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Die Werktätigen in DEFA-Spielfilmen

Die Werktätigen in DEFA-Spielfilmen
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Sabine Brummel
  • Abgabedatum: Dezember 1995
  • Umfang: 130 Seiten
  • Dateigröße: 555,7 KB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Universität Paderborn Deutschland
  • Bibliografie: ca. 165
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4524-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Brummel, Sabine Dezember 1995: Die Werktätigen in DEFA-Spielfilmen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kunst, DDR-Filme, Propaganda, Kulturpolitik, Filmgeschichte

Diplomarbeit von Sabine Brummel

Einleitung:

Das Medium Film wird in dieser Arbeit als Träger ideologischer Implikationen betrachtet, durch das bestimmte Verhaltensmuster auf den Rezipienten übertragen werden sollen. Film als Propagandamittel, durch den die Werktätigen in der DDR, zur Erfüllung wirtschaftlicher Pläne und Ziele im Sinne der Parteiführung der SED erzogen werden sollten, indem ihnen idealtypische Werktätige vorgeführt wurden. Als Werktätige wurden in der DDR diejenigen bezeichnet, die ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit verdienen, also nicht auf Kosten fremder Arbeitskraft, von der Ausbeutung anderer leben. Zu den Werktätigen zählen demnach Angehörige der Arbeiterklasse, der Bauernschaft bzw. der Genossenschaftsbauern, der Intelligenz sowie kleine Produzenten und Gewerbetreibende.

Die Auswirkungen der Wechselspiele der Kulturpolitik der SED und in diesem Zusammenhang besonders die der Filmpolitik, zeichnen sich deutlich im Filmschaffen der DDR ab, denn ‘Kino unabhängig von Politik hat es in der DDR nie gegeben’.

Das Filmschaffen in der DDR bzw. auch schon in der SBZ war immer ein fester Bestandteil der Kulturpolitik. Bei der Auswahl der Filme, die in Teil 3 dargestellt werden, liegt der Schwerpunkt nicht beim dokumentarischen Wert der einzelnen Filme, sondern bei der Propagierung eines gewünschten Bildes der Werktätigen. Die Ausarbeitung beschränkt sich auf die Gegenwartsspielfilme der DEFA. Filme also, die sich dem jeweils gegenwärtigen gesellschaftlichen Leben des Landes widmen und die in der Geschichte der DEFA einen hohen Stellenwert besitzen. Dabei muß berücksichtigt werden, daß sich in der Filmproduktion niemals unmittelbar aktuelle Veränderungen abzeichnen können, sondern lediglich zeitlich versetzt bedingt durch den Prozeß der Filmentstehung inklusive der unter Umständen recht langwierigen Abnahmeprozeduren. Die Einteilung von Teil 3 in fünf Zeitabschnitte basiert sowohl auf einschneidenden gesellschaftlichen als auch kulturpolitischen Ereignissen, die sich auf die Spielfilmproduktion in besonderer Weise ausgewirkt haben.

Bevor zur Analyse der Filme übergegangen werden kann, müssen zunächst einige wesentliche Voraussetzungen erläutert werden. So wird in Teil 2 der Arbeit zunächst die Rolle der Kunst und des Films innerhalb der Ideologie und zur Erziehung der Massen untersucht. Anschließend werden einige Aspekte der Theorie des Sozialistischen Realismus beschrieben, der auch in der DDR als Methode in Kunst und Literatur angeordnet war. Daraufhin wird der Abnahmeweg von der Idee bis zum fertigen Film innerhalb und außerhalb des Studios und deren Einfluß auf die Filmproduktion skizziert. Da die Filme in erster Linie inhaltlich in Bezug auf die Themenstellung und nur sehr knapp analysiert werden, kann und soll kein Gesamteindruck der jeweiligen Filme vermittelt werden, das heißt, die Erläuterungen werden der Qualität der Filme in vielerlei Weise nicht gerecht. Zusätzlich besteht bei der heutigen Auseinandersetzung mit DEFA-Filmen die Gefahr von Überinterpretationen von Handlungen und Darstellungen der Spielfilme im allgemeinen und hier im Sinne der Themenstellung.

Nur Filmtitel werden aus Gründen der Übersichtlichkeit kursiv hervorgehoben. Nicht hervorgehoben werden DDR-spezifische Begriffe, womit allerdings nicht zum Ausdruck gebracht werden soll, daß sich die Verfasserin in irgendeiner Form mit dem, was die DDR war oder sein wollte, identifiziert. Um den Text nicht mit Daten zu überfrachten befinden sich im Anhang kurze Inhaltsangaben der in Teil 3 besprochenen Filme und deren Filmographien, Erläuterungen filmspezifischer Fachbegriffe, Kurzbiographien der Mitglieder des Filmaktivs und maßgebender Kulturfunktionäre, eine Graphik zur Zuschauerentwicklung in der DDR und zum Vergleich in der BRD sowie eine Chronologie der Geschichte des DEFA-Studios für Spielfilme und zur Kulturpolitik der DDR.

Besonderer Dank gebührt Herrn Dr. Harry Blunk vom Gesamteuropäischen Studienwerk e.V. in Vlotho/Weser für seine freundliche Unterstützung.

Inhaltsverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Ideologie und Filmkunst in der DDR 3
2.1 Erziehung der Massen 3
2.1.1 Die Rolle der Kunst im Marxismus-Leninismus 3
2.1.2 Agitation und Propaganda in der DDR 4
2.1.3 ‘Die Wichtigste der Künste’ (Lenin) 6
Film als Propagandamittel
2.2 Aspekte der Theorie des Sozialistischen Realismus 8
2.2.1 Allgemeines 8
2.2.2 Parteilichkeit der Kunst 10
2.2.3 Volksverbundenheit und Volkstümlichkeit der Kunst 11
2.2.4 Abbildcharakter der Kunst 12
2.3 Zum Filmwesen in der SBZ/DDR 13
2.3.1 Geschichte des DEFA-Studios für Spielfilme 13
Exkurs: Das Lichtspielwesen in der SBZ/DDR 19
2.3.2 Produktionsbedingungen im DEFA-Studio für Spielfilme 21
2.3.3 Die DEFA als Teil der Kulturpolitik 25
2.3.3.1 Allgemeines 25
2.3.3.2 Die Zensur- und Kontrollinstanzen 26
3. Tendenzen der Darstellung der Werktätigen im Wandel der Kulturpolitik 31
3.1 1945 - 1949 31
3.1.1 Kulturpolitik 31
3.1.2 Unser täglich Brot (1949), das Vorbild 35
3.2 1949 - 1965 39
3.2.1 Kulturpolitik 39
3.2.2 Exemplarische Darstellung von Filmen 46
3.2.2.1 Sonnensucher (1958/72) 46
3.2.2.2 Eine alte Liebe (1959) 49
3.2.2.3 Auf der Sonnenseite (1962) 51
3.3 1965 - 1971 54
3.3.1 Kulturpolitik 54
3.3.2 Exemplarische Darstellung von Filmen 58
3.3.2.1 Zeit zu leben (1969) 58
3.3.2.2 Im Spannungsfeld (1970) 50
3.3.2.3 Weil ich dich liebe (1970) 62
3.4 1971 - 1976 64
3.4.1 Kulturpolitik 64
3.4.2 Exemplarische Darstellung von Filmen 68
3.4.2.1 Reife Kirschen (1972) 68
3.4.2.2 Bankett für Achilles (1975) 71
3.5 1976 - 1990 73
3.5.1 Kulturpolitik 73
3.5.2 Exemplarische Darstellung von Filmen 77
3.5.2.1 Lachtauben weinen nicht (1979) 77
3.5.2.2 Unser kurzes Leben (1981) 80
3.5.2.3 Der Hut des Brigadiers (1986) 83
4. Schlußbemerkungen 85
Anhang: A1. Chronologie zur Geschichte des DEFA-Studios für Spielfilme 87
A2. Daten zur Kulturpolitik 90
A3. Die Mitglieder des Filmaktivs 93
A4. Maßgebende Kulturfunkionäre 95
A5. Filmographie 98
A6. Filmspezifische Fachbegriffe 106
A7. Filmbesuch in der DDR/BRD (Schaubild) 108
A8. Literaturverzeichnis 109

Textprobe:

Kapitel 3.4.2.2, Bankett für Achilles (1975):

Auch Roland Gräfs Bankett für Achilles gehört zu den Filmen, die den Filmschaffenden der DDR noch Jahre nach ihrer Premiere als Beispiel gelten sollen. Aber der Film schlägt eine andere Tonart an, als die bisherigen Gegenwartsfilme der DEFA. Die zerstörte Umwelt in der Gegend des Chemie-Kombinat Bitterfeld wird dem Zuschauer ungeschminkt vor Augen geführt, ebenso die Auswirkungen auf die dort lebenden und arbeitenden Menschen. Besonders ältere Menschen, die Rentner, werden hier ins Bild gesetzt, und streckenweise klingen recht melancholische und düstere Töne an, die das Innenleben der Hauptfigur ausdrücken. Der Film paßt nicht in das Konzept einer stilisierten Gegenwartsverklärung, sondern beobachtet besonders scharfsichtig die ungeschminkte Wirklichkeit aus den Augen eines älteren Arbeiters. Der Eindruck, den Bankett für Achilles hinterläßt, wird durch das merkwürdig optimistische Ende, das nicht so recht zu der Grundstimmung des restlichen Filmes passen will, abgeschwächt. Möglicherweise eine Konzession an die veränderten Maßstäbe der Kulturpolitik, möglicherweise aber auch ein Zeichen an das Publikum dafür, daß es noch nicht zu spät ist, etwas zu ändern.

