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Verwandlung des Menschen - Vergeistigung der Welt

Zu einer zentralen Denkfigur des Novalis

Verwandlung des Menschen - Vergeistigung der Welt
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Kai Liedtke
  • Abgabedatum: Dezember 1998
  • Umfang: 213 Seiten
  • Dateigröße: 1,1 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-1581-5
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-1581-5 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-1581-5 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Liedtke, Kai Dezember 1998: Verwandlung des Menschen - Vergeistigung der Welt, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Mensch, Natur, Raum, Zeit, Körper

Magisterarbeit von Kai Liedtke

Einleitung:

Die vorliegende Arbeit widmet sich der ganzheitlichen Philosophie des Novalis, in welcher dieser danach strebt, kraft seines magischen Idealismus alle noch so gegensätzlich erscheinenden Phänomene der menschlichen Natur zu einer Harmonie zu vereinigen. Diese Arbeit soll ihren Beitrag dazu leisten, die tiefsitzende Sehnsucht jener wahrheitsliebenden Menschen zu befriedigen, die sich bisher in dieser Welt von ihrer harmonischen geistigen Heimat getrennt fühlten und darunter litten.

Die Fragmente des Novalis bilden die Hauptgrundlage dieser Arbeit. In vorwiegend kurzen und wenigen Sätzen behandelt Novalis in ihnen mannigfaltige philosophische Gedanken. Was diese Fragmente so spannend macht, ist der lebendige Wechsel zwischen den Themen und den Perspektiven der Betrachtungsweise. In all ihrer Mannigfaltigkeit laufen sie alle auf einen gemeinsamen harmonischen Ursprung zu, der überall in den Fragmenten durchleuchtet. In einigen Fragmenten ist sich Novalis eines philosophischen Gedankens noch nicht völlig sicher, und der Leser wird Zeuge, wie er sich durch den Prozeß des Niederschreibens Klarheit zu verschaffen sucht. Dadurch regt er den Leser indirekt zur Selbsttätigkeit und zum Bilden einer eigenen Philosophie an: "Man studiert fremde Systeme um sein eignes System zu finden. Ein fremdes System ist der Reiz zu einem eignen." Die kurze Form der Fragmente macht ihre Schwierigkeit und dadurch ihren rätselhaften Reiz aus. Sie sind Zeugnis von der Beweglichkeit des Geistes von Novalis und seiner kindlich anmutenden Neugierde, jeder denkbaren und auch nicht-denkbaren Erscheinung auf den Grund zu gehen. Sie erscheinen wie bunt zusammengewürfelte Hieroglyphen, deren Zusammenhang oft nicht direkt erkennbar ist. Einigen seiner Fragmentsammlungen gab er poetisch klingende Überschriften wie z.B. "Blütenstaub." Und in der Tat erscheinen seine Fragmente wie einzelne Samenkörner, von denen einige im Geiste des Lesers auf fruchtbaren Boden fallen und zu ihrem Sinn erblühen. Novalis selbst schreibt über seine Fragmente: "Fragmente dieser Art sind literärische Sämereien. Es mag freilich manches taube Körnchen darunter sein - indes wenn nur einiges aufgeht." Weniger bescheiden, sondern jugendlich selbstbewußt und provokativ wendet er sich ein anderes Mal direkt an den Leser:

