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Was ist mit der Umsetzung der Jungenarbeit in die Praxis?

Hintergründe und Beweggründe. Eine theoretische Reflexion

Was ist mit der Umsetzung der Jungenarbeit in die Praxis?
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Julia Schedel
  • Abgabedatum: April 2006
  • Umfang: 70 Seiten
  • Dateigröße: 2,0 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Friedrich-Schiller-Universität Jena Deutschland
  • Bibliografie: ca. 65
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0021-7
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8366-0021-7 P
  • ISBN (CD) :978-3-8366-0021-7 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schedel, Julia April 2006: Was ist mit der Umsetzung der Jungenarbeit in die Praxis?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Jugendarbeit, Praxis, Geschlecht, Erziehung, Pädagogik

Magisterarbeit von Julia Schedel

Einleitung:

Die ersten Konzepte geschlechtsbewusster Jungenarbeit entstanden in Anlehnung an die Arbeit mit Mädchen in den Achtziger Jahren. Unter dem Einfluss der Frauenbewegung dachten auch Männer verstärkt über ihre traditionelle Geschlechterrolle nach und entdeckten sie als ein wichtiges Thema in der Arbeit mit Jungen. In den Neunziger Jahren entwickelten sich dann eine Reihe von Konzepten, Methoden und Sichtweisen. Zunehmend wurde deutlich, dass die Jungen nicht nur die Gewinner des Geschlechterkampfes sind, sondern selbst Opfer und Verlierer in der Auseinandersetzung mit traditionellen Männlichkeitsvorstellungen.

Das Thema Geschlechterverhältnisse wird im fachwissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs nicht mehr nur in Bezug auf die Benachteiligung von Mädchen und Frauen interessant. Seit geraumer Zeit wird auch der Situation von Jungen und Männern Aufmerksamkeit geschenkt. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Probleme der männlichen Identitätsbildung angesichts des Wandels der gesellschaftlichen Geschlechterordnung und der Infragestellung veralteter Leitbilder. Traditionelle Formen von Männlichkeit haben an Legitimität eingebüßt, ohne dass gleichzeitig ein klares und positives Bild zeitgemäßer Männlichkeit zur Verfügung gestellt wird, an dem sich Jungen und Männer orientieren können.

Ursprünglich wollte ich mich in dieser Magisterarbeit mit den unterschiedlichen Konzepten in der Jungenarbeit auseinandersetzen, diese miteinander vergleichen und auf ihre Praxistauglichkeit überprüfen. Während der Beschäftigung mit diesem Thema stellte sich mir dann aber die Frage: Wo gibt es Jungenarbeit überhaupt in der Praxis? Warum wird sie so wenig umgesetzt? Worin liegen die Gründe und Schwierigkeiten? Diese Fragen stellten sich mir während der gesamten Literatursuche immer wieder. Im Laufe meines Studiums und verschiedener Praktika in der Jugendarbeit und Jugendhilfe begegnete mir geschlechtsspezifische Erziehungsarbeit leider nie. Aus diesem Grund ist die Generalfragestellung meiner Magisterarbeit: Was ist mit der Umsetzung der Jungenarbeit in die Praxis? Hintergründe und Beweggründe. Eine theoretische Reflexion.

Empirische Forschungen belegen, dass bestimmte Gesichtspunkte der Lebenssituation Jugendlicher wie Freizeit, Lebensstil und Handlungsmuster sowie Gewaltbereitschaft und Kriminalität ohne Rücksichtnahme auf das Geschlecht nicht angemessen erfasst werden können. Somit muss in Theorie und Praxis die allgemeine Rede von Jugend durch eine differenzierte Betrachtung von Mädchen und Jungen ersetzt werden. Parallel dazu wird häufig die Meinung vertreten, geschlechtsspezifische Pädagogik sei überflüssig geworden, weil sich Jungen und Mädchen frei und unabhängig von geschlechtsspezifischen Rollenbildern entfalten könnten.

