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Unfallrisikoanalyse Klettersport

Unfallrisikoanalyse Klettersport
Über dieses Buch
  • Art: MA-Thesis / Master
  • Autor: Volker Schöffl
  • Abgabedatum: Juni 2009
  • Umfang: 102 Seiten
  • Dateigröße: 1,4 MB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 200
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3321-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schöffl, Volker Juni 2009: Unfallrisikoanalyse Klettersport, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Klettersport, Unfallrisiko, Sportunfall, Risikozuschlag, Risikosport

MA-Thesis / Master von Volker Schöffl

Einleitung:

Das Titelbild des ‘Time Magazine’ September 1999 zeigt einen Sportkletterer und trägt die Überschrift ‘Why we take risks - From extreme sports to unprotected sex, thrill seeking is becoming more popular’.

Dies demonstriert anschaulich das Bild der Öffentlichkeit vom Klettersport als Risikosport. Weiter genährt wird dieses durch reißerische Bilder und Medienberichte sowie durch die Implementierung von Klettersport in die Werbung. Paradoxerweise verkörpert Klettersport im Werbebereich zweierlei Qualitäten: Einerseits Sicherheit, Verantwortungsbewusstsein und Vertrauen, so wie von Roche für das Blutzuckermessgerät Accu-chek Ò genutzt. Andererseits genau das Gegenteil: Freiheitsbewusstsein, Draufgängertum und Risikobereitschaft. Paradoxerweise bewegt sich der Kletterer auf dem Titelbild des ‘Time’-Magazin direkt am Bohrhaken, ein zweiter Haken ist nur einen Meter entfernt in überhängendem Gelände und somit fast völlig gefahrenfrei. Währendessen hat der Kletterer in der Roche-Werbung zwar seine Route bereits vollendet, allerdings einen fatalen Fehler begangen, indem er die Karabiner in den Hosenbund einhängt. Sich mit diesem in einen Haken einzuhängen, verschafft falsche Sicherheit und kann schnell ernste Konsequenzen erzeugen.

Allgemein steigt das erwartete Gesundheitsrisiko einer Sportart mit der Abnahme der persönlichen Beteiligung, gleichzeitig werden die Akteure der fraglich gefährlichen Sportarten überwiegend bewundert (solange keine Fremdgefährdung besteht). Sportarten, die von einer größeren Bevölkerungsschicht betrieben werden, gelten hingegen subjektiv als ungefährlich. Andererseits weisen Extremsportler eine überdurchschnittliche Bildung und Intelligenz auf. Unter ‘Freeclimbern’ finden sich vermehrt Hochschulprofessoren und Akademiker. Dies entspricht nicht dem klassischen Bild vom Extremsportler. Welche Sportart ist nun aber ‘extrem’ und ‘risikoreich’? Meyers Lexikon definiert dies wie folgt: ‘Extremsport…, das Ausüben außergewöhnlicher sportlicher Disziplinen, wobei der Betreffende höchsten physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt ist. Ist bei Durchführung der betreffenden Disziplin ein objektiv vorhandenes und/oder subjektiv empfundenes Gesundheits- bis Lebensrisiko vorhanden, spricht man von Risikosport’. Diese Definition ist zwar sehr treffend, sagt aber nichts über das tatsächliche Risiko aus, dem sich der Sportler bei der Sportausübung aussetzt.

Unabhängig von diesen Risikoanalyen erlebte der Klettersport durch die zunehmende Anzahl an Felsklettergebieten, Indoor-Kletteranlagen und Kletterwettkämpfen in den letzten zwei Jahrzehnten einen rasanten Aufstieg mit mittlerweile über 500.000 Aktiven in Deutschland. Des Weiteren hielt er Einzug in den Schul- und Rehasportbereich, die Sozialpädagogik und die Physiotherapie. Nachdem Bienia bereits 1962 Klettern in der Physiotherapie und medizinische Rehabilitation einsetzte, hat es inzwischen dort seinen festen Platz. Obwohl Klettern eine Aktivierung aller Muskelgruppen bewirkt ist dennoch die Hand- und Fingerkraft leistungslimitierend. Die verschiedenen Grifftechniken (z.B. aufgestellte Fingerposition oder Einfingerlochgriff ), welche Verwendung finden, übertragen dabei sehr hohe Kräfte auf die Finger. Als logische Konsequenz stehen Verletzungen und Überlastungserscheinungen der Hand und hier vor allem der Finger im Vordergrund. Schwere Verletzungen mit eventuell gar tödlichem Ausgang finden sich nur selten. Klettern kann, quasi natürlich, bereits in jungen Jahren begonnen werden und bis ins hohe Alter hindurch ausgeübt werden. Zunehmend hat sich auch Eisklettern in der Form von Wasserfallklettern eine eigene stetig wachsende Anhängerschaft geschaffen.

Ganz anders stellt sich allerdings die Einschätzung des Unfall- und Todesfallrisiko durch die Versicherer im Bereich der Unfall-, Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherung dar. Nur der Versicherer des British Mountaineering Counsil (BMC) bietet seinen Mitgliedern einen umfassenden Versicherungsschutz (Ausnahme Eiskletten) für die verschiedenen Spielarten des Klettersportes an. Anders ist die Situation im deutschsprachigen Europa. Generell gilt, dass in der Privatversicherung Personen mit höherem Risiko eine höhere Prämie bezahlen. In der Lebensversicherung werden daher für Sonderrisiken Risikozuschläge verrechnet. Zu diesen Sonderrisiken zählen neben Berufs- und Aufenthaltsrisken auch Extrem- oder Risikosportarten. Rückversicherer in Deutschland sowie Österreich und der Schweiz versichern Klettersport nur mit entsprechenden Einschränkungen. So darf z.B. der sechste Schwierigkeitsgrad nach UIAA nicht überschritten werden, nur innerhalb Europa geklettert werden, Eisklettern überhaupt nicht betrieben werden usw.. Dies scheint mehr auf subjektiver Wahrnehmung denn auf objektiven Daten zu beruhen und führt immer wieder zur Diskussion.

Ziel der Arbeit:

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, eine exakte und wissenschaftlich basierte Risikoeinschätzung des Klettersportes durchzuführen sowie einen Vergleich zu populären Sportarten zu ziehen. In einem zweiten Schritt soll dann die derzeitige Risikoeinschätzung durch die Rückversicherer geprüft und bei Diskrepanz Lösungswege erarbeitet werden.

Hierzu werden zunächst die Begriffe Risikosport und Extremsport definiert sowie die Versicherungstypen der Unfall-, Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherung analysiert. Im Weiteren wird der Klettersport aus alpinmedizinischer Sicht vorgestellt und eine evidenzbasierte Risikoevaluation durchgeführt. Hierzu wird zunächst eine komplette Analyse der Fachliteratur erstellt, die Ergebnisse werden tabellarisch zusammengefasst (siehe Tab. 3-6). Da bisher in der Literatur jegliche Übersichtsarbeit zum Unfallrisiko im Bergsport fehlten, wurden all diese Daten für die vorliegende Arbeit gesammelt und bewertet. Diese Risikoevaluation im Klettersport wird populären Sportarten gegenübergestellt, eine objektive Risikoanalyse durchgeführt und verglichen mit der Sichtweise der Rückversicherer. In der Synopsis sollen dann Empfehlungen zur Risikoeinstufung gegeben werden. Zusätzlich sollen Lösungswege eventueller Diskrepanzen in der Einstufung aufgezeigt werden, um letztlich eine für ‘beide Seiten’ akzeptable Lösung zu erreichen.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis II
Abbildungsverzeichnis IV
Tabellenverzeichnis IV
Anlagenverzeichnis V
Abkürzungsverzeichnis VI
1. Einleitung 1
1.1 Einführung 1
1.2 Ziel der Arbeit 5
2. Risiko- und Extremsport 6
2.1 Risikobegriff 6
2.2 Popularität von Risiko- und Extremsport 7
2.3 Definition Risiko- und Extremsport 8
2.4 Risiko- und Extremsport aus der Sicht der Versicherer 10
2.5 Fragebögen für Risiko- und Extremsportarten 11
2.6 Kritische Betrachtung der Fragebögen 12
3. Lebens-, Berufsunfähigkeits- und Unfallversicherung 13
3.1 Versicherung 13
3.2 Lebensversicherung 13
3.3 Berufsunfähigkeitsversicherung 15
3.4 Unfallversicherung 15
3.5 Rückversicherer 17
4. Terminologie Klettersport 18
4.1 Historie 18
4.2 Terminologie 20
4.3 Ausrüstung 21
4.4 Bewertung der Schwierigkeit 22
4.5 Wettkampfklettern 22
5. Unfall- und Todesfallrisiko im Klettersport 23
5.1 Definitionen und Bergunfallstatistik des DAV 23
5.2 Verletzungsscoring23 23
5.3 Datenerfassung und Kalkulation der Expositionszeit 27
5.4 Alpines Klettern, Sportklettern und Bouldern 28
5.5 Indoorklettern und Wettkampfklettern 31
5.6 Eisklettern 33
5.7 Vergleich Klettern mit Bergsteigen 36
6. Vergleich Risiko Klettersport zu populären Sportarten 39
7. Risikobewertung Klettersport nach Literatur 42
8. Risikobewertung Klettersport durch Rückversicherer 44
9. Synopsis und Ausblick 48
9.1 Empfehlungen zur Risikoeinstufung 48
9.2 Praktische Umsetzung 50
9.2.1 Umsetzung mit den Versicherern 51
9.2.2 Internationale Studienkoordination - Scoring 52
Tabellen 53
Literaturverzeichnis 64
Anlagen 77

