Wilhelm Lütgerts theologische Kritik des deutschen Idealismus
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Gregor Heidbrink
- Abgabedatum: Januar 2006
- Umfang: 160 Seiten
- Dateigröße: 907,7 KB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Deutschland
- Bibliografie: ca. 108
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0938-8
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Heidbrink, Gregor Januar 2006: Wilhelm Lütgerts theologische Kritik des deutschen Idealismus, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Idealismus, Realismus, Neuzeit, Geistesgeschichte, Theologie
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Diplomarbeit von Gregor Heidbrink
Einleitung:
Die Erinnerung an Wilhelm Lütgert ist weithin verblasst. In der Theologiegeschichte erwähnt man seinen Namen v.a. der Vollständigkeit halber und betont seine enge Verbundenheit mit Adolf Schlatter. Lütgerts eigenständige Position und die Wirren seiner Zeit, welche seine Wirksamkeit verhinderten, haben ihn zum Unterparagrafen oder zur Fußnote werden lassen. Dabei bietet er nicht nur von seiner überzeugenden Persönlichkeit her sondern auch von seinem theologischen Denken genug Gründe, die Auseinandersetzung zu suchen. Dass ich dies in Halle, der Stadt seines bedeutendsten Wirkens, tun durfte, ist Grund zur Dankbarkeit. Ein besonderer Reiz dieser Arbeit bestand auch darin, dass noch keine Kohorten von Kommentatoren gehört werden mussten; das Werk des Außenseiters hat bisher nur sehr überschaubare Sekundärliteratur provoziert.
Um Lütgert als einem vergessenen Theologen und einem theologischen Außenseiter gerecht werden zu können, war es nötig, ihm selbst häufig das Wort zu erteilen. Zu groß ist die Gefahr, sich von einem überlegenen heutigen Standpunkt über die Anfragen hinwegzusetzen, die aus seiner Zeitdiagnose und seinen historischen Beobachtungen entspringen.
Noch Walter Sparn bemängelt in seinem Lütgert-Artikel das Fehlen einer Bibliografie. Sie findet sich nun im Anhang dieser Arbeit. Die Bibliografie Lütgerts, die Jochen Eber im BBKL präsentiert, war trotz mancher Fehler und vielem Fehlenden eine gute Arbeitsgrundlage. Bei der Bibliografie, die dieser Arbeit beigefügt ist, handelt es sich um eine verbesserte und komplettierte Version. Um der weiteren Lütgert-Forschung den Zugang zu seinem Werk zu erleichtern, habe ich dieser Arbeit ebenfalls eine Liste der Rezensionen beigefügt, mit denen seine Publikationen bedacht worden sind. Eine kleine Frucht meiner Arbeit in Halleschen Archiven ist der wiedergegebene Brief Lütgerts an Martin Kähler.
Als meine Recherchen und Arbeiten schon recht weit fortgeschritten waren, lernte ich Herrn Peter Müller kennen, der gerade in Basel seine Promotion über Lütgerts Person und die in „Schöpfung und Offenbarung“ enthaltene Erkenntnistheorie verfasst. Für die Übersendung der Erinnerungen Rudolf Lütgerts und Martin Baltzers bin ich ihm zu Dank verpflichtet. Für seine Hilfsbereitschaft danke ich außerdem Herrn Pfarrer Thomas Lütgert, Großmühlingen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG | I |
| 2. | ABKÜRZUNGEN, ZITIERWEISE | II |
| 3. | INHALT | III |
| 4. | LEBEN UND WERK | 1 |
| 4.1 | QUELLENLAGE UND FORSCHUNGSÜBERSICHT | 1 |
| 4.2 | HERKUNFT, FAMILIE UND CHARAKTER | 2 |
| 4.3 | DIE WISSENSCHAFTLICHE LAUFBAHN | 5 |
| 4.4 | DIE LETZTEN JAHRE: UMZUG NACH BERLIN UND BEGINN DER NAZIHERRSCHAFT | 10 |
| 4.5 | SCHÜLER UND WIRKUNG | 13 |
| 4.5.1 | Paul Tillich und sein Verhältnis zu Lütgert | 14 |
| 4.5.2 | Dietrich Bonhoeffer und sein Verhältnis zu Lütgert | 15 |
| 4.6 | ÜBERBLICK ÜBER DAS WERK | 18 |
| 4.6.1 | Einleitung | 18 |
| 4.6.2 | Die Dissertation: Die Methode des dogmatischen Beweises | 19 |
| 4.6.3 | Das Erdbeben von Lissabon | 21 |
| 4.6.4 | Die neutestamentlichen Werke | 23 |
| 4.6.5 | Die RIE | 24 |
| 4.6.6 | Jesus und die Natur, Schöpfung und Offenbarung | 25 |
| 4.6.6.1 | Jesus und die Natur | 25 |
| 4.6.6.2 | Schöpfung und Offenbarung | 26 |
| 4.6.6.2.1 | I. Teil: Schöpfung und Geschöpf | 27 |
| 4.6.6.2.2 | II. Teil: Weltregierung und Geschichte. | 28 |
| 4.6.6.2.3 | III. Teil: Der Schöpfer. | 29 |
| 4.6.7 | Der Kampf der deutschen Christenheit mit den Schwarmgeistern | 30 |
| 4.6.8 | Die theologische Krisis der Gegenwart und ihr geistesgeschichtlicher Ursprung | 31 |
| 4.6.9 | Exkurs: Lütgert und der Nationalsozialismus anhand seines Werkes | 33 |
| 4.6.9.1 | Lütgerts Beurteilung des nationalsozialistischen Regimes. | 34 |
| 4.6.9.2 | Lütgert als Antisemit? | 35 |
| 4.6.9.3 | Fazit | 37 |
| 4.6.10 | Der Nachlass | 38 |
| 4.7 | ZWISCHENBILANZ: LÜTGERTS WERK UND SEINE STELLUNG ZUM IDEALISMUS | 39 |
| 4.7.1 | Erstens: Lütgerts Stellung zur Neuzeit | 39 |
| 4.7.2 | Zweitens: Der Biblische Realismus | 40 |
| 5. | ANLASS, TITEL UND ERSCHEINEN DER RIE | 42 |
| 5.1 | ANLASS DER RIE | 42 |
| 5.1.1 | Vorgeschichte | 42 |
| 5.1.2 | Der Anlass zur Niederschrift | 43 |
| 5.2 | TITEL UND IDEALISMUSBEGRIFF | 44 |
| 5.3 | ERSCHEINEN | 46 |
| 6. | DARSTELLUNG DES GEDANKENGANGES DER RIE | 48 |
| 6.1 | ERSTER TEIL: DIE RELIGIÖSE KRISIS DES DEUTSCHEN IDEALISMUS | 48 |
| 6.1.1 | Erstes Buch: Der Idealismus. (S.8-59) | 48 |
| 6.1.1.1 | Erstes Kapitel. Kant | 48 |
| 6.1.1.2 | Zweites Kapitel. Fichte | 50 |
| 6.1.1.3 | Drittes Kapitel. Der Atheismusstreit | 51 |
| 6.1.2 | Zweites Buch: Der Realismus. (S.60-110) | 52 |
| 6.1.2.1 | Erstes Kapitel. Der Streit um Spinozas Pantheismus | 52 |
| 6.1.2.2 | Zweites Kapitel. Goethe | 53 |
| 6.1.2.3 | Drittes Kapitel. Die Naturphilosophie | 54 |
| 6.1.3 | Drittes Buch: Erbe und Ertrag. (S.111-220) | 54 |
| 6.1.3.1 | Erstes Kapitel. Der hellenistische Schönheitskultus | 54 |
| 6.1.3.2 | Zweites Kapitel. Der Sinn der Geschichte | 54 |
| 6.1.3.3 | Drittes Kapitel. Die Unsterblichkeit der Seele und das Reich der Geister | 57 |
| 6.1.4 | Schluß: Die Abwendung der Gebildeten von der Kirche und der christlichen Sitte. (S.221-272) | 58 |
| 6.2 | ZWEITER TEIL: IDEALISMUS UND ERWECKUNGSBEWEGUNG IM KAMPF UND IM BUND | 60 |
| 6.2.1 | Erstes Buch: Die Bahnbrecher der Erweckungsbewegung in ihrem Verhältnis zum Idealismus. (S.1-73) | 61 |
| 6.2.1.1 | Erstes Kapitel. Die Auseinandersetzung der Erweckungsbewegung mit dem Idealismus | 61 |
| 6.2.1.1.1 | Johann Georg Hamann | 61 |
| 6.2.1.1.2 | Friedrich Heinrich Jacobi | 61 |
| 6.2.1.1.3 | Franz von Baader | 62 |
| 6.2.1.1.4 | Schleiermacher | 62 |
| 6.2.1.2 | Zweites Kapitel. Die Berührungen zwischen Erweckungsbewegung und Idealismus | 63 |
| 6.2.1.2.1 | Lavater | 63 |
| 6.2.1.2.2 | Jung-Stilling | 63 |
| 6.2.1.2.3 | Matthias Claudius | 64 |
| 6.2.2 | Zweites Buch: Die Wendung des Idealismus zur Mystik. (S.74-138) | 64 |
| 6.2.2.1 | Erstes Kapitel. Die mystische Religion | 64 |
| 6.2.2.2 | Zweites Kapitel. Die theosophische Spekulation | 66 |
| 6.2.3 | Drittes Buch: Die Erhebung und Befreiung. (S.139-252) | 66 |
| 6.2.3.1 | Erstes Kapitel. Die Selbstkritik des deutschen Volkes | 66 |
| 6.2.3.2 | Zweites Kapitel. Die Erhebung | 67 |
| 6.2.3.3 | Drittes Kapitel. Die Wiedergeburt | 67 |
| 6.2.4 | Schluß: Der alte Idealismus und die neue Zeit. (S.253-270) | 68 |
| 6.3 | DRITTER TEIL: HÖHE UND NIEDERGANG DES IDEALISMUS | 68 |
| 6.3.1 | Einleitung: Aufklärung, Idealismus und Erweckungsbewegung auf den Universitäten. (S.3-45) | 69 |
| 6.3.2 | Erstes Buch: Höhe und Wendung des Idealismus. (S.46-195) | 69 |
| 6.3.2.1 | Erstes Kapitel. Hegel | 69 |
| 6.3.2.1.1 | Der absolute Idealismus und seine Grundlagen | 69 |
| 6.3.2.1.2 | Die Geschichtsphilosophie | 70 |
| 6.3.2.1.3 | Die Staatslehre | 70 |
| 6.3.2.1.4 | Die Religionsphilosophie | 71 |
| 6.3.2.2 | Zweites Kapitel. Die Hegelsche Schule und die Bibelkritik | 71 |
| 6.3.2.2.1 | 1. Das Leben Jesu: Strauß und Bruno Bauer | 71 |
| 6.3.2.2.2 | 2. Das Alte Testament: Vatke | 72 |
| 6.3.2.2.3 | 3. Das Urchristentum: Chr. F. Baur | 72 |
| 6.3.2.3 | Drittes Kapitel. Die Trennung der Erweckungsbewegung vom Idealismus | 73 |
| 6.3.2.3.1 | 1. Die Bewegung in Norddeutschland | 73 |
| 6.3.2.3.2 | 2. Die süddeutsche Erweckungsbewegung in ihrem Verhältnis zum Idealismus | 73 |
| 6.3.2.3.3 | 3. Religiöse Motive in der neuen Wissenschaft in ihrem Verhältnis zum Idealismus | 74 |
| 6.3.3 | Zweites Buch: Die Auflösung des Idealismus. (S.196-360) | 74 |
| 6.3.3.1 | Erstes Kapitel. Der Atheismus | 74 |
| 6.3.3.1.1 | 1. Ludwig Feuerbach | 74 |
| 6.3.3.1.2 | 2. Max Stirner | 75 |
| 6.3.3.1.3 | 3. Das Junge Deutschland | 75 |