Geschlechtsdifferenzierte Pädagogik würde die traditionellen Männer- und Frauenrollen nur festschreiben und schließlich verhärten. Bildungsinstitutionen, Einrichtungen der Jugendarbeit und Jugendhilfe, Vereine, Verbände und Schulen haben dieses Thema aufgegriffen. Während sich die Mädchenarbeit flächendeckend etabliert hat, wurde die Notwendigkeit von Jungenarbeit bereits festgestellt, mancherorts umgesetzt und meistens immerhin für wichtig gehalten. Einrichtungen, die Angebote ausschließlich für Jungen anbieten, gibt es nur wenige und diese sind sehr unterschiedlich verteilt. Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg verfügen bereits über ganze „Netzwerke Jungenarbeit“. In den neuen Bundesländern gibt es jedoch kaum Adressen.

Eine mit der Mädchenarbeit vergleichbare Umsetzung hat also nicht stattgefunden trotz der längst etablierten Forschung zur männlichen Sozialisation und den zahlreichen theoretisch-konzeptionellen Begründungen. Geschlechtsspezifische Jungenarbeit als Querschnittsaufgabe der Jugendarbeit und Jugendhilfe ist bisher nicht genügend anerkannt und in der Praxis umgesetzt worden. Warum das so ist, will diese Arbeit versuchen zu beantworten.

Auf den folgenden Seiten werden Ergebnisse meiner umfangreichen Literaturrecherche vorgestellt. Die Auswahl der einzelnen Punkte orientiert sich an der jeweiligen Relevanz zur Beantwortung der Ausgangsfrage. Bei der Literatur- und Forschungsstudie stand besonders die Suche nach Informationen über die Umsetzung der Jungenarbeit in der Praxis im Vordergrund. Ziel war es, aus den zahlreichen Veröffentlichungen genau die wenigen Punkte zu ermitteln, die sich mit Problemen bei der Etablierung, möglichen Lösungsansätzen und Perspektiven der praktischen Jungenarbeit beschäftigen.

Im Anschluss an diese Einführung wird im zweiten Abschnitt in die Thematik eingeführt, indem die Notwendigkeit von geschlechtsbezogener Jungenarbeit deutlich gemacht wird. Ausgehend von verschiedenen Problemfeldern wird der Bedarf ermittelt. Im dritten Teil gebe ich einen kurzen Überblick über Definition, Entwicklung und Stand der Jungenarbeit und gehe auf die theoretischen Konzepte einschließlich ihrer Ziele, Aufgaben und methodischen Arbeitsprinzipien ein. Anschließend wird die Rolle der Pädagogen/innen in der praktischen Arbeit diskutiert. Der vierte Teil zeigt auf, wo überhaupt Jungenarbeit stattfindet und stattfinden kann.

Im Anschluss daran versucht der fünfte Teil, die Gründe für die fehlende Etablierung in der praktischen Arbeit mit Jugendlichen aufzuzeigen. Anhand verschiedener struktureller und persönlicher Problemfelder werden die Hindernisse und Schwierigkeiten dargestellt, ein Versuch also zu verstehen, was die Umsetzung von Jungenarbeit verhindert. Gleichzeitig biete ich Empfehlungen zur Stärkung und Lösungsansätze an. Dabei bemühe ich mich verschiedene Blickwinkel einzunehmen, um Grenzen und Chancen verdeutlichen zu können. Schließlich werden im sechsten Teil Perspektiven aufgedeckt, die eine Etablierung und Durchsetzung von Jungenarbeit in der Praxis ermöglichen könnten. Im Schlussteil werde ich ein Fazit ziehen und versuchen einen positiven Ausblick für die Jungenarbeit zu geben.

Am Ende dieser Einleitung möchte ich noch verdeutlichen, dass sich alle Probleme und Perspektiven, die hier vorgestellt werden, nicht auf ein bestimