Unterlassene Hilfeleistung als Folge von Kursen zu „Lebensrettenden Sofortmaßnahmen am Unfallort“
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Stefan Raadts
- Abgabedatum: Dezember 2003
- Umfang: 78 Seiten
- Dateigröße: 648,6 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Universität Osnabrück Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8376-0
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8376-0 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8376-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Raadts, Stefan Dezember 2003: Unterlassene Hilfeleistung als Folge von Kursen zu „Lebensrettenden Sofortmaßnahmen am Unfallort“, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Erste Hilfe, Laien, Ersthelfer, Verantwortungsdiffusion, Verkehrspychologie
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Diplomarbeit von Stefan Raadts
Problemstellung:
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie befahren mit 90 km/h eine Landstraße und beobachten, wie 80 m vor Ihnen ein Wagen von der Straße abkommt und sich überschlägt (alternativ kann es auch ein Fahrradfahrer sein, der auf nassem Laub ausrutscht und zu Boden fallt oder jede andere Situation, die Ihnen dazu in den Sinn kommt). Etwa drei Sekunden später passieren Sie diese Stelle. Sie bemerken, wie Ihr Fuß automatisch die Bremse betätigen will, jedoch haftet Ihr Blick nicht nur auf die Unfallstelle, sondern auch im Rückspiegel auf den nachfolgenden Verkehr. Vielleicht ist vor Ihnen auch bereits ein Wagen vorübergefahren. Wenn Sie jetzt nicht schleunigst auf die Bremse treten, werden Sie den Straftatbestand der Unterlassenen Hilfeleistung im Straßenverkehr erfülle& Nun, wird hoffentlich nicht so schlimm verlaufen sein. Da sind ja auch noch andere, die anhalten können. Und doch bleibt da so ein mulmig-schuldiges Gefühl ... es ist ja im Grunde nicht möglich, die Schwere von eventuellen Verletzungen aus dem Auto heraus zu ergründen. Dazu hätten Sie anhalten müssen.
Sie wurden auf diese Situation niemals vorbereitet. Da gab es sicher mal einen Erste-Hilfe-Kurs. Jedoch bereitet dieser nur auf die Situation NACH dem Anhalten vor. Den Prozess des Anhaltens selbst haben Sie noch nie antizipiert. Nach juristischen Gesichtspunkten drohen Ihnen jetzt Geldstraße oder bis zu einem Jahr Gefängnis (§ 323c StGB). Wenn diese alltäglich vorkommende Situation aber zu solchen Strafen führen kann, dann muß der Gesetzgeber auch eine adäquate Vorbereitung auf diese Situation garantieren. Und ein Kurs zu „Lebensrettenden Sofortmaßnahmen“, wie er nun mal für Führerscheinbewerber Vorschrift ist, leistet diese Vorbereitung nicht. Im Gegenteil: häufig empfinden die Teilnehmer die Ausbildung als hemmend, da sie auf schwer zu lösende Situationen fokussiert (wer kann schon etliche Jahre später noch eine Stabile Seitenlage herstellen oder eine Reanimation durchführen - oder kann sich überhaupt erinnern, wann das eine und wann das andere durchzuführen ist). Sofortmaßnahmenkurse, wie sie heute durchgeführt werden schüren eher Ängste vor dem Helfen, als daß sie dazu ermutigen. Sie befassen sich zu sehr mit notfallmedizinischen Details, welche in einer tatsächlichen Notfallsituation weder erinnert werden, noch zu einer stärkeren subjektiven Sicherheit beim leisten von Erster Hilfe beitragen.
Die Arbeit befasst sich also mit der schwierigen Situation, in welcher sich Autofahrer befinden, wenn sie einen Unfall beobachten und wie sie in der landläufigen Praxis der Erste-Hilfe-Ausbildung darauf vorbereitet werden. Die meisten Verkehrsteilnehmer fohlen sich nicht in der Lage, adäquat Hilfe zu leisten und können die notwendige schnelle Reaktion des Anhaltens aufgrund sozialpsychologisch fundierter Rahmenbedingungen nicht durchfuhren - was dann zum weithin bekannten Phänomen der Unterlassenen Hilfeleistung im Straßenverkehr fuhrt.
Die Untersuchung zeigt, wie ein Unterricht in „Lebensrettenden Sofortmaßnahmen am Unfallort“ gestaltet sein muß, um dem entgegenwirken zu können. Gemessen wurden Einstellungswerte zur Hilfeleistung in Selbst- und Fremdeinschätzung nach Absolvierung des Kurses. Zwei grundsätzlich unterschiedliche Kursmodelle wurden an verschiedenen Orten Deutschlands durchgeführt ein medizinisch orientiertes Modell im Frontalunterricht und ein auf psychologische Variablen fokussierendes Modell mit pädagogisch fundierter Kursführung. Das psychologische Modell erwies sich gegenüber dem medizinisch orientierten Modell als hochüberlegen. Die Teilnehmer konnten die psychologischen Inhalte auf den Straßenverkehr übertragen und zeigten eine hohe subjektiv empfundene Sicherheit bezüglich der eigenen Fähigkeit und der Fähigkeit der anderen Kursteilnehmer, Erste Hilfe zu leisten. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese Form der Ausbildung zu einer erhöhten Fähigkeit und Bereitschaft fuhrt, in Unfallsituationen anzuhalten, wird als deutlich höher angenommen, als nach einer herkömmlichen Ausbildung.
Die Arbeit zeigt allerdings nur Einstellungswerte. Ob die Teilnehmer das Wissen nun auch in vivo anwenden werden, wird in zukünftigen Untersuchungen mit diesem Modell erforscht Die Vorbereitungen auf diese Untersuchung laufen zur Zeit Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Abstrakt | 2 |
| 2. | Einleitung | 2 |
| 3. | Theoretische Grundlagen | |
| 3.1 | Erziehungswissenschaftlicher Bezugsrahmen | 7 |
| 3.2 | Sozialpsychologischer Bezugsrahmen | 14 |
| 3.3 | Juristischer Bezugsrahmen | 21 |
| 4. | Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen | 23 |
| 5. | Methoden | |
| 5.1 | Unabhängige Variablen | 24 |
| 5.1.1 | Kursmodell I | 26 |
| 5.1.2 | Kursmodell II | 27 |
| 5.1.3 | Erläuterungen zu den Kursmodellen und Arbeitsmaterialien | 31 |
| 5.2 | Abhängige Variablen | 39 |
| 5.3 | Hypothesen | 42 |
| 6. | Ergebnisse | 43 |
| 7. | Diskussion | 63 |
| 8. | Literaturverzeichnis | 71 |
| 9. | Danksagung | 74 |
| 10. | Anhang | 75 |
3. Rollenspiel 1: Einfaches Beispiel: ein Teilnehmer mimt einen leblos daliegenden Verletzten. Du bittest die Gruppe, daß einer losgehen soll um zu schauen was los ist, ohne jemand bestimmten anzusehen. Wahrscheinlich warten jetzt die TN in der Hoffnung, daß irgendjemand endlich auftsteht. Hier lohnt es sich zu fragen, was passiert wäre, wenn die TN im Auto säßen? Richtig: sie wären vorbeigefahren. Nicht aus sozialer Apathie, sondern aus Unsicherheit. Erkläre hier auf jeden Fall, daß das völlig normal ist – leider. In einer späteren Sequenz wirst du darauf genauer zurückkommen. Jetzt geht es darum, dem armen Verletzten zu helfen. Spiele das Ding durch: zwei TN – die du jetzt genau ansprichst – sollen es mal versuchen. Hilf ein bißchen oder frag die TN, was sie tun würden: Ansprechen – Beruhigen- Vitalfunktionen überprüfen - Notruf absetzen – vielleicht einen Verband anlegen (auch ohne genau zu wissen wie) – Beine hoch – Decke drauf (woher kriegt man die) – Gaffer mit einbinden – fertig. Zusammengefasst würde hier das PAKET-Schema greifen. Erkläre den Leuten, daß diese einfachen Maßnahmen erstens keinen SMU-Kurs erfordern und zweitens für 95% der Notfälle ausreichende Laienmaßnahmen sind. Eine Seitenlage herzustellen, kann ebenfalls Teil der Übung werden, da ein einfaches Abrollen auf die Seite keine große Kompetenz erfordert, jedoch effizient genug ist, den beabsichtigten Effekt hervorzurufen. Hierzu eignet sich auch das beiliegende Interview mit Sefrin, insbesondere der markierte Abschnitt. Lass diesen Teil am besten vorlesen. Psychische Erste Hilfe ist die grundlegendste und wichtigste aller Hilfeleistungen, auch im Hinblick auf das Entstehen posttraumatischer Störungen. Eventuell kann hier auch bereits eine Unterscheidung getroffen werden zwischen dem Vorgehen bei Herzinfarkt und dem Vorgehen bei Schock (von wegen Beine hoch). 4. Folie Realität 5. Pause 6. Kleingruppen zu allen Themen des SMU-Katalogs (soweit möglich nach Gruppengröße und -zusammensetzung) 7. Präsentation der Ergebnisse und Übungen: lasse Freiheitsgrade. Kein Mensch kann in einer lebensbedrohlichen Situation die genaue HLW erinnern. Es ist für Laien völlig OK, etwas falsch zu machen. Die Stabile Seitenlage kann alternativ auch durch die Bauchlage ersetzt werden oder durch einfaches Abrollen des Körpers auf die Oberschenkel des Helfers. Das ist einfacher erinnerbar als die korrekte Stabile Seitenlage. Biete solche Alternativen an. Zwischendurch Pausen nach Notwendigkeit. [...]
Hallo...., nochmals vielen Dank für Dein Interesse. Ich möchte Dir hier kurz einen Kursverlauf darstellen, welcher für diese Arbeit konzipert wurde und in dieser Form auch gehalten werden sollte. 1. Begrüssung und Organisatorisches 2. Diskussion über den Sinn und die Inhalte dieses Kurses. Was erwarten die TN? Sind SMU-Kurse echt so langweilig, wie man das immer hört? Woran liegt das? Welche Gewichtung sollten bestimmte Anteile haben und warum? Ist es wichtig, zentimetergenaue Herzdruckmassagen zu erlernen? Was kommt häufig bei Unfällen vor und wird daher mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf die TN mal zukommen? (siehe hierzu die Folie „Realität“) Was ist leicht zu erlernen (bzw. schon bekannt) und was wird bald wieder vergessen? Muß man immer helfen? Helfen Autofahrer immer? Bis zu 90% begehen Unterlassene Hilfeleistung. Warum? Soziale Gleichgültigkeit oder Unsicherheit über eigenes Kompetenzgefühl? Würden die Teilnehmer anhalten? Welche Ängste und Ressentiments würden sie daran hindern? Was kann ein SMUKurs dazu beitragen, solche Ängste und Hemmnisse bei ihnen abzubauen? Sollte Erste Hilfe schwer oder leicht erscheinen? Was glauben die meisten Menschen über Erste Hilfe? Stimmt das? Was glaubt die Gruppe, was daran so schwer sein soll? Welches Bild liefern die Medien? [...]
5.1.1 Kursmodell I Dem Kursmodell I wurde folgender Verlauf zugrundegelegt: 1. Begrüßung und Organisatorisches 2. Rechtliche Grundlagen (insbesondere § 323c StGB) 3. Absichern der Unfallstelle 4. Notfalldefinition und anatomische Grundlagen der Vitalfunktionen 5. Rautek-Rettungsgriff vom Boden und aus dem Auto heraus (mit Übung) 6. Bewusstlosigkeit und Stabile Seitenlage (mit Übung) 7. Helmabnahme 8. Herz-Lungen-Wiederbelebung (mit Übung) 9. Stillen lebensbedrohlicher Blutungen und Volumenmangelschock (mit Übung) 10. Notruf 11. Rettungskette 12. Verabschiedung und Ausgabe der Bescheinigungen Den Kursleitern wurde folgende schriftliche Instruktion zugeschickt: Liebe Kolleginnen und Kollegen, zunächst möchte ich DANKE sagen für eure Beteiligung an dieser Untersuchung. Anbei findet ihr die Fragebögen. Bitte lest die Fragen nicht vorher und auch nicht nachher durch. Sie sollen nicht euren Kurs beeinflussen. Die einzigen relevanten Instruktionen für den Kurs kommen jetzt: 1. Haltet den Kurs frontal! Keine didaktisch-pädagogischen Maßnahmen zur Auflockerung. 2. Legt möglichst viel Wert auf Detailgenauigkeit. Weist die Teilnehmer bei jedem Fehler darauf hin, es besser zu machen. Erwähnt möglichst viele Details. 3. Weist die Teilnehmer darauf hin, was man alles falsch machen kann. Es gibt keinerlei Alternativen zu den einzelnen Maßnahmen – sie müssen eben ganz genau so durchgeführt werden. 4. Psychische Erste Hilfe sollte nur als Randnotiz bei diesbezüglichen Rückfragen thematisiert werden. [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832483760
Arbeit zitieren:
Raadts, Stefan Dezember 2003: Unterlassene Hilfeleistung als Folge von Kursen zu „Lebensrettenden Sofortmaßnahmen am Unfallort“, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Erste Hilfe, Laien, Ersthelfer, Verantwortungsdiffusion, Verkehrspychologie