Es ist der letzte Arbeitstag von Karl Achilles, der als Meister in einem der Chemiewerke von Bitterfeld tätig ist. Er macht sich Gedanken über sein Leben nach der Pensionierung und über die Perspektiven, die er in der zerstörten Landschaft hat. Symbol für Achilles' Gemütszustand werden ein paar blaue Blumen, die er zur Resistenz gegen die vergiftete Umwelt - bisher erfolglos - züchtet. Er will schon aufgeben und zerstört das Beet, doch zum Ende des Films bepflanzt er es von neuem, was mit einem Versuch der Regierung, zusammenfällt, den vergifteten Boden per Luft zu rekultivieren. Auch in Bankett für Achilles sind die Menschen Teil der Natur, diese ist jedoch alles andere als idyllisch. Die Silhouette der Fabriken und ihre Ausdünstungen sind immer präsent.

Achilles geht freiwillig in Rente. Ohne daß er darauf aufmerksam gemacht wird, weiß er, daß er den neuen Anforderungen der Technik nicht mehr gerecht wird. Sein Nachfolger bringt sein Wissen von der Hochschule mit, dies zeichnet ihn in den Augen Achilles' nicht gerade aus. Am letzten Arbeitstag überwältigt Achilles doch ein wehleidiges Gefühl, denn er fühlt sich noch nicht so alt, wie die Männer, die er im Park ihre Zeit verbringen sieht. In der Kantine wird eine große Rede über seine glanzvolle Tätigkeit gehalten, die ihn eher peinlich berührt, als daß sie ihm eine Genugtuung verschaffen könnte. Plötzlich wird er nicht mehr gebraucht, da das Chemiewerk auch ohne ihn oder mit seinem Nachfolger sogar noch besser, auskommen wird.

Auch seine Familie kann ihm nicht helfen. Mit dem Sohn hat er sich schon vor Jahren überworfen, und die Tochter ist nur aus Anlaß seiner Pensionierung angereist, da sie in einer anderen Stadt lebt. Seine Lebensgefährtin, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr im Werk arbeitet, bringt kein Verständnis für seine Lage auf. Allenfalls die Pflegetochter, die auch im Werk beschäftigt ist, scheint ihn zu verstehen. Sie weiß auch ohne große Worte, wie es in ihm aussieht. Auf der abendlichen Abschiedsfeier brechen all seine Gefühle - insbesondere Enttäuschung und Wut - die ihn schon den ganzen Tag bedrängen, schließlich aus ihm heraus, und er sagt seine Meinung. Vor allem der Bereichsleiter Walura, der zuvor voll des Lobes über sein Arbeitsleben sprach, erscheint dabei nicht gerade in strahlendem Glanz. Achilles will die Dinge beim Namen nennen. Schließlich akzeptiert er seinen Abschied von der Arbeit, die für ihn bisher im Mittelpunkt seines Lebens stand. Der Tod ist in dem Film immer gegenwärtig: durch Andeutungen, in Bildern von der sterbenden Umwelt und der durch sie geschädigten Menschen. Achilles will sein Leben noch genießen und durch seine kleine Enkeltochter, die mit seiner Tochter angekommen ist, erscheint ihm der Schritt ins Privatleben nun durchaus annehmbar.

Der Figur des Achilles ist relativ differenziert charakterisiert. Der Film veranschaulicht die Probleme eines Menschen, der an einem Scheidepunkt seines Lebens angekommen ist und nun Bilanz zieht. Er hat für seine Tätigkeit alles gegeben und muß nun lernen ohne sie auszukommen. In einer Gesellschaft, die besonders die Leistungen in der Arbeit hervorhebt und feiert, fühlt er sich nun zur Untätigkeit verdammt und ausgeschlossen. Achilles hat nicht gelernt, daß das Leben auch anders, als über Beruf und Planerfüllung definiert werden kann. Aber er geht schließlich auf den neuen Lebensabschnitt ein, wobei ihm die scheinheiligen Reden des Bereichsleiters eine gewisse Hilfestellung geben. Die Frage nach der Lebensqualität ist es, die in Bankett für Achilles groß geschrieben wird und Achilles will selber etwas zur Verbesserung eben dieser beitragen, und wenn auch nur durch die Züchtung widerstandsfähiger Blumen.

In dem Film gelingt durch die Gestaltung der Figur des Achilles die kritischste und lebhafteste Position in der Zeichnung eines Arbeiters oder eines Werktätigen der DDR in einem DEFA-Film überhaupt. Die Helden der vorhergehenden Jahre sahen einer strahlenden Zukunft entgegen. Jetzt sind sie alt geworden und leben in einer grauen und hoffnungslosen Gegenwart, in der die Phrasen von damals recht hohl klingen. Das oberste Ziel der Produktionssteigerung wird als Rechtfertigung für die Beschränkung der persönlichen Freiheit nicht mehr hingenommen.

Arbeit zitieren:
Brummel, Sabine Dezember 1995: Die Werktätigen in DEFA-Spielfilmen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kunst, DDR-Filme, Propaganda, Kulturpolitik, Filmgeschichte

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