Verhaltenstherapeutische Interventionen bei frühkindlichem Autismus
Eine kontrollierte Einzelfallstudie
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Johanna Götz
- Abgabedatum: März 2010
- Umfang: 121 Seiten
- Dateigröße: 2,2 MB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Universität zu Köln Deutschland
- Bibliografie: ca. 91
- ISBN (eBook): 978-3-8428-0759-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Götz, Johanna März 2010: Verhaltenstherapeutische Interventionen bei frühkindlichem Autismus, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Autismus, frühkindlich, Verhaltenstherapie, Applied Behavior Analysis, Einzelfallstudie
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Diplomarbeit von Johanna Götz
Einleitung:
‘Keine Behandlungs- oder Fördermethode kann jedoch bislang für sich beanspruchen, eine autistische Störung zu heilen – eine entscheidende Besserung herbeizuführen ist schon viel. Dabei kommt es darauf an, auf bewährten Methoden aufzubauen, diese weiterzuentwickeln und wissenschaftlich zu überprüfen.’.
Für Kinder mit Autismus existiert eine Bandbreite verschiedenster Therapieangebote, die von medikamentöser Behandlung, sensomotorischen Übungen, Musiktherapie bis hin zur Delfin- und Reittherapie reichen. Immer wieder wecken neue Therapien die Hoffnung auf große Erfolge in der Behandlung des Autismus. Derartige Methoden wie die Vitamintherapie, die Festhaltetherapie oder die Gestützte Kommunikation folgen jedoch meist aktuellen Modetrends und sind häufig wissenschaftlich unbegründet. Die empirisch am besten abgesicherte Therapieform für Kinder mit Autismus stellen derzeit verhaltenstherapeutisch orientierte Förderansätze dar, wobei dem Einsatz operanter Techniken eine besondere Bedeutung zukommt.
Der erste Wissenschaftler, der sich lerntheoretische Prinzipien zunutze machte, um Kinder mit Autismus speziell zu fördern, war O. Ivar Lovaas. Das von ihm entwickelte intensive verhaltenstherapeutische Frühförderprogramm, das unter dem Namen ‘Applied Behavior Analysis’ (ABA) bekannt wurde, ist vor allem in den USA ein weitverbreitetes Konzept zur Behandlung autistischer Störungen.
Die sehr guten Ergebnisse der ersten umfassenden Wirksamkeitsstudie zur ABA-Therapie und deren Nachfolgeuntersuchungen mussten zwar mittlerweile relativiert werden, die generelle Wirksamkeit dieser Therapieform konnte jedoch auch in weiteren Studien bestätigt werden. Dennoch findet die ABA-Therapie in Deutschland bisher nur wenig Verbreitung und stößt häufig auf kritische Reaktionen. Eltern, die sich dazu entscheiden, ihr Kind mit dieser Methode zu fördern, müssen sich meist auf privater Basis in Institutionen anleiten lassen, was mit einem hohen finanziellen und zeitlichen Aufwand verbunden ist.
Um mehr Kindern mit Autismus eine Förderung mit ABA zugänglich zu machen, sind weitere Studien notwendig, in denen einerseits empirisch belegt wird, welche Fortschritte mithilfe der Therapie möglich sind und andererseits deutlich wird, dass dies durchaus eine kindgerechte Fördermethode ist. Nur auf diese Weise können Vorurteile, die in Bezug auf intensive verhaltenstherapeutische Interventionen in Deutschland immer noch bestehen, ausgeräumt und die ABA-Therapie allgemein anerkannt werden.
Mit dieser Arbeit soll dem Leser die Applied Behavior Analysis nach Lovaas verständlich gemacht und gleichzeitig aufgezeigt werden, dass dies eine geeignete Methode ist, Kinder mit Autismus in ihrer Entwicklung und Eigenständigkeit zu fördern. Die dieser Arbeit zugrunde liegende Studie beschäftigt sich daher mit der Fragestellung, welche Verbesserungen die intensive Verhaltensintervention ABA nach Lovaas bei einem zehnjährigen Jungen mit frühkindlichem Autismus bewirken kann.
Da im Rahmen einer Diplomarbeit nicht alle Entwicklungsbereiche, die die Therapie anspricht, beleuchtet werden können, wurde für die Untersuchung stellvertretend der Bereich Selbständigkeit ausgewählt.
Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Nach einem kurzen historischen Rückblick wird in Kapitel 1 der aktuelle Forschungsstand zur Diagnose ‘Autismus’ dargestellt. Das Störungsbild wird innerhalb der gängigen Klassifikationssysteme eingeordnet und in seiner Symptomatik beschrieben. Es wird geklärt, warum man in Fachkreisen heutzutage immer häufiger von einem ‘Autistischen Kontinuum’ spricht. Weiterhin werden Angaben zu Verbreitung, Diagnostik, komorbiden Erkrankungen sowie zum Verlauf der Störung geliefert. Um das Gesamtbild der aktuellen Erkenntnisse zum Thema Autismus zu vervollständigen, werden anschließend die derzeit bedeutsamen Entstehungstheorien zusammengetragen.
Das zweite Kapitel befasst sich mit den Grundlagen und geschichtlichen Ursprüngen der verhaltenstherapeutischen Interventionen, welche in der Therapie autistischer Störungen zum Einsatz kommen. Die vorgestellten Methoden sind wichtige Bestandteile des unter Kapitel 3 dargestellten Interventionsprogramms, welches Gegenstand der dieser Arbeit zugrunde liegenden Studie ist.
Kapitel 3 beschreibt das von O. Ivar Lovaas entwickelte verhaltenstherapeutische Frühförderprogramm Applied Behavior Analysis (ABA). Nach Darstellung der theoretischen Fundierung wird das methodische Vorgehen sowie die praktische Durchführung des Programmes erläutert und kritisch reflektiert.
Der theoretische Teil der Arbeit schließt mit dem vierten Kapitel ab, welches Aspekte der Wirksamkeitsforschung zum Inhalt hat. Es werden Kriterien zur Bewertung von Effektivitätsstudien vorgestellt, bevor die wichtigsten Ergebnisse zur Wirksamkeit der ABA-Therapie zusammengetragen werden.
Im zweiten, empirischen Teil der Arbeit schließt sich eine kontrollierte Einzelfallstudie an, in welcher ein Förderbereich aus dem ABA-Lernprogramm auf seine Effektivität hin untersucht wird. Kapitel 5 beschreibt zunächst die untersuchungsleitende Fragestellung, bevor die Versuchsperson vorgestellt und der bisherige Therapieverlauf resümiert wird. Nachdem die Untersuchungsmethode erläutert, begründet und der Leser mit den notwendigen methodischen Informationen versorgt wurde, werden die eigentliche Untersuchungsdurchführung sowie deren Auswertung dargestellt.
In Kapitel 6 werden die Ergebnisse der Studie präsentiert. Die Resultate werden sowohl grafisch als auch im Fließtext dargestellt und nach verschiedenen Kriterien analysiert. Im siebten Kapitel, der Diskussion, werden die dargestellten Einzelergebnisse gebündelt und interpretiert. Die Fragestellung wird erneut aufgegriffen und auf dem Hintergrund der Studienergebnisse diskutiert. Weiterhin wird die Studie hinsichtlich ihrer Bedeutung und Methodik kritisch beleuchtet. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und einem kurzen Ausblick auf Möglichkeiten zukünftiger Forschungen.
Inhaltsverzeichnis:
| EINLEITUNG | 5 | |
| I | THEORETISCHER HINTERGRUND | 8 |
| 1. | AUTISMUS | 8 |
| 1.1 | Begriff und Geschichte | 8 |
| 1.2 | Klassifikation und Symptomatik | 9 |
| 1.3 | Autistisches Kontinuum | 12 |
| 1.4 | Epidemiologie | 13 |
| 1.5 | Diagnostik | 14 |
| 1.6 | Komorbidität | 16 |
| 1.7 | Verlauf und Prognose | 17 |
| 1.8 | Ätiologie und neuropsychologische Modelle | 18 |
| 1.8.1 | Genetik | 19 |
| 1.8.2 | Umweltfaktoren | 20 |
| 1.8.3 | Theorie der eingeschränkten ‘Theory of Mind’ | 21 |
| 1.8.4 | Theorie der Schwachen Zentralen Kohärenz | 23 |
| 1.8.5 | Theorie der eingeschränkten exekutiven Funktionen | 25 |
| 2. | VERHALTENSTHERAPIE BEI KINDERN MIT AUTISMUS | 27 |
| 2.1 | Begriff und Geschichte | 27 |
| 2.2 | Verhaltenstherapeutische Methoden | 28 |
| 2.2.1 | Aufbau von erwünschtem Verhalten | 29 |
| 2.2.2 | Abbau von unerwünschtem Verhalten | 32 |
| 2.3 | Entstehung der Verhaltenstherapie bei Kindern mit Autismus | 34 |
| 3. | APPLIED BEHAVIOR ANALYSIS NACH LOVAAS | 36 |
| 3.1 | Eine behavioristische Theorie der autistischen Störung | 37 |
| 3.2 | Methodische Vorgehensweise | 39 |
| 3.3 | Aufbau und Ablauf des Programms | 40 |
| 3.4 | Ethische Bedenken | 42 |
| 4. | WIRKSAMKEITSFORSCHUNG | 44 |
| 4.1 | Bewertung von Forschungsergebnissen | 44 |
| 4.2 | Kontrollierte Einzelfallstudien als Forschungsmethode | 46 |
| 4.3 | Wirksamkeitsforschung zur Applied Behavior Analysis | 48 |
| II | EMPIRISCHE EINZELFALLSTUDIE | 52 |
| 5. | METHODIK | 52 |
| 5.1 | Fragestellung | 52 |
| 5.2 | Versuchsperson | 53 |
| 5.2.1 | Aufmerksamkeit und nonverbale Imitation | 54 |
| 5.2.2 | Kommunikation und Sprachverständnis | 55 |
| 5.2.3 | Soziale Fähigkeiten und Spielverhalten | 57 |
| 5.2.4 | Verhalten | 57 |
| 5.2.5 | Selbständigkeit | 59 |
| 5.2.6 | Schulische Fähigkeiten | 59 |
| 5.2.7 | Lernverhalten | 60 |
| 5.3 | Methodischer Rahmen | 61 |
| 5.3.1 | Unabhängige Variablen | 61 |
| 5.3.2 | Abhängige Variablen | 62 |
| 5.3.3 | Konfundierende Variablen | 64 |
| 5.3.4 | Versuchsplan | 66 |
| 5.4 | Instrumentarium: Verhaltensbeobachtung | 67 |
| 5.4.1 | Auswahl des Zielverhaltens | 68 |
| 5.4.2 | Operationalisierung des Zielverhaltens | 69 |
| 5.4.3 | Beobachtungssystem | 71 |
| 5.4.4 | Gütekriterien der Datensammlung | 71 |
| 5.5 | Untersuchungsdurchführung | 72 |
| 5.5.1 | Setting | 72 |
| 5.5.2 | Materialien | 72 |
| 5.5.3 | Grundratenerhebung | 73 |
| 5.5.4 | Interventionsphase | 74 |
| 5.6 | Aufbereitungs- und Auswertungsverfahren | 75 |
| 5.6.1 | Berechnung der Werte | 76 |
| 5.6.2 | Visuelle Inspektion | 79 |
| 5.6.2.1 | Wirksamkeitskriterien | 79 |
| 5.6.2.2 | Signifikanzüberprüfung | 80 |
| 6. | ERGEBNISSE | 82 |
| 6.1 | Aufgabenbezogenes Verhalten | 82 |
| 6.2 | Aufgabenfernes Verhalten und benötigte Hilfestellung | 86 |
| 7. | DISKUSSION | 89 |
| 7.1 | Interpretation der Ergebnisse | 89 |
| 7.2 | Kritische Methodenreflexion | 92 |
| 7.3 | Theoretische und praktische Implikationen | 97 |
| 8. | ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK | 100 |
| LITERATURVERZEICHNIS | 103 | |
| ANHANG | 112 |
Textprobe:
Kapitel 2.3, Entstehung der Verhaltenstherapie bei Kindern mit Autismus:
Der erste Versuch, das Verhalten autistischer Kinder innerhalb eines lernpsychologischen Systems zu verstehen, wurde von dem amerikanischen Verhaltenspsychologen Charles Ferster unternommen. Entgegen aller gängigen Theorien, welche die Schwierigkeiten autistischer Kinder in einer emotionalen Störung begründet sahen, betrachtete Ferster Autismus vorrangig als Lernproblem. Er ging davon aus, dass Kinder mit Autismus nicht ausreichend von dem Verstärkerangebot ihrer Umwelt profitieren. Die Kinder können viele Verhaltensweisen nicht erlernen, da soziale Stimuli wie Lob und Aufmerksamkeit für sie keine verstärkende Wirkung haben. Die Ursache hierfür sah Ferster in mangelnden elterlichen Kompetenzen. Weiterhin nahm er an, dass andere Stimuli wie Nahrungsmittel auch bei autistischen Kindern eine verstärkende Wirkung haben. Ferster und DeMyer konnten erstmals nachweisen, dass Kinder mit Autismus unter Anwendung operanter Techniken neues Verhalten aufbauen können. In einer Untersuchung demonstrierten sie, wie autistische Kinder einfache Verhaltensweisen (z.B. das Drücken von Hebeln) erlernten, wenn primäre Verstärker wie Nahrungsmittel eingesetzt wurden.
Die Hypothese Fersters, dass unangemessenes Elternverhalten das Erwerben sozialer Verstärker verhindere, kann zwar heute nicht mehr als haltbar betrachtet werden. Dennoch waren Fersters Arbeiten wichtig, da sie darauf hinwiesen, dass Lernprinzipien in der Erziehung autistischer Kinder hilfreich sein könnten. Er konnte zeigen, dass das Verhalten autistischer Kinder genauso wie das anderer Organismen gesetzmäßig und vorhersagbar von Ereignissen der Umwelt abhängt. Weitere Studien anderer Forscher ergaben, dass die Lerntheorie auch auf komplexere und klinisch relevante Verhaltensweisen angewandt werden konnte.
Aufbauend auf den Arbeiten Fersters begannen andere Wissenschaftler in den sechziger Jahren verhaltenstherapeutische Förderprogramme für Kinder mit Autismus zu entwickeln. Das erste und am weitesten verbreitete Programm stammt von dem an der Universität von Los Angeles (UCLA) tätigen Professor O. Ivar Lovaas. Im Rahmen seines ‘Young Autism Project’ wendete Lovaas gezielt lerntheoretische Prinzipien in der Frühförderung von Kindern mit Autismus an und dokumentierte deren Fortschritte in einer Langzeitstudie. Ziel des Projektes an der UCLA war es, die Erfolge der Verhaltensintervention zu maximieren, indem Kinder mit Autismus fast während ihrer gesamten Wachzeit für mehrere Jahre behandelt wurden.
Die praktische Anwendung lerntheoretischer Prinzipien in der Frühförderung autistischer Kinder bezeichnet man als ‘Applied Behavior Analysis’ (ABA), was mit ‘Angewandte Verhaltensanalyse’ übersetzt werden kann. Diese Prinzipien wendete Lovaas in spezieller Art und Weise an, sodass man bei seinem Förderprogramm heutzutage meist von ABA nach Lovaas spricht. Mittlerweile existieren verschiedene Modifizierungen des Lernprogramms nach Lovaas sowie andere Förderprogramme mit lerntheoretischer Grundlage, auf deren Beschreibung an dieser Stelle jedoch verzichtet werden muss. Im folgenden Kapitel wird das klassische ABA-Programm dargestellt, wie es Lovaas in seinem aktuellen Therapiemanual von 2003 beschreibt.
3, Applied Behavior Analysis nach Lovaas:
Der ursprünglich aus Norwegen stammende Wissenschaftler O. Ivar Lovaas gilt als Begründer der Therapie autistischer Kinder nach lerntheoretischen Prinzipien. Ab Mitte der 1960er Jahre entwickelte er ein spezielles Lernprogramm zur Förderung von Kindern mit Autismus und anderen Entwicklungsverzögerungen, das heutzutage unter dem Namen ABA bekannt ist. In seinem 1981 veröffentlichten Manual ‘Teaching Developmentally Disables Children: The ME Book’ beschreibt Lovaas die grundlegenden Prinzipien und Vorgehensweisen des ABA-Lernprogramms. Seit dem Jahr 2003 ist eine aktualisierte Ausgabe des Handbuchs auf dem Markt, die in Bezug auf die Methoden und Programminhalte überarbeitet wurde. Sie trägt den Titel: ‘Teaching Individuals with Developmental Delays: Basic Intervention Techniques’.
Mitte der neunziger Jahre erlangte das ABA-Lernprogramm auch außerhalb wissenschaftlicher Kreise zunehmend Aufmerksamkeit. 1993 veröffentlichte Catherine Maurice, Mutter zweier autistischen Kinder, das Buch ‘Let me hear your voice’, in welchem sie ihre Erfahrungen mit der ABA nach Lovaas beschreibt. In diesem autobiographischen Bericht spricht Maurice von einer Heilung ihrer Kinder, die nach einer frühen und intensiven ABA-Therapie nach Lovaas die Kriterien für Autismus nicht mehr erfüllen und heute eine Regelschule besuchen. Unter dem Titel ‘Behavioral Intervention For Young Children with Autism’ veröffentlichte sie 1996 ein Handbuch für Eltern, Lehrer und Fachleute zur praktischen Durchführung des ABA-Lernprogramms.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842807594
Arbeit zitieren:
Götz, Johanna März 2010: Verhaltenstherapeutische Interventionen bei frühkindlichem Autismus, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Autismus, frühkindlich, Verhaltenstherapie, Applied Behavior Analysis, Einzelfallstudie