Textprobe:

Kapitel 6, Vergleich Risiko Klettersport zu populären Sportarten:

Will man eine Aussage zur Unfallwahrscheinlichkeit einer bestimmten Sportart treffen, benötigt man mehr als die Zahlen, die eine Unfallstatistik in aller Regel liefert. Die Anzahl der Verletzungen müssen in Relation zur Zeitdauer der jeweiligen Sportausübung betrachtet werden, wie es bereits für zahlreiche Sportarten erfolgt ist. Dabei hat es sich als hilfreich erwiesen, innerhalb einer Sportart noch genauer zu differenzieren. Beim Fußball ist zum Beispiel die Verletzungsquote im Spiel um ein vielfaches höher als beim Training. Dies lässt sich auch beim Frauenfußball und beim Handball (Männer und Frauen) nachweisen. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede sind von Interesse. So liegt die Verletzungsquote beim Frauenfußball sowohl im Training als auch im Wettkampf deutlich unter der Quote der Männer. Beim Rugby gibt es bedeutende Unterschiede zwischen Amateuren und Profis sowie zwischen Erwachsenen und Jugendlichen . Richtet man das Augenmerk auf die Verletzungsschwere, wird der Vergleich der unterschiedlichen Sportarten schwieriger, da meistens kein einheitlicher Score benutzt wird. Becker z.B. bezieht in ihre Arbeit über Verletzungen im Frauenfußball jede Verletzung oder jeden Unfall mit ein, der zum Ausfall mindestens einer Spiel- oder Trainingseinheit führte. Innerhalb dieser Gruppe erfolgt dann eine Einteilung in leicht (Dauer < 1 Woche), mittel (Dauer < 3 Wochen) und schwer (Dauer > 6 Wochen). Baltzer und Ghadamgahi bezeichnen in ihrer Arbeit über das Verletzungsrisiko beim American Football in der deutschen Bundesliga eine Verletzung als gering, wenn sie einen Trainings- oder Spielzeitausfall bis zu einer Woche zur Folge hatte. Längere Pausen oder ein Krankenhausaufenthalt werden als ernst und Behandlungen auf einer Intensivstation sowie bleibende neurologische und orthopädische Schäden als fatal bezeichnet. Andere Studien beschreiben die Verletzungen ohne Schweregradeinteilung. Neville et al. bezogen in ihrer Untersuchung zum Yachtsegeln auch medizinische Erkrankungen in die Statistik mit ein. Die unterschiedlichen Beurteilungskriterien liegen meistens am Maßstab des Betrachters begründet: Für einen Profifußballclub ist die Verletzung eines Spielers, die eine lange Ausfallzeit verursacht, eine schwere Verletzung, auch wenn sie nach ärztlichen Kriterien nur mittelschwer sein mag. Der monetäre Schaden, sei es für den Geschädigten, den Arbeitgeber oder den Versicherer, steht also auf der einen Seite, der medizinische ‘Schaden’ auf der anderen. Darunter leidet die Vergleichbarkeit der einzelnen Studienergebnisse. In der Tabelle 7 wird die Verletzungshäufigkeit verschiedener Sportarten pro 1000 Stunden Sportausübung dargestellt. Bei Berücksichtigung der oben angegebenen Argumente können die Vergleiche nur als Richtlinien gesehen werden. Zur Vergleichbarkeit wurden Standardsportarten sowie die relevanten Studien mit Aussagen des pro 1000 Stunden Risikos im Bergsport aufgeführt. Vor allem bei der Arbeit von Schwarz und Schöffl zum Eisklettern ist zu berücksichtigen, dass alle Verletzungen, also auch unbedeutende Schürfwunden und Prellungen, in das Ergebnis mit eingehen, was ein Verletzungsrisiko von 4,07 / 1000 h (NACA 1-3) ergibt. Werden nur die signifikanten Verletzungen betrachtet, liegt es bei 1,2 / 1000 h (NACA >1).

