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Das Unterrichtsfach Deutsch an kaufmännischen Berufsschulen

Zielsetzung und methodische Gestaltung

Das Unterrichtsfach Deutsch an kaufmännischen Berufsschulen
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Michael Simon
  • Abgabedatum: Oktober 2006
  • Umfang: 147 Seiten
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
  • Bibliografie: ca. 127
  • ISBN (CD) :978-3-8366-0350-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Simon, Michael Oktober 2006: Das Unterrichtsfach Deutsch an kaufmännischen Berufsschulen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wirtschaftspädagogik, Ausbildung, Beruf, Bildungsstandards, Unterrichtsgestaltung

Diplomarbeit von Michael Simon

Einleitung:

Deutschland hat sich in letzten fünf Jh. weltweit den Ruf des Landes der ‚Dichter und Denker’ erworben. Bes. ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. bis zur Nachkriegszeit gingen von Deutschland wissenschaftliche und kulturelle Impulse aus. So wurde das dt. Rechts- und Sozialsystem teilweise in andere Länder exportiert und im Bereich der Naturwissenschaften war Deutschland führend.

Die wichtigsten Erfindungen, die die moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft prägen, kommen aus Deutschland: So spannt sich der Bogen der Erfindungen über das Telefon (Johann Philipp Reis, 1861), den Dynamomotor (Werner von Siemens, 1866), das Motorrad (Gottlieb Daimler, 1885), das Automobil (Karl Benz, 1885), über den Viertaktmotor (Nikolaus August Otto, 1876), den Dieselmotor (Rudolf Diesel, 1892), das Düsenflugzeug (Hans-Joachim-Pabst von Ohain, 1939), die Flüssigkeitsrakete (Wernher von Braun, 1926), bis zum Computer (Konrad Zuse, 1941) und der ersten Programmiersprache (Konrad Zuse, 1945).

Auch in anderen Bereichen war Deutschland führend: So gingen zwischen 1901 bis 1933 sechs der 27 Medizin-Nobelpreise und fünf der 31 Literatur-Nobelpreise nach Deutschland. Kein anderes Land hatte in diesen Disziplinen mehr Nobelpreise. Bes. der Bereich ‚Literatur’ begründete den oben erwähnten Ruf. Unter den dt. Literaten befinden sich herausragende Persönlichkeiten seit dem Mittelalter. Darunter Walther von der Vogelweide, Hans Sachs, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Immanuel Kant, August Wilhelm und Friedrich von Schlegel, Johann Ludwig Tieck, Friedrich Hölderlin, Heinrich von Kleist, Jakob und Wilhelm Grimm sowie E.T.A. Hoffmann wie Joseph Freiherr von Eichendorff, Wilhelm Hauff, Georg Büchner, Friedrich Nietzsche, Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal als auch Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Hermann Hesse, Heinrich und Thomas Mann, sowie Hanns Johst, Georg Kaiser, Carl Zuckmayer, Ernst Jünger und Günter Grass, um nur einige Wenige zu nennen.

Die Dominanz der dt. Wissenschaften war so stark, dass zeitweilig die dt. Sprache zur internationalen Wissenschaftssprache wurde. Ausländer publizierten ihre Ergebnisse in dt. Sprache und in den USA gab es wissenschaftliche Zeitschriften, die auf Deutsch herauskamen. Auch das dt. allgemein bildende Schul- und Berufsschulwesen hatte einen hervorragenden Ruf und wurde zu Recht im Ausland bewundert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sorgten der Wiederaufbau und günstige Lohnstrukturen für einen wirtschaftlichen Boom und das bewährte Berufsschulsystem versorgte ausländische wie inländische Unternehmen, die Produktionsstätten in Westdeutschland aufbauten, mit hervorragend ausgebildeten Fachkräften. Doch innerhalb der letzten 40 Jahre hat sich die Welt grundlegend geändert.

Durch den immer stärkeren Austausch internationaler Waren-, Dienstleistungs- und Arbeitnehmerströme, aufgrund weltweiter Handelsliberalisierung, wurde der Globalisierungsdruck auf die Bundesrepublik, ihren Unternehmen, Arbeitnehmern und Institutionen immer stärker. Dadurch stieg auch der Wettbewerbsdruck auf Arbeitnehmer- wie auf Unternehmerseite. Aufgrund mangelnder Rohstoffe ist die wichtigste Ressource zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der Auf- und Ausbau von qualifiziertem Humankapital; denn nur durch eine Vielzahl gut- und hochqualifizierter Mitarbeiter, die die Entwicklungen im Bereich Wissenschaft, Forschung, Technik und Erfindungen vorantreiben, wird auch in Zukunft ermöglichen, das nationale wie international operierende Firmen in den Standort Deutschland investieren, was notwendig ist, um den Wohlstand der Bundesrepublik zu halten und auszubauen, das für die soziale Sicherheit notwendige Wachstum zu sichern und die hierfür erforderlichen Arbeitsplätze zu schaffen.

Das Wirtschaftswachstum wird demnach langfristig durch die Ausstattung mit Humankapital bestimmt. Zur Berechnung des Humankapitals betrachtet die OECD die durchschnittlichen Bildungsabschlüsse der Erwerbstätigen, wobei den höheren Schul- und Hochschulabschlüssen Wachstumsbeiträge zugerechnet werden. Zuständig für den Aufbau von nationalem Humankapital ist das dt. Bildungswesen, was selbstsichere junge Menschen hervorbringen soll, die auf ihre Stärken vertrauen, ein Leben lang lernen und bereit sind, mutig Neuland zu erforschen. Sie sind so zu erziehen und auszubilden, dass aus ihnen einmischungs- und kooperationsbereite, teamfähige und tolerante Erwachsene werden, die über umfangreiches Wissen, selbstständiges Denken, problemlösendes Handeln verfügen und die hierfür notwendigen Schlüsselqualifikationen besitzen.

Verbunden ist dies mit einer sicheren Beherrschung der dt. Sprache, da der Weg zur Bildung und zur Eingliederung in die Gesellschaft v.a. über sprachliche Verständigung und Kommunikationsbereitschaft und -fähigkeit erfolgt. Diese Anforderungen stellen enorme Herausforderungen für das Fach Deutsch an allgemein bildenden, wie an beruflichen Schulen da. Die vorliegende Diplomarbeit wird sich mit diesen Anforderungen auseinandersetzen und klären, inwieweit das Fach Deutsch an kaufm. Berufsschule hierauf vorbereitet ist.

Gang der Untersuchung:

Ziel dieser Arbeit ist es, das Unterrichtsfach Deutsch an kaufm. Berufsschulen umfassend darzustellen. Dabei soll herausgearbeitet werden, welche Ziele das Fach Deutsch in dieser Schulform verfolgt und mit welchen Unterrichtsmethoden diese Ziele verwirklicht werden können. Aus dieser Aufgabenstellung ergibt sich folgende Vorgehensweise:

Im zweiten Kapitel wird der Deutschunterricht an beruflichen Schulen dargestellt. Dabei wird in Kapitel 2.1 zunächst beleuchtet, wie sich das Fach Deutsch in Bezug auf die kaufm. Ausbildung historisch entwickelt hat. Diese Entwicklung war durch eine Auseinandersetzung über allgemeine und berufliche Inhalte geprägt, auf die ebenfalls näher eingegangen wird. Diese Kontroverse spielt für die inhaltliche wie organisatorische Ausgestaltung des muttersprachlichen Unterrichts, sowie für seine spätere Zielsetzung eine gewichtige Rolle, wenn die Frage zu klären ist, welche Bildungsinhalte und Fähigkeiten im Deutschunterricht an die Berufsschüler vermittelt werden sollen.

Nach der geschichtlichen Einordnung erfolgt anschließend in Kapitel 2.2 ein systematischer Überblick über die strukturelle Einreihung des Fachs Deutsch an kaufm. Berufsschulen und deren unterrichtsbezogene Organisation sowie die Eingliederung der berufsbildenden Schulen im gesamten Bildungswesen. Im dritten Kapitel wird der Frage nachgegangen, welche Ziele dem Fach Deutsch an kaufm. Berufsschulen gesetzt werden. Die Zielsetzungen und ihre inhaltlichen Ausprägungen und Konkretisierungen des Deutschunterrichts an kaufm. Berufsschulen hängen sehr stark davon ab, was die Jugendlichen, bevor sie eine Ausbildung beginnen, in ihrer bis dahin stattgefundenen Bildungskarriere an Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnissen erworben haben.

Deshalb wird sich zunächst in den Kapiteln 3.1 bis 3.3 mit den Voraussetzungen beschäftigt, die die Schüler mit an die Berufsschule bringen. An den muttersprachlichen Unterricht und die hier zu vermittelnden Deutschkenntnisse werden unterschiedliche Ansprüche gestellt, die in Kapitel 3.1 erläutert werden sollen. Dabei werden die Anforderungen an die Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen in Bezug auf die vorhandenen Kenntnisse herausgearbeitet. Anschließend erfolgt in Kapitel 3.2 eine Auseinandersetzung über die Schreib- und Lesekompetenz als Teil der Deutschkenntnisse und die damit verbundenen Ausbildungschancen von Jugendlichen. Aus den hier abgebildeten Sachverhalten ergeben sich Konsequenzen für das Fach Deutsch in Form von Bildungsstandards, die in Kapitel 3.3 vorgestellt werden.

Hierbei werden den Schülern bestimmte Fähigkeiten in unterschiedlichen Kompetenzbereichen vermittelt, die ebenfalls näher zu erläutern sind. In Kapitel 3.4 werden dann die Fähigkeiten bestimmt, die das Fach Deutsch an kaufm. Berufsschulen, anhand des derzeit gültigen Rahmenlehrplans für die beruflichen Schulen des Landes Hessen, vermittelt. Ein anschließender Vergleich der Bildungsstandards mit dem Rahmenlehrplan soll zeigen, ob die Fähigkeiten, die der Rahmenlehrplan vorsieht, mit den Bildungsstandards übereinstimmen, hinter den Standards zurückbleiben oder ob sie übertroffen werden.

Eine abschließende Bewertung des Rahmenlehrplans gibt Hinweise auf seine weitere Verwendbarkeit. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der methodischen Umsetzung der in Kapitel 3 besprochenen Zielsetzungen. Hierbei wird auf vier Methoden, nämlich die Gruppenarbeit, der Frontalunterricht sowie das Kommunikationstraining und das eigenverantwortliche Arbeiten und Lernen, näher eingegangen. Das fünfte und letzte Kapitel fasst in einem Ausblick die in der vorliegenden Diplomarbeit zusammengetragenen Ergebnisse zusammen und entwickelt hieraus Konsequenzen für den Deutschunterricht und das Bildungssystem.

Um eine einfachere Lesbarkeit dieser Ausarbeitung zu gewährleisten, wird nur die männliche Form bei der Nennung von Personen oder Personengruppen verwendet. Selbstverständlich ist dies geschlechtsneutral zu verstehen. Wenn nicht ausdrücklich die weibliche Form verwendet wurde, sind grundsätzlich immer beide Geschlechter gleichberechtigt angesprochen.

Inhaltsverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis IV
Abbildungsverzeichnis VI
Tabellenverzeichnis VI
1. Einleitung 1
2. Deutschunterricht an beruflichen Schulen 5
2.1 Deutschunterricht im historischen Überblick 5
2.2 Berufsschule und Deutschunterricht im systematischen Überblick 15
2.2.1 Grundstruktur des Bildungswesens 16
2.2.2 Struktur und Organisation der berufsbildenden Schulen 21
2.2.2.1 Struktur der kaufmännischen Berufsschulen 21
2.2.2.2 Organisation der kaufmännischen Berufsschulen 23
2.2.3 Politisch-gesellschaftliche Rahmenbedingungen 32
3. Zielsetzungen 36
3.1 Anforderungen an die Ausbildungsfähigkeit von Jugendlichen 38
3.2 Ausbildungschancen und Schreib-/Lesekompetenz von Jugendlichen 39
3.2.1 Ergebnisse der PISA-Studie 42
3.2.2 Bildungschancen von ausländischen Jugendlichen 45
3.2.3 Dokumentation der Bildungsmisere 47
3.2.4 Orthografie und Schreib-/Lesekompetenz 51
3.3 Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss 55
3.3.1 Aufgaben und Ziele von Bildungsstandards 55
3.3.2 Bildungsstandards für das Fach Deutsch 57
3.4 Der Rahmenlehrplan für das Fach Deutsch an der Berufsschule 63
3.4.1 Der Sprecher und seine Sprache 65
3.4.2 Der Leser und seine Literatur 71
3.4.3 Massenkommunikation 79
3.4.4 Sprache, Literatur, Wirklichkeit 85
3.4.5 Bewertung des Rahmenlehrplans 93
4. Methodische Gestaltung 97
4.1 Gruppenarbeit 98
4.2 Frontalunterricht 104
4.3 Kommunikationstraining 107
4.4 EVA-Unterricht 112
4.5 Quintessenzen für den Unterricht 117
5. Schlussbetrachtung und Ausblick 119
Literaturverzeichnis 128
Quellenverzeichnis 138
Eidesstattliche Versicherung 141

Inhaltsverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis IV
Abbildungsverzeichnis VI
Tabellenverzeichnis VI
1. Einleitung 1
2. Deutschunterricht an beruflichen Schulen 5
2.1 Deutschunterricht im historischen Überblick 5
2.2 Berufsschule und Deutschunterricht im systematischen Überblick 15
2.2.1 Grundstruktur des Bildungswesens 16
2.2.2 Struktur und Organisation der berufsbildenden Schulen 21
2.2.2.1 Struktur der kaufmännischen Berufsschulen 21
2.2.2.2 Organisation der kaufmännischen Berufsschulen 23
2.2.3 Politisch-gesellschaftliche Rahmenbedingungen 32
3. Zielsetzungen 36
3.1 Anforderungen an die Ausbildungsfähigkeit von Jugendlichen 38
3.2 Ausbildungschancen und Schreib-/Lesekompetenz von Jugendlichen 39
3.2.1 Ergebnisse der PISA-Studie 42
3.2.2 Bildungschancen von ausländischen Jugendlichen 45
3.2.3 Dokumentation der Bildungsmisere 47
3.2.4 Orthografie und Schreib-/Lesekompetenz 51
3.3 Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss 55
3.3.1 Aufgaben und Ziele von Bildungsstandards 55
3.3.2 Bildungsstandards für das Fach Deutsch 57
3.4 Der Rahmenlehrplan für das Fach Deutsch an der Berufsschule 63
3.4.1 Der Sprecher und seine Sprache 65
3.4.2 Der Leser und seine Literatur 71
3.4.3 Massenkommunikation 79
3.4.4 Sprache, Literatur, Wirklichkeit 85
3.4.5 Bewertung des Rahmenlehrplans 93
4. Methodische Gestaltung 97
4.1 Gruppenarbeit 98
4.2 Frontalunterricht 104
4.3 Kommunikationstraining 107
4.4 EVA-Unterricht 112
4.5 Quintessenzen für den Unterricht 117
5. Schlussbetrachtung und Ausblick 119
Literaturverzeichnis 128
Quellenverzeichnis 138
Eidesstattliche Versicherung 141

Textprobe:

Kapitel 2, Deutschunterricht an beruflichen Schulen:

Zu Beginn soll die Entwicklung des Deutschunterrichts an kaufm.-beruflichen Schulen dargestellt werden. Dazu erfolgt im ersten Unterkapitel ein historischer Abriss, während im zweiten Unterabschnitt die aktuelle Eingliederung der Berufsschule in das dt. Bildungssystem vorgenommen wird, inklusive der gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen.

