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Wahlprognosen im Internet

Innovative Ansätze in der Wahlforschung am Beispiel von Internet-Wahlwetten

Wahlprognosen im Internet
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Markus Tiesmeyer
  • Abgabedatum: März 2004
  • Umfang: 126 Seiten
  • Dateigröße: 1,9 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Universität Osnabrück Deutschland
  • Originaltitel: Wahlverhalten und Wahlforschung, Infoeliten im Internet und neue innovative Ansätze für die Erstellung von Prognosen bei politischen Wahlen am Beispiel von Internet-Wahlwetten
  • Bibliografie: ca. 75
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0441-3
  • ISBN (CD) :978-3-8366-0441-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Tiesmeyer, Markus März 2004: Wahlprognosen im Internet, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Internet, Wahl, Wette, Wahlprognose, Validität

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Diplomarbeit von Markus Tiesmeyer

Gang der Untersuchung:

Das erste Kapitel führt in die Thematik der Wahlforschung ein und beschreibt Modernisierungsprozesse, die zu einem grundlegenden Wandel des Wahlverhaltens in der Bundesrepublik Deutschland geführt haben. Die ersten Jahrzehnte nach dem II.Weltkrieg waren geprägt von einer hohen politischen Stabilität, die auf feste Bindungen der großen Volksparteien an entsprechende sozialstrukturelle Formationen zurückzuführen sind. Das Wahlverhalten war weitgehend von milieuspezifischen Verhaltensmustern vorformuliert.

Beginnend mit dem sozialen Aufstieg breiter Schichten und der Bildungsexpansion der 50er und 60er Jahre hat ein umfassender Strukturwandel eingesetzt, der zu einer weitgehenden Erosion subkultureller Klassenidentitäten und einer Pluralisierung von Lebensentwürfen geführt hat. Entsprechend ist das individuelle Wahlverhalten heute nicht mehr vornehmlich sozialstrukturell geprägt und daher wechselhaft. Wahlergebnisse schwanken weit mehr als noch vor wenigen Jahrzehnten und erschweren es damit der klassischen Demoskopie, die politische Stimmung adäquat zu erfassen, wenn sie mit Klassen- und Schichtungsmodellen operiert, deren Gehalt „angesichts von Differenzierungs- und Pluralisierungstendenzen“ zunehmend in Frage gestellt werden kann.

Klassische Methoden der Wahlforschung stehen im zweiten Kapitel im Mittelpunkt der Betrachtung. Voran gestellt ist eine historische Betrachtung der Wahlgeographie, deren Ziel es war, das Wahlverhalten geodeterministisch interpretieren zu können. Die statistische Aggregatdatenanalyse schließt an die Erkenntnisse der Wahlgeographie an, entwickelt aber neue Messinstrumente, deren Grundlage sozialstrukturelle Merkmale sind, die auch heute noch weitgehend verwendet werden, um das Wahlverhalten aus dem sozialen Kontext heraus zu erklären. Die Ergebnisse von Aggregatdatenanalysen finden als Zeitreihenanalysen Verwendung, um längerfristigen politischen Wandel zu erklären und dienen als Gewichtungsinstrumente bei der Interpretation von modernen Wahlumfragen.

Die Öffentlichkeit nimmt heute die Wahlforschung weitgehend als Wissenschaft wahr, deren Arbeitsgebiet es ist, Wahlprognosen aus Umfragedaten zu erstellen. Für die akademische Wahlforschung spielt die Erstellung von Wahlprognosen eine eher untergeordnete Rolle, nicht aber für die kommerzielle Meinungsforschung, deren Methoden im Zentrum des dritten Kapitels stehen. Um umfragebasierte Wahlprognosen beurteilen zu können soll gezeigt werden, wie Umfragen erstellt werden und auf welchem statistischen Fundament Wahlumfragen beruhen. Dabei wird deutlich, dass bei der praktischen Durchführung von Umfragen unvermeintliche Probleme auftreten, die zu ungenauen Wahlprognosen führen müssen. Die im Bewusstsein dieser Problematik zum Ausgleich von den meisten Meinungsforschungsinstituten angewandten Gewichtungsmodelle verletzten dabei die mathematischen Grundlagen auf denen Umfragen beruhen. Der eigentliche Kritikpunkt ist aber, dass die Ergebnisse von Wahlumfragen, transportiert über die Massenmedien, eine Exaktheit suggerieren, die mit herkömmlichen Umfragemethoden nicht leistbar ist.

Wahlbörsen und Wahlwetten im Internet verfolgen demgegenüber eine völlig andere Strategie.

Eine historische Einführung zum „Netz der Netze“ leitet den vierten Abschnitt der Arbeit ein und deutet mögliche zukünftige Entwicklungen an, die die Vision des Ubiquitous Computing, einer fortschreitenden Internetpenetration des gesellschaftlichen Alltags, beinhalten.

Es folgt der, angesichts ungebremster technologischer Fortschritte ungenügende Versuch, das komplexe Phänomen Internet aus einer soziologischen Warte zu beleuchten. Das polydirektionale Kommunikationsmedium Internet schafft ideale Voraussetzungen für das Bedürfnis postmoderner Gesellschaften, die politische und kulturelle Heterogenität zu artikulieren. Das Internet schafft eine potentiell unbegrenzte Vielfalt von Öffentlichkeit, die bislang durch Selektionsmechanismen der radial operierenden Massenmedien wirksam verhindert werden konnte.

Im weiteren Verlauf werden Protestbewegungen exemplarisch für eine neue öffentliche Pluralität diskutiert, die in ihrer heutigen Struktur ohne die Technologie der Computerkommunikation kaum denkbar wären. Den Abschluss des Kapitels bildet eine kurze Erörterung der Gefahren einer digitalen Spaltung der Gesellschaft in information-haves und information-not-haves.

Nach der Wahlwette 1998 konnte erst zur Bundestagswahl 2002 eine weitere internetbasierte Wahlwette durchgeführt werden, welche im Zentrum des fünften und letzten Kapitels steht. Ziel war es im Jahr 2002, eine erste Datenbasis für die sozialwissenschaftliche Erforschung von Wahlwetten zu schaffen und damit Wahlwetten nicht mehr einfach als Spiel zu betreiben. Neben der systematischen Erfassung soziodemographischer Merkmale aller Mitspieler wurde im Anschluss der Bundestagswahl eine Online-Befragung durchgeführt. Das auf diese Weise generierte Material dient daher als Basis für die Untersuchung von internetbasierten Wahlwetten.

Die Begründungen, warum es offenbar immer wieder gelingt, präzise Wahlprognosen auf der Grundlage einer einfachen und kostengünstigen Methode zu erstellen, sind vielfältig und partiell an Theorien aus der experimentellen Ökonomie angelehnt. Danach sind Wahlwetten in der Lage, asymmetrisch verstreute Informationen effizient zu aggregieren.

Allgemein bekannt ist, dass es sich bei einem Großteil der Internetnutzer um die so genannte Informationselite handelt. Daraus ergibt sich die Fragestellung, ob die Internet-Wahlwette möglicherweise eine Methode ist, eine Expertenbefragung zu generieren, deren Teilnehmer sich aber dabei selbst rekrutieren. Unter bestimmten Aspekten ist eine Wahlwette mit der Methodik einer Delphi-Befragung vergleichbar, wenn auch bestimmte Merkmale, wie mehrere strukturierte Befragungsrunden fehlen. Die Analyse der Wahlwetter, unterteilt nach verschiedenen soziodemographischen Daten der Teilnehmer und den Ergebnissen der Befragung nach der Bundestagswahl 2002 geht der Frage nach, inwieweit Wahlwetter als Experten bezeichnet werden können.

Die vielfach unterstellte These, dass die Prognosen von Wahlwetten nichts weiter seien als die Darstellung mittlerer Umfragewerte, wird im weiteren Verlauf erörtert. Dabei wird offenbar, dass Umfragewerte natürlich auch zur Einschätzung der politischen Stimmung herangezogen werden, aber nur einer von vielen Faktoren zu sein scheint. An dieser Stelle geben auch Wahlbörsen Auskunft, die unterstellte Wechselwirkungen besser untersucht haben.

Die Arbeit schließt damit, Designvorschäge zu unterbreiten, die anhand der festgestellten Befunde und bisher gesammelter praktischer Erfahrungen aussichtsreich erscheinen, die Prognosequalität von Internet-Wahlwetten wesentlich zu verbessern und dazu zu animieren, weiter Wahlwetten experimentell zu erforschen. Das bisher vorliegende Datenmaterial reicht jedoch bei weitem nicht aus, um das Phänomen der Prognoseerstellung aufgrund eines Wettspiels abschließend wissenschaftlich beurteilen zu können, sondern sollte als erster Schritt betrachtet werden.

