Die Verwendung von berauschenden Substanzen seit dem Altertum im europäischen Kulturkreis
Eine Untersuchung der kulturellen Integration von Rauschmitteln
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Thomas Wagner
- Abgabedatum: Oktober 2001
- Umfang: 157 Seiten
- Dateigröße: 743,2 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Erfurt Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-7471-3
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-7471-3 P - ISBN (CD) :978-3-8324-7471-3 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Wagner, Thomas Oktober 2001: Die Verwendung von berauschenden Substanzen seit dem Altertum im europäischen Kulturkreis, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Drogen, Kultur, Gesellschaft, Geschichte, Rauch
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Diplomarbeit von Thomas Wagner
Einleitung:
Es hat sich ein Wandel abgezeichnet im Umgang mit berauschenden Substanzen. Verwendeten traditionelle Völker noch berauschende Substanzen, um eins zu werden mit der Natur und somit den Göttern näher zukommen, so hat sich dieser sakral – rituelle Transzendenzcharakter des Drogengebrauchs durch geschichtliche Veränderungen (vor allem ab der Neuzeit) in die Suche nach sich selbst, einer individuellen Identität und einer Realität, in der es sich zu leben lohnt, transformiert.
Drogenkonsum und Rausch sind Erfahrungen, die so alt sind wie die Menschheit selbst. Und alle Zivilisationen besaßen ihre besondere Form Transzendenzerlebnisse zu erfahren. Sie betteten den Drogenkonsum und ihre Erfahrungen in Liturgien und Rituale, die immer ihren kulturellen und religiösen Rahmenbedingungen entsprachen und erreichten dadurch einen ‚Schutz’ vor Missbrauch. Dieser Schutz ist heute nicht mehr gegeben, da sich die Sinnbedeutung des Drogengebrauchs geändert hat. Wenngleich sich unsere heutige Gesellschaft als rauschablehnend bezeichnet, so ist dies nur die halbe Wahrheit. Man vergisst nämlich nur allzu leicht, dass Drogenkonsum und die Suche nach Rausch – ebenso wie auch Bücher lesen, Fernsehen schauen, extrem Sport betreiben usw., Dimensionen verschiedener Realitäten sind, die jedoch gesellschaftlich unterschiedlich bewertet werden; oftmals in die Kategorien ‚gut’ oder ‚schlecht’. Es ist mein Anliegen in dieser Arbeit aufzuzeigen, wie die Menschheit seit ihrer Entstehungsgeschichte mit Drogen umgingen und inwiefern die Entwicklung der Konsumgewohnheiten durch die jeweilige Kultur und ihren gesellschaftlichen Instanzen geprägt beziehungsweise systematisch gesteuert wurde. Weiterhin möchte ich verdeutlichen, dass Rausch, Transzendenzerfahrungen sowie das Bewegen durch verschiede Realitäten ein dem Menschen innewohnendes Bedürfnis ist, welches unbedingt nach Befriedigung verlangt. Erkennt man jenes Streben nach Rausch nicht schon auch bei einem Kind, welches sich die ganze Zeit im Kreise dreht, um eine Art ‚Rausch’ zu erfahren? Die These, die dieser Arbeit zugrunde liegt, lässt sich somit wie folgt formulieren: Das Streben nach Rausch ist ein dem Menschen innewohnendes Bedürfnis und kann daher als anthropologische Konstante aufgefasst werden. Der Umgang mit Drogen aber ist ein Soziokulturhistorisches Phänomen, dessen Verwendungsrahmen von der jeweiligen Gesellschaft oder dem Kulturkreis vorgegeben wird, somit also konstruierten Normen gesellschaftlicher Wirklichkeiten entspricht.
Diese Arbeit soll aufzeigen, wie und warum bestimmte Völker und Gesellschaften mit Drogen umgegangen sind und durch welche kulturellen Aspekte jener Umgang hervorgerufen wurde. Das Wissen, welches sich daraus ergibt, kann im sozialpädagogischen Kontext dazu verwendet werden Drogenkonsumenten mehr Verständnis entgegen zu bringen und dadurch einen Anteil in der hilfeleistenden Arbeit mit Drogensüchtigen bieten. Weiterhin erhält man Kenntnisse und neue Ideen, wie man dem vermeintlichen ‚Drogenproblem’ im politischen und gesellschaftlichen Kontext entgegenwirken könnte. Ebenfalls kann dem Drogenarbeiter die Befähigung zu Teil kommen, sich nicht allgemeinen gesellschaftlichen Stigmatisierungen zu unterwerfen, sondern eine eigene Meinung zu bilden, die sich abhebt von der weitverbreiteten Einstellung, dass Drogenabhängige ‚Kranke’ seien und somit gesellschaftliche Einzelfälle in Geschichte, Gegenwart und Zukunft darstellen.
Durch die Methode der Literaturanalyse gelang es mir, Daten über kulturhistorische Aspekte bezüglich des Umgangs mit Drogen zu systematisieren und diese, aufgrund der Begrenztheit meines Themas, in geschichtlich - chronologischer Weise komprimierend zu ordnen. So stehen historische Fakten parallel zu Begründungen, wie es zu solchen Gebrauchsmustern kam. Diese waren, und sind es auch heute noch, fast immer mit kulturellen, politischen und religiösen Überzeugungen gekoppelt und erhalten dadurch ihre spezifische Prägung. In den ersten zwei Kapiteln werden Thesen vorgestellt, die der Frage nachgehen, wie der Drogenkonsum begann und warum der Mensch überhaupt ein Bedürfnis nach Rauschzuständen hat. Anschließend werden die Epochen – Altertum, Mittelalter, Neuzeit und Moderne – bezüglich ihres Umgangs mit Drogen diskutiert. Jedoch muss ich anmerken, dass sich der geographische Radius meiner Arbeit bedauerlicherweise auf den europäischen Kulturkreis reduziert, da die globale Darstellung des Umgangs mit Drogen den Rahmen einer Diplomarbeit sprengen würde. Die Beispiele über die einzelnen Drogen sind durch ihren gesellschaftlichen Wertigkeitsgrad geordnet und besitzen allein dadurch schon Aussagekraft (da dem Alkohol im europäischen Kulturkreis die höchste Wertigkeit zugesprochen wurde und immer noch wird, steht dieser immer am Anfang der Beispiele). Im Abschnitt der Moderne lasse ich die Drogenbeispiele außen vor, da sich ihre Verwendung im Sinne der gesellschaftlichen Einstellung nicht wesentlich von der der Neuzeit unterscheidet. Ich denke aber, dass durch die Abschnitte der Moderne weitestgehend klar wird, wie der Umgang mit legalen sowie illegalen Substanzen in der modernen Gesellschaft bewertet wird.
Begriffe wie Drogen, Substanzen, Rauschmittel ... etc. sollen keine definitorischen Unterschiede verdeutlichen, sondern dienen lediglich der Stilistik und Ästhetik des sprachlichen Ausdrucks. Ich habe bewusst keine Definitionen über Begriffe wie Sucht, Rausch oder Drogen in meiner Arbeit verwendet, da die aktuell – gültigen Definitionen nur den Zeitgeist unserer Gegenwart widerspiegelt und somit keine Aussagekraft in ihrem geschichtlichen Bezugsrahmen besitzen. Hervorhebungen, die mir wichtig erschienen, sind kursiv geschrieben. Da ich der neuen Rechtschreibregel noch nicht mächtig bin, bitte ich um Nachsehen der gemischt – geschriebenen Form. Weiterhin habe ich Zitate, in denen die Schreibform keine relevante Aussage besitzt nach gutdünken in meine umgewandelt (beispielsweise daß in dass, muß in muss ...etc.).
Ich möchte mit dieser Arbeit keineswegs zum Drogenkonsum aufrufen, noch möchte ich die Gefährlichkeit berauschender Substanzen herabsetzen. Ich hoffe mit dieser Arbeit einen wissenschaftlichen Beitrag geleistet zu haben, der den Versuch darstellt, dem Leser gegenwärtige gesellschaftliche Irrtümer und Missverständnisse bezüglich legalen sowie illegalen Drogenkonsums aufzuzeigen und um ihm dazu zu verhelfen eine realitätsnahe objektivere Stellung zu dieser Thematik einzunehmen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Beginn des Drogenkonsums | 4 |
| 3. | Das Streben nach Rausch als anthropologische Konstante | 10 |
| 4. | Archaische Zeiten und Altertum | 18 |
| 4.1 | Beispiele für die kulturelle Integration von Rauschmitteln im Altertum | 18 |
| 4.1.1 | Alkohol | 18 |
| 4.1.2 | Opium | 25 |
| 4.1.3 | Cannabis | 32 |
| 4.2 | Zusammenfassung: Das Altertum als rauschnahe Epoche | 40 |
| 5. | Mittelalter | 49 |
| 5.1 | Die Bedeutung von Drogen und Rausch im Mittelalter | 49 |
| 5.2 | Beispiele für die kulturelle Integration von Rauschmitteln im Mittelalter | 51 |
| 5.2.1 | Alkohol | 51 |
| 5.2.2 | Opium | 54 |
| 5.2.3 | Die Flugsalben mittelalterlicher Hexen | 56 |
| 5.2.4 | Cannabis | 59 |
| 5.3 | Zusammenfassung: Das Mittelalter als kulturelles Erbe des Altertums | 62 |
| 6. | Neuzeit | 64 |
| 6.1 | Gründe für den Wandel in der Neuzeit | 68 |
| 6.1.1 | Der aufkommende Protestantismus | 68 |
| 6.1.2 | Kleiner Exkurs in die Gedankenwelt der Aufklärung | 70 |
| 6.1.3 | Die mittelalterlichen Gewürze als Indikator für den neuzeitlichen Geschmack | 71 |
| 6.2 | Die Entstehung von Abhängigkeit und Sucht aus Elend und Aufklärung | 74 |
| 6.3 | Beispiele für den Gebrauch von Rauschmitteln in der Neuzeit | 77 |
| 6.3.1 | Alkohol | 77 |
| 6.3.2 | Opium | 83 |
| 6.3.3 | Cannabis | 88 |
| 6.3.4 | Kaffee, Tee, Tabak und Coca - Die kulturelle Integration kolonialer Genuss - und Rauschmittel in Europa | 90 |
| 6.3.4.1 | Kaffee | 90 |
| 6.3.4.2 | Tee | 96 |
| 6.3.4.3 | Tabak | 99 |
| 6.3.4.4 | Coca | 105 |
| 6.4 | Zusammenfassung: Die Neuzeit als Wendepunkt gesellschaftlicher Werte | 115 |
| 7. | Moderne | 121 |
| 7.1 | Die Bewertung des Rausches in der modernen Gesellschaft | 121 |
| 7.2 | Die aktuelle Drogenpolitik Deutschlands | 124 |
| 7.2.1 | Entstehung der modernen prohibitiven Drogenpolitik | 124 |
| 7.2.2 | Das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) | 125 |
| 7.2.3 | Gesellschaftliche Folgen der prohibitiven Drogenpolitik | 127 |
| 7.2.4 | Der liberale Ansatz als Ausgangspunkt einer akzeptanzorientierten Drogenpolitik - eine Alternative zur prohibitiven Drogenpolitik? | 131 |
| 7.3 | Psychobiologische Grundlagen im Zusammenhang mit Drogen, Rausch, Sucht und Gesellschaft | 134 |
| 7.4 | Die moderne Leistungs-, Konsum- und Suchtgesellschaft | 138 |
| 8. | Fazit | 142 |
| 9. | Literaturverzeichnis | 151 |
6.3.1 Alkohol Wie in den vorangegangenen Abschnitten deutlich wurde, gelangten mit der Kolonialisierung neue Getränke (Kaffee, Tee und Schokolade) nach Europa, die zur Epoche der Neuzeit geradezu passten, da sie den geistigen Wandel, der sich in einer strukturierteren Arbeitsökonomie, effizienteren Zeiteinteilung und einer protestantisch – rationalistischen Lebensauffassung bemerkbar machte, unterstützten und sich daher in einer Wechselwirkung zwischen geforderter Rationalität und spendender Wachheit befanden. Welche Rolle aber kommt dem Alkohol zu und inwiefern haben sich seine Trinksitten verändert? Kann man aus den allgemeinen Veränderungen der Neuzeit schließen, dass sich auch etwas am Charakter, der Qualität, der Quantität und der sozialen Bedeutung des Trinkens und der Trunkenheit verändert hat? Die neuen Getränke – Kaffee und Tee – verdrängten den Alkohol aus seiner Rolle als Universalgetränk und etablierten sich in erster Linie auf höheren gesellschaftlichen Ebenen, dem bürgerlichen Mittelstand. Seit dem 17. Jahrhundert wird das hemmungslose Trinken seitens des Bürgertums immer mehr als anstößiges Laster empfunden und dementsprechend bewertet, was erste Stigmatisierungstendenzen aufweist. Der Bürger trinkt mäßig, immer mit bedacht, und er trinkt im privaten Kreise. Somit wird der Alkohol nicht aus dem bürgerlichen Milieu verbannt, sondern auf ein Genussmittel, welches man nur in Maßen zu sich nehmen sollte, reduziert beziehungsweise domestiziert. Die unteren Schichten (sprich: die Arbeiterschichten) konnten sich dagegen, aufgrund ihrer Armut, der Kaffeehauskultur des 16. und 17. Jahrhunderts nicht anschließen und übernahmen weitestgehend die archaischen Trinksitten des Mittelalters. Sie tranken zwar auch Kaffee, auch wenn er billig und oftmals gepanscht war, jedoch spielte der Alkohol in der Wirklichkeit der Armen eine weitaus größere Bedeutung, wohl aufgrund seiner sozialen Funktionen als Symbol der Zugehörigkeit einer bestimmten Klasse sowie als Sorgenbrecher. Und tatsächlich haben sich in keiner anderen Klasse archaische Trinkgewohnheiten, wie [...]
Zusammenfassend kann man sagen, dass, wie ich in den vorangegangenen Kapiteln aufzuzeigen versucht habe, Drogen von Menschen seit frühester Zeit zu vielfachen Zwecken genutzt wurden: als Heilmittel, als belebende und dämpfende Genussmittel und als Rauschmittel, um den Alltag in religiöser oder profaner Absicht zu transzendieren.“ (Scheerer 1995, S. 24). Abhängigkeit und Sucht blieb, wenn sie existent war, zumindest unbemerkt und in gewisser Weise undenkbar. Denn die Hörigkeit (beziehungsweise Sucht) bezüglich einer bestimmten Substanz setzt ein bestimmtes Bewusstsein individueller Autonomie voraus, welches aber erst im Zeitalter der Aufklärung zum vollen Zuge kommen konnte. Durch den Wegfall jahrhunderte alter tradierten Normen sowie der erhöhten Verfügbarkeit höher konzentrierter Drogen, machten die Menschen im Zeitalter der Industrialisierung „anfälliger für riskantere Konsumformen. Schließlich begünstigten strafrechtliche Drogenverbote bei jenen, die sie nicht abzuschrecken vermochten, die Entwicklung wahrer Sucht – und Delinquenzkarrieren.“ (ebd., S. 24). [...]
Scheerer bezeichnet das Phänomen der Sucht als eine Erscheinung der Moderne, im Gegensatz zum Rausch, der den Menschen seit jeher begleitet hat. Durch die Entwicklung der Neuzeit veränderten sich Trinkmuster und – motivation, die wiederum das Ergebnis der Aufhebung mittelalterlicher Abhängigkeiten, Zerstörung haltgebender Strukturen und Ausbeutung sowie der damit verbundenen Verelendung großer Teile der Gesellschaft sind. „Die Moderne befreite das ökonomische Spiel der Kräfte von religiöser und politischer Bevormundung und fegte zugleich alle sittlichen und sonstigen Schranken hinweg, der einer hemmungslosen Ausbeutung der Arbeitskraft und einer nahezu gewaltförmigen Vermarktung der Manufaktur – und Industrieprodukte noch im Wege gestanden hatten.“ (Scheerer 1995, S. 18 f.). Der Staat entwickelte sich parallel dazu zu einem wirtschaftlichen Haushalt, dessen Ziele in der weiten Verbreitung und Versteuerung gewinnbringender Tabak – und Alkoholprodukte lag. Durch das Verfahren der Destillation, durch das hochprozentige Spirituosen hergestellt werden konnten, profitierte im angehenden 16. Jahrhundert die Schnapsindustrie, da ab diesem Zeitpunkt die Nachfrage nach Alkohol ‚exponential’ stieg34. Aber auch die Fabrikherren, die ihren Arbeitern kostenlos oder als Arbeitslohn Schnaps anboten, profitierten von der erzwungenen Arbeitsintensität, die oftmals einen 12 – 16stündigen Arbeitstag vorsah. Folglich wurde aus wirtschaftlichen Interessen der Arbeiteralkoholismus in erheblichem Maße gefördert. Erst um 1900 kam es durch die Mäßigkeitsvereine zu einer deutlichen Reaktion auf den Elendsalkoholismus. Als anschauliches Beispiel der Mäßigkeitsbewegung dient meines Erachtens die durchgeführte Prohibition35 in den USA, die ein völliges Alkoholverbot vorsah, sich aber aus vielen Faktoren, auf die ich nicht näher eingehe, nicht halten konnte. Weiterhin gelang im 19. Jahrhundert die Extrahierung psychogener Alkaloide aus den Drogen Opium und Coca, was zur Folge hatte, dass immer kleinere Mengen der [...]
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Wagner, Thomas Oktober 2001: Die Verwendung von berauschenden Substanzen seit dem Altertum im europäischen Kulturkreis, Hamburg: Diplomica Verlag
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Drogen, Kultur, Gesellschaft, Geschichte, Rauch



