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Versteckte Aussichten

Militärische Landschaft der Schweiz

Versteckte Aussichten
Über dieses Buch
  • Art: Bachelorarbeit
  • Autor: Christoph Duckart
  • Abgabedatum: Juni 2010
  • Umfang: 138 Seiten
  • Dateigröße: 7,5 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Hochschule Rhein Main Deutschland
  • Bibliografie: ca. 62
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0563-7
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Duckart, Christoph Juni 2010: Versteckte Aussichten, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Landschaft, Aussichten, Raumanalyse, Bunker, Schweiz

Bachelorarbeit von Christoph Duckart

Einleitung:

Die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit ist für die Gesellschaft im 20. Jhd von hoher kultureller Bedeutung. Diese Bedeutung spiegelt sich in der öffentlichen Diskussion zu vergangenen Thematiken wider und auch im öffentlichen Raum ist die Auseinandersetzung in Form von Denkmälern und Museen anzutreffen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und die politische Diskussion ist das treibende Glied in diesem Zusammenhang. Das Wissen um militärische Anlagen in der Schweiz, überwiegend Bunker, ist seit langem bekannt, nur wurden diese für knapp 100 Jahre möglichst versteckt und unsichtbar gehalten. Bunkeranlagen haben die Funktion unbemerkt zu bleiben und erheben trotz allem den Anspruch auf totale Überwachung des Landes. Um diesen Konflikt zu lösen haben sich die Festungsbauer in der Schweiz vieles einfallen lassen und kaum Aufwand gescheut. Im Vergleich mit älteren Festungsbauwerken zeigt sich die Erkenntnis, dass diese größtenteils nur zur Abschreckung des Feindes und zur Repräsentation der Macht errichtet wurden. Somit richten sich diese mehr nach ästhetischen Aspekten der Epoche und einer möglichst einschüchternden Demonstration der Möglichkeiten.

Die Architektur unterirdischer Verteidigungsbauwerke möchte jedoch nur eins - Unsichtbare Überwachung.

In diesem Zusammenhang wird die Auseinandersetzung und Aufarbeitung in militärischerem Kontext durchgeführt. Die geistige Landesbefestigung ist für die politische Einheit der Schweiz von hoher Bedeutung. Dieser Umstand konnte durch diverse Interviews belegt werden.

Da sich die Eidgenossenschaft aus stark unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zusammensetzt, finden wir hier einen wichtigen Bezug zur gesellschaftlichen Einheit. Der militärische Nachlass wurde in den letzten Jahren seitens der Kunst und Politik intensiv behandelt und öffentlich diskutiert. Beispielsweise können hier die Broschüren MILITÄRISCHE DENKMÄLER DER SCHWEIZ, viele Zeitungsbeiträge und das Kunstprojekt UNLOADED genannt werden. Dabei stellt sich die Schweiz als Besonderheit dar, da sie als neutrales Land zwar militärisch ausgestattet war, aber seit 200 Jahren nicht mehr in Kriegsgeschehnisse eingebunden wurde. Gegenwärtig hat sich ein Dispositiv entwickelt, das zur Zeit ca. 10.000 von 20.000 – 35.000 Objekten beinhaltet. Dieses Dispositiv wird in den kommenden Jahren weiter anwachsen, wenn die logistische Infrastruktur freigegeben wird.

Nach Ende des kalten Krieges hat sich vieles verändert, auch in der Schweiz. Bis ins Jahr 1995 wurde hier kontinuierlich an der Verteidigungslinie und der atomwaffensicheren Schweiz modernisiert und erweitert. Nach Aufgabe von rund zwei Dritteln der Anlagen durch die Armeereform 95, steht nun die Frage nach Umgang mit diesen in der Zukunft aus. Entweder werden diese durchaus komplexen Objekte rückgebaut, man sieht sich nach einer Nachnutzung um oder versucht sie durch öffentliche Mittel als kulturelles Erbe zu bewahren.

Da viele der Kampf- und Führungsbauten, im folgenden als Bunker bezeichnet, als Laienmuseen ausgestattet wurden, kann von keiner nachhaltigen Nutzung ausgegangen werden. Nach Schmid ist dies ist zwar eine vorübergehend interessante Lösung, aber keine die von Dauer sein kann. Das momentan rege Interesse an dieser Nutzung begründet sich noch auf einer engen zeitlichen Verbindung zur Bevölkerung, aber auch an der aktiven Teilnahme der Generationen am Militärdienst in der Schweiz. Wenn diese Generationen nun nicht mehr zum Erhalt dieser Anlagen eintreten, muss über eine neue Nutzung nachgedacht werden.

Hierfür finden sich zwar schon einige Beispiele, nur sind diese momentan noch nicht in ausreichendem Maße zur kulturhistorischen Erhaltung des Gesamtbestands vorhanden. Die aktuellen Konzepte sind zum Großteil kulturell, sowie wirtschaftlich nicht nachhaltig und scheitern demnach an einer sinnvollen Umsetzung.

Die Erhaltung ist aber als wichtiger Teil der schweizerischen Geschichte von Bedeutung. Diese Arbeit versucht dies durch die gewidmete Aufmerksamkeit zu fördern. Wenn auch keine Lösungsansätze geboten werden, so wird zumindest eine Grundlage für weitere Konzepte gelegt. Nach Aussage von ARMASUISSE finden sich wenige Abnehmer dieser Anlagen, da die weitere Nutzung mit einigen Problemen behaftet ist. Dies gilt u.a. für Nachnutzungsgenehmigungen und die infrastrukturelle Anbindung. Die hier anzulegenden Parameter sind gänzlich andere als bei zivilen Maßnahmen, daher sind einheitliche Lösungen zur Planung und Einbindung in die öffentliche Infrastruktur kaum zu finden. Die Struktur hat sich über Jahrzehnte unabhängig entwickelt und immer gelöst von Bestehendem funktioniert. Eine weitere Besonderheit die sich bei diesen Bauten herausstellt ist, dass sie entgegen jeglicher Form von Bebauungsplänen und Landnutzung errichtet worden sind. Dies bedeutet, dass es keine erkenntlichen Einschränkungen in Bezug auf Lage oder Größe dieser Objekte gibt, wenngleich sie sich sowieso größtenteils unterirdisch befinden. Aus architektonischer Sicht finden wir aufgrund eines fehlenden Baukonzepts auch viele individuelle Bautypen vor. Aus den nun betrachteten Problemstellungen ergeben sich weitere Fragen zur Nachnutzung, zum Umgang und zur Bedeutung der militärischen Landschaft, die im Laufe der Arbeit zu klären sind.

Fragestellung:

Haben wir es in der Schweiz mit einer einzigartigen militärischen Landschaft zu tun? Was bedeutet militärische Landschaft und welche Blickbeziehungen und räumlichen Zusammenhänge sind zur Beantwortung dieser Frage von Relevanz?

Ist die militärische Landschaft der Schweiz auf den ersten Blick nur durch ihre Masse an Objekten und deren Grösse interessant? Oder finden sich auch Besonderheiten in ihrer landschaftlichen Ausdehnung und der topographisch besonderen Einbindung? Ergeben sich daraus Parallelen zur Landschaftsbewertung und Landschaftsästhetik? Sowie die Anlagen von Vauban für Architekten von qualitativer, historischer Bedeutung sind, so können die Anlagen der Schweiz für Landschaftsarchitekten an Bedeutung gewinnen.

Ausblicke, Einblicke und topographische Situationen sind bedeutender Teil der Anlage und des Konzepts. Bisher hat sich ausschließlich der objektbezogene Denkmalschutz mit den Bunkern auseinandergesetzt und diese unter Schutz gestellt. Eine Betrachtung der landschaftlich-kulturellen Zusammenhänge in der Schweiz ist in dieser Thematik jedoch kein Bestandteil und noch unbekannt.

Inhaltsverzeichnis:

1. Versteckte Aussichten 1
1.1 Hintergrund 2
1.2 Fragestellung 6
1.3 Ziel 7
1.4 Aufbau 8
1.5 Methodik 9
1.6 Zusammenfassung 10
1.7 Abstract 11
2. Warscapes 13
2.1 Zur Bedeutung von Warscapes 15
2.2 Entstehung des Mythos 17
2.3 Ästhetische Landschaft und Militär 21
2.4 Lesen von Landschaft 27
2.5 Spuren der Erinnerung 31
3. Forts & Festungen 39
3.1 Europäische Entwicklungen 41
3.2 Verteidigungsarchitektur 43
3.3 Die Festung versinkt 49
3.4 Zersiedelung der Festungswerke 54
3.5 Festung Europa 61
4. Réduit nationale 63
4.1 Eine Festung der besonderen Art 65
4.2 Identität der Alpenfestung 66
4.3 Problematik der Nachnutzung 69
4.4 Bunkerland 71
4.5 Kritische Betrachtung 80
5. Ausblicke - Einblicke 83
5.1 Art der Sichtweise 85
5.2 Zwischen Festung und Klischee 87
5.3 Semantik der Kriegslandschaft 92
5.4 Guckkasten zur Realität 102
5.5 Multiperspektivität der Landschaft 107
6. Schlussbetrachtung 115
6.1 Erkenntnisse 116
6.2 Potentiale 117
6.3 Conclusion 118
6.4 Potentials 119
7. Anhang 121
7.1 Glossar 122
7.4 Literaturverzeichnis 128

Textprobe:

Kapitel 5.3, Semantik der Kriegslandschaft:

Der Ausdruck von Landschaft beruht auf der Aussage von gesellschaftlicher Symbolik, Zeichen und Kodes. In vorherigen Kapiteln wurde behauptet, dass die Unterscheidung zwischen dem Wissenden [dem Soldat] und dem Unwissenden [dem Zivilist] liegt. Nun muss diese sehr strenge Unterscheidung noch weiter differenziert werden. Der Soldat sieht diese Kodes nicht immer auf gleiche Weise, in militärischer Landschaft ist diese Symbolik zeitlich eng begrenzt. Mit Sicherheit ist eine zeitliche Begrenzung in jedem Landschaftstyp vorhanden, nur die Geschwindigkeit dieses Wechsels ist in militärischer Sichtweise stark erhöht und kann unter Umständen auch rückläufig wechseln. Die zwei Landschaftstypen Friedens- und Kriegslandschaft liegen hier sehr eng aneinander.

Eine Konzeption dieser Unterteilung findet man in den Schriften Kurt Lewins KAPITEL DER PHÄNOMENOLOGIE DER LANDSCHAFT. Erlebte Landschaft ändert sich demnach jeweils mit den Bedingungen, die sich im ständigen Wechsel befinden. Seine Erfahrung beruht auf seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg, an dem er als Frontsoldat teilgenommen hat. Sein ästhetischer Blick auf die Landschaft konnte auf Dauer nicht der Kriegslandschaft gerecht werden, im Gegensatz konnte man sie auch nicht als weniger real als die Friedenslandschaft bezeichnen. Dieser Gegensatz zwischen Kriegs- und Friedenslandschaft steht, als zwei Landschaftsmöglichkeiten, in ein und demselben Gebiet nebeneinander.

Die Vorstellung, dass sich Friedenslandschaft ‘nach allen Seiten hin ins unendliche’ erstreckt und ‘rund, ohne vorne und hinten’ ist, steht die Kriegslandschaft mit ihren Grenzen gegenüber. Kriegslandschaft stellt sich demnach als eine Gegend mit ‘vorne und hinten, das nicht auf den Marschierenden bezogen ist, sondern der Gegend fest zukommt’ dar. Es handelt sich auch nicht ‘um das Bewusstsein der nach vorn wachsenden Gefährdung und der schliesslichen Unzugänglichkeit, sondern um eine Veränderung der Landschaft selbst’.

Die Landschaftsbeschreibung im Krieg verliert typische Bezeichnungen und Vorstellungen wie sie in Friedenszeiten herrschen. Kurt Lewin beschreibt Kriegslandschaft als Zusammensetzung von Zonen.

Die ganze Zone setzt sich zusammen aus guten oder schlechten, ausgebauten oder natürlichen Artillerie- und Infanteriestellungen [.] aus guten oder schlechten Anmarschwegen [.] Auch die relativ großen, nicht durch Gräben zerstückelten Flächen, die man an und für sich sehr wohl als Feld oder Wald bezeichnen könnte, sind nicht Felder oder Wälder im Sinne der gewöhnlichen Friedenslandschaft; ebenso wenig behalten die Dörfer den ihnen sonst zukommenden Charakter. Sondern alle diese Dinge sind reine Gefechtsdinge geworden’, Lewin, K.

Nicht Geologie, Flora oder Fauna bestimmen die Eigenart von Gegenden, sondern die Qualität der Deckung, die Einsichtigkeit für den Feind, die Nähe zum ersten Graben, etc. Wo in Friedenszeiten ein Stück Wald in seiner Ausdehnung die Gestalt bestimmend war, so betrachtet man in Kriegszeiten dieses Stück Wald mehr nach seiner Dichte und nach seiner Schutzmöglichkeit. Lewin definiert diese Landschaft als Grenzlandschaft, ortsunabhängig und dynamisch, an fixen Orten definiert er diese Grenzlandschaft als Gefahrenzone. Sie nehmen mit abnehmender Distanz zum Zentrum hin an Intensität zu. Diese Zentren bilden sich erst beim Beziehen neuer Stellungen und ‘erreichen selten die gleiche Festigkeit wie im Stellungskriege’. Wenn sich im Anschluss die Front aber wieder verlagert hat, dann tritt an die Stelle der zerstörten Gefechtsgebilde wieder die Friedenslandschaft zurück.

Die aus diesem Fortschreiten resultierende Anonymität hat weitere Folgen für das Verständnis des Krieges gebracht. Dazu wird Bezug auf Virilio genommen, der über die zunehmende Geschwindigkeit des Krieges und der Gesellschaft schreibt. Er behauptet, dass durch den zunehmenden Verlust der regionalen Identität und auch der Begriff des Nachbarn neu definiert werden muss. Diese Unkenntnis über den Feind eröffnet das Feld für propagandistische Mittel, den Feind weiter zu verfremden. Die zunehmende Distanz zum Fremden, obwohl oftmals europäischer Nachbar, fördert die Pauschalisierung des Fremden als Feind. Die Kraft, im Fremden Unterschiede zu erkennen, geht verloren. Es reduziert sich auf ‘eine Welt von Feinden’. Dieser Effekt wird durch die vorhin angesprochene Unsichtbarkeit des Feindes im Graben-, Partisanen- und eben Bunkerkrieg verstärkt.

In dieser Ausführung wird deutlich, dass aus dem Krieg ein Kampf gegen einen unsichtbaren Feind geworden ist. Die Landschaft wird zum Feind. Der in früheren Kriegen noch deutlich erkennbare Feind wird zur unsichtbaren Front. An der Ostfront hingegen wurde, aufgrund von kulturellem Mangel, aus dem Land der Feinde regelrecht ‘Feindesland’. Das Land selbst wurde als feindlich charakterisiert. Weiterhin wird Landschaft zunehmend militärtaktisch funktionalisiert. Es gleicht sich durch aktive Umgestaltung und Eingriffe immer mehr einer einheitlichen Kriegslandschaft, wie der des einheitlichen Feindbildes, an. Die Differenzierung einzelner Landschaften in ihrer Individualität geht verloren und macht einer einheitlichen Klassifizierung Platz.

Landschaften werden durch diese Symbolisierung auf einen Archetyp Landschaft reduziert. Die Charakterbildung einer Landschaft entsteht aus den verschiedenen Konstellationen symbolischer Landschaftstypen. Sie reduziert sich auf einen streng kontrollierbaren und einstudierbaren Ablauf für verschiedene Gefechtssituationen. Am Beispiel des Landschaftsgenerators sieht man die Reduktion sehr deutlich, es reduziert sich auf strategische Elemente wie Wasser, Topographie und Bäume.

Arbeit zitieren:
Duckart, Christoph Juni 2010: Versteckte Aussichten, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Landschaft, Aussichten, Raumanalyse, Bunker, Schweiz

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