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Widerstand gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR 1952-1961

Widerstand gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR 1952-1961
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Stefan Finger
  • Abgabedatum: Oktober 1999
  • Umfang: 93 Seiten
  • Dateigröße: 596,7 KB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-2488-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-2488-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-2488-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Finger, Stefan Oktober 1999: Widerstand gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR 1952-1961, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Landwirtschaft, LPG, Agrarsoziologie, Kollektivierung, DDR

Staatsexamensarbeit von Stefan Finger

Einleitung:

Die Staatsexamensarbeit befaßt sich in erster Linie mit dem Widerstand, welcher von Teilen der Landbevölkerung der Deutschen Demokratischen Republik gegen die Kollektivierungsmaßnahmen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in den Jahren 1952 bis 1961 geleistet wurde. Es handelte sich dabei um eine weitverbreitete Gegenwehr, die sich gegen den sogenannten "Aufbau des Sozialismus" auf dem Lande und der damit einhergehenden "Vergenossenschaftlichung" aller Produktionsmittel richtete. Eben jene Gegenwehr ist es, die im Mittelpunkt der Betrachtungen der vorliegenden Staatsexamensarbeit stehen soll.

Das genaue Ziel der Untersuchungen liegt dabei in der Analyse, Typologisierung und Darstellung jenes widerständigen Verhaltens, obgleich politischer Widerstand weder genau definiert, noch absolut gemessen werden kann und allenfalls relativ und prozessual einzuschätzen ist. Die zentrale Fragestellung der Examensarbeit lautet also: Auf welche Art und Weise hat die Landbevölkerung der DDR auf die von Partei und Staat oktroyierte "Sozialisierung" ihres Eigentums reagiert und inwieweit läßt sich das jeweilige Verhalten als Widerstand deuten bzw. typisieren?

Gang der Untersuchung:

Um diese zentrale Fragestellung bearbeiten und beantworten zu können, findet sich zunächst einmal ein historischer Überblick, der in die grundlegenden geschichtlichen und politischen Zusammenhänge einführt und die ideologischen Hintergründe erläutert. So werden also in knapper Form die theoretischen Grundlagen, die sowjetzonalen Gegebenheiten, die Vorgeschichte, Beginn, Verlauf und Abschluß der Kollektivierung geschildert, um somit eine Basis für den Hauptteil der Arbeit und die Beantwortung der zentralen Fragestellung zu schaffen. Des weiteren folgen einige notwendige Vorüberlegungen zum Widerstandsbegriff sowie eine Abhandlung zur Kirche als "letzte legale Trägerin von Opposition" im totalitären Staat. Im Anschluß an den Hauptteil der Arbeit erfolgt eine Darstellung der Gründe und Ursachen, die zu diesem mitunter erbitterten bäuerlichen Widerstand geführt haben. Den endgültigen Abschluß der Ausführungen bildet die Zusammenfassung mit einem Fazit zur Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität des Sozialismus auf dem Lande.

