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Wilhelm Lütgerts theologische Kritik des deutschen Idealismus

Wilhelm Lütgerts theologische Kritik des deutschen Idealismus
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Gregor Heidbrink
  • Abgabedatum: Januar 2006
  • Umfang: 160 Seiten
  • Dateigröße: 907,7 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 108
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0938-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Heidbrink, Gregor Januar 2006: Wilhelm Lütgerts theologische Kritik des deutschen Idealismus, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Idealismus, Realismus, Neuzeit, Geistesgeschichte, Theologie

Diplomarbeit von Gregor Heidbrink

Einleitung:

Die Erinnerung an Wilhelm Lütgert ist weithin verblasst. In der Theologiegeschichte erwähnt man seinen Namen v.a. der Vollständigkeit halber und betont seine enge Verbundenheit mit Adolf Schlatter. Lütgerts eigenständige Position und die Wirren seiner Zeit, welche seine Wirksamkeit verhinderten, haben ihn zum Unterparagrafen oder zur Fußnote werden lassen. Dabei bietet er nicht nur von seiner überzeugenden Persönlichkeit her sondern auch von seinem theologischen Denken genug Gründe, die Auseinandersetzung zu suchen. Dass ich dies in Halle, der Stadt seines bedeutendsten Wirkens, tun durfte, ist Grund zur Dankbarkeit. Ein besonderer Reiz dieser Arbeit bestand auch darin, dass noch keine Kohorten von Kommentatoren gehört werden mussten; das Werk des Außenseiters hat bisher nur sehr überschaubare Sekundärliteratur provoziert.

Um Lütgert als einem vergessenen Theologen und einem theologischen Außenseiter gerecht werden zu können, war es nötig, ihm selbst häufig das Wort zu erteilen. Zu groß ist die Gefahr, sich von einem überlegenen heutigen Standpunkt über die Anfragen hinwegzusetzen, die aus seiner Zeitdiagnose und seinen historischen Beobachtungen entspringen.

Noch Walter Sparn bemängelt in seinem Lütgert-Artikel das Fehlen einer Bibliografie. Sie findet sich nun im Anhang dieser Arbeit. Die Bibliografie Lütgerts, die Jochen Eber im BBKL präsentiert, war trotz mancher Fehler und vielem Fehlenden eine gute Arbeitsgrundlage. Bei der Bibliografie, die dieser Arbeit beigefügt ist, handelt es sich um eine verbesserte und komplettierte Version. Um der weiteren Lütgert-Forschung den Zugang zu seinem Werk zu erleichtern, habe ich dieser Arbeit ebenfalls eine Liste der Rezensionen beigefügt, mit denen seine Publikationen bedacht worden sind. Eine kleine Frucht meiner Arbeit in Halleschen Archiven ist der wiedergegebene Brief Lütgerts an Martin Kähler.

Als meine Recherchen und Arbeiten schon recht weit fortgeschritten waren, lernte ich Herrn Peter Müller kennen, der gerade in Basel seine Promotion über Lütgerts Person und die in „Schöpfung und Offenbarung“ enthaltene Erkenntnistheorie verfasst. Für die Übersendung der Erinnerungen Rudolf Lütgerts und Martin Baltzers bin ich ihm zu Dank verpflichtet. Für seine Hilfsbereitschaft danke ich außerdem Herrn Pfarrer Thomas Lütgert, Großmühlingen.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG I
2. ABKÜRZUNGEN, ZITIERWEISE II
3. INHALT III
4. LEBEN UND WERK 1
4.1 QUELLENLAGE UND FORSCHUNGSÜBERSICHT 1
4.2 HERKUNFT, FAMILIE UND CHARAKTER 2
4.3 DIE WISSENSCHAFTLICHE LAUFBAHN 5
4.4 DIE LETZTEN JAHRE: UMZUG NACH BERLIN UND BEGINN DER NAZIHERRSCHAFT 10
4.5 SCHÜLER UND WIRKUNG 13
4.5.1 Paul Tillich und sein Verhältnis zu Lütgert 14
4.5.2 Dietrich Bonhoeffer und sein Verhältnis zu Lütgert 15
4.6 ÜBERBLICK ÜBER DAS WERK 18
4.6.1 Einleitung 18
4.6.2 Die Dissertation: Die Methode des dogmatischen Beweises 19
4.6.3 Das Erdbeben von Lissabon 21
4.6.4 Die neutestamentlichen Werke 23
4.6.5 Die RIE 24
4.6.6 Jesus und die Natur, Schöpfung und Offenbarung 25
4.6.6.1 Jesus und die Natur 25
4.6.6.2 Schöpfung und Offenbarung 26
4.6.6.2.1 I. Teil: Schöpfung und Geschöpf 27
4.6.6.2.2 II. Teil: Weltregierung und Geschichte. 28
4.6.6.2.3 III. Teil: Der Schöpfer. 29
4.6.7 Der Kampf der deutschen Christenheit mit den Schwarmgeistern 30
4.6.8 Die theologische Krisis der Gegenwart und ihr geistesgeschichtlicher Ursprung 31
4.6.9 Exkurs: Lütgert und der Nationalsozialismus anhand seines Werkes 33
4.6.9.1 Lütgerts Beurteilung des nationalsozialistischen Regimes. 34
4.6.9.2 Lütgert als Antisemit? 35
4.6.9.3 Fazit 37
4.6.10 Der Nachlass 38
4.7 ZWISCHENBILANZ: LÜTGERTS WERK UND SEINE STELLUNG ZUM IDEALISMUS 39
4.7.1 Erstens: Lütgerts Stellung zur Neuzeit 39
4.7.2 Zweitens: Der Biblische Realismus 40
5. ANLASS, TITEL UND ERSCHEINEN DER RIE 42
5.1 ANLASS DER RIE 42
5.1.1 Vorgeschichte 42
5.1.2 Der Anlass zur Niederschrift 43
5.2 TITEL UND IDEALISMUSBEGRIFF 44
5.3 ERSCHEINEN 46
6. DARSTELLUNG DES GEDANKENGANGES DER RIE 48
6.1 ERSTER TEIL: DIE RELIGIÖSE KRISIS DES DEUTSCHEN IDEALISMUS 48
6.1.1 Erstes Buch: Der Idealismus. (S.8-59) 48
6.1.1.1 Erstes Kapitel. Kant 48
6.1.1.2 Zweites Kapitel. Fichte 50
6.1.1.3 Drittes Kapitel. Der Atheismusstreit 51
6.1.2 Zweites Buch: Der Realismus. (S.60-110) 52
6.1.2.1 Erstes Kapitel. Der Streit um Spinozas Pantheismus 52
6.1.2.2 Zweites Kapitel. Goethe 53
6.1.2.3 Drittes Kapitel. Die Naturphilosophie 54
6.1.3 Drittes Buch: Erbe und Ertrag. (S.111-220) 54
6.1.3.1 Erstes Kapitel. Der hellenistische Schönheitskultus 54
6.1.3.2 Zweites Kapitel. Der Sinn der Geschichte 54
6.1.3.3 Drittes Kapitel. Die Unsterblichkeit der Seele und das Reich der Geister 57
6.1.4 Schluß: Die Abwendung der Gebildeten von der Kirche und der christlichen Sitte. (S.221-272) 58
6.2 ZWEITER TEIL: IDEALISMUS UND ERWECKUNGSBEWEGUNG IM KAMPF UND IM BUND 60
6.2.1 Erstes Buch: Die Bahnbrecher der Erweckungsbewegung in ihrem Verhältnis zum Idealismus. (S.1-73) 61
6.2.1.1 Erstes Kapitel. Die Auseinandersetzung der Erweckungsbewegung mit dem Idealismus 61
6.2.1.1.1 Johann Georg Hamann 61
6.2.1.1.2 Friedrich Heinrich Jacobi 61
6.2.1.1.3 Franz von Baader 62
6.2.1.1.4 Schleiermacher 62
6.2.1.2 Zweites Kapitel. Die Berührungen zwischen Erweckungsbewegung und Idealismus 63
6.2.1.2.1 Lavater 63
6.2.1.2.2 Jung-Stilling 63
6.2.1.2.3 Matthias Claudius 64
6.2.2 Zweites Buch: Die Wendung des Idealismus zur Mystik. (S.74-138) 64
6.2.2.1 Erstes Kapitel. Die mystische Religion 64
6.2.2.2 Zweites Kapitel. Die theosophische Spekulation 66
6.2.3 Drittes Buch: Die Erhebung und Befreiung. (S.139-252) 66
6.2.3.1 Erstes Kapitel. Die Selbstkritik des deutschen Volkes 66
6.2.3.2 Zweites Kapitel. Die Erhebung 67
6.2.3.3 Drittes Kapitel. Die Wiedergeburt 67
6.2.4 Schluß: Der alte Idealismus und die neue Zeit. (S.253-270) 68
6.3 DRITTER TEIL: HÖHE UND NIEDERGANG DES IDEALISMUS 68
6.3.1 Einleitung: Aufklärung, Idealismus und Erweckungsbewegung auf den Universitäten. (S.3-45) 69
6.3.2 Erstes Buch: Höhe und Wendung des Idealismus. (S.46-195) 69
6.3.2.1 Erstes Kapitel. Hegel 69
6.3.2.1.1 Der absolute Idealismus und seine Grundlagen 69
6.3.2.1.2 Die Geschichtsphilosophie 70
6.3.2.1.3 Die Staatslehre 70
6.3.2.1.4 Die Religionsphilosophie 71
6.3.2.2 Zweites Kapitel. Die Hegelsche Schule und die Bibelkritik 71
6.3.2.2.1 1. Das Leben Jesu: Strauß und Bruno Bauer 71
6.3.2.2.2 2. Das Alte Testament: Vatke 72
6.3.2.2.3 3. Das Urchristentum: Chr. F. Baur 72
6.3.2.3 Drittes Kapitel. Die Trennung der Erweckungsbewegung vom Idealismus 73
6.3.2.3.1 1. Die Bewegung in Norddeutschland 73
6.3.2.3.2 2. Die süddeutsche Erweckungsbewegung in ihrem Verhältnis zum Idealismus 73
6.3.2.3.3 3. Religiöse Motive in der neuen Wissenschaft in ihrem Verhältnis zum Idealismus 74
6.3.3 Zweites Buch: Die Auflösung des Idealismus. (S.196-360) 74
6.3.3.1 Erstes Kapitel. Der Atheismus 74
6.3.3.1.1 1. Ludwig Feuerbach 74
6.3.3.1.2 2. Max Stirner 75
6.3.3.1.3 3. Das Junge Deutschland 75
6.3.3.2 Zweites Kapitel. Der Materialismus 75
6.3.3.2.1 1. Der Streit um die Unsterblichkeit der Seele 75
6.3.3.2.2 2. Der Materialismusstreit 75
6.3.3.3 Drittes Kapitel. Der Pessimismus 76
6.3.3.4 Viertes Kapitel. Die Stellung der Gebildeten zum Christentum und zur Kirche 76
6.3.4 Drittes Buch: Der Idealismus, die Erweckungsbewegung und ihre Auflösung im öffentlichen Leben (S.361-450) und Schlusswort. 77
6.4 VIERTER TEIL: DAS ENDE DES IDEALISMUS IM ZEITALTER BISMARCKS 78
6.4.1 Erstes Buch: Das Versagen des Idealismus im öffentlichen Leben. (3-140) 78
6.4.1.1 Erstes Kapitel. Idealismus und Erweckungsbewegung im Kampf mit der Realpolitik 78
6.4.1.2 Zweites Kapitel. Der Kulturkampf 78
6.4.1.3 Drittes Kapitel. Idealismus und Erweckungsbewegung in Auseinandersetzung mit dem Sozialismus 79
6.4.2 Zweites Buch: Das Erlöschen des Idealismus und der Erweckungsbewegung im geistigen Leben. (S.141-298) 79
6.4.2.1 Erstes Kapitel. Die Zurückdrängung der Antike in der höheren Bildung 79
6.4.2.2 Zweites Kapitel. Die Auseinandersetzung des Idealismus mit der Naturwissenschaft und der Sieg des Positivismus 79
6.4.2.3 Drittes Kapitel. Der Pessimismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts 80
6.4.2.3.1 1. Der deutsche Pessimismus 81
6.4.2.3.2 2. Der europäische Pessimismus 81
6.4.3 Drittes Buch: Die Verdrängung des Idealismus und der Erweckungsbewegung aus der Ethik und der Kirche. (S.299-443) 81
6.4.3.1 Erstes Kapitel. Die Auflösung der idealistische Ethik 81
6.4.3.1.1 1. Darwinismus und Sozialismus 82
6.4.3.1.2 2. Nietzsche 82
6.4.3.1.3 3. Die Literaturrevolution am Ende des 19. Jahrhunderts 83
6.4.3.2 Zweites Kapitel. Die Verdrängung des Idealismus und der Erweckungsbewegung aus der Theologie 83
6.4.3.3 Drittes Kapitel. Die Kirche, die Gebildeten und das Volk 86
7. KRITIK DER RIE 88
7.1 ÜBERBLICK ÜBER DIE REZENSIONEN 88
7.2 DAS METHODISCHE VORGEHEN UND DER STREIT MIT EMANUEL HIRSCH 90
7.2.1 Hirschs Rezensionen 90
7.2.1.1 Erster Band: Die religiöse Krisis des deutschen Idealismus 90
7.2.1.2 Zweiter Band: Idealismus und Erweckungsbewegung im Kampf und im Bund 92
7.2.2 Lütgerts Erwiderung 93
7.2.3 Eine Beurteilung der Kritik Hirschs und der Auseinandersetzung mit Lütgert 95
7.2.4 Geschichtsbegriff und Methode 100
7.3 DIE THEOLOGISCHEN STREITPUNKTE - DIE REZENSION TILLICHS 104
7.3.1 Tillichs Kritik an Lütgerts Darstellung des Idealismus 105
7.3.2 Verhältnis von Reformation und Idealismus 108
8. LÜTGERTS THEOLOGISCHE KRITIK DES IDEALISMUS 113
8.1 DIE RIE ALS NEUZEITKRITIK 113
8.1.1 Kritik der Aufklärung 113
8.1.2 Kritik der Mystik 114
8.1.3 Kritik der Renaissance 115
8.1.4 Kritik der reinen und der vernehmenden Vernunft 116
8.2 BLINDE FLECKEN 119
8.2.1 Unterschätzung der Rolle der historisch-kritischen Bibelauslegung 119
8.2.2 Unterschätzung der Rolle der Naturwissenschaft 121
8.3 DIE RIE ALS THEOLOGISCHE GEGENWARTSKRITIK 125
9. SCHLUSS 128
10. QUELLEN 131
10.1 ZITIERTE WERKE LÜTGERTS 131
10.2 LITERATUR 132
10.3 SONSTIGES UND INTERNET 136
10.4 ARCHIVALIEN 136

Textprobe:

Kapitel 6.3.3.2, Zweites Kapitel. Der Materialismus:

Ehe der Sozialismus entstehen konnte, musste der Idealismus völlig in den Materialismus umschlagen. Nur nach Schellings Seite hin endete er in Mystik, die an einer Unsterblichkeitshoffnung festhalten:

Klar gegen die Unsterblichkeitshoffnung sprach sich zunächst Strauß aus. „Den eigentlichen Todesstoß hat ihr aber ... Feuerbach versetzt.“. Seine mit dem Gottesglauben aufgegebene Unsterblichkeitshoffnung fand besonders in der zeitgenössischen Literatur reichen Nachklang. Diesem Echo spürt Lütgert in den Schriften Gottfried Kellers, besonders dem ‚Grünen Heinrich’ und bei Theodor Storm nach. Weiter voran schritt Schopenhauer: er bestritt, ohne Materialist zu sein, die Unsterblichkeit und berief sich dazu auf die Erkenntnistheorie Kants: Mit dem Tode endet die Erscheinungswelt und erlischt somit auch das Bewusstsein. Was bleibt, ist der Wille. Schopenhauers Pessimismus führte ihn zu der Ansicht, dass ein vernünftiger Mensch sich nicht wünschen kann, sein Leben fortzusetzen. „Ein tiefer Schatten fiel damit auf das deutsche Volk.“.

Der Materialismusstreit:

Die Auseinandersetzungen um den Materialismus zeigen, wie der Idealismus in ihn überging. Die Begründer des Idealismus, Kant und Fichte, sahen in dem Materialismus noch nicht einmal eine Bedrohung; der einzige Gegner, den sie aufhalten wollten, war Spinoza. Aber es waren nicht die Religion Goethes oder die aufkommende Naturwissenschaft, die den Materialismus stärkten, sondern er ging geradlinig aus der idealistischen Naturphilosophie hervor. Lütgerts Gewährsmann für diese These ist Oken, der den idealistischen Monismus Schellings in Materialismus überführte. Erst darauf begann ein naturwissenschaftliches Wahrheitspathos die Grenzen menschlichen Wissens in der Naturforschung zu sehen. Für dieses Programm steht bei Lütgert v.a. Virchow, dagegen alleine Justus von Liebig. Nur noch einmal kehren der Idealismus und die Unsterblichkeitshoffnung wieder, und zwar bei dem Philosophen Lotze. Einer wirklichen Durchführung der materialistischen Weltanschauung sprang jetzt der Darwinismus bei: Zum einen löste er die festen Arten auf, die der Schöpfungsbegriff voraussetzt, zum anderen entfernte er den Zweckbegriff aus der Natur. Hier lag der Anknüpfungspunkt für Nietzsche, der jede idealistische Moral für erledigt erklären konnte.

Ein Versuch, die Entwicklung aufzuhalten und „den Materialismus erkenntnistheoretisch zu überwinden, ist die Neukantische Philosophie... Eins der stärksten Motive dieser Philosophie ist das Interesse, den Materialismus so weit zurückzudrängen, daß noch Raum für religiöse Stimmung und soziale Ethik bleibt.“. Der empirischen Naturforschung wird die materialistische Methode zuerkannt – sie gilt in der Welt der Erscheinung. Aber ihr Kausalitätsbegriff darf nicht gebraucht werden, um von der Erscheinungswelt auf die intelligible Welt zu schließen.

Das Volk unterdessen, dem Lütgert sich abschließend zuwendet, gab ebenfalls dem Materialismus Raum und der Unsterblichkeitsglaube schwand nun selbst bei der einfachen Landbevölkerung dahin und trieb sie in die Arme der Sozialdemokratie.

Der Pessimismus:

Der Optimismus als geistige Strömung entstand, als die Reste des orthodoxen Vorsehungsglaubens von der Aufklärung zu einem Erfahrungsurteil erklärt wurden. Kant verwarf war den aufgeklärten Optimismus nach seiner Wende zum kritischen Philosophen, begründete aber einen höheren, den idealistischen Optimismus. Der Pessimismus entstand nun aus dem Materialismus und der Enttäuschung, die die stete Sehnsucht nach dem Ideal erweckte. In der Literatur schlug sich der Pessimismus bei Platen und Lenau (aber auch Friedrich Hebbel) nieder, er ließ sich aber auch am Trend zum Selbstmord ablesen.

Der eigentliche Philosoph des Pessimismus war Schopenhauer. Bei ihm verschwamm Kants Idealismus durch den Anschluss an den Buddhismus; durch die Kritik der Gottesbeweise wurde er noch vor Feuerbach zum ersten Atheisten. Als Mystiker wehrte er sich aber gegen den Materialismus und gab an, der Weg ins Jenseits sei in uns selbst zu suchen. Das Alte Testament verwarf er aufgrund einer oberflächlichen Kritik und hielt lieber die indische Religion für die Vorgeschichte des Christentums. Der Kern der Religion ist die Erbsünde; ihr Ziel ist die Überwindung des Wollens durch das reine Denken, also durch Wissenschaft und Kunst. „Augustin und Luther, die der Aufklärung anstößigsten Lehren von der Erbsünde und dem unfreien Willen kommen durch den gewaltsamen Rückschlag gegen den Optimismus zu hohen Ehren, und auf den Rationalismus fällt ein verächtlicher Seitenblick.“. Weil es auf die Überwindung des Willens ankommt, ist auch Selbstmord keine Lösung: Der Tod löscht nur den Intellekt. Es bleibt das bekannte Nichts der Mystik. Daher liegt bei Schopenhauer die Erfüllung der Prophezeiung Jacobis, dass „der Idealismus in den Nihilismus umschlagen werde“.

Die Stellung der Gebildeten zum Christentum und zur Kirche:

Die Auswirkungen der Auflösung des Idealismus werden nun durch eine Darstellung der Stellung der Gebildeten zu Kirche und Staat erläutert. Lütgert untermauert dies breit durch ausführliche Zitate aus Tagebüchern und Literatur.

Die Generation, die von den 1830er Jahren an die Führung des geistigen Lebens übernahm, war in ihrer Erziehung überwiegend von dem Einfluss der Aufklärung geprägt. Eine häusliche religiöse Erziehung stand fast nur noch bei einfacheren Familien auf der Tagesordnung. Die Krisis des Idealismus und die religiöse Krisis gingen Hand in Hand. Kirche und Theologie tragen durchaus eine Mitschuld an der Entleerung des religiösen Lebens. Leider war die Rückzugsbewegung der Pietisten aus dem öffentlichen Leben nicht gerade hilfreich; die Abneigung gegen Wissenschaft, Kunst und Theater, für die ein Tholuck stand, konnte bei den Gebildeten keinen Einfluss entfalten, wenn auch die Kritik an den Pietisten teilweise maßlos überzog. Die ästhetisch Verwöhnten wurden dagegen von der „Öde des protestantischen Gottesdienstes abgestoßen“. Die reiche Lyrik der klassischen und romantischen Dichtung befruchtete das Kirchenlied keineswegs.

Mit dem Ansehen der Predigt sank auch das des Pfarrers; entscheidend hierfür war v.a. die Verbindung der Kirche mit dem Polizeistaat. Orthodoxer Amtsbegriff hatte sich mit preußischem Beamtenbewusstsein verbunden. Idealismus und Erweckungsbewegung, die einst die Universitäten auf eine neue Höhe gehoben hatten, traten zurück. Entsprechend lässt sich in den 1850er Jahren ein Zug von Wissenschaftsverachtung ausmachen. Der Grund für diese Krise lag in der Ausblendung religiöser Motive in der Wissenschaft: Sie wurde nicht mehr durch ein einheitliches Band zusammengehalten, sondern zerfiel in unzählige Fächer. „Der Zersetzungsprozeß, der die Religion auflöste, ergriff schließlich auch die Wissenschaft an ihrem innersten Kern.“.

Drittes Buch: Der Idealismus, die Erweckungsbewegung und ihre Auflösung im öffentlichen Leben und Schlusswort.

Das dritte Buch verfolgt die geistigen und religiösen Bewegungen der Zeit im politischen Raum. Nach einem ersten Kapitel über den Zusammenhang von Idealismus und Liberalismus, den Lütgert bisher zwar schon öfter angedeutet, aber noch nicht ausführlich begründet hatte, schildert er in einem zweiten Kapitel die Rolle der Erweckungsbewegung. Während hier – auf konservativer Seite – der Gegensatz zur die Französischen Revolution zu einer dauerhaften, patriotischen Staatsverbundenheit geführt hatte, gärte schon im Untergrund der revolutionäre Sozialismus. Lütgert lobt den unglücklichen Friedrich Wilhelm IV. und hat an Marx’ Herkunft aus dem Hegelianismus ein gefundenes Fressen. Die aus der Religion des Idealismus kommenden Parteigründungen führten dazu, dass doktrinäre, weltanschauliche Gegensätze die Programme beherrschten. Mit der Beschreibung des Sozialismus ist das in Aussicht genommene Werk an sein Ziel gelangt: „Der revolutionäre Sozialismus ist das Ende des Idealismus.“. Dieser ist damit politisch gescheitert. Den Erfolg trug Bismarcks politischer Realismus davon. Politischer Realismus, Materialismus und Pessimismus waren die Strömungen, denen „die beiden verschwisterten und verfeindeten Bewegungen“, Idealismus und Erweckungsbewegung nichts mehr entgegenzusetzen hatten. „So entstand die geistige und religiöse Krisis der siebziger Jahre. In dieser Tatsache liegt der Schlüssel für die nun folgende innere Geschichte des deutschen Volkes.“ (ebd.). Quod erat demonstrandum.

Arbeit zitieren:
Heidbrink, Gregor Januar 2006: Wilhelm Lütgerts theologische Kritik des deutschen Idealismus, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Idealismus, Realismus, Neuzeit, Geistesgeschichte, Theologie

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