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Die Wandteppiche der Dame mit dem Einhorn

Musée National du Moyen Âge, Paris (ca. 1480-1500)

Die Wandteppiche der Dame mit dem Einhorn
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Eva Räder
  • Abgabedatum: Januar 2006
  • Umfang: 78 Seiten
  • Dateigröße: 4,0 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Universität der Künste Berlin Deutschland
  • Bibliografie: ca. 80
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2600-2
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Räder, Eva Januar 2006: Die Wandteppiche der Dame mit dem Einhorn, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wandteppich, Einhorn, Mittelalter, Tapisserie, Musée National

Staatsexamensarbeit von Eva Räder

Einleitung:

Der Wandbehang aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, bekannt als ‘Die Teppiche der Dame mit dem Einhorn’ besteht, so nimmt man an, aus sechs Teilen. Alle Teppiche zusammen bilden ein wunderschönes, traumhaftes Universum. Reife Bäume, Blumen und Tiere umranden auf rotem Grund auf allen sechs Teppichen Löwe und Einhorn, welche auf einer blauen Insel stehen, die ebenfalls mit Pflanzen und Tieren übersät ist. Löwe und Einhorn, welche gleichzeitig auch als Wappenträger fungieren, umranden wiederum seltsam verklärt verzückte Frauen. Auf jedem Teppich ist eine oder sind zwei jener Frauen abgebildet, welche im Zentrum auf der blauen Insel versunken ihren Handlungen nachgehen. Die Handlungen der feenähnlichen Frauengestalten stellen im Zusammenspiel mit den Tieren, so sind sich die Kunsthistoriker nahezu alle einig, auf fünf Teppichen die fünf Sinne Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken dar. Über den sechsten Teppich ‘A mon seul désir’ gibt es bis dato keine eindeutige Interpretation.

Die Teppiche wurden in Frankreich von der damals einflussreichen Familie Le Viste aus Lyon in Auftrag gegeben, wer die Teppiche entworfen hat, ist unbekannt. Gewebt wurden sie zwischen 1480 und 1500, wahrscheinlich in Nordfrankreich und in den Niederlanden, in Brügge oder in Brüssel. Sie bestehen aus Wolle, Seide und Goldketten, alle sind unterschiedlich groß: ‘Sehen’: [L.] 3,10m x [B.] 3,30m, ‘Hören’: 3,70m x 2,90m, ‘Riechen’: 3,67m x 3,22m, ‘Tasten’: 3,72m x 3,58m, ‘Schmecken’ 3,75m x 4,60m und ‘A mon seul désir’: 3,78m x 4,66m. Die Webarbeit einer Tapisserie war sehr zeitaufwändig und die Herstellung einer Tapisserie mit den genannten Maßen konnte zwei Jahre in Anspruch nehmen. Ein solcher Wandbehang aus mehreren Teilen war deshalb ein begehrter Luxusartikel, der gern verschenkt wurde.

Die vorliegende Arbeit setzt sich vor allem mit der Ausgangshypothese auseinander, dass es sich bei den Teppichen der ‘Dame mit dem Einhorn’ um ein Geschenk als Liebesgabe bzw. Hochzeitsgeschenk handelt und dass der sechste der Teppiche ‘A mon seul désir’ auf eine bevorstehende Vereinigung, sowohl körperlicher als auch geistiger Art hindeutet.

Alle Teppiche zusammen waren meiner Meinung nach als prestigefähiges Hochzeitsgeschenk gedacht. Hauptsächlich sollte, durch das häufige Abbilden der Wappen auf jedem Teppich, ein gewisser Repräsentationsdrang des Schenkers oder des Beschenkten befriedigt werden. Inhaltlich geht es in den Teppichen um die Liebe. Die fünf Teppiche, welche auch meiner Ansicht nach die fünf Sinne darstellen, weisen auf die rein ‘sinnliche Liebe’, den Eros hin. Der sechste Teppich, der eine Art ‘sechsten Sinn’ darstellt, hat eine eigene Aufgabe: er vereinigt die fünf Sinne zur ‘sinnlichen Liebe’ und verknüpft jene mit einer weiteren, einer höheren Form von Liebe, der allumfassenden Liebe im christlichen Sinn.