| 6.3.3.2 | Zweites Kapitel. Der Materialismus | 75 |
| 6.3.3.2.1 | 1. Der Streit um die Unsterblichkeit der Seele | 75 |
| 6.3.3.2.2 | 2. Der Materialismusstreit | 75 |
| 6.3.3.3 | Drittes Kapitel. Der Pessimismus | 76 |
| 6.3.3.4 | Viertes Kapitel. Die Stellung der Gebildeten zum Christentum und zur Kirche | 76 |
| 6.3.4 | Drittes Buch: Der Idealismus, die Erweckungsbewegung und ihre Auflösung im öffentlichen Leben (S.361-450) und Schlusswort. | 77 |
| 6.4 | VIERTER TEIL: DAS ENDE DES IDEALISMUS IM ZEITALTER BISMARCKS | 78 |
| 6.4.1 | Erstes Buch: Das Versagen des Idealismus im öffentlichen Leben. (3-140) | 78 |
| 6.4.1.1 | Erstes Kapitel. Idealismus und Erweckungsbewegung im Kampf mit der Realpolitik | 78 |
| 6.4.1.2 | Zweites Kapitel. Der Kulturkampf | 78 |
| 6.4.1.3 | Drittes Kapitel. Idealismus und Erweckungsbewegung in Auseinandersetzung mit dem Sozialismus | 79 |
| 6.4.2 | Zweites Buch: Das Erlöschen des Idealismus und der Erweckungsbewegung im geistigen Leben. (S.141-298) | 79 |
| 6.4.2.1 | Erstes Kapitel. Die Zurückdrängung der Antike in der höheren Bildung | 79 |
| 6.4.2.2 | Zweites Kapitel. Die Auseinandersetzung des Idealismus mit der Naturwissenschaft und der Sieg des Positivismus | 79 |
| 6.4.2.3 | Drittes Kapitel. Der Pessimismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts | 80 |
| 6.4.2.3.1 | 1. Der deutsche Pessimismus | 81 |
| 6.4.2.3.2 | 2. Der europäische Pessimismus | 81 |
| 6.4.3 | Drittes Buch: Die Verdrängung des Idealismus und der Erweckungsbewegung aus der Ethik und der Kirche. (S.299-443) | 81 |
| 6.4.3.1 | Erstes Kapitel. Die Auflösung der idealistische Ethik | 81 |
| 6.4.3.1.1 | 1. Darwinismus und Sozialismus | 82 |
| 6.4.3.1.2 | 2. Nietzsche | 82 |
| 6.4.3.1.3 | 3. Die Literaturrevolution am Ende des 19. Jahrhunderts | 83 |
| 6.4.3.2 | Zweites Kapitel. Die Verdrängung des Idealismus und der Erweckungsbewegung aus der Theologie | 83 |
| 6.4.3.3 | Drittes Kapitel. Die Kirche, die Gebildeten und das Volk | 86 |
| 7. | KRITIK DER RIE | 88 |
| 7.1 | ÜBERBLICK ÜBER DIE REZENSIONEN | 88 |
| 7.2 | DAS METHODISCHE VORGEHEN UND DER STREIT MIT EMANUEL HIRSCH | 90 |
| 7.2.1 | Hirschs Rezensionen | 90 |
| 7.2.1.1 | Erster Band: Die religiöse Krisis des deutschen Idealismus | 90 |
| 7.2.1.2 | Zweiter Band: Idealismus und Erweckungsbewegung im Kampf und im Bund | 92 |
| 7.2.2 | Lütgerts Erwiderung | 93 |
| 7.2.3 | Eine Beurteilung der Kritik Hirschs und der Auseinandersetzung mit Lütgert | 95 |
| 7.2.4 | Geschichtsbegriff und Methode | 100 |
| 7.3 | DIE THEOLOGISCHEN STREITPUNKTE - DIE REZENSION TILLICHS | 104 |
| 7.3.1 | Tillichs Kritik an Lütgerts Darstellung des Idealismus | 105 |
| 7.3.2 | Verhältnis von Reformation und Idealismus | 108 |
| 8. | LÜTGERTS THEOLOGISCHE KRITIK DES IDEALISMUS | 113 |
| 8.1 | DIE RIE ALS NEUZEITKRITIK | 113 |
| 8.1.1 | Kritik der Aufklärung | 113 |
| 8.1.2 | Kritik der Mystik | 114 |
| 8.1.3 | Kritik der Renaissance | 115 |
| 8.1.4 | Kritik der reinen und der vernehmenden Vernunft | 116 |
| 8.2 | BLINDE FLECKEN | 119 |
| 8.2.1 | Unterschätzung der Rolle der historisch-kritischen Bibelauslegung | 119 |
| 8.2.2 | Unterschätzung der Rolle der Naturwissenschaft | 121 |
| 8.3 | DIE RIE ALS THEOLOGISCHE GEGENWARTSKRITIK | 125 |
| 9. | SCHLUSS | 128 |
| 10. | QUELLEN | 131 |
| 10.1 | ZITIERTE WERKE LÜTGERTS | 131 |
| 10.2 | LITERATUR | 132 |
| 10.3 | SONSTIGES UND INTERNET | 136 |
| 10.4 | ARCHIVALIEN | 136 |
Textprobe:
Kapitel 6.3.3.2, Zweites Kapitel. Der Materialismus:
Ehe der Sozialismus entstehen konnte, musste der Idealismus völlig in den Materialismus umschlagen. Nur nach Schellings Seite hin endete er in Mystik, die an einer Unsterblichkeitshoffnung festhalten:
Klar gegen die Unsterblichkeitshoffnung sprach sich zunächst Strauß aus. „Den eigentlichen Todesstoß hat ihr aber ... Feuerbach versetzt.“. Seine mit dem Gottesglauben aufgegebene Unsterblichkeitshoffnung fand besonders in der zeitgenössischen Literatur reichen Nachklang. Diesem Echo spürt Lütgert in den Schriften Gottfried Kellers, besonders dem ‚Grünen Heinrich’ und bei Theodor Storm nach. Weiter voran schritt Schopenhauer: er bestritt, ohne Materialist zu sein, die Unsterblichkeit und berief sich dazu auf die Erkenntnistheorie Kants: Mit dem Tode endet die Erscheinungswelt und erlischt somit auch das Bewusstsein. Was bleibt, ist der Wille. Schopenhauers Pessimismus führte ihn zu der Ansicht, dass ein vernünftiger Mensch sich nicht wünschen kann, sein Leben fortzusetzen. „Ein tiefer Schatten fiel damit auf das deutsche Volk.“.
Der Materialismusstreit:
Die Auseinandersetzungen um den Materialismus zeigen, wie der Idealismus in ihn überging. Die Begründer des Idealismus, Kant und Fichte, sahen in dem Materialismus noch nicht einmal eine Bedrohung; der einzige Gegner, den sie aufhalten wollten, war Spinoza. Aber es waren nicht die Religion Goethes oder die aufkommende Naturwissenschaft, die den Materialismus stärkten, sondern er ging geradlinig aus der idealistischen Naturphilosophie hervor. Lütgerts Gewährsmann für diese These ist Oken, der den idealistischen Monismus Schellings in Materialismus überführte. Erst darauf begann ein naturwissenschaftliches Wahrheitspathos die Grenzen menschlichen Wissens in der Naturforschung zu sehen. Für dieses Programm steht bei Lütgert v.a. Virchow, dagegen alleine Justus von Liebig. Nur noch einmal kehren der Idealismus und die Unsterblichkeitshoffnung wieder, und zwar bei dem Philosophen Lotze. Einer wirklichen Durchführung der materialistischen Weltanschauung sprang jetzt der Darwinismus bei: Zum einen löste er die festen Arten auf, die der Schöpfungsbegriff voraussetzt, zum anderen entfernte er den Zweckbegriff aus der Natur. Hier lag der Anknüpfungspunkt für Nietzsche, der jede idealistische Moral für erledigt erklären konnte.
Ein Versuch, die Entwicklung aufzuhalten und „den Materialismus erkenntnistheoretisch zu überwinden, ist die Neukantische Philosophie... Eins der stärksten Motive dieser Philosophie ist das Interesse, den Materialismus so weit zurückzudrängen, daß noch Raum für religiöse Stimmung und soziale Ethik bleibt.“. Der empirischen Naturforschung wird die materialistische Methode zuerkannt – sie gilt in der Welt der Erscheinung. Aber ihr Kausalitätsbegriff darf nicht gebraucht werden, um von der Erscheinungswelt auf die intelligible Welt zu schließen.
Das Volk unterdessen, dem Lütgert sich abschließend zuwendet, gab ebenfalls dem Materialismus Raum und der Unsterblichkeitsglaube schwand nun selbst bei der einfachen Landbevölkerung dahin und trieb sie in die Arme der Sozialdemokratie.
Der Pessimismus:
Der Optimismus als geistige Strömung entstand, als die Reste des orthodoxen Vorsehungsglaubens von der Aufklärung zu einem Erfahrungsurteil erklärt wurden. Kant verwarf war den aufgeklärten Optimismus nach seiner Wende zum kritischen Philosophen, begründete aber einen höheren, den idealistischen Optimismus. Der Pessimismus entstand nun aus dem Materialismus und der Enttäuschung, die die stete Sehnsucht nach dem Ideal erweckte. In der Literatur schlug sich der Pessimismus bei Platen und Lenau (aber auch Friedrich Hebbel) nieder, er ließ sich aber auch am Trend zum Selbstmord ablesen.
Der eigentliche Philosoph des Pessimismus war Schopenhauer. Bei ihm verschwamm Kants Idealismus durch den Anschluss an den Buddhismus; durch die Kritik der Gottesbeweise wurde er noch vor Feuerbach zum ersten Atheisten. Als Mystiker wehrte er sich aber gegen den Materialismus und gab an, der Weg ins Jenseits sei in uns selbst zu suchen. Das Alte Testament verwarf er aufgrund einer oberflächlichen Kritik und hielt lieber die indische Religion für die Vorgeschichte des Christentums. Der Kern der Religion ist die Erbsünde; ihr Ziel ist die Überwindung des Wollens durch das reine Denken, also durch Wissenschaft und Kunst. „Augustin und Luther, die der Aufklärung anstößigsten Lehren von der Erbsünde und dem unfreien Willen kommen durch den gewaltsamen Rückschlag gegen den Optimismus zu hohen Ehren, und auf den Rationalismus fällt ein verächtlicher Seitenblick.“. Weil es auf die Überwindung des Willens ankommt, ist auch Selbstmord keine Lösung: Der Tod löscht nur den Intellekt. Es bleibt das bekannte Nichts der Mystik. Daher liegt bei Schopenhauer die Erfüllung der Prophezeiung Jacobis, dass „der Idealismus in den Nihilismus umschlagen werde“.
Die Stellung der Gebildeten zum Christentum und zur Kirche:
Die Auswirkungen der Auflösung des Idealismus werden nun durch eine Darstellung der Stellung der Gebildeten zu Kirche und Staat erläutert. Lütgert untermauert dies breit durch ausführliche Zitate aus Tagebüchern und Literatur.
Die Generation, die von den 1830er Jahren an die Führung des geistigen Lebens übernahm, war in ihrer Erziehung überwiegend von dem Einfluss der Aufklärung geprägt. Eine häusliche religiöse Erziehung stand fast nur noch bei einfacheren Familien auf der Tagesordnung. Die Krisis des Idealismus und die religiöse Krisis gingen Hand in Hand. Kirche und Theologie tragen durchaus eine Mitschuld an der Entleerung des religiösen Lebens. Leider war die Rückzugsbewegung der Pietisten aus dem öffentlichen Leben nicht gerade hilfreich; die Abneigung gegen Wissenschaft, Kunst und Theater, für die ein Tholuck stand, konnte bei den Gebildeten keinen Einfluss entfalten, wenn auch die Kritik an den Pietisten teilweise maßlos überzog. Die ästhetisch Verwöhnten wurden dagegen von der „Öde des protestantischen Gottesdienstes abgestoßen“. Die reiche Lyrik der klassischen und romantischen Dichtung befruchtete das Kirchenlied keineswegs.
Mit dem Ansehen der Predigt sank auch das des Pfarrers; entscheidend hierfür war v.a. die Verbindung der Kirche mit dem Polizeistaat. Orthodoxer Amtsbegriff hatte sich mit preußischem Beamtenbewusstsein verbunden. Idealismus und Erweckungsbewegung, die einst die Universitäten auf eine neue Höhe gehoben hatten, traten zurück. Entsprechend lässt sich in den 1850er Jahren ein Zug von Wissenschaftsverachtung ausmachen. Der Grund für diese Krise lag in der Ausblendung religiöser Motive in der Wissenschaft: Sie wurde nicht mehr durch ein einheitliches Band zusammengehalten, sondern zerfiel in unzählige Fächer. „Der Zersetzungsprozeß, der die Religion auflöste, ergriff schließlich auch die Wissenschaft an ihrem innersten Kern.“.
Drittes Buch: Der Idealismus, die Erweckungsbewegung und ihre Auflösung im öffentlichen Leben und Schlusswort.
Das dritte Buch verfolgt die geistigen und religiösen Bewegungen der Zeit im politischen Raum. Nach einem ersten Kapitel über den Zusammenhang von Idealismus und Liberalismus, den Lütgert bisher zwar schon öfter angedeutet, aber noch nicht ausführlich begründet hatte, schildert er in einem zweiten Kapitel die Rolle der Erweckungsbewegung. Während hier – auf konservativer Seite – der Gegensatz zur die Französischen Revolution zu einer dauerhaften, patriotischen Staatsverbundenheit geführt hatte, gärte schon im Untergrund der revolutionäre Sozialismus. Lütgert lobt den unglücklichen Friedrich Wilhelm IV. und hat an Marx’ Herkunft aus dem Hegelianismus ein gefundenes Fressen. Die aus der Religion des Idealismus kommenden Parteigründungen führten dazu, dass doktrinäre, weltanschauliche Gegensätze die Programme beherrschten. Mit der Beschreibung des Sozialismus ist das in Aussicht genommene Werk an sein Ziel gelangt: „Der revolutionäre Sozialismus ist das Ende des Idealismus.“. Dieser ist damit politisch gescheitert. Den Erfolg trug Bismarcks politischer Realismus davon. Politischer Realismus, Materialismus und Pessimismus waren die Strömungen, denen „die beiden verschwisterten und verfeindeten Bewegungen“, Idealismus und Erweckungsbewegung nichts mehr entgegenzusetzen hatten. „So entstand die geistige und religiöse Krisis der siebziger Jahre. In dieser Tatsache liegt der Schlüssel für die nun folgende innere Geschichte des deutschen Volkes.“ (ebd.). Quod erat demonstrandum.
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Heidbrink, Gregor Januar 2006: Wilhelm Lütgerts theologische Kritik des deutschen Idealismus, Hamburg: Diplomica Verlag
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Idealismus, Realismus, Neuzeit, Geistesgeschichte, Theologie



