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Werteerziehung in der Institution Schule

Sekundarstufe I

Werteerziehung in der Institution Schule
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Thorsten Schütt
  • Abgabedatum: März 2006
  • Umfang: 151 Seiten
  • Dateigröße: 476,7 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Technische Universität Berlin Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9757-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9757-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9757-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schütt, Thorsten März 2006: Werteerziehung in der Institution Schule, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Ethik, Norm, Moral, Unterricht, Wertewandel

Staatsexamensarbeit von Thorsten Schütt

Einleitung:

Auch wenn die Diskussion um die Einführung eines verbindlichen Werteunterrichts an den Berliner Schulen zum Schuljahr 2006/07 entschieden ist, so ist das Thema nach wie vor aktuell. Die Diskussion um die Vermittlung von Werten ist vielmehr ein „Evergreen“ – ein Thema, dass nahezu zu jeder Zeit viel diskutiert und über das heftig gestritten wurde und wird. Globalisierung, der Rückzug des Sozialstaates und die fortschreitende – wenn nicht sogar abgeschlossene – Säkularisierung der Gesellschaft haben den Einfluss der christlichen Kirchen auf die Wertebildung und Werteverfestigung in Deutschland schrumpfen lassen.

Einerseits wurde der Verfall der Sitten, der Verlust von Werten und moralischen Vorstellungen dabei in nahezu jeder Zeitepoche menschlichen Lebens beklagt. Andererseits kommt die Shell Jugendstudie 2002 zu dem Ergebnis, dass eine pauschalisierte Aussage über einen Werteverfall in der Jugend unzutreffend sei – eher stimme das Gegenteil.

Sind es wirklich die Werte, die verfallen sind, oder wird, wie von Hentig feststellt, nicht vielmehr das Bewusstsein ihrer Geltung verändert wahrgenommen bzw. lässt dieses nach? Werte und Wertorientierungen werden intergenerationell unterschiedlich wahrgenommen, be- und gewertet.

Das Grundgesetz, die Länderverfassungen und auch die Schulgesetze der Länder beschreiben eine Vielzahl von Werten, die in der Institution Schule vermittelt werden sollen. Doch in welcher Form geschieht dies? Kommt die Schule ihrem Erziehungsauftrag in diesem Fall ausreichend nach? Können Werte „indirekt vermittelt“ werden oder bedarf es dafür gesonderter pädagogischer Anstrengungen? Sind Werte nicht gerade (normative) Lebensziele, die von einer größeren Gruppe von Individuen durch Einsicht und Erfahrung geteilt werden?

Können diese überhaupt im Rahmen von Unterricht vermittelt werden oder ist Unterrichten nicht ein permanentes Weitergeben von Werten und Vorstellungen mit stark subjektiver Prägung durch die/den Lehrende/n? Unter welchen Bedingungen akzeptiert ein Mensch überhaupt eine Idee als ein Leitmotiv für sein Denken und Handeln? Sollen Werte nicht nur „vermittelt“ und gelehrt, sondern auch erfahren oder vorgelebt werden?

Der Lernort Schule verlangt mehr von den Pädagogen als das bloße Vermitteln von Wissensinhalten. Der Institution Schule fällt in unserer immer komplexer werdenden Welt eine Vielzahl von neuen und ebenso elaborierten Aufgaben zu. Schule ist bzw. soll noch viel stärker zu einem integrativen Instrument gesellschaftlicher und privater Lebensvorbereitung für die Heranwachsenden werden. Welche Voraussetzungen, Fähigkeiten und Kompetenzen benötigen die Heranwachsenden?

Dass die Sozialisation von herausragender Bedeutung für den Lebensabschnitt Schule ist und hierdurch stark determiniert wird, haben mehrere namhafte Studien in den letzten Jahren belegt. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Welche anderen Faktoren haben Einfluss auf die Fähigkeit und die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme am Lernort Schule?

Problemstellung:

Was haben Ethik, Moral und Werte mit Schule zu tun? Ist die Schule ein Ort, an dem diese komplexen Konzepte zur Lebensgestaltung explizit thematisiert und in Form eines Schulfaches vermittelt werden müssen, oder werden diese Themen nicht bereits heute schon durch das aktive Handeln von Pädagoginnen und Pädagogen an die Schülerinnen und Schüler herangetragen?

Aufgabe und Inhalt dieser Arbeit sollen die Darstellung des Status quo der aktuellen pädagogischen Arbeit im Bezug auf Werteerziehung sein, der in Form einiger Interviews mit Lehrerinnen und Lehren der Sekundarstufe I ermittelt wird. Kann Lernen überhaupt wert-, norm- oder moralfrei vonstatten gehen, so dass ein gesonderter Werteunterricht notwendig wird? Der gesunde Menschenverstand verneint diese Fragestellung augenblicklich. Und auch die unterschiedlichsten Richtungen in den Erziehungswissenschaften verneinen den ersten Teil der Frage vehement, streiten allerdings noch über den zweiten Teil.