"Wer Fragmente dieser Art beim Worte halten will der mag ein ehrenfester Mann sein - nur soll er sich nicht für einen Dichter ausgeben. Muß man denn immer bedächtig sein? Wer zu alt zum Schwärmen ist, vermeide doch jugendliche Zusammenkünfte. Jetzt sind literärische Saturnalien - je bunteres Leben, desto besser." Die Fragmente erscheinen wie einzelne Mosaike, die untereinander in einer Wechselbeziehung stehen und aufeinander verweisen. Dies erschwert mitunter ihr Sortieren, da sie alle ein komplexes Themengefüge beinhalten. Je tiefer der Leser in die Welt des Novalis eintaucht, desto mehr erschließt sich ihm der größere Sinn, der die einzelnen Mosaike zu einem ganzen Bild vereinigt. In der vorliegenden Arbeit werden die Fragmente nicht in der chronologischen Reihenfolge ihrer Entstehungsjahre betrachtet, sondern vielmehr wird zwischen den Schaffensjahren des Novalis frei umher gewechselt, um so einen klaren Gesamtüberblick seiner Gedanken bieten zu können. Achtet man auf die Entstehungsjahre der Fragmente, so stellt man fest, daß sie vor genau zweihundert Jahren entstanden sind. Dabei haben sie heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. In seinen Fragmenten greift Novalis bereits Theorien vorweg, die in unserem Jahrhundert von Wissenschaftlern bewiesen wurden und als geistige Revolution betrachtet werden, so z.B. Einsteins Relativitätstheorie oder Erkenntnisse aus der Quantenphysik. Man tritt gewissermaßen eine Reise durch die Zeit an, um dann festzustellen, daß in geistigen Sphären gar kein Zeitunterschied existiert, da alle Wahrheit zeitlos ist und nur die Form ihres Ausdrucks verändert wird: "Alle Wahrheit ist uralt. Der Reiz der Neuheit liegt nur in den Variationen des Ausdrucks." In gewisser Weise kann die vorliegende Arbeit auch als eine Reise in das innere Kernwesen des Menschen verstanden werden, denn man muß keinen Fuß vor die Tür setzen, um eine Reise anzutreten: "Wir träumen von Reisen durch das Weltall - ist denn das Weltall nicht in uns?" Der Start dieser geistigen Reise beginnt in der goldenen Zeit, jener sagenhaften Heimat des Menschen, in der alles eine harmonische Einheit bildete und keine gegensätzlichen Extreme existierten (1. Die goldene Zeit - Einheit von Natur und Geist).Von dem Standpunkt ausgehend, daß die goldene Zeit im Hier und Jetzt im Menschen selbst gesucht werden soll, führt die Reise zur Schöpfung der ersten Menschen, die schon bald nach ihrer Erschaffung die Geborgenheit des Paradieses verlieren. Dafür erhalten sie eine Welt, Bewußtsein und den freien Willen, ihr Leben selbst bestimmen zu können. Dieses Kapitel führt zur schwierigsten Hürde der Reise, nämlich zur Polarität, welche die Einheit des Paradieses in zahllose, scheinbar gegensätzliche Extreme aufspaltet und dadurch den Menschen in irdische Konflikte verstrickt (2. Aufspaltung der Einheit von Natur und Geist: Polarität). Danach wird der Realitäts- sowie der Raum- und Zeitbegriff des Menschen einer gründlichen Prüfung unterzogen (3. Die illusionäre Realitätsvorstellung des Menschen). Im Anschluß wird die Natur des Menschen betrachtet. Diese beinhaltet seine äußere Erscheinung, sein soziales Rollenverhalten, den innigen Zusammenhang von Körper, Geist und Seele, die Bedeutung der Krankheit, seine Sprache, das Verhältnis Geist-Natur und schließlich das Verhältnis des Menschen zur Natur (4. Die Natur des Menschen). Nach der theoretischen Betrachtung der Natur des Menschen geht es zum teilweise praktischen Teil der Reise, in der die Einstellung des Menschen zur Wirklichkeit transformiert werden soll. Da Novalis stets auf der Suche nach allgemeingültigen Aussagen ist, bietet er dem Leser fruchtbare Formeln für Experimente in der Natur des Menschen an, die jeder Leser individuell auf sich anwenden kann (5. Die Verwandlung des Menschen). Nach der Verwandlung des Menschen sieht der Leser vielleicht einige Dinge klarer, so daß er die Gegensätze in sich versöhnen kann, die verantwortlich waren für den Verdruß und die Verirrung des Menschen (6. Versöhnung der Gegensätze). Nachdem zuvor Einzelaspekte der menschlichen Natur untersucht wurden, soll im Schlußkapitel der Bogen der Reise geschlossen werden, indem aus der Perspektive des Mikrokosmos zum Makrokosmos gewechselt wird und das Ganze in der Natur betrachtet wird (7. Das Ganze in der Natur: Alles ist Eins und Eins ist Alles). Dieses Kapitel hält noch eine letzte Herausforderung an den Leser parat: die Selbstdurchdringung des Geistes, die die Illusion des menschlichen Ego impliziert. Danach wird endgültig zur Landung der Reise angesetzt.

Ich wünsche dem Leser eine abenteuerliche, erkenntnisreiche Reise, die sie für mich war und ist. Vergessen Sie nicht, sich gut anzuschnallen, da bei der Behandlung solch eines Stoffes im inneren Kosmos unserer selbst stets mit Turbulenzen gerechnet werden muß, die von den empörten Stürmen des logisch denkenden Verstandes herrühren können.

Inhaltsverzeichnis:

Einführung 1
1. DIE GOLDENE ZEIT - EINHEIT VON NATUR UND GEIST 5
1.1. Zum triadischen Geschichtsverständnis des Novalis: Das Zusammenwirken von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart 9
1.2. Die goldene Zeit im Jetzt 12
1.3. Die Träger der goldenen Zeit: Das Kind, der Dichter, die Liebenden 14
1.4. Die Sehnsucht nach der goldenen Zeit 17
2. AUFSPALTUNG DER EINHEIT VON NATUR UND GEIST - POLARITÄT 20
2.1. Aufspaltung in Sein und Bewußtsein 20
2.2. Aufspaltung in Subjekt und Objekt - Ich und Nicht-Ich 27
3. DIE ILLUSIONÄRE REALITÄTSVORSTELLUNG DES MENSCHEN 37
3.1. Schweben zwischen Polen 37
3.2. Realität als Resultat einer gesellschaftlichen Vereinbarung: Repräsentation durch Symbole 47
3.3. Raum, Körper und Zeit 57
4. DIE NATUR DES MENSCHEN 73
4.1. Der Mensch als offenbarte Synthese von Himmel und Erde 75
4.2. Die Menschengestalt als Hieroglyphe - Über das Aussehen des Menschen 79
4.3. Der Mensch unter Menschen: Über das Alltagsleben des Menschen 82
4.4. Der Zusammenhang von Körper, Seele und Geist 86
4.5. Krankheit - Signal der Seele 93
4.6. Sprache als Vermittler zwischen Geist und Weit 101
4.7. Das Verhältnis Geist - Natur 112
4.8. Das Verhältnis Mensch - Natur 115
5. DIE VERWANDLUNG DES MENSCHEN 120
5.1. Das Ziel des Menschen : Selbstbestimmung durch Selbsterkenntnis 120
5.2. Romantisches Experimentieren in der Natur des Menschen 123
5.2.1. Harmonisierung der verschiedenen Persönlichkeitsaspekte durch Sittlichkeit: Selbstliebe = Menschenliebe 123
5.2.2. Entleeren des Verstandes von polaren Resten 129
5.2.3. Herrschaft über Körper und Sinne durch Ausbildung des Willens 132
5.2.4. Betrachtung von Geist und Natur - Innen und Außen in ihrem wechselseitigen Verhältnis 139
5.3. Der vollkommene Mensch 149
6. VERSÖHNUNG DER GEGENSÄTZE 154
6.1. Versöhnung von Leben und Tod 160
6.2. Versöhnung von Gut und Böse 166
6.3. Integration des Unbewußten 172
7. DAS GANZE IN DER NATUR: ALLES IST EINS UND EINS IST ALLES 176
7.1. Der Mensch als Ebenbild des Universums 182
7.2. Selbstdurchdringung des Geistes - die Illusion des Ego 185
7.3. Die durchscheinende geistige Wirklichkeit: Das, was immer schon ist 190
Ausblick 196
Anhang: Rixdorfer Fragmente von Kai Liedtke 198
Literaturverzeichnis 205

Automatisiert erstellter Textauszug:

Hat er sie aber einmal ganz durchdrungen, so wird sie völlig indifferent gegen die relativen Reize. Dieser Reiz ist – absolute Liebe.“ 280 In der absoluten Liebe erblickt Novalis den absoluten Reiz, der alle anderen Reize ersetzt, wenn man ihn in seine Konstitution aufgenommen und verinnerlicht hat. Daraus folgt, daß der Mensch mit einer „unvollkommenen Konstitution“ diese „der Liebe fähiger machen“ soll: „Jede Verbesserung unvollkommener Konstitutionen läuft darauf hinaus, daß man sie der Liebe fähiger macht."281 Zu einer harmonischen Konstitution gehört untrennbar Selbstliebe. Als poetisches Allheilmittel steht die alles verbindende Kraft der Liebe der Angst vor einer Krankheit gegenüber. Die Angst vor einer Krankheit kann der Mensch besiegen, indem er lernt, seinem Körper als identischen Teil von ihm zu vertrauen. Liebe und Vertrauen besiegen die Angst und heilen alle Wunden. Als „gesundheitsbringende Seelenkost“ betrachtet Novalis eine harmonische Mischung aus Verstand und Phantasie: „Klarer Verstand mit warmer Phantasie verschwistert ist die echte, gesundheitsbringende Seelenkost. Der Verstand tut lauter vorhergesehene, bestimmte Schritte.“ 282 Der Mensch soll nicht nur einer Seite alleine folgen, Ratio oder Gefühl, sondern beiden in Harmonie. „Krankheiten besonders langwierige, sind Lehrjahre der Lebenskunst und der Gemütsbildung. Man muß sie durch tägliche Bemerkungen zu benützen suchen. Ist denn nicht das Leben des gebildeten Menschen eine beständige Aufforderung zum Lernen?"283 Krankheiten als „Lehrjahre der Lebenskunst und der Gemütsbildung“ zu bezeichnen, zeugt von dem optimistischen Urvertrauen des Novalis, alles nutzen zu können, auch das Unangenehme, um geistig zu wachsen. So bezeichnet er „Mühe und Pein“ als „Heilmittel“: „Mühe und Pein haben eine angenehme Reaktion. Sie sind Heilmittel, und daher scheinen sie den Menschen so verdienstlich und wohltätig. Alles, was wegzuwünschen ist, ist nur falsche Meinung – Irrtum. Krankheit und Übel sind solches nur in der und durch die Einbildung – sie sind nicht zu statuieren.“ 284 Nicht die Krankheit gilt es zu bekämpfen, da sie einen natürlichen Reiz im Kreislauf des menschlichen Organismus darstellt, sondern vielmehr die „falsche Meinung“ von ihr. Novalis betont, daß Krankheit und Übel nur „in der und durch die Einbildung als [...]

endliche Kette von lauter Individuen“ zu sein. Gerhard Schulz erläutert Browns Lehre stark zusammengefaßt: „Nach Browns Lehre erhielt jeder Mensch mit seiner Geburt eine bestimmte Menge Erregbarkeit. Diese reagierte auf von außen wirkende Reize, und das Zusammenspiel zwischen beiden produzierte die Erregung, auf der das ganze Leben beruhte. Das Gleichgewicht zwischen Reiz und Erregbarkeit bezeichnete Gesundheit, zu geringe Erregung einen Zustand der Asthenie oder Schwäche, zu starke Erregung sogenannte Sthenie. Die Behandlung erfolgte dann je nach der Diagnose durch Verstärkung oder Reduzierung von Reizen.“ 277 Novalis greift Browns Erregungslehre auf, da sie seiner Philosophie, alles in seiner Beziehung und Wechselwirkung zu betrachten, genau entspricht. So betrachtet er stets den Zusammenhang von Reiz und Reizbarkeit und beschreibt – Brown folgend - das individuelle bestimmte „Gesundheitsverhältnis“ jedes Menschen: „Der höchste Reiz verlangt die geringste Reizbarkeit – so wie die höchste Reizbarkeit den geringsten Reiz verlangt. Jedes Individuum hat sein bestimmtes Maß – oder Gesundheitsverhältnis – Unter oder über diesem Maß sind seine Krankheiten.“ 278 Der körperlisch-seelische Idealzustand des Menschen ist demzufolge das absolute Gleichgewicht zwischen Reiz und Erregung von Seele und Körper. Äußere Reizbarkeit äußert sich „in heftigen Bewegungen und Spannungen“, während sich innere Sensibilität „in unmerklichen Spannungen und Bewegungen“ äußert: „Wenn sich die höchste Reizbarkeit in heftigen Bewegungen und Spannungen offenbart, so offenbart sich hingegen die höchste Sensibilität in unmerklichen Spannungen und Bewegungen. Reizbarkeit zeigt sich durch große Veränderungen und Wirkungen – Sensibilität durch kleine – unendliche Reizbarkeit durch unendlich große – unendliche Sensibilität durch unendlich kleine Veränderungen.“ 279 Novalis spricht von einem Reiz, der im Gegensatz zu allen anderen relativen Reizen absolut ist: „Alle Reize sind relativ – sind Größen – bis auf Einen, der ist absolut – und mehr als Größe. Die vollkommenste Konstitution entsteht durch Inzitation und absolute Verbindung mit diesem Reize. Durch ihn kann sie alle übrige entbehren – denn er wirkt anfänglich stärker im Verhältnis, daß die relativen Reize abnehmen, und umgekehrt. [...]