Diese Einstufung deckt sich auch mit den Daten der österreichischen Studie von Bässler.Dieser analysiert das Unfallrisiko Bergsport bezogen auf die Häufigkeit der Arztbesuche pro 1000 Stunden Sportausübung. Hier wird sowohl dem Wandern als auch dem Klettern mit einem Index von 0,1 ein sehr geringes Unfallrisiko bescheinigt. Höhere Risiken ergaben sich für das Skitourengehen (0,3), Mountainbiken (0,5) und Pistenskifahren (0,8). Zum Vergleich werden als Sportarten mit dem höchsten Unfallrisiko Fußballspielen (2,6) und Volleyball/Beachvolleyball (2,3) angegeben.

Erschwerend kommt allgemein hinzu, dass bei den meisten Arbeiten das Todesfallrisiko nicht mit berücksichtigt werden kann, da häufig nicht bekannt ist, wie viele Personen eine bestimmte Sportart ausüben. Die Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) gibt in ihrer jährlichen Statistik die so genannte Case fatality an. Damit sind Todesfälle pro 10000 Unfälle gemeint. Sie lag für Verkehrsunfälle im Jahr 2005 bei 36, für Sportunfälle bei vier. An Hand dieser Zahlen ist ersichtlich, dass die Frage nach dem Todesfallrisiko bestimmter Tätigkeiten (Verkehrsteilnahme/Sport) letztendlich immer auch eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz bleiben wird. Im vorliegenden Vergleich aller Bergsportstudien fallen nur die ‘alten’ Daten von Bowie et al. durch die weiter vorne bereits beschriebenen ‘Besonderheiten’ der Studie (Daten von vor 25 Jahren, mittlerweile deutliche Besserung der Sicherheitsstandards, hochalpines Gelände mit objektiven Gefahren, Bias der Verletzungen, da nur die Unfälle die im ‘ER” vorstellig wurden dargestellt werden und dadurch ggf. zu viele schwere Unfälle auf die Gesamtanzahl aller Verletzungen aufgenommen wurden, usw.) etwas ‘aus der Reihe’. Alle anderen Arbeiten zeigen für den Klettersport im Vergleich zu anderen populären Sportarten ein geringes Verletzungsrisiko mit einer geringen Verletzungsschwere. Dennoch bleibt die Gefahr eines schweren bis gar tödlichen Unfalles bestehen, wie aber auch z.B. bei Kitesurfen (tödliche Unfälle in prospektiver Studie) und anderen Sportdisziplinen (siehe Tab.7).Die Tatsache dass bis zu 30% der Todesfälle beim Sport nicht direkt durch die Sportart sondern durch eine Grundkrankheit mit z.B. plötzlicher Verschlechterung durch Anstrengung (z.B. Angina pectoris) bedingt sind, macht einen interdisziplinären Vergleich der Todesfallrate noch schwieriger. Hier müsste dann zum Vergleich der Altersdurchschnitt und die Co-morbidität herangezogen werden, was den Vergleich weiter kompliziert.

Arbeit zitieren:
Schöffl, Volker Juni 2009: Unfallrisikoanalyse Klettersport, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Klettersport, Unfallrisiko, Sportunfall, Risikozuschlag, Risikosport

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