und wirtschaftlich („Hochwachstum der kleinen Tiger“). Dies stützt sich hauptsächlich darauf, daß es sich um Staaten eines einheitlichen chinesischen Kulturraumes handelt. Auch der zur Zeit stattfindende rasche, intensive Prozeß der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Integration dieses Raumes stütz diese Vermutung.
Insofern könnten die ROC und die VR China ein Fall zeitverschobener, strukturell ähnlicher Entwicklung sein, wie das auch für Japan und Südkorea diagnostiziert wurde.
Bedeutend ist die Abkehr der ROC vom politischen Autoritarismus, der bereits nunmehr fünfzehn Jahre zurückliegt. Der Grad der bis heute erreichten Konsolidierung demokratischer Institutionen sowie das Entwicklungsniveau zivilgesellschaftlicher Selbstorganisationen sind bemerkenswert.
Der Geschichte Chinas kommt auch unter Berücksichtigung des tragenden Beziehungsnetzes, das in der chinesischen Kultur besondere Formen angenommen hat, eine wichtige Rolle bei der Betrachtung zu. Weiter ist ein Blick auf das internationale Umfeld erforderlich, um den Stellenwert des großchinesischen Raumes aufzuzeigen.
Das chinesische Volk, ein Fünftel der Menschheit, hat zweifellos bei der Überwindung von Armut, Rückständigkeit und bei der Modernisierung seiner Wirtschaft Riesenschritte nach vorn getan. Die konkreten Maßnahmen dieses Übergangs haben jedoch viele Widersprüche hervorgebracht, zu zeitweiligen Rückschlägen und unerwünschten Nebenwirkungen, vor allem aber zu Korruption geführt.
Seit Anfang der achtziger Jahre spielen intensiver Handel und Investitionen aus Hongkong sowie seit Ende der achtziger Jahre auch aus der ROC eine bedeutende Rolle bei der Umgestaltung des chinesischen Festlandes. Bedeutend ist hierbei vor allem die ansteckende Wirkung der Gesellschaftssysteme und des Lebensstils dieser beiden chinesischen „Randgebiete“.
In kaum zwanzig Jahren haben sich die Chinesen aus „Mao anbetenden blauen Ameisen“ zu „nihilistischen, höchst individualistischen, geldgierigen Genußmenschen“ gemausert, vielleicht der neuesten Spezies „wirtschaftlicher Wesen“, wie man die Japaner auf dem Höhepunkt ihres wirtschaftlichen Aufstiegs in den siebziger Jahren nannte. Die Verlagerung der arbeitsintensiven Verarbeitungsindustrien Hongkongs und der ROC mitsamt ihren Managementerfahrungen und ihrem Export-Know-how nach Festlandchina löste in dem unerschöpflichen Reservoir billiger Arbeitskräfte und auftauchender unternehmerischer Elemente dieses Landes Synergieeffekte aus. Festlandchina fungierte somit als verlängerte Werkbank Hongkongs und der ROC. Der VR China ermöglichte dies, ihre Autarkie der Armut in weniger als zehn Jahren abzuwerfen und in den Kreis der stärksten Handelsmächte aufzusteigen. Die VR China ist gegenwärtig auf dem Wege, das neueste „ostasiatische Wunder“ zu vollbringen, wie es bisher von den High Performing Asian Economies (HPAEs) wie Japan und den „vier Tigern“ (Südkorea, der ROC auf Taiwan, Hongkong und Singapur) verkörpert wurde. Vielleicht wird die Volksrepublik (VR) eines Tages die Rolle der „Mutter aller Tiger“ übernehmen.
Am 1. Juli 1997 hat die VR China auf der Grundlage der Formel „ein Land - zwei Systeme“ die Souveränität über Hongkong herstellen können. Das Problem der Wiedervereinigung mit der ROC ist weitaus komplizierter. Die ROC ist eine konkurrierende, alternative chinesische (Teil-) Nation mit einem komplett gewählten politischen System und einer starken Unabhängigkeitsbewegung. Außerdem gibt es im Unterschied zu dem nach 99 Jahren ausgelaufenen Pachtvertrag mit Hongkong (New Territories und 235 umliegende Inseln) für die Rückkehr der Insel Taiwan keine zeitliche Grenze. Darüber hinaus genießt die ROC beim Widerstand gegen den Druck der VR China die bedingte Unterstützung der USA. Durch die Übernahme Hongkongs und Macaos rückte jedoch die Lösung der „Taiwanfrage“ an die Spitze der nationalen Prioritäten der VR China. Sogar die Rückgewinnung des Eilands durch kriegerische Gewalt bleibt, trotz verstärkter Wirtschaftskontakte, nicht ausgeschlossen. Von der Drohung auf der Insel einzufallen, rückt die Regierung der VR China bis heute nicht ab, wie z.B. im Falle einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung der ROC auf Taiwan oder auch nur eines allzu provokanten Hinauszögerns der Wiedervereinigung. In einem Anfang des Jahres 1995 vom Propaganda Department der KP Chinas veröffentlichten internen Dokument hieß es ausdrücklich: „Der Option der Waffengewalt gegen Taiwan werden wir unter keinen Umständen abschwören“.