Im letzten Satz kommt eine wesentliche Grundaussage des Zusammenhangs von Seele und Krankheit zum Ausdruck. „Wer sich selbst fehlt“ bedeutet soviel wie: Wer sich nicht in Harmonie mit sich selbst befindet, verfehlt seine Mitte. Dieses Ungleichgewicht im Menschen infolge einer seelischen Disharmonie kann Krankheiten verursachen. Die logische Schlußfolgerung aus dem innigen Zusammenhang von Seele und Körper ist, dem Kranken „Anstrengung seines Verstandes“ und „sich selbst“ zu verschreiben. Indem der Mensch selbst Verantwortung für seine Krankheit übernimmt, wird in ihm automatisch der Heilungsprozeß aktiviert, der begünstigt wird durch geistige Reflexion und Forschung in sich selbst. Ziel des Menschen ist die Harmonie zwischen Körper und Seele, die nur über die einheitliche Betrachtung von Körper und Seele erreicht werden kann: „Häufige Seelenbewegungen – Übungen usw. vermehren den Zusammenhang von Körper und Seele und machen beide sensibler gegeneinander.“ 275 In dem Bemühen, den höheren Sinn hinter der Krankheit zu entschlüsseln, studierte Novalis intensiv die Erregungslehre von Brown. Dessen wechselseitige Betrachtung von Körper und Seele in ihrem Verhältnis von Reizbarkeit und Sensibilität fiel bei Novalis auf fruchtbaren Boden, da Novalis in seiner ganzheitlichen Naturphilosophie danach strebte, die Gegensätze zu vereinigen. Die ganzheitliche Betrachtung von Körper und Seele, die Novalis bei der Schulmedizin vermißte, da sie den Körper als etwas unpersönliches Abstraktes behandelt ohne Bezug zur Seele, fand er in der Erregungslehre von Brown, die er „ganz idealistisch“ nennt: „Brown hat nur den großen Irrtum unsrer Medizin rein aufgefaßt und dargestellt – den großen Irrtum auch unsrer Politik – den menschlichen Körper, als ein einfaches Abstractum zu behandeln. Der Körper ist eine unendliche Kette von lauter Individuen. Alle Kräfte sind lauter Lokalkräfte. Es soll einmal künftig das Brownsche System möglich in der Anwendung werden. Es ist ganz idealistisch.“ 276 Der menschliche Körper ist kein „einfaches Abstractum“, sondern vielmehr „eine unendliche Kette von Individuen“. Der ganze Körper setzt sich aus unendlichen individuellen Körpereinheiten zusammen. Aus der Summe aller körperlichen „Lokalkräfte“ ergibt sich die Gesamtkraft des Organismus. Indem man den Körper als etwas Abstraktes betrachtet, trifft man nicht sein eigentliches unbegrenztes Wesen, „eine un- [...]

Arbeit zitieren:
Liedtke, Kai Dezember 1998: Verwandlung des Menschen - Vergeistigung der Welt, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Mensch, Natur, Raum, Zeit, Körper

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