Zunehmend mobile Individuen machen die adäquate Durchführung einer klassischen Befragung immer schwieriger und die Deutung sozialer Phänomene in Großgruppen-Kategorien wird kontrovers diskutiert. Es ist m.E. angebracht, über neue Methoden zu reflektieren, selbst wenn sie, wie Wetten, zu simpel scheinen, um fundierte sozialwissenschaftliche Erkenntnisse generieren zu können.

Inhaltsverzeichnis:

Einleituung 1
Kapitel I: Wahlen und Wahlverhalten in der modernen De-mokratie
I.1. Moderne Gesellschaften im Prozess der Individualisierung 5
I.2. Wählen in der postmodernen Gesellschaft „Der flüchtige Wahlbürger“ 6
I.3. Individualisiertes Wahlverhalten heute 11
Kapitel II: Wahlen und Wahlforschung
II.1. Einleitung 15
II.2. Historische Wahlforschung: Die Wahlgeographie 16
II.3. Die statistische Aggregatdatenanalyse 17
Kapitel III: Moderne Wahlforschung mittels Umfragen
III.1. Einleitung 21
III.2. Geschichte der umfragebasierten Wahlforschung 21
III.3. Methoden: Erstellung von Prognosen aus Wahlumfragen 26
III.4. Auswahlverfahren: Zufallsstichprobe und Quotenstich-probe 27
III.5. Statistische Grundlagen: Anwendung der induktiven Sta-tistik bei einer beispielhaften Wahlumfrage 30
III.6. Die technische Durchführung von Wahlumfragen 37
III.7. Praktische Probleme: Zufällige und systematische Ausfäl-le, sinkende Ausschöpfungsquoten, sozial erwünschtes Antwortverhalten 39
III.8. Gewichtung: Von den Rohdaten zur Wahlprognose 43
III.9. Fazit: Wahlumfragen 46
Kapitel IV: Internet und Demokratie
IV.1. Geschichte des Internets 47
IV.2. Ausblick: Vom Internet zum Evernet? 50
IV.3. Das Internet aus soziologischer Sicht 53
IV.4. Das Internet und die Postmoderne 55
IV.5. Das polydirektionale Kommunikationsmedium Internet 57
IV.6. Non-Governmental-Organizations(NGOs): Protestbewe-gungen im Internet 61
IV.7. Eine neue Zweiklassengesellschaft aus information-haves und information-not-haves? 65
Kapitel V: Alternative Wahlumfragemethoden: Wahlwetten im Inter-net
V.1. Einleitung 68
V.2. Die Forschungsgruppe Internetwahlen und die Idee der Wahlwette 69
V.3. Aufbau und Ablauf der Internet-Wahlwette 71
V.4. Ergebnisse der Wahlwette zur Bundestagswahl 2002 73
V.5. Wahlwetten als effiziente Aggregation asymmetrisch verteilter Informationen 78
V.6. Wahlwetten und Wahlbörsen: Gemeinsamkeiten und Unterschiede 81
V.7. Zur Rolle von Umfragewerten für Wahlwetten 84
V.8. Wer sind die Teilnehmer an Wahlwetten? 87
V.9. Ist die Wahlwette ein Delphi-Panel? 95
V.10. Wahlwetten versus Meinungsforschung? 104
V.11. Ausblick Wahlwetten: Verbesserungsvorschläge für eine höhere Prognosequalität 108
VI: Abschließende Bemerkungen 112
VII: Abbildungsverzeichnis und Tabellenverzeichnis 113
VIII: Literaturverzeichnis 115

Inhaltsverzeichnis:

Einleituung 1
Kapitel I: Wahlen und Wahlverhalten in der modernen De-mokratie
I.1. Moderne Gesellschaften im Prozess der Individualisierung 5
I.2. Wählen in der postmodernen Gesellschaft „Der flüchtige Wahlbürger“ 6
I.3. Individualisiertes Wahlverhalten heute 11
Kapitel II: Wahlen und Wahlforschung
II.1. Einleitung 15
II.2. Historische Wahlforschung: Die Wahlgeographie 16
II.3. Die statistische Aggregatdatenanalyse 17
Kapitel III: Moderne Wahlforschung mittels Umfragen
III.1. Einleitung 21
III.2. Geschichte der umfragebasierten Wahlforschung 21
III.3. Methoden: Erstellung von Prognosen aus Wahlumfragen 26
III.4. Auswahlverfahren: Zufallsstichprobe und Quotenstich-probe 27
III.5. Statistische Grundlagen: Anwendung der induktiven Sta-tistik bei einer beispielhaften Wahlumfrage 30
III.6. Die technische Durchführung von Wahlumfragen 37
III.7. Praktische Probleme: Zufällige und systematische Ausfäl-le, sinkende Ausschöpfungsquoten, sozial erwünschtes Antwortverhalten 39
III.8. Gewichtung: Von den Rohdaten zur Wahlprognose 43
III.9. Fazit: Wahlumfragen 46
Kapitel IV: Internet und Demokratie
IV.1. Geschichte des Internets 47
IV.2. Ausblick: Vom Internet zum Evernet? 50
IV.3. Das Internet aus soziologischer Sicht 53
IV.4. Das Internet und die Postmoderne 55
IV.5. Das polydirektionale Kommunikationsmedium Internet 57
IV.6. Non-Governmental-Organizations(NGOs): Protestbewe-gungen im Internet 61
IV.7. Eine neue Zweiklassengesellschaft aus information-haves und information-not-haves? 65
Kapitel V: Alternative Wahlumfragemethoden: Wahlwetten im Inter-net
V.1. Einleitung 68
V.2. Die Forschungsgruppe Internetwahlen und die Idee der Wahlwette 69
V.3. Aufbau und Ablauf der Internet-Wahlwette 71
V.4. Ergebnisse der Wahlwette zur Bundestagswahl 2002 73
V.5. Wahlwetten als effiziente Aggregation asymmetrisch verteilter Informationen 78
V.6. Wahlwetten und Wahlbörsen: Gemeinsamkeiten und Unterschiede 81
V.7. Zur Rolle von Umfragewerten für Wahlwetten 84
V.8. Wer sind die Teilnehmer an Wahlwetten? 87
V.9. Ist die Wahlwette ein Delphi-Panel? 95
V.10. Wahlwetten versus Meinungsforschung? 104
V.11. Ausblick Wahlwetten: Verbesserungsvorschläge für eine höhere Prognosequalität 108
VI: Abschließende Bemerkungen 112
VII: Abbildungsverzeichnis und Tabellenverzeichnis 113
VIII: Literaturverzeichnis 115

Textprobe:

Kapitel III.2., Geschichte der umfragebasierten Wahlforschung:

Popular wurde die Wahlprognose, die auf einer relativ kleinen Stichprobe beruht, bei den Prasidentschaftswahlen 1936 in den USA. Die Zeitschrift „Literary Digest“ hatte, wie schon bei mehreren Wahlen zuvor, eine Wahlumfrage (poll) im grosen Stil organisiert: Zehn Millionen Probe-Stimmzettel wurden an Amerikaner versendet, die im Verzeichnis „Telefon und Auto“ eingetragen waren. Ausgefullt und zuruckgeschickt wurden 2,4 Millionen Stimmzettel, die anschliesend mit einem denkbar grosen Aufwand ausgezahlt wurden, um aus diesem Resultat eine Prognose auf den Wahlausgang zu publizieren. Im Ergebnis wurde ein klarer Sieg des republikanischen Herausforderers Landon vor dem Amtsinhaber Roosevelt vorausgesagt.

Zugleich fuhrte George Gallup eine relativ kleine Befragung von etwa 6000 Amerikanern durch, die er nach dem damals schon bekannten Quotenverfahren auswahlte, und prognostizierte eine Wiederwahl Roosevelts. Tatsachlich hatte Gallup Recht und Roosevelt wurde wieder gewahlt, was zum Aufstieg des heute international bekannten Gallup-Institutes fuhrte. Der „Literary Digest“ dagegen lag mit einer Abweichung von 19% vom tatsachlichen Wahlergebnis trotz des immensen Aufwandes vollkommen daneben, was letztlich auch zum Untergang der Zeitschrift fuhrte. Wie aber ist es erklarbar, dass der „Literary Digest“ trotz einer vielfach umfangreicheren Stichprobe eine solche Fehlprognose ablieferte? Im Generellen liefert eine grose Stichprobe statistisch gesehen unter sonst gleichen Bedingungen zuverlassigere, d.h. prazisere Ergebnisse als eine kleine Stichprobe, es sei denn, sie ist verzerrt. Genau hier ist der Fehler beim Stichprobenauswahlverfahren der Zeitschrift passiert. Die aus dem Verzeichnis der Telefon- und Automobilbesitzer angeschriebenen Burger waren keineswegs reprasentativ fur die gesamte Wahlbevolkerung, sondern kamen mehrheitlich aus der gehobenen Mittelschicht, denn in den dreisiger Jahren war der Besitz eines Autos und eines Telefonanschlusses auch in den USA keine erschwinglichen Guter fur die breiten Massen, sondern Luxusguter.

Traditionell ist der gut situierte Mittelstand eher den Republikanern zugeneigt, ganz davon abgesehen, dass der Demokrat Roosevelt mit seinen Sozialreformen des „New Deal“43 vor allem die unterprivilegierten Schichten ansprach. Die Methode von Umfragen aus einer relativ kleinen Quotenstichprobe war nicht mehr aufzuhalten, obwohl die Institute bei der Prasidentschaftswahl 1948 einen schweren Fehlschlag hinzunehmen hatten. Im Vorfeld der Wahlen lag der Amtsinhaber Truman in samtlichen Umfragen deutlich hinter seinem Herausforderer Dewey, weshalb viele Pressemedien, in der sicheren Annahme der Korrektheit der Prognose, nicht mehr die offizielle Bekanntgabe des Wahlergebnisses am nachsten Tag abwarteten, sondern den Sieg Deweys verkundeten. Die Uberraschung und peinliche Blamage war dann umso groser als Truman mit 5% Vorsprung in seinem Amt bestatigt wurde.

Offensichtlich hat das Quotenauswahlverfahren, das weiter unten noch behandelt wird, zu Verzerrungen gefuhrt und in der Folge der einfachen Zufallsauswahl bis heute zu groser Popularitat verholfen. Aufgrund der Fehlprognose von 1948 sind die amerikanischen Umfrageinstitute gesetzlich zur Veroffentlichung ihrer Rohdaten verpflichtet.45 Erlaubt sind nur noch Gewichtungen, die zur Sicherstellung der Reprasentativitat einer Stichprobe erforderlich erscheinen. Die Amerikanischen Institute bezeichnen ihre Umfrageergebnisse daher nicht mehr als Wahlprognosen, sondern als Momentaufnahmen der politischen Stimmung, was, wie noch zu zeigen sein wird, auch eine adaquatere Bezeichnung ist. Der Schwerpunkt der amerikanischen Wahlforschung liegt, unter dem Zwang ihre Rohdaten veroffentlichen zu mussen, daher in einer stetigen Verbesserung der Erhebungsmethoden. Im Gegensatz dazu beschritten die kommerziellen Meinungsforschungsinstitute in der Bundesrepublik einen anderen Weg. Fast nie werden die tatsachlich gewonnenen Rohdaten der momentan etablierten deutschen Institute durch die Massenmedien veroffentlicht.

Die Institute versuchen stattdessen, mit auf Hypothesen und Erfahrungswerten beruhenden Verfahren bzw. Algorithmen, die Rohdaten hochzurechnen und auf diese Weise eine Wahlprognose zu erstellen. Auch vor Ende des II. Weltkrieges wurden in Deutschland Umfragen durchgefuhrt, aber etabliert haben sich reprasentative Befragungen in Westdeutschland erst mit der Besetzung durch die Alliierten. Zwar fuhrten alle drei westlichen Alliierten Bevolkerungsumfragen in ihren jeweiligen Besatzungszonen durch, aber vor allem der amerikanischen Militarverwaltung ist es zuzuschreiben, dass sich die Meinungsforschung in Westdeutschland rasch etablierte. Schon 1945 wurde im Office of the Military Government United Status (OMGUS) in Deutschland eine Opinion Survey Section eingerichtet, die zahlreiche Bevolkerungsumfragen in der amerikanischen Besatzungszone durchfuhrte. 48 Offensichtlich kam ihnen hierbei ein besonderes Mitteilungsbedurfnis der Bevolkerung entgegen. 1951 sagte Theodor Adorno, „dass das starke Bedurfnis der Menschen, ihre Urteile und Wunsche zu ausern, den Methoden des „Social Research“ ebenso entgegengekommen sei, wie der Bedarf der Alliierten, die Verhaltnisse kennen zu lernen“.

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Arbeit zitieren:
Tiesmeyer, Markus März 2004: Wahlprognosen im Internet, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Internet, Wahl, Wette, Wahlprognose, Validität

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