Kapitel 2.1, Deutschunterricht im historischen Überblick:

Die Tätigkeit des Kaufmanns blickt auf eine jahrhundertelange Tradition zurück. Mit dem Beginn des Austauschs und Handels von Waren, als gesellschaftlich bedeutsame Betätigungsfelder, wurde mit der Ausweitung der geschäftlichen Beziehungen die professionelle Abwicklung und Organisation der Handelsbeziehungen durch Kaufleute ins Leben gerufen. Die klassische Ausbildung eines Kaufmanns begann seit der Antike mit der Tätigkeit des Schreibers. Im Hoch- und Spätmittelalter wurden elementare Fähigkeiten im Lesen und Schreiben der Muttersprache für die Kaufleute immer wichtiger, da mit der Expansion des Handels die sich entwickelnde Geschäftskorrespondenz einen immer größer werdenden Stellenwert einnahm.

Auch die Notwendigkeit der Buchführung als Dokumentation der Geschäftsverläufe trat verstärkt in den Vordergrund. So finden sich die ältesten Belege kaufm. Buchführung in Deutschland in Norddeutschland aus dem Jahre 1280, die bereits auf eine gewisse Tradition zurückblicken konnten. Der Beruf des Kaufmanns brachte eine hohe Reisetätigkeit mit sich, da sich im Bereich des Handels und Transports noch keine weitergehende Arbeitsteilung herausgebildet hatte. Dadurch war der Kaufmann gezwungen, seine Waren selbst im In- und Ausland zu begleiten. Durch diese Weltläufigkeit, die vielen nationalen, wie internationalen Kontakte, war die muttersprachliche wie fremdsprachliche Kompetenz eine anerkannte spezifische Kulturleistung dieses Berufsstandes.

Das Schreiben von Geschäftsbriefen, Vollmachten und Verträgen erfolgte nach festen Mustern und Regeln. Um diese Fertigkeiten zu erwerben, entstanden Schreibschulen oder auch ‚Deutsche Schulen’, bei denen tagsüber Kinder, abends Erwachsene überwiegend von Theologen unterrichtet wurden, die das Studium abgebrochen oder aufgrund ihres Lebenswandels nicht zum geistlichen Amt zugelassen wurden. Der Unterricht konzentrierte sich auf die beruflichen Anforderungen des Erwerbslebens, die außerhalb der Auslandslehre und Großfamilie nicht mehr erworben werden konnten.

Durch die von Martin Luther (1483-1546) eingeleitete Reformation gewann der Lese- und Schreibunterricht eine neue Dimension. 1530 hielt Luther eine Predigt, in der er explizit dazu aufforderte, die Kinder zur Schule zu schicken, damit sie zu ihrem Besten und zum allgemeinen Nutzen zu einem Amt erzogen werden. Die religiösen und volkserzieherischen Ziele sprengten die Beschränkung des muttersprachlichen Unterrichts auf berufspraktische Aufgaben. Trotzdem waren es primär religiöse Gründe, die zur Bildung von Schulen führten. Die Bedürfnisse des Staates und der Wirtschaft kamen erst an zweiter Stelle. Dies änderte sich nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) als die Schule in den Dienst des Wiederaufbaus und der Weiterentwicklung der Wirtschaft gestellt wurde. Es entstanden neue Formen und Entwicklungen in Handel, Gewerbe, Landwirtschaft und Medizin, die immer mehr ‚nützliche Texte’ neben den Religiös-sittlichen hervorbrachten.

Ab Mitte des 18. Jh. entstanden Sonntagsschulen, in denen junge, unverheiratete Erwachsene ihre Lese- und Schreibfähigkeiten pflegten. Dies geschah neben der religiösen und berufsbezogenen Unterweisung auch immer stärker durch allgemein aufklärende Lehre. 1776 erschien das Volkslesebuch ‚Der Kinderfreund’ von Friedrich Eberhard von Rochow. Die Unwissenheit und Neigung zum Aberglauben der ländlichen Bevölkerung sollte durch dieses Buch überwunden werden. Eine bessere Ausbildung der Bauern war nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) dringend erforderlich, da die notwendigen Entwicklungsarbeiten, nur mit qualifizierten Arbeitskräften möglich war. Die merkantilistische Wirtschaftsweise mit ihrer dynamischen Überschussproduktion erforderten in Verwaltung, Wirtschaft und Technik viele neue Fachkräfte. Es entstanden Fachschulen unter anderem in den Bereichen Bergbau, Kunst, Navigation und des Handels.