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung 1
II. Von der Industrialisierung zur Zwangskollektivierung: Ein historischer Überblick 5
1. Die geistigen Väter des Sozialismus und ihre Vorstellungen von der genossenschaftlichen Produktion 5
2. Die Einführung des "stalinistischen Systems" in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 9
3. Die "antifaschistisch-demokratische Bodenreform" in der Sowjetzone 11
4. Der systematische Machtausbau der SED und ihre Reorganisation zur "Partei neuen Typus" 13
5. Der "Klassenkampf" gegen die Großbauern 16
6. Die II. Parteikonferenz der SED und ihr Beschluß zum "Aufbau des Sozialismus" auf dem Lande 19
7. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften 21
8. Die Interdependenz von Fluchtbewegung, Wirtschaftskrise, Normerhöhungen und Volksaufstand 22
9. Der "Neue Kurs": Eine kurze "Atempause" auf dem Weg zur Vollkollektivierung 24
10. Die Zwangskollektivierung: Exodus und Exitus des freien Bauerntums der Deutschen Demokratischen Republik 25
11. Der Bau der Berliner Mauer: Die Fluchtbewegung hat ein Ende 27
III. Der Widerstand der Landbevölkerung gegen die Kollektivierungsmaßnahmen in der Landwirtschaft 29
1. Vorüberlegungen zum Widerstandsbegriff 29
2. Die Kirche als letzter legaler Träger von Opposition im totalitären Staat 31
3. Die verschiedenen Formen des widerständigen Verhaltens der Landbevölkerung gegen die Kollektivierung 34
3.1 Forderungen, Meinungsäußerungen und offener Protest: Der verbale Widerstand als Mindestmaß der Gegenwehr 34
3.2 Nonkonformes Verhalten, ziviler Ungehorsam und offene Resistenz als Verweigerung jeglicher Kooperation 38
3.3 Solidarischer Widerstand auf dem Lande: Die Klasse der Bauern hält zusammen 42
3.4 Handgreifliche Verweigerung und kämpferische Abwehr von Übergriffen: Die Landbevölkerung demonstriert Entschlossenheit 44
3.5 Stichagitationen und tätlicher Widerstand: Die Bauernschaft geht in die Offensive 46
3.6 Sabotage und "Diversion": Aktive Gegenwehr im Verborgenen 49
3.7 Angebliche "Schädlingstätigkeit" und fortgesetzte Wirtschaftsverbrechen: Der Widerstand, der keiner war 51
3.8 Die Flucht aus der Heimat: Endgültige Verweigerung durch Entzug 54
3.9 "Eher gehe ich aufs Schafott, als daß ich in die Kolchose eintrete!" Suizid als Symbol der Ablehnung, der Verweigerung und der Resistenz 58
3.10 Gebrochener Widerstand und bezwungene Resistenz: Der Eintritt in die LPG 60
3.11 Erneutes Aufbegehren im vollsozialistischen Staat: Austritte und Auflösungen von LPGen 63
4. Die Gründe des Widerstandes der Landbevölkerung 65
IV. Zusammenfassung 67
Abkürzungsverzeichnis 69
Quellen- und Literaturverzeichnis 70
Erklärung des Verfassers

Automatisiert erstellter Textauszug:

LPG bekommt alles, und uns unterdrückt man.“118 Pietschmann wurde daraufhin vom Bezirksgericht Dresden zu acht Monaten Gefängnis wegen „maßloser Verleumdung von Staat, Partei und Regierung“ verurteilt. Und die von Bauer Schröder aus Luckow, Kreis Ückermünde, und Bauer Zillmer aus Zemmin, Kreis Demmin, auf einer Versammlung geäußerte Ansicht, daß die freie Wirtschaft des Westens im Vergleich zu jener des eigenen Landes deutliche Vorteile aufzuweisen hätte, führte zu einer Verurteilung wegen Verbreitung „tendenziöser Gerüchte“ samt vollständiger Enteignung.119 Selbst die harmlos erscheinende Bezeichnung eines LPG-Mitglieds als „Kolchosenarbeiter“ führte wie im Falle dreier Bauern aus der Gemeinde Eickendorf aus dem Kreis Schönebeck zu sofortiger polizeilicher Verfolgung.120 Sich dem Führungsanspruch der SED und ihren politischen Inhalten mit kritischen Worten entgegenzustellen, wurde also seitens des Staates ganz klar als Verbrechen deklariert, von der Justiz mit empfindlichen Strafen geahndet und in der Gesellschaft als Widerstand empfunden. Und dennoch wurden immer wieder Stimmen laut, die die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR offen kritisierten.121 Als im Verlauf einer Versammlung im Bezirk Cottbus die VdgBZeitung „Der freie Bauer“ erwähnt wurde, brach sofort eine tumultartige Unruhe aus. Die Bauern schrien aus vollem Halse, daß sie doch schon lange keine freien Bauern mehr seien.122 Selbst Vorsitzende von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften empfanden die Zustände in der sozialistischen Landwirtschaft manchmal als derart unerträglich, daß sie sich zu offener Kritik hinreißen ließen. Zum Beispiel wagte es der Vorsitzende der LPG Kauern, Heinz Wittig, sich vor dem Zentralkomitee der SED gegen die Parteifunktionäre auszusprechen, die auf dem Lande das Sagen hätten, ohne auch nur die geringste Fachkenntnis vorweisen zu können.123 Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Bekannt ist nur, daß diejenigen, die mehr zu sagen wagten, für gewöhnlich auch mit höheren Strafen zu rechnen hatten. Der [...]

ihr euch in acht nehmen!“113 In Zeulenroda forderte ein besonders wagemutiger Landwirt: „Gebt den Bauern die Freiheit und beseitigt die Diktatur, damit wir frei unserer Arbeit nachgehen können.“114 Und am 9. Juli 1960 skandierten empörte Landwirte auf einer Versammlung der VdgB: „Schlagt sie entzwei, die rote Front“115. Die Frage, ob diese offenen Meinungsäußerungen, diese ausschließlich verbalen Proteste bereits als Widerstand anzusehen sind, dürfte sich nur schwerlich klären lassen. Die Deutsche Demokratische Republik jedoch hat sie definitiv als solchen angesehen, wie der Fall eines 34jährigen Bauern aus dem Dorfe Warsow zeigt. Der Einzelbauer hatte mit den Worten, daß er sich weigere, sein eigener Angestellter zu werden, den geforderten Eintritt in eine LPG abgelehnt und war aufgrund dieser Aussage wegen staatsfeindlicher Propaganda inhaftiert worden.116 Ob also verbale Unmuts- und Ablehnungsbekundungen dem wörtlichen oder dem historischen Verständnis nach als widerständiges Verhalten eingestuft werden können oder nicht, sei dahingestellt. Im totalitären „Arbeiter- und Bauernstaat“ jedenfalls galt - wie bereits in den obigen „Vorüberlegungen zum Widerstandsbegriff“ ausgeführt - aufgrund der herrschenden marxistisch-leninistischen Ideologie und der stalinistischen These des „sich notwendigerweise verschärfenden Klassenkampfes“ bereits die einfachste Form offen geäußerten Widerspruchs als „Kriegshetze“, „feindliche Propaganda“ und „ideologische Diversion“, der in der Regel harte Strafen folgten. So wurde zum Beispiel der Bauer Frotschow aus Lübbenau verhaftet und verurteilt, weil er im Auftrag sämtlicher freier Bauern des Ortes bei der Ostberliner Landwirtschaftsverwaltung vorsprechen und gegen die staatlichen Zwangsmaßnahmen protestieren sollte - wozu es dann aufgrund der vorsorglichen Festnahme nicht mehr kam.117 Ähnliches widerfuhr auch dem Bauern Robert Pietschmann aus Buchholz, der während einer Sitzung der VdgB aufzustehen und zu sagen gewagt hatte: „Erzählt uns keinen Quatsch. Ist ja alles Schwindel. Gebt uns doch die Maschinen. Die [...]

Die verbreitetste Form des Widerstandes gegen die Agrarpolitik der SED war der offene Widerspruch und das verbale Bekunden von Geringschätzung, Mißfallen und Ablehnung. Dieser verbale Widerstand war Ausdruck von Unzufriedenheit und Unbehagen in bezug auf eine konkrete Situation oder die allgemeinen gesellschaftlichen oder politischen Verhältnisse und stellte somit die „unterste“, also die einfachste Form der Gegenwehr dar. Allerdings verbarg sich hinter dieser Form des Aufbegehrens zumeist nicht einmal die Entschlossenheit, der geäußerten Ablehnung und Verweigerung konsequent Taten folgen zu lassen. Oftmals blieb es bei mehr oder minder lautstarken Unmutsbekundungen der Bauern. Wer sich anschließend der geforderten Vergesellschaftung der Produktionsmittel und dem Eintritt in die LPG fügte, blieb in der Regel von weiterer Verfolgung und fortgesetzten Diffamierungen seitens des Staates verschont. Eine Vielzahl von Bauern weigerte sich jedoch, den unrechtmäßigen Forderungen der Agitatoren und Funktionäre Folge zu leisten. So wurde vor allem an jenen Abenden, an denen Gemeindeversammlungen anberaumt waren und Ansprachen von Vertretern der Partei und des Staates erwartet wurden, in vielen Fällen Alkohol konsumiert, um den geschulten Rednern mit dem nötigen Mut entschlossen entgegentreten zu können.111 Von einer Schar lärmender, pfeifender und trampelnder Bauern übertönt gaben die Redner nicht eben selten ihr Vorhaben auf und brachen den Vortrag ab. Die im Zuge der staatlich forcierten Kollektivierungsmaßnahmen arg bedrängten Einzelbauern forderten bei derartigen Gelegenheiten oftmals die freie Ausreise in den Westen,112 verlangten Freiheit und Marktwirtschaft, prangerten den „russischen Sozialismus an“, wetterten gegen die untauglichen Produktivgenossenschaften oder wagten gar die offene Drohung: „Der Laden bricht sowieso zusammen, dann könnt [...]

Arbeit zitieren:
Finger, Stefan Oktober 1999: Widerstand gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR 1952-1961, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Landwirtschaft, LPG, Agrarsoziologie, Kollektivierung, DDR

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