Was aber soll das Fach Ethik nun bewirken? Tatsache ist, dass das neue Berliner Schulgesetz – auch ohne das Fach Ethik bzw. Lebensgestaltjung-Ethik-Religionskunde – in seinem § 1 bereits die Ziele und Richtungen eines Ethikunterrichts festschreibt, ohne dass ein eigenständiges Schulfach hierfür vorhanden ist:

„Auftrag der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln. Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde, der Gleichstellung der Geschlechter und im Einklang mit Natur und Umwelt zu gestalten.

Diese Persönlichkeiten müssen sich der Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit bewusst sein und ihre Haltung muss bestimmt werden von der Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen, von der Achtung vor jeder ehrlichen Überzeugung und von der Anerkennung der Notwendigkeit einer fortschrittlichen Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie einer friedlichen Verständigung der Völker. Dabei sollen die Antike, das Christentum und die für die Entwicklung zum Humanismus, zur Freiheit und zur Demokratie wesentlichen gesellschaftlichen Bewegungen ihren Platz finden.“ Die Berliner Schule hat demnach per Gesetz die Aufgabe, Menschen zum friedlichen Miteinander, zu Toleranz, Menschenwürde und Tradition zu erziehen, ganz gleich, ob ein gesondertes Schulfach verpflichtend angeboten wird oder nicht. In dieser Arbeit soll weniger die Frage nach der Notwendigkeit eines solches gesonderten Unterrichtsfaches gestellt werden, auch soll nicht thematisiert werden, ob die Schule sich, da nun extra ein Fach Ethik eingeführt wird, im Falle der Nichteinführung zu einem ansonsten ethikfreien Raum transformieren würde.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
1.1 Begründung der Thematik 4
1.2 Ziel der Arbeit 5
1.3 Materialbasis 6
1.4 Verlauf der Arbeit 7
2. Begriffsklärung 7
2.1 Wert, Norm, Tugend 8
2.2 Moral, Ethik 12
2.3 Wertedebatte in Erziehungswissenschaft und Schule 14
2.4 Wertewandel in Gesellschaft und Politik nach dem Zweiten Weltkrieg 17
2.5 Werteerziehung in der Erziehungswissenschaft 20
2.5.1 Brezinkas Konzepte einer pädagogischen Ethik 21
2.5.2 Jürgen Oelkers Konzept einer pädagogischen Ethik 23
2.5.3 Hans-Jochen Gamms Konzept einer pädagogischen Ethik 24
2.6 Grundfragen schulischer Werteerziehung 27
2.6.1 Institutionelle Bedingungen 27
2.6.2 Ausgewählte Konzepte 34
2.6.3 Der Berliner Rahmenlehrplan für das Fach „Ethik“ 34
2.6.4 Der Brandenburger Rahmenlehrplan L-E-R 37
3. Empirische Befunde 42
3.1 Untersuchungsinstrumentarium 42
3.2 Kriterien für den Interviewleitfaden 43
3.3 Datenerhebung 44
3.4 Datenauswertung 44
3.5 Ergebnisse 51
3.5.1 Zustimmung zum Fach Ethik 52
3.5.2 Sinn und Notwendigkeit 52
3.5.3 Anforderungen an den Ethikunterricht 53
3.5.4 Schule als Ort für die Vermittlung 53
3.5.5 Welche Werte soll Schule vermitteln? 54
3.5.6 Bedeutung von Vorbildern 56
3.5.7 „Werteverlust“ 57
3.5.8 Gott, Religion und Tradition 58
3.5.9 Realistische Ziele 58
4. Resümee 59
4.1 Diskussion der Ergebnisse 62
4.2 Ausblick 65
5. Literaturverzeichnis 68
6. Anhang 70
6.1 Schulgesetz Berlin 70
6.2 Schulgesetz Niedersachsen 72
6.3 Schulgesetz Baden-Württemberg 73
6.4 Abbildungsverzeichnis 77
6.5 Interviewleitfaden 79
6.6 Transkriptionen der durchgeführten Interviews 84
6.6.1 Interview Annette Holtfrerich 84
6.6.2 Interview Etta Willuweit 97
6.6.3 Interview Barbara von Schwarzenberg-Rüttgerodt 113
6.6.4 Interview Christoph Heyd 127
6.6.5 Interview Gerlinde Niessen 141
6.7 Erklärung 153

Automatisiert erstellter Textauszug:

§ 1 Auftrag der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln. Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde, der Gleichstellung der Geschlechter und im Einklang mit Natur und Umwelt zu gestalten. Diese Persönlichkeiten müssen sich der Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit bewusst sein und ihre Haltung muss bestimmt werden von der Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen, von der Achtung vor jeder ehrlichen Überzeugung und von der Anerkennung der Notwendigkeit einer fortschrittlichen Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie einer friedlichen Verständigung der Völker. Dabei sollen die Antike, das Christentum und die für die Entwicklung zum Humanismus, zur Freiheit und zur Demokratie wesentlichen gesellschaftlichen Bewegungen ihren Platz finden. [...]

Alibierziehungsbemühung“ an. Weitaus sinnvoller als die Einführung eines neuen Faches wäre in meinen Augen eine Neuausrichtung und Neubewertung bzw. konsequente Umsetzung der im Berliner Schulgesetz formulierten Erziehungsziele. So würde die geforderte aber bis dato nur in Ansätzen umgesetzte Integration bzw. Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Impairment87 verbunden mit der konsequenten Umsetzung eines obligatorischen Ganztagsschulbetriebs (hiermit ist auf keinen Fall die in der Berliner Grundschule eingeführte verlässliche Halbtagsschule mit anschließender Hortbetreuung gemeint, sondern eine Ausweitung von schulischem Lernen und Freizeitangeboten im Rahmen und mit dem Personal von Schule!) bei gleichzeitiger Verlängerung der gemeinsamen Schullaufbahn vermutlich viel mehr zur Ausbildung eines festen Wertekonzeptes vieler Schülerinnen und Schüler beitragen. Förderlich wären in diesem Zusammenhang sicherlich auch die Senkung der Klassenfrequenzen (von rund 30 Schülern in vielen Grundschulen und Gymnasien in der Sekundarstufe I) um mindestens 5 bis 10 Schüler sowie eine andere räumliche und personelle Ausstattung der Schulen. In ein solches Konzept gehört ganz ohne Zweifel auch eine veränderte Lehrerausbildung (das auslaufende Staatsexamen und der neue Bachelor/Master Studiengang bereiten weder curricular noch psychologisch oder moralisch auf die Realität und die Herausforderungen an der Schule vor). All dies würde viel Geld kosten. Angesichts leerer Kassen ist die Idee des Ethikunterrichts daher mit Sicherheit ein richtiger wenn auch kleiner Schritt. Ohne ein Umdenken in der Bildungspolitik wird es der Wirtschaftsstandort Deutschland aber schwer haben, seine Konkurrenzfähigkeit in einer globalisierten Welt zu erhalten. Das Kapital des Staates sind seine Bürger. Aber wer in einer Informations- und Wissensgesellschaft Bildung nicht priorisiert darf sich weder über Mittelfeldplätze bei internationalen Schulund Lernstudien oder eine schwindende wirtschaftliche Potenz wundern, [...]

den Modell für das Zusammenleben zu machen, dürften Oelkers und Gamm zu einem anderen Schluss kommen. Auch wenn zwischen den Aussagen und Meinungen Brezinkas und meinen Überzeugungen nur selten eine Übereinstimmung festzustellen ist, möchte ich ihn sinngemäß mit den Worten zitieren: „mehr Wissen schafft mehr Unsicherheit.“ Dieser Umstand, von geradezu globaler Richtigkeit, trifft auch auf diese Arbeit zu. Wobei hier der Begriff Unsicherheit nur auf eine Wissensunsicherheit bezogen werden soll. Zu der von Brezinka postulierten Werteunsicherheit hat diese Arbeit nicht beigetragen. Dennoch wirft die Beantwortung einiger Fragen gleichzeitig auch neue auf. Welchen Einfluss hat etwa Religiosität auf die Vermittlung von Werten? Welche Mechanismen spielen bei der Annahme von Werten und Vorstellungen eine Rolle? Können unter diesen Voraussetzungen überhaupt Werte in einem gesonderten Schulfach in der Schule weitergegeben werden, wo doch bereits versucht wird andere Lerninhalte stellenweise ohne oder nur mit sehr geringem Erfolg zu vermitteln? Kann sich Schule gegen den allgemeinen Trend der Entfamiliarisierung86 stemmen? Diese und noch viele andere Fragen drängen sich mir zum Schluss dieser Arbeit förmlich auf. Ob und in wie fern das neue Schulfach nun die Kenntnisse und Fähigkeiten im Umgang von Menschen unterschiedlichster kultureller, sprachlicher oder sozialer Ursprünge durch das Fach „Ethik“ verbessert werden wird, muss abgewartet werden. Meine persönliche Meinung ist, dass das neue Schulfach keinen Schaden anrichten wird. Der Erfolg hängt aber, und hier stimme ich mit den von BS, GN und CH geäußerten Zweifeln überein, vom Lehrenden ab. Damit wird eines der größten Dilemmata von Schulbildung im Allgemeinen offenbar: Trotz aller Versuche in der Aus- und Weiterbildung von Lehrern ist es bislang nicht gelungen diese persönliche Komponente in einer Lernbeziehung abzubauen. Daran wird auch das neue Schulfach sicherlich nichts ändern. Zum anderen erscheint mir die Einführung des Faches als der von wirtschaftlichen Aspekten gelenkte Versuch, Defizite in der gesellschaftlichen Aufgabe der Wertevermittlung auf eine möglichst kostengünstige Weise auszugleichen. Diesem Versuch haftet das Manko einer „kostenneutralen [...]

Arbeit zitieren:
Schütt, Thorsten März 2006: Werteerziehung in der Institution Schule, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Ethik, Norm, Moral, Unterricht, Wertewandel

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