Eine Hinwendung zur Erziehung der Gesundheit und der körperlichen Kräfte führte zu einer Kritik an der Überbetonung des Sprachunterrichts, sodass der muttersprachliche Unterricht entweder völlig entfiel oder wieder in den Dienst der Berufsausbildung gestellt wurde. Sprache wurde als Mittel aufgefasst, berufliche und andere lebenspraktische Informationen weiterzugeben. Eine Einbettung in die religiös-sittliche Erziehung blieb bestehen, trat aber in den Hintergrund. Während die Aufklärung der bäuerlichen Bevölkerung in den weitgehend agrarischen Gebieten Deutschlands langsam voranschritt, stellte sich aufgrund der industriellen Entwicklung in England bereits das Problem der Allgemeinbildung in der hochgradig arbeitsteiligen Textilwirtschaft. Adam Smith propagierte den Erwerb von Fähigkeiten und Tugenden, die notwendig seien, damit die Menschen ihre Urteilsfähigkeit behielten.

Die spezialisierten, einfachen und monotonen Tätigkeiten würden jeglichen Unternehmungsgeist ersticken und die spezifisch beruflichen Fertigkeiten gingen auf Kosten der geistigen, sozialen und militärischen Tauglichkeiten. Die militärische Niederlage Preußens gegen Napoleon bei Jena und Auerstädt (1806) und der Friede von Tilsit (1807) führten zum Verlust fast der Hälfte des preußischen Territoriums und verschärften die bereits bestehende Staatskrise in Verwaltung, Landwirtschaft, Gewerbe und Erziehungswesen. Es wurden Reformmaßnahmen eingeleitet, die auf die Herausforderung der Französischen Revolution von 1789 Antworten finden sollten. In Süddeutschland, und hier v.a. in den mit Napoleon verbündeten Ländern, wurden Realschulen gefördert, um den gesteigerten Bedarf an gewerblich gut ausgebildeten Arbeitskräften zu gewährleisten.

Der pädagogische Realismus war nötig geworden, da es zu einem Ausbau des Manufakturwesens kam. Anknüpfend an die Ideale der Französischen Revolution verfolgte Wilhelm Freiherr von Humboldt (1767-1835) das Ziel, die Schüler zu selbstbestimmten und mündigen Bürgern zu erziehen. Seine grundlegende Elementarbildung zielte auf eine allgemeine Menschenbildung für alle Schichten der Gesellschaft. Eine praktische, berufsbezogene Bildung in Realschulen lehnte er ausdrücklich ab. Für ihn war ein Hauptzweck der Bildung der, die Schüler „…so vorzubereiten, daß nur für wenige Gewerbe noch unverstandene, und also nie auf den Menschen zurückwirkende Fertigkeit übrig bleibe.“ Humboldts Ansatz ging in die Praxis der Erziehungsreform in späteren Jahren immer weniger ein. Für König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) war die allgemeine Bildung ein ständisches Privileg der Oberschicht. Seine Aussage „Jeder lerne nur gründlich und ganz, was er für seinen Beruf wissen muß. Das Mehr ist für den Lebenszweck nicht förderlich, sondern störend und hinderlich.“ dokumentiert den Widerstand gegen die von Humboldt beabsichtigte Reform.

Arbeit zitieren:
Simon, Michael Oktober 2006: Das Unterrichtsfach Deutsch an kaufmännischen Berufsschulen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wirtschaftspädagogik, Ausbildung, Beruf, Bildungsstandards, Unterrichtsgestaltung

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