Wie im Falle Hongkongs und Macaos ist es der Pekinger Regierung bereits gelungen, zwischen der Regierung der ROC und den Kapitalisten des Landes Zwietracht zu säen. Die neue Strategie läuft darauf hinaus, die taiwanesische Geschäftswelt zu immer größeren Investitionen zu verlocken und zugleich mit einer Politik des Drucks und der Isolierung zu untergraben, was noch von den internationalen Positionen der ROC übrig ist. Diese Politik hat wechselnden Erfolg, wird aber mit der Zeit sicher zunehmende Wirkungen zeigen. Das Drohen der VR China mit militärischer Gewalt, mit der die Unabhängigkeitsbewegung eingeschüchtert und die Fortschreitung der Demokratisierung in der ROC beeinflußt werden soll, schlug allerdings bisher immer ins Gegenteil um. Die politische Wiedervereinigung bleibt eine langwierige Angelegenheit, aber wirtschaftlich ist die ROC bei Betrachtung des Investitions- und Handelsvolumens bereits Teil der „China AG“.
In der Ausarbeitung des Themas müssen einige grundlegende Gegebenheiten beachtet werden. So ist bei der Kooperation und dem Wettbewerb im wirtschaftlichen Bereich der beiden Akteure stets die Kompromißlosigkeit in politischen Fragen mit einzubeziehen. In einer Welt der zunehmenden wechselseitigen Abhängigkeiten pflegen die VR China und die ROC immer noch eine Politik des Säbelrasselns. Die Regierung der ROC beurteilt die zunehmende Verflechtung im Wirtschaftsbereich als wachsende Bedrohung der eigenen Sicherheit und Herrschaft. Man fürchtet, daß mit fortschreitender Abhängigkeit die Insel ihre wirtschaftliche Autonomie verlieren könnte, d.h. genau in dem Bereich, wo es der ROC bisher erfolgreich gelang, sich von der VR China abzusetzen. Darüber hinaus leistet man zudem einen großen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung der VR China. Es sind vornehmlich private Akteure, die hinter der Wirtschaftsintegration stehen. Sogar Teile der innovativen Aktivitäten werden folglich auf das Festland verlagert. Die Problematik ist hierbei der Beitrag, den taiwanesische Unternehmer zur potentiellen Modernisierung der Volksbefreiungsarmee (VBA) auf dem Festland leisten. Hier ist Interdependenz also keinesfalls mit Bedrohungsminderung gleichzusetzen. Aus dieser Einschätzung resultiert eine Regierungspolitik der ROC, die als Versuch des wirtschaftlichen „containment“ gegenüber dem Festland bezeichnet werden könnte, die aber den Interessen der eigenen Wirtschaft entgegensteht. Auch dieser Aspekt muß in den weiteren Ausführungen Beachtung finden, da dieser Zustand unhaltbar wird und bereits von Teilen der Wirtschaft unterminiert wird. Die hieraus resultierende Verflechtung verdeutlicht, daß sie nicht nur von keiner Institutionalisierung der politischen Beziehungen begleitet wird, sondern sie wird gegen oder zumindest über das Interesse einer der beiden Regierungen hinweg erfolgen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß alle weiteren Ausführungen deshalb unter folgender Maßgabe stehen: Die Interaktion der politischen Instanzen auf beiden Seiten bezüglich der Wirtschaftsbeziehungen werden vorrangig von außerökonomischen Interessen bestimmt, rein volkswirtschaftliche Erwägungen spielen eine wichtige, doch nicht prioritäre Rolle. Der politische Konflikt beherrscht und gestaltet die wirtschaftliche Kooperation. Die VR China verfolgt dabei das Ziel der baldigen Wiedervereinigung zu ihren Bedingungen und richtet ihre Politik im Sinne einer Umarmungstaktik mit Hilfe der Lockerung durch wirtschaftliche Profite aus. Die Interessen der ROC dagegen bestehen in der einstweiligen Beibehaltung des Status quo. Die Regierungspolitik verfolgt das möglichst eigenständige Überleben und hofft auf eine eventuelle Demokratisierung auf dem Festland. Zwischen innenpolitischem Druck und VR-chinesischen Drohungen bleibt ihr nicht viel Handlungsspielraum.
Auch die Tatsache, daß sich mit den taiwanesischen Geschäftsleuten auf dem Kontinent ein Akteur herausgebildet hat, der den Beziehungszusammenhang maßgeblich beeinflußt und dabei doch rein wirtschaftliche Interessen verfolgt, also sich scheinbar der „politischen Logik“ entzieht, widerspricht der These nur auf den ersten Blick. Es ist der Souveränitätskonflikt, der diesem neuen Akteur erst sein beachtliches Gewicht und seinen Einfluß hüben wie drüben verleiht.
Für einen solchen Ansatz spricht neben dem ungelösten Problem der Teilung und der Vehemenz des chinesischen Nationalismus auch die Verschiedenheit der politischen Systeme. Die Beziehungen zur Außenwelt sind in diesem Noch-Staatshandelsland per se Sache der Politik. Die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit wurde lange Zeit als Schwächung der nationalen Eigenständigkeit begriffen und mit einer Strategie der Selbstgenügsamkeit bekämpft. Diese interdependenten Strukturen liegen den Beziehungen deshalb ohne Zweifel zu Grunde. Die Leitgedanken der Arbeit sind soweit vorgestellt und die schrittweise Einordnung des Themas erfolgt im weiteren Verlauf.
Inhaltsverzeichnis:
| Tabellenverzeichnis | III | |
| Abbildungsverzeichnis | III | |
| Kartenverzeichnis | III | |
| Abkürzungsverzeichnis | IV | |
| 1. | Einleitung: Rahmen und Konzeption | 1 |
| 1.1 | Untersuchungsgegenstand | 1 |
| 1.2 | Zielsetzung | 3 |
| 1.3 | Forschungsstand | 4 |
| 1.4 | Konzeption und Aufbau der Arbeit | 5 |
| 2. | China, Taiwan und die chinesische Nation: der geschichtliche Kontext | 7 |
| 2.1 | Historische Bestimmungsfaktoren bis 1949 | 7 |
| 2.1.1 | Machtkampf zwischen der Guomindang und der Kommunistischen Partei | 7 |
| 2.1.2 | Die politische und wirtschaftliche Sonderstellung der Insel Taiwan | 9 |
| 2.2 | Die Teilung des Landes | 10 |
| 2.3 | Die Ausrichtung der Wirtschaft von 1949 bis Ende der siebziger Jahre | 12 |
| 2.3.1 | Außenhandel der VR China | 15 |
| 2.3.2 | Außenhandel der ROC | 16 |
| 2.3.3 | Wirtschaftskontakte zwischen der VR China und der ROC vor Beginn der achtziger Jahre | 17 |
| 3. | Voraussetzung der ökonomischen Verflechtung | 19 |
| 3.1 | Die Republik China: Liberalisierung und Pragmatismus | 19 |
| 3.1.1 | Die Ära der Entwicklungsdiktatur von 1949-1986 | 20 |
| 3.1.2 | Die demokratische Ära ab 1986 | 24 |
| 3.2 | Die Volksrepublik China: wirtschaftliche Öffnung und Reformen | 27 |
| 3.2.1 | Kurswechsel unter Deng Xiaoping - Wandel vom Plan zum Markt | 27 |
| 3.2.2 | Stufen der wirtschaftlichen Entwicklung | 28 |
| 3.2.3 | Die Öffnung der VR China zur Welt | 30 |
| 3.2.4 | Herausforderungen für die Wirtschaftspolitik | 35 |
| 3.2.5 | Die Rolle der Landsleute im wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß | 36 |
| 3.3 | Wirtschaftskontakte zwischen der VR China und der ROC ab den achtziger Jahren | 37 |
| 4. | Die derzeitige Wirtschaftsverflechtung und ihr Potential | 46 |
| 4.1 | Die ROC als Investor in Asien | 47 |
| 4.2 | Wettbewerb und intraregionaler Kooperationsprozeß durch Wachstum | 48 |
| 4.2.1 | Wettbewerbsebenen zwischen der ROC und der VR China | 49 |
| 4.2.2 | Erklärungsansätze zum wachsenden Wettbewerb und zur intraregionalen Kooperation | 49 |
| 4.2.3 | Ein asiatisches Wachstumsmodell (Fluggänsemodell von Akamatsu) | 52 |
| 4.3 | Der Standort Festlandchina als Wirtschaftspotential | 56 |
| 4.4 | Netzwerke und das kulturelle Muster wirtschaftlicher Integration in China | 56 |
| 4.5 | Die Struktur des Engagements der ROC auf dem Festland | 60 |
| 4.6 | Anomalien des Marktes | 61 |
| 5. | Abschließende Bewertung und Zukunftsperspektiven | 63 |
| Literaturverzeichnis | 68 | |
| Anhang | 81 |
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Otto, Jochen Juni 2001: Wirtschaftliche Kooperation und Wettbewerb zwischen der Republik China und der Volksrepublik China, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Wettbewerb, Großchina, Taiwan



