Warten: Eine Annäherung
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Anke Rabba
- Abgabedatum: April 2001
- Umfang: 56 Seiten
- Dateigröße: 1,1 MB
- Note: 2,0
- Institution / Hochschule: Hochschule für Bildende Künste Hamburg Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6325-0
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6325-0 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6325-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Rabba, Anke April 2001: Warten: Eine Annäherung, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Zeit, Technik, Beschleunigung, Beschäftigung, Erwartung
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Diplomarbeit von Anke Rabba
Einleitung:
Wenn wir erwarten, warten wir.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Die Zeit vergeht.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Würden wir nicht erwarten, wir würden nicht warten.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Würden wir nicht warten, wir würden nicht bleiben.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Wir bleiben und langweilen uns.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Wir langweilen uns und vertreiben die Zeit.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Der Zeitvertreib wird zur Gewohnheit.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Das Warten wird zur Gewohnheit.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Die Gewohnheit verzerrt unsere Wahrnehmung.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Wir werden der Gewöhnung müde.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Die Müdigkeit verzehrt die Erwartung.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Wir vergessen, was wir erwarten.
Das Erwartete tritt ein.
Wir warten, also sind wir.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Weil wir sein wollen, bleiben wir.
Das Erwartete tritt nicht ein.
Am Anfang steht eine Ahnung, dass der Mensch in einem tiefen Sinn, ob gewollt oder ungewollt, Wartender ist und Wartender bleiben wird. Eine Behauptung, die dem allgemeinen Streben widerspricht, das Warten an sich abschaffen zu können, zu müssen oder zu wollen. Ich werde erfragen, was und wo Warten ist und ob im Warten Quellen der Kreativität zu entdecken sein könnten.
Ein Versuch.
Schon bei den ersten Gedanken über das Warten erschlägt mich das Wort durch seine Unfassbarkeit; ein Wort, dass viele Befindlichkeiten abdeckt und doch nicht mehr als ein Platzhalter für eine Beschreibung eines zuständlichen Verhaltens ist. Die deutsche Grammatik ordnet Warten den intransitiven Verben zu, also einem nicht zielgerichteten Tun. Warten ist für uns primär eine Geste der Unterwerfung, der Bescheidung, des Verzichts, des Aufschubs. Durch präpositionale Ergänzungen erst bekommt Warten eine prozesshafte Richtung, die des Wartens auf etwas. Dadurch gerät es in einen zielgerichteten Bereich, den des Er-wartens. So wie im Erwarten ein Warten, so ist im Warten ein Er-warten enthalten. Schreibe ich über das Warten, schreibe ich also gleichermaßen über Erwartungen und damit über Wege, durch die Ziele erlangt werden.
Die Herausbildung von Zielen findet immer in einem Zusammenspiel eines gesellschaftlichen Kontextes statt. Der Mensch wird durch seine Umwelt geprägt, er entwickelt für sich gültige Werte- und Moralsysteme, in denen er sich bewegen kann. In ihnen und durch sie formt er seine individuellen Erwartungen.
WARUM WIR NICHT MEHR WARTEN KÖNNEN Der erste Abschnitt dieser Arbeit versucht sich der Annahme zu nähern, dass wir nicht mehr warten können. Dafür bedarf es eine genauere Betrachtung gesellschaftlicher Nährböden, die Erwartungen schüren und damit Wartebefindlichkeiten beeinflussen können. Hauptaugenmerk soll bei dieser Betrachtung auf den Faktoren der Zeit und der Technik liegen.
Zeit: Ein kurzer Überblick über den Wandel des Zeitverständnisses soll verdeutlichen, dass unser heutiges Zeitmodell ein lang ersehntes, aber noch einzuübendes Konstrukt ist, das sich auf die Wartebefindlichkeit des Einzelnen entscheidend auswirkt.
Technik: Die Geschwindigkeit, in der technische Geräte denken und ausführen können, stellt einen entscheidenden Aspekt für menschliche Wartebefindlichkeiten dar, denn ein klar definiertes Ziel der zunehmenden Geschwindigkeit liegt in der Unmittelbarkeit zwischen Wollen und Bekommen, also in der Vermeidung von Wartezeiten.
Diese Tendenzen können nicht ohne Folgen für den Einzelnen sein. Zwei entstandene, gegenläufige Lebensmodelle werden mit jeweils anderen Wartekonsequenzen sichtbar: sie äußern sich in Form von Nervosität als Folge bei den Anhängern der Beschleunigung und als lähmende Lethargie auf Seiten der Beschleunigungsgegner, den Entschleunigten.
Erst nach diesem gesellschaftlichen Exkurs wird eine Untersuchung des eigentlichen Wesens des Wartens sinnvoll.
WARUM WIR WEITER WARTEN MÜSSEN Dass wir nicht warten wollen, bedarf keiner großen Erklärungen. Dass wir in einzelnen Lebensbereichen trotz technischer Beschleunigungen weiterhin warten müssen, ist auch verständlich. Warum wir uns aber selbstgefällig in immer neue Wartesituationen begeben und wie wir diese unterschiedlich wahrnehmen und ausfüllen, soll im zweiten Abschnitt thematisiert werden.
Den Anfang machen zwei Profis des Wartens und der Erwartung: die Hauptdarsteller aus Samuel Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“, Wladimir und Estragon. Sie spielen, was wir gemeinhin mit Warten verbinden: Warten als eine Verhinderung der selbstbestimmten, zielgerichteten Beschäftigung.
Der Gegensatz hierzu ist das selbsttätige Beschäftigen, ein zielgerichtetes aktives Tun. Was dieses aktive Tun ist und ob es sich in einen Warteprozess integrieren lässt, soll die Annäherung an das Warten abschließen.
Inhaltsverzeichnis:
| Vorher | 7 | |
| Vor dem Anfang | ||
| Erwartung | 8 | |
| Zeit | 8 | |
| Erfüllung | 9 | |
| Warten | 9 | |
| Eine Einleitung | 13 | |
| I. | WARUM WIR NICHT MEHR WARTEN KÖNNEN | |
| A. | Von der Veränderung des Zeitverständnisses | |
| - 1500 | 21 | |
| - 1900 | 23 | |
| - heute | 25 | |
| B. | Vom Denksystem Mensch-Maschine | 29 |
| Von der beschleunigten Technik | 35 | |
| 2 min.30 sek. Ein subjektives Erinnern | 40 | |
| Von den Kindern der Technik | 45 | |
| Von den Kindern der Beschleunigung | 49 | |
| II. | WARUM WIR WEITER WARTEN MÜSSEN | |
| A. | Godot kommt nicht | 55 |
| Sinnstiftende Erwartung | 61 | |
| B. | Beschäftigung | 65 |
| C. | Wartehilfen | 69 |
| Warnblinker | 73 | |
| Ladebalken | 75 | |
| Uhr | 77 | |
| D. | Warten, dass uns etwas passiert | 83 |
| Teilnehmen an dem, was passiert | 86 | |
| E. | Tun im Warten | 93 |
| Geduld | 101 | |
| Kurz vor dem Schluss | 103 | |
| Ein Schluss | 104 |
Wie bereits anfangs erwähnt, würde ein Wartender nicht warten, wenn er nicht daran glauben würde, daß das Eintreten des Erwarteten möglich wäre. Obwohl Warten die Nicht-Einflußnahme auf die Erfüllung der Erwartung beinhaltet, würde der Wartende trotzdem alles vermeintlich Richtige tun, um die Erwartung schnellstmöglich einzulösen. Das Warten kann das Sein lähmen, wenn es zur Illusionierung der Erwartung kommt. Wenn die Erwartung nahezu alle Lebensbereiche besetzt, als sinnfüllendes Element des eigenen Daseins missverstanden wird, oder, anders ausgedrückt: die Erwartung zum Vorwand wird, nicht selbstmotivier t handeln zu können und sich damit ein erfahrbar es Jetzt von der Gegenwart löst und sich ausschließlich auf ein erwartendes Irgendwann in der Zunkunft richtet. Dann hat der Wartende Spielregeln und Grenzen seines Tuns - der Erwartung entsprechend - zu erfüllen, so sinnlos das auch für ihn und Außenstehende zu sein scheint. Schlimmer noch. Sollte sich das Erwartete wider Erwarten doch einlösen, verflüchtigt es sich, wenn das, was mit der Einlösung erhof ft wird, nicht wirklich wird. Je stärker die Erwartung im Vorfeld illusioniert wird, desto größer wird gleichermaßen die W ahrscheinlichkeit, [...]
natürlich kläglich. Sie sind da. Sie bleiben. Im Warten finden sie den Grund des Bleibens. "… sobald man Bescheid weiß…kann man sich gedulden…weiß man, woran man sich zu halten hat…kein Grund mehr zur Unruhe…man braucht nur zu warten…"24 Sie wissen, daß sie nach ihrem Warten nichts mehr zu erwarten hätten, warten also, ohne das Warten beenden zu wollen. Dieses Warten erfüllt in sich selbst seine eigene Bestimmung. Dahinter und davor steht nichts anderes, als nichts. Godot, den Wladimir und Estragon, sofern sie sich erinnern, erwarten, also der Grund dafür, daß sie überhaupt noch da sind, wird natürlich nicht kommen. Es ist an dieser Stelle gleichgültig, wofür "Godot" steht, oder ob er überhaupt für etwas bestimmtes stehen soll. Wichtig in diesem Zusammenhang ist nur sein Nichtkommen; denn nur durch das Nichtkommen wird der Glaube an ihn in Gang gehalten und ihre Existenz begründet. Ihr Handlungsspielraum ist eingegrenzt; das Warten sperrt sie in einen unsichtbaren Käfig, der, obwohl er faktisch nicht da ist, ihr Denken, Handeln und Fühlen bestimmt. Keiner der beiden würde es wagen, den Ort physisch oder psychisch zu verlassen. Sie treten, gegenseitig aneinandergeklammert, auf der Stelle. Sie leben unmotivierte Wieder holungen, die sie nicht mehr registrieren; ein Leben ohne Antrieb und Motiv, einzig die Erwartung, die nicht erfüllt werden darf, hält sie am Leben. Daß man warten kann, wenn man auf nichts wartet, führen uns die beiden Romanhelden, Wladimir und [...]
Sie vergessen im Warten, worauf sie warten, ver gessen, warum sie da sind, wo sie sind. Sie leben weiter, weil sie da sind, und weil anderes, als da zu sein, und sei es noch so sinnentleert, für die beiden nicht in Betracht kommt. Die Zeit, die sie erleben, ist zeitlos. Es gibt kein echtes Erinnern, Zukünftiges wird, zusammen mit Ver gangenheit und Gegenwart, zu einem stagnierenden Zeitbrei. Damit die Zeit überhaupt vergeht, quälen sich Wladimir und Estragon mit sinnlosem Tun, mit überflüssigen Gefühlsregungen. Sie reden fortwährend, sinnlos, des Redens wegen. Sie spielen sinnlose Beschäftigung um den unerträglichen Stillstand von Zeit nicht als solchen erleben zu müssen. Sie haben mit der Welt, in der sie sind, nichts mehr zu tun. Irgendetwas passier t, und sie lassen es mit sich passieren, sie werden (im Verständnis eines Günther Anders) "getan", weil sich ihr Tun einem selbstbestimmten Ziel, einem Ziel das sie zu durchschauen nicht mehr in der Lage sind, entzieht. "Was sollen wir jetzt machen…bis er (Godot) kommt…unsere Locker ungsübungen…um warm zu werden…um locker zu werden…also los…er beginnt zu springen, Estragon macht es nach…hör auf, ich bin müde…hört auf…wir sind nicht in Form. Lass uns ein paar Atemübungen machen…ich will nicht mehr atmen…du hast recht…” 22 ”…wir warten…wir langweilen uns…wir langweilen uns zu Tode…" 23 [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832463250
Arbeit zitieren:
Rabba, Anke April 2001: Warten: Eine Annäherung, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Zeit, Technik, Beschleunigung, Beschäftigung, Erwartung



