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Umweltberichte der chemischen Industrie

Formen der sprachlichen Selbstdarstellung am Beispiel der Begriffe "Sicherheit / Schutz" und "Risiko / Gefahr"

Die Studie erzielte den 4. Platz beim Deutschen Studienpreis 2000 der Körber Stiftung.
Umweltberichte der chemischen Industrie
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Winfried Reßler
  • Abgabedatum: März 1999
  • Umfang: 137 Seiten
  • Dateigröße: 346,1 KB
  • Note: 1,5
  • Institution / Hochschule: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-2119-9
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-2119-9 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-2119-9 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung: Die Studie erzielte den 4. Platz beim Deutschen Studienpreis 2000 der Körber Stiftung.
  • Arbeit zitieren: Reßler, Winfried März 1999: Umweltberichte der chemischen Industrie, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Umweltbericht, Sicherheit, Umweltschutz, Gefahr, Risiko

Magisterarbeit von Winfried Reßler

Einleitung:

Die Betrachtung und Diskussion der Thematik Umwelt/Ökologie ist heute alltäglich geworden und umfaßt alle gesellschaftlichen Bereiche. Eine Blick in Richtung Presse, aber auch zu anderen Medien, zeigt:

"Das Besondere an diesem Thema ist seine Karriere, die es in den vergangenen zwanzig Jahren von den journalistischen Ressorts "Aus aller Welt", "Vermischtes" u. ä. über die wissenschaftsjournalistischen Rubriken "Aus Forschung und Technik" u.ä. auf die politischen Seiten und bis in die Leitartikel katapultiert hat." Für diese Fokussierung gibt es zwingende Gründe. Bedrohung und Zerstörung der natürlichen Umwelt und schließlich der Lebensgrundlagen der Menschheit haben ein Ausmaß angenommen, das nicht mehr ignoriert werden kann.

Fast alle Wissenschaften sind inzwischen mit der Bewältigung ökologischer Probleme beschäftigt. Auch die Sprachwissenschaft kann ins Spiel kommen, zum Beispiel wenn es darum geht, bei ökologischen und umweltpolitischen Themen auf der Ebene der Sprache zwischen Information, Meinungsbildung bis hin zur Manipulation unterscheiden zu wollen.

Vorliegende Untersuchung hat Umweltberichte der chemischen Industrie zum Gegenstand und bewegt sich damit auf einem wenig bearbeitetem Terrain, denn die Form der Umweltberichte ist relativ neu. Dahinter steht, daß erstmals einige der tatsächlichen und vermeintlichen Verursacher ökologischer Probleme in breitem Maße für und mit der Öffentlichkeit kommunizieren. Die chemische Industrie hatte das Feld Umwelt/Ökologie lange Zeit ihren "Gegnern" (Umweltschutzgruppen), Vermittlern (Regierung) oder Beobachtern (Presse) überlassen.

In den Umweltberichten bieten sich zwei große Bereiche für die Betrachtung an: Zum einem das Thema Umgang mit Schadstoffen bzw. die Verringerung von umweltschädigenden Emissionen, zum anderen die Frage der Sicherheit der chemischen Industrie bzw. umgekehrt betrachtet die Handhabung von Risiken und Gefahren.

Diese Arbeit beschränkt sich auf die Untersuchung der Darstellung von Risiko und Gefahr bzw. Schutz und Sicherheit. Zum einen, weil eine zusätzliche Behandlung des weiten Feldes Schadstoffe/Emissionen den Rahmen sprengen würde, zum anderen, weil es zu letztem Punkt noch am ehesten Material gibt (siehe 2.2. Vorhandene Untersuchungen zur Problematik).

Gang der Untersuchung:

Die Unterscheidung zwischen Gefahr/Sicherheit und Schadstoffen/Emissionen soll erklärt werden, um dem Einwand entgegenzuwirken, daß Gifte, Schadstoffe, Müll und Emissionen ja auch eine Bedrohung darstellen. Gifte, wie sie in Kauf genommen werden (müssen?) als "reguläre" Abwässer, Abgase und Abfall sind im Zusammenhang der vorgenommenen Unterscheidung als langfristige Gefahr zu sehen, die über den "Umweg Umwelt" erst indirekt wirksam werden - als zunehmende Luft- und Gewässerverschmutzung beispielsweise. Das senkt anfangs "nur" die Lebensqualität und weitet sich erst später zur existentiellen Bedrohung aus. Das soll anders gesagt heißen: Bei einer Explosion, unsachgemäßen Umgang mit Chemikalien im Werk, Transportunfällen, veralteten Anlagen usw. treten Risiken auf, die spontan und direkt Menschen bedrohen. Diese Art von Sicherheit bzw. Gefahr ist in vorliegender Arbeit gemeint.

Unter onomasiologischen Gesichtspunkten wurde dazu ein Korpus angelegt, das anschließend im wesentlichen nach semantischen Kriterien ausgewertet wurde. Die Materialfülle, die mit dem Korpus vorliegt, konnte schließlich nicht erschöpfend analysiert werden.

Zentraler Punkt bei der Auswertung war, ob und wie mit Hilfe der Umweltberichte versucht wird, bestimmte Begriffe wie Schutz und Sicherheit zu besetzen oder bestimmte Wörter semantisch aufzuladen. Dabei konnte ein Wortfeld "Gefährliche Situationen in einem Chemiebetrieb" erstellt werden, daß die Verwendung bzw. Nichtverwendung bestimmter Wörter plausibel erklären kann.

Die Annahme, daß das Ziel der Kommunikation der chemischen Industrie im Aufbau eines positiven Image bestehe, war "begleitende und erkenntnisleitende" Arbeitshypothese der Untersuchung.

Inhaltsverzeichnis:

0. Vorwort 6
1. Einleitung 7
2. Umweltberichte als Gegenstand sprachwissenschaftlicher Betrachtungen 9
2.1. Interessenabhängiger Umgang mit Sprache 9
2.2 Vorhandene Untersuchungen zur Problematik 11
2.3. Begriffseinordnungen 13
3. Charakterisierung der Umweltberichte 14
3.1. Warum nimmt die Zahl der Umweltberichte seit einigen Jahren stark zu? 14
3.2. Abfälle, Emissionen, Gefahr und Risiko - Worum geht es in den Umweltberichten? 18
4. Die Methode der Korpuserstellung 20
4.1. Grundlage: Ein onomasiologisches Paradigma 20
4.2. Die praktische Ausführung 22
4.3. Sinn und Nutzen der Arbeitsweise 26
5. Die Auswahl der Berichte 27
6. Auswertung des Korpus 29
6.1. Vorgehen 29
6.2. Übersichten zu Stichwörtern und lexikalischen Elemente des Korpus 30
6.2.1 Liste der in allen vier untersuchten Berichten vorkommenden Stichwörter 30
6.2.2. Liste der weiteren in den untersuchten Berichten vorkommenden Stichwörter 34
6.2.3. Liste der nur in einem Bericht und dort auch nur einmal vorkommenden lexikalischen Elemente 38
6.3. Kampf mit Wörtern: Das "Begriffe besetzen" 39
6.4. "Begriffe besetzen" in der Politik 40
6.5. "Begriffe besetzen" in den Umweltberichten: Die Hochwertwörter Schutz und Sicherheit 43
6.6. Die semantische Aufladung bestimmter Stichwörter 48
6.7 Das Wortfeld "Gefährliche Situationen in einem Chemiebetrieb" 53
6.7.1. Theoretische Annäherung an den Begriff Wortfeld 53
6.7.2. Die Einteilung der Stichwörter in drei Gruppen zum Wortfeld "Gefährliche Situationen in einem Chemiebetrieb." 53
6.7.3. Häufigkeit und Gruppenzugehörigkeit der Stichwörter des Wortfeldes 56
6.7.4. Euphemismen unter den Stichwörtern 59
6.8. Besonderheiten der einzelnen Berichte 61
6.8.1. Der BASF-Umweltbericht 61
6.8.2. Der Henkel-Umweltbericht 63
6.8.3. Der Schering-Umweltbericht 63
6.8.4. Der SOLVAY-Umweltbericht 63
7. Schlußbetrachtung 64
8. Literaturverzeichnis 66

Automatisiert erstellter Textauszug:

Bei den Kontexten von Sicherheit und Schutz ist typisch: Sicherheit und Schutz sind Ziele, die in Konzepten, Philosophie, Handbuch, Politik und Grundsatzfragen fixiert werden. Bewußtsein, Audits, Workshops und Weiterbildung versuchen, das Ziel Sicherheit erreichbar zu machen. Sicherheit und Schutz müssen organisiert werden: Fachstellen, Inspektionen, Systeme, Management sind Ausdruck dafür. Organisation bedeutet: Wir haben alles im Griff. Sicherheit ist ständige Aufgabe, fester Bestandteil, Daueraufgabe und Verpflichtung der Unternehmen. Ein Prozeß, der mit positiv besetzten Attributen beschrieben wird: Ständige, kontinuierliche, permanente, konsequente, systematische, regelmäßige, engagierte Verbesserung und Weiterentwicklung der Sicherheit führen zu höherer Sicherheit. Die Aussagen zu Sicherheit und Schutz sind am besten charakterisiert als Statements: Sicherheit und Schutz liegen im Bereich der Zukunft und der Möglichkeiten. Der Weg besteht aus wollen, werden und können. Es findet sich keine Aussage, wie Diese oder jene Anlage ist sicher, unser Unternehmen ist sicher. Vorausschauende Vorsicht, denn falls doch mal etwas passiert, kann man nicht auf die gegebenen Bekundungen festgelegt werden. [...]

erst, Sicherheit und Schutz zu erklären oder zu definieren. Besser geeignet sind auch konkrete Beispiele, die die Abstraktheit mindern. Immer da, wo die praktischen Anstrengungen und Maßnahmen der Unternehmen illustriert werden, geschieht das. Ein weiterer Punkt: Wer von Sicherheit spricht, müßte eigentlich die Skala mitgeben, die zeigt, wie sicher eine konkrete Situation oder Sache ist. Aber: ”Der kommunikationsstrategisch wichtige Punkt der Verwendung solcher Ausdrükke ist, daß der Maßstab, den Sprecher oder Autoren bei bestimmten Einstufungen und Bewertungen jeweils zugrundelegen, unausgesprochen und verdeckt bleibt oder absichtlich unbestimmt ist. ... Weil aber diese Maßstäbe innerhalb der öffentlichen Diskussion kaum explizit gemacht werden bzw. nicht in gleichem Maß wie diese Bewertungsausdrücke selbst kursieren, bleiben die Ausdrücke inhaltlich unbestimmt und damit immer wieder neu ”besetzbar”. Z.B. wird mit umweltfreundlich und Umweltschutz gerade für solche Produkte geworben, die in einer anderen Perspektive ökologisch besonders bedenklich sind.” [...]

a) Häufigkeit und Wiederholung Auffällig ist in allen Berichten die häufige Verwendung der Stichwörter Sicherheit und Schutz bzw. der entsprechenden lexikalischen Elemente in allen nur erdenklichen Komposita und Kompositagefügen wie zum Beispiel Sicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz und als Verbindung Schutz und Sicherheit. Spitzenreiter ist der Schering-Bericht der 33 Komposita bzw. Kompositagefüge (types) zu Sicherheit und 22 zu Schutz anbietet. Wiederholt verwendet führt das bei Sicherheit zu 45 tokens, bei Schutz zu 14 tokens und in der Verbindung Schutz und Sicherheit zu weiteren 72 tokens für jeweils Sicherheit bzw. Schutz. Das macht auf 80 Seiten zusammen 202 mal die Erwähnung mindestens eines dieser Hochwertwörter. Die anderen Berichte gehen mit Schutz und Sicherheit nicht ganz so inflationär um. Dazu alle Berichte noch mal in der tabellarischen Übersicht: [...]

Arbeit zitieren:
Reßler, Winfried März 1999: Umweltberichte der chemischen Industrie, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Umweltbericht, Sicherheit, Umweltschutz, Gefahr, Risiko

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