Die Untersuchung ist folgendermaßen gegliedert: zunächst möchte ich eine kurze Übersicht über den heutigen Forschungsstand der sechs Teppiche geben, bevor ich die sechs Stücke des Wandbehangs einzeln vorstelle. Nach einer Beschreibung der Tapisserieweberei im Allgemeinen gehe ich auf die Herkunft der sechs Teppiche und die Zeit, in der sie gewebt wurden ein, bevor ich ihren Auftraggeber vorstelle. Um mehr über die Teppiche zu erfahren, habe ich mich nach und nach allen dargestellten, zum Teil oft wiederkehrenden Elementen und ihrer Bedeutung auf den Teppichen gewidmet: dem Wappen, den Tieren, den Pflanzen im Garten, den Damen und letztendlich der Handlung der Dame vor dem Pavillon mit der Aufschrift ‘A mon seul désir’ auf dem sechsten Teppich. Nur jene eingehende Untersuchung dieser Einzelheiten, welche allerdings einen erheblichen Raum in der Arbeit eingenommen hat, konnte einen befriedigenden Einblick darüber ermöglichen, was die Teppiche zu jener Zeit, als sie gewebt wurden, bedeutet haben könnten. Sucht man den Verbindungspunkt der fünf Teppiche, welche die fünf Sinne darstellen, mit dem letzten Teppich ‘A mon seul désir’, erkennt man Hinweise auf komplexe Philosophien und Lebens- und Liebestheorien der damaligen Zeit, auf welche ich im letzten Kapitel ‘Die Sinne’ kurz eingehe.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
1.1 Fragestellung 4
1.2 Forschungsstand 5
2. Die Teppiche der Dame mit dem Einhorn 8
2.1 Die sechs Teppiche 8
2.2 Die Tapisserie 14
2.3 Herkunft 17
2.4 Der Auftraggeber 19
2.4.1 Die Familie Le Viste 19
2.4.2 Heraldik 20
3. Die Symbolik 24
3.1 Der Löwe 24
2. Das Einhorn 28
3.3 Andere dargestellte Tiere 36
3.4 Dargestellte Pflanzen 46
3.5 Der Garten 48
3.6 Der Pavillon 50
4. Die Damen 51
4.1 Die Mode in Frankreich um 1500 52
4.2 Die Frau in der Gesellschaft um 1500 54
5. Der Schriftzug auf dem sechsten Teppich 57
5.1 Das mögliche Hochzeitspaar 57
5.2 ‘A mon seul désir’ 58
6. Die Sinne 61
6.1 Vorstellung der Sinne gegen Ende des Mittelalters 61
6.2 Der sechste Sinn 62
7. Fazit 64
8. Anhang 66
8.1 Literaturverzeichnis 66
8.2 Abbildungsnachweis 76

Textprobe:

Kapitel 6.1, Vorstellung der Sinne gegen Ende des Mittelalters:

Die ‘sinnliche Liebe’ resultiert aus den fünf Sinnen, welche auf den Teppichen dargestellt sind. Jene Sinne wurden von den Geisteswissenschaftlern der damaligen Zeit unterschiedlich beschrieben. ‘Die Freuden von Gesichts-, Gehör-, Geruchs- und Tastsinn öffnen uns für die Schönheit der Welt und lassen uns darin den Abglanz Gottes entdecken,’ so dachte der Mystiker Hugo von St. Victor aus dem 12. Jh. Ihm erschien die Welt gleichsam als ein von Gottes Finger geschriebenes Buch, und die dem Menschen eigene Empfänglichkeit für die Schönheit durch die Sinne zielte seiner Meinung nach letztlich auf die Entdeckung des intelligiblen Schönen. Die Wahrnehmung durch die Sinne wurde oft in Zusammenhang mit dem Vermögen der Wahrnehmung der Schönheit gebracht. Das Schöne wurde dabei zuweilen gleichzeitig auch als das Gute, das Licht, die Liebe oder Gott gesehen. Albertus Magnus erwähnte beispielsweise: ‘Das Gute ist dem Schönen inhärent, weil das Schöne dasselbe Substrat hat wie das Gute’ Auch die Tugend birgt nach Albertus eine gewisse Schönheit in sich, aufgrund deren sie als schön und leuchtend wahrgenommen wird.

‘Die Victorinische Philosophie fasste die Freude, die man bei der Wahrnehmung von Harmonie im Bereich der Sinne empfindet, als natürliche Verlängerung der physischen Freude, der Grundlage des Gefühlslebens des Menschen und als begründet auf der ontologischen Entsprechung zwischen Struktur der Seele und materieller Realität auf.’ Bei dieser Art der hingebungsvollen Sinneswahrnehmung kann es zu einer Ekstase kommen; im Augenblick jener Ekstase weitet sich die Seele, wird von der wahrgenommenen Schönheit erhoben und verliert sich völlig im Gegenstand.

Nüchterner stellte Bonaventura fest, ‘dass man die Sinnenwelt gemäß einer gewissen Proportionalität erfasst und dass Subjekt und genossenes Objekt beim Genuss zusammenwirken. Bei dieser Beziehung beginnt ein Strom von Liebe zu fließen; und im Grenzfall entsteht der höchste Genuss, der aus dem höchsten Bewusstsein einer Polaritäts- und Proportionalitätsbeziehung entspringt, nicht im Anschauen der Formen der Sinnenwelt, sondern in der Liebe, bei der sowohl Subjekt wie Objekt bewusst und aktiv lieben.’ Unter anderem von Bonaventura beeinflusst war Johannes Gerson (1363-1420), welchen Jean-Patrice Boudet in seinem Aufsatz ‘A Mon Seul Désir-La Dame à la licorne et ses sources médiévales d'inspiration” erwähnte. Gersons Ansicht von der mittelalterlichen Idee des sechsten Sinns ist für Boudet, wie gesagt, die Quelle möglichster Interpretation.

Der sechste Sinn:

Gerson stützt sich auf die verbreitete Idee, dass das Herz der sechste Sinn ist. Das Herz als sechster Sinn ist der wichtigste Sinn sozusagen, der die wichtigen Bereiche wie Liebe, Leidenschaft und freien Willen/Moral in sich vereinigt und damit gleichzeitig die anderen Sinne ein Stück weit kontrolliert und beeinflusst. Dies ist notwendig, da die ‘sinnliche Liebe’, welche allein durch die fünf Sinne erfahren wird, fehlbar und unzureichend ist: die ‘amor animalis oder sensibilis’, [zu dt.= die ‘sinnliche Liebe’] kann sich, nach Albertus Magnus, welcher die Liebe in sechs verschieden Kategorien unterteilte, nur auf das richten, was den Sinnen als gut erscheint, so wie es der jeweiligen vorausgesetzten Wahrnehmung entspricht. Die ‘sinnliche Liebe allein’ kann das Gute also nicht dem allgemeinen Begriff nach erfassen, sondern nur ‘das bonum ut nunc [das ‘Gute im hier und jetzt’], das als bonum corporis [das ‘materielle, körperliche Gute’] zugleich das delectabile [‘Lust, Genuss’] ist.’ Durch den sechsten Sinn, das Herz nach Gerson, kann sich die ‘sinnliche Liebe’ mit der im christlichen Sinne wichtigeren, geistigen, allumfassenden Liebe verbinden.

Folgt man der Vermutung Gersons, dass das Herz der sechste Sinn ist, stellt der sechste Teppich ‘A mon seul désir’ demnach eine Allegorie für das Herz als wirklicher sechster Sinn dar. Das Herz bringt die Dame auf dem Teppich dazu, den Schmuck abzulegen und damit auf die Illusionen zu verzichten, die ihr von den anderen Sinnen vorgegeben wurden, um sich Höherem zuzuwenden. Die Dame legt deshalb den materiellen Schmuck, den ‘unechten Schatz’ vor dem Eingang des Pavillons ab, um sich dann dem ‘wahren Schatz’ im Pavillon hinzugeben. Dieser Schatz ist dann sowohl eine Verschmelzung durch alle Sinne mit ihrem zukünftigen Ehemann (‘sinnliche Liebe’), wie auch die Verschmelzung mit der allumfassenden Liebe und somit, nach christlichem Verständnis, mit Gott. Nach Wilhelmi sieht Ficino die Liebe als ‘vinculum mundi’ [‘Weltband’], das die gesamte Schöpfung zusammenhält. ‘Die irdische Liebe ist dabei eine Stufe zur vollkommenen Vereinigung mit Gott. Deshalb liebt ein Mensch, wenn er einen anderen Menschen liebt nicht [nur] diesen, sondern Gott in ihm.’ Der Schatz im Pavillon weist also auf einen Liebesbegriff hin, der die leidenschaftliche, menschliche Liebe (Eros) und die geistige, allumfassende Liebe, welche beide zu Gott führen können, vereint. Auch Papst Benedikt XVI. spricht in seiner neu veröffentlichten ersten Enzyklika mit dem Titel ‘Deus caritas est’ (Gott ist die Liebe) von der Verknüpfung verschiedener Liebesbegriffe. Im ersten Teil jener Enzyklika beschreibt Benedikt XVI. zunächst Eros (= körperliche Liebe, die ‘sinnliche Liebe’ durch die fünf Sinne) und Agape (spirituelle, helfende Liebe, Nächstenliebe) getrennt voneinander. Später erwähnt er, dass sich in Wirklichkeit Eros und Agape niemals ganz voneinander trennen lassen. Eine einseitige Auslebung einer Art von Liebe ist unzureichend. Benedikt XVI. erwähnt hierzu die derzeit äußerst florierende Pornoindustrie, die den Menschen und die ‘Liebe’ damit zur bloßen Ware verkommen lässt. Benedikt propagiert eine ganzheitliche Liebe, denn ‘je mehr beide [Arten von Liebe] in unterschiedlichen Dimensionen in der einen Wirklichkeit Liebe in die rechte Einheit miteinander treten, desto mehr verwirklicht sich das wahre Wesen von Liebe überhaupt.’ Die Teppiche geben die Antwort, dass der ‘sechste Sinn’ (das Herz) das Streben nach jenem ‘wahren Wesen der Liebe’ lenken kann.

Arbeit zitieren:
Räder, Eva Januar 2006: Die Wandteppiche der Dame mit dem Einhorn, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wandteppich, Einhorn, Mittelalter, Tapisserie, Musée National

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