Wiedereingliederung von ehemals Wohnungslosen in eigene Wohnung
Herausforderung an das Betreute Wohnen. Ein regionaler Vergleich anhand qualitativer Interviews
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: Hanna Kaußen
- Abgabedatum: Januar 2009
- Umfang: 175 Seiten
- Dateigröße: 1,8 MB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Fachhochschule Darmstadt Deutschland
- Bibliografie: ca. 60
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4798-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kaußen, Hanna Januar 2009: Wiedereingliederung von ehemals Wohnungslosen in eigene Wohnung, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Betreutes Wohnen, Qualitative Forschung, Wiedereingliederung, Vergleich, Interviews
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Bachelorarbeit von Hanna Kaußen
Einleitung:
‘Hallo? Wer ist da?’, fragte Herr B. durch die Gegensprechanlage, als ich an der Haustür klingelte. Herr B. und ich hatten uns in seiner Wohnung zu einem Gespräch verabredet. Er öffnete mir seine Wohnungstür und bat mich herein. Nachdem er mir die Jacke abgenommen hatte, bot er mir einen Sitzplatz auf seiner Couch im Wohnzimmer an. Er machte den Fernseher aus und fragte: ‘Was möchtest du trinken?’ Einem Besucher die Tür zu öffnen ist für die meisten Menschen die normalste Sache der Welt, für Herrn B. ist es etwas Besonderes. Er war bis vor kurzem wohnungslos.
Menschen ohne festen Wohnsitz stellen in Deutschland die sichtbarste Form von Armut dar. Das Ziel der Wohnungslosenhilfe ist es, diesen Zustand durch angemessene Hilfeleistungen zu überwinden. Meist wird dieses Ziel an die Beschaffung von Wohnraum geknüpft. Aktuelle Fachdiskussionen fordern, dass wohnungslose Menschen schnellstmöglich in eigenen Individualwohnraum integriert werden sollen. Die Wiedereingliederung Wohnungsloser in eigene Wohnung ist der aktuelle Tenor in der Wohnungslosenhilfe. Persönliche Unterstützung in eigener Wohnung wird als innovativer Hilfeansatz gefeiert, so soll eine Wiedereingliederung erleichtert werden. Forschungen über die Notwendigkeit des ambulanten Betreuten Wohnens bei ehemals Wohnungslosen sind jedoch kaum vorhanden. Während das Augenmerk bei Forschungsvorhaben über persönliche Hilfen in der eigenen Wohnung auf den ’typischen’ Zielgruppen dieser Hilfemaßnahme, wie z.B. psychisch Kranke, behinderte oder alten Menschen liegt, spielt die Erforschung bei der Gruppe der ehemals Wohnungslosen eine eher untergeordnete Rolle.
In meiner Arbeit werde ich daher folgender Fragestellung nachgehen: ‘Kann das Leben, in Bezug auf Selbstständigkeit und Wohnfähigkeit, in eigener Wohnung bei ehemals Wohnungslosen gelingen und welche Bedeutung kommt hierbei dem ambulanten Betreuten Wohnen zu?’ Anhand dieser Fragestellung werde ich aufzeigen, was für ehemals Wohnungslose die eigene Wohnung ausmacht, welche evtl. Risiken die eigene Wohnung mit sich bringen kann und ob ehemals Wohnungslose überhaupt wohnfähig sind. Ich werde untersuchen inwiefern Leistungen Wohnungslosenhilfe unterstützend wirken können, und ob die Vermittlung in eine eigene Wohnung grundsätzlich angestrebt werden sollte.
Meine Arbeit konzentriert sich auf das Thema der Wiedereingliederung von Wohnungslosen in eigene Wohnung unter dem Aspekt der Wiedergewinnung von Selbstständigkeit und Privatheit, sowie die Gefahr der sozialen Isolierung und thematisiert die Frage nach der Wohnfähigkeit. Ich werde die Hilfesystemstruktur der Region rund um Darmstadt aufzeigen und verschiedene Konzepte des regionalen Hilfeangebots vorstellen. Eine detaillierte Analyse des bundesweiten Hilfesystems von persönlichen Hilfen in Wohnung stellt allerdings nicht den Fokus meiner Arbeit dar. Diskussionen über Zugangsprobleme auf dem Wohnungsmarkt für Wohnungslose sind nicht der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit, da sie für die Beantwortung der Forschungsfrage nicht relevant sind. Ebenso werden die Auswirkungen der gesetzlichen Änderungen der Sozialreform für das Hilfesystem und dessen Hilfeempfänger aus selbigem Grund nicht näher erläutert.
Mein Thema zeigt die Sicht der Betroffenen auf und zieht Rückschlüsse auf die Praxis der Wohnungslosenhilfe. Aufgrund dessen habe ich die Methode der qualitativen Forschung gewählt und sowohl Experten- als auch Betroffeneninterviews durchgeführt. Durch die Interviewergebnisse werden die theoretischen Überlegungen, Erklärungsansätze und bisher durchgeführte Studien unterstützt und ergänzt. Mit Hilfe der Methoden sollen die folgenden Hypothesen bestätigt bzw. widerlegt werden:
Wiedereingliederung in eine eigene Wohnung bedeutet für ehemals Wohnungslose insbesondere die Wiedergewinnung von Selbstständigkeit und Privatheit.
Eine eigene Wohnung alleine reicht nicht aus, um einen ehemals Wohnungslosen die Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.
Die eigene Wohnung birgt die Gefahr der sozialen Isolierung in sich.
Ehemals Wohnungslose sind wohnfähig, können jedoch aufgrund vielschichtiger Problemlagen Unterstützung für eine selbstständige Lebensführung in der eigenen Wohnung benötigen.
Die Leistungen des ambulanten Betreuten Wohnens unterstützen eine selbstständige Lebensführung, allerdings sind ihnen auch Grenzen gesetzt.
Die eigene Wohnung stellt nicht immer die optimale Lösung für die Betroffenen dar.
Die Wohnungslosenhilfe orientiert sich bei der Wiedereingliederung Wohnungsloser in eigenen Wohnraum am Normalitätsverständnis unserer Gesellschaft. Daher muss man sich zunächst mit den herrschenden Vorstellungen von ‘Normalität’ und ‘Abweichung’ auseinander setzen (Punkt 2, 2.1). In den folgenden Unterpunkten werden die Auswirkungen dieser Zuschreibungen auf den Personenkreis der Wohnungslosen übertragen und anhand der Begriffe der ‘Wohnfähigkeit’ und ‘Verwahrlosung’ verdeutlicht (Punkt 2.2, 2.3). Da die eigene Wohnung einen zentralen Aspekt von Normalität darstellt, werden im Punkt 3 die verschiedenen Gesichtspunkte von ‘Wohnen’ näher beleuchtet, wobei das Hauptaugenmerk auf ‘Privatheit’ und ‘soziale Isolierung’ liegt. Um sozialer Isolierung in der eigenen Wohnung entgegen zu wirken und die Selbstständigkeit zu fördern, bietet die Wohnungslosenhilfe ihrem Klientel Unterstützung an. In Punkt 4 werde ich diese persönlichen Hilfen in eigener Wohnung vorstellen. Um die zuvor dargestellten Hilfeleistungen kritisch reflektieren zu können, werde ich darauffolgend den Ambulantisierungsprozess in der Wohnungslosenhilfe diskutieren und evtl. Risiken aufzeigen (Punkt 5). Anhand aktueller Forschungsergebnisse sollen die zuvor diskutierten Themen, wie Normalisierung, Wohnfähigkeit von Wohnungslosen und die Wirksamkeit ambulanter Hilfen überprüft, ergänzt und neue Aspekte aufgezeigt werden (Punkt 6).
In Abschnitt 7 werde ich die Angebotsstruktur dieser Hilfen in der Region aufzeigen. Diese quantitative Datenerhebung liefert einen Überblick über das vorhandene Hilfesystem, lässt jedoch keine inhaltlichen Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Leistungen und auf die Sichtweisen der ehemals Wohnungslosen zu. Hierzu dienen die Ergebnisse der durchgeführten Interviews mit Experten und Betroffenen, die anhand qualitativer Methoden durchgeführt und ausgewertet werden (Punkt 8). Die Ergebnisse der Interviews und die Vorgehensweise bei der qualitativen Forschung beziehen sich auf die in der Arbeit zuvor diskutierten Themen und sollen diese ergänzen, unterstreichen oder widerlegen (Punkt 9-15). Abschließend folgt mein Fazit, welches die Ergebnisse meiner Arbeit darstellt und diese abschließend mit der Praxis der Sozialen Arbeit verknüpft (Punkt 16).
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | EINLEITUNG | 1 |
| 2. | WAS IST SCHON ‘NORMAL‘? | 4 |
| 2.1 | Der Versuch einer Definition von ‘Normalität‘ und ‘Abweichung‘ | 4 |
| 2.2 | Vom Begriff des ‘Nichtsesshaften‘ hin zudem ‘alleinstehenden Wohnungslosen‘ | 6 |
| 2.3 | ‘Verwahrlosung’ und fehlende ‘Wohnfähigkeit’ - typische Merkmale Wohnungsloser? | 7 |
| 3. | ‘WOHNST DU NOCH ODER LEBST DU SCHON?’ | 9 |
| 3.1 | Soziologische Betrachtung des Wohnbegriffs | 9 |
| 3.1.1 | Das moderne Wohnen | 10 |
| 3.2 | Psychologische Betrachtung des Wohnbegriffs | 11 |
| 3.2.1 | Wohnwünsche und Wohnbedürfnisse | 12 |
| 3.2.2 | Der Begriff der ‘Privatheit‘ | 13 |
| 3.2.3 | Der Begriff der ‘sozialen Isolierung‘ | 14 |
| 4. | PERSÖNLICHE HILFEN IN EIGENER WOHNUNG | 16 |
| 4.1 | Prävention in der Wohnungsnotfallhilfe | 16 |
| 4.1.1 | Wenn präventive Hilfen nicht greifen - der Weg in die Wohnungslosigkeit | 17 |
| 4.1.2 | Ausblick der präventiven Hilfen | 17 |
| 4.2 | Das (ambulante) Betreute Wohnen | 18 |
| 4.2.1 | Rechtliche Rahmenbedingung und Finanzierung | 20 |
| 4.2.2 | Die Notwendigkeit des ambulanten Betreuten Wohnen | 20 |
| 4.2.3 | Ausblick des ambulanten Betreuten Wohnen | 22 |
| 5. | AKTUELLE DISKUSSION IN DER WOHNUNGSLOSENHILFE | 22 |
| 5. | Ambulant vs. Stationär | 23 |
| 5.2 | Risiken des Ambulantisierungsprozesses | 24 |
| 6. | STAND DER FORSCHUNG | 25 |
| 6.1 | ‘Dauerhafte Wohnungsversorgung von Obdachlosen’ | 26 |
| 6.1.1 | Nachuntersuchung der langfristigen Wirkung der Modellprojekte | 26 |
| 6.2 | ‘Auf dem Weg zur Normalität’ | 28 |
| 7. | REGIONALE HILFESYSTEMANALYSE | 29 |
| 8. | METHODEN DER QUALITATIVEN ERHEBUNG | 32 |
| 8.1 | Das problemzentrierte Interview | 32 |
| 8.2 | Die strukturierende qualitative Inhaltsanalyse | 33 |
| 9. | KONZEPTIONELLE BESONDERHEITEN REGIONALER ANGEBOTE | 33 |
| 9.1 | Caritasverband Frankfurt am Main | 34 |
| 9.2 | Lichtblick in Hanau | 34 |
| 9.3 | Diakonisches Werk Groß-Gerau/Rüsselsheim | 35 |
| 10. | DIE EXPERTENBEFRAGUNG: ZIEL UND VORGEHEN | 36 |
| 11. | UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE DER EXPERTENBEFRAGUNG | 36 |
| 11.1 | ‘Wohnfähigkeit’ und ‘soziale Isolierung’ | 37 |
| 11.2 | Fazit der Experteninterviews | 39 |
| 12. | ZIEL DER QUALITATIVEN KLIENTENBEFRAGUNG | 41 |
| 12.1 | Anforderungen an die Interviewpartner | 41 |
| 12.2 | Vorgehensweise bei der Findung von geeigneten Klienten | 42 |
| 13. | DIE KONKRETE UNTERSUCHUNGSSITUATION | 42 |
| 14. | UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE DER QUALITATIVEN STUDIE | 43 |
| 14.1 | Privatheit | 43 |
| 14.2 | Soziale Isolierung | 45 |
| 14.3 | Wohnfähigkeit | 48 |
| 14.4 | Zufriedenheit mit dem ambulanten Betreuten Wohnen | 50 |
| 15. | FAZIT DER ARBEIT | 51 |
| 15.1 | Überprüfung der Eingangshypothesen | 52 |
| 15.2 | Ausblick | 57 |
| 15.3 | Weiterführende Überlegungen | 57 |
| 16. | LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS | 60 |
| 17. | ANHANG | 67 |
Textprobe:
Kapitel 5, Aktuelle Diskussion in der Wohnungslosenhilfe:
In Fachbüchern, Positionspapieren und aktuellen Forschungsberichten wird durchgehend von einem „Paradigmenwechsel“ bei der Wohnungslosenhilfe gesprochen. Schlagwörter wie „Rekommunalisierung“, „Dezentralisierung, „Ambulantisierung“ und „Normalisierung“ stellen die wichtigsten Entwicklungstendenzen dar. Für die Praxis der Wohnungslosenhilfe bedeutet diese Entwicklung, dass nicht die Aussonderung sondern Integration vor Ort das Ziel der Hilfen für Wohnungslose sein sollte. Während bisher die stationären Einrichtungen in der Wohnungslosenhilfe dominieren, geht der Trend hin zur Dezentralisierung stationärer Einrichtungen. Abbau von kommunalen Obdachlosenunterkünften, Ausbau der ambulanten Hilfen und weg von „Hospitalisierung“. Unter der Überschrift „Auf dem Weg von der Anstalt zur Wohnung“ lässt sich der Prozess der Ambulantisierung zusammenfassen. Projekte mit dem Titel „Unterkünfte – besser (ist) wohnen“, setzen sich als Ziel, Unterkunftsplätze für Wohnungslose abzubauen und im Zuge dessen die betreffenden Bewohner in angemessenen Mieträumen zu integrieren. Aktuelle Forschungsberichte kommen zu dem Ergebnis, die ambulanten Hilfen für Wohnungslose auszubauen, Hilfen in eigener Wohnung für ehemals Wohnungslose zu stärken und stationäre Einrichtungsplätze zu verringern oder komplett zu dezentralisieren.
Im nachfolgenden Teil meiner Arbeit möchte ich diesen Entwicklungsprozess diskutieren, indem ich sowohl die Vor- als auch die Nachteile der Ambulantisierungsbewegung aufzeigen möchte. Welche Risiken verbergen sich hinter der Modernisierung der Wohnungslosenhilfe und welche Chancen bringt sie mit sich?
Ambulant vs. Stationär :
Stationäre Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe geraten durch die immer stärker an Präsenz gewinnende Ambulantisierung des Hilfesystems vermehrt in die Kritik. Stationäre Wohnheime für Wohnungslose würden nicht resozialisierend für die Betroffenen wirken, sondern die Klienten hospitalisieren. Unselbstständigkeit, Stillstand und Bevormundung der Bewohner in stationären Einrichtungen würden erst das defizitäre und stigmatisierende Bild des Wohnungslosen produzieren. Der Begriff der ’fürsorglichen Belagerung’ unterstreicht diese Annahme. Die meist räumlich isolierte Lage der Wohnheime führe zur Ghettoisierung und somit gleichfalls zur Stigmatisierung der Bewohner. Das Setting stationärer Einrichtungen lasse es nicht zu, das reale Leben außerhalb der stationären Kulisse wahrzunehmen. Stationäre Hilfegewährung biete widernatürliche und überzogene Hilfen an und stelle somit ein sozialpädagogisch überholtes und auch überteuertes Angebot dar. Es sei daher nicht mehr angemessen. Ihr Hilfeansatz sei pathologisierend und betrachte den Klienten als defizitär und unmündig. Kritiker des stationären Hilfesystems sprechen gar von einer Missachtung der Bürgerrechte aufgrund menschenverachtender Hausordnungen. Ebenso werden die Resozialisierungsbemühungen der stationären Angebote in Frage gestellt. STRUNK macht die Paradoxie stationärer Einrichtungen folgendermaßen deutlich: „Wir verordnen Resozialisierung, bevor das Grundbedürfnis ‘Wohnen‘ befriedigt ist“.
Auch der Gesetzgeber gibt vor, dass ambulanten Hilfen der Vorrang vor stationären Hilfen gewährt werden solle, wenn diese es dem Hilfeberechtigen ermöglichen, wieder am gesellschaftlich ’normalen’ Leben teilzunehmen und diese nicht mit unzumutbaren Mehrkosten im Vergleich zu einem stationären Angebot verbunden sind.
Oberstes Ziel der Ambulantisierungsbewegung ist es, Sonderwohnformen für ehemals Wohnungslose zu reduzieren, um somit ein Hilfeangebot anbieten zu können, welches seine Leistungen weitestgehend in normalen Wohn- und Lebensverhältnissen anbietet. Der Individualwohnraum mit eigenem Mietvertrag biete „die besten Chancen für eine Normalisierung der Lebenslagen und die soziale Integration der ehemals Wohnungslosen.“ Laut einem Gutachten der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V. würde eine Umsteuerung von stationären Hilfen hin zu ambulanten Maßnahmen ein deutliches Einsparpotential mit sich bringen. Somit seien Hilfen zur Resozialisierung ehemals Wohnungsloser effektiver und noch dazu kostengün-stiger. Dass die dauerhafte Integration von ehemals Wohnungslosen in eine eigene Wohnung, mit einem eigenen Mietvertrag möglich ist, beweisen mehrere Studien.
Risiken des Ambulantisierungsprozesses:
Auch wenn in den meisten aktuellen Diskussionen der Ambulantisierungsprozess befürwortet wird, muss man dennoch die Frage stellen, ob für einige Klienten der Wohnungslosenhilfe nicht doch stationäre Angebote die geeignetste Form der Hilfeerbringung darstellen kann. Ein Abbau stationärer Hilfen darf nicht die Gefahr mit sich bringen, dass dadurch bestimmten Personengruppen kein geeignetes Leistungsangebot mehr zur Verfügung gestellt werden kann. Werden Hilfemaßnahmen nur dann als gelungen angesehen, wenn der Betroffene in eine eigene Wohnung vermittelt werden konnte, birgt dies die Gefahr, dass sich Hilfeangebote an dem „Normalitätsverständnis“ der ‘Normalgesellschaft‘ orientieren und individuelle Bedürfnisse der Wohnungslosen außer Acht gelassen werden. Erst recht wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung dieses Bestreben auch für den Kostenträger attraktiver macht. Ebenso ist anzumerken, dass besonders in Städten mit einem stark angespannten Wohnungsmarkt die Realisierungschancen eines ganzheitlichen ambulanten Hilfesystems eher unwahrscheinlich sind, da kein ausreichend finanzierbarer Wohnraum zur Verfügung steht.
Berücksichtigt werden muss, dass dem Ambulantisierungsprozess Grenzen gesetzt sind. Stationäre Angebote sollten für spezifische Klientengruppen zur Verfügung stehen, deren besondere Lebensumstände mehr bedürfen als nur ambulante Beratung und Betreuung. Hierzu gehören u. a. pflegebedürftige ältere und chronisch kranke Wohnungslose. Diesen Klienten muss es ermöglicht werden, durch stationäre Betreuung eine Stabilisierung ihrer Lage zu erfahren. Sie benötigen einen Schon- und Schutzraum, um einer weiteren Verschlimmerung ihrer Situation vorzubeugen. Stationäre Einrichtungen bieten den geeigneten Rahmen, um neue Perspektiven zu erarbeiten und das Vertrauen in die eigene Selbstständigkeit zurück zu gewinnen. Wohnungslose, die nur vorrübergehend Beratung benötigen, aufgrund fehlender ambulanter Angebote jedoch auf stationäre Maßnahmen zurückgreifen müssen, sollen nicht zum typischen Klientel der stationären Einrichtungen zählen. Stationäre Einrichtungen müssen als „sinnvolle Ergänzung zu ambulanten Einrichtungen“ angesehen werden.
Wenn die verschiedenen Hilfeansätze der Wohnungslosenhilfe ihr eigenes spezifisches Profil herausarbeiten und somit nicht mehr gegeneinander um fachliche Anerkennung, Klienten und finanzielle Absicherung konkurrieren müssen, können sie beginnen sich gegenseitig zu ergänzen. Nur so kann die Ausgrenzung einzelner Mitglieder der heterogenen Gruppe der Wohnungslosen vermieden werden.
„Zukunft wird die Wohnungslosenhilfe dann gewinnen, wenn sie sich mehr und mehr von den traditionellen Organisationsformen Ambulanz, Station und Teilstation ablöst und sich an Hilfsbedarfen, Hilfeintensität und Hilfedauer orientiert“.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836647984
Arbeit zitieren:
Kaußen, Hanna Januar 2009: Wiedereingliederung von ehemals Wohnungslosen in eigene Wohnung, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Betreutes Wohnen, Qualitative Forschung, Wiedereingliederung, Vergleich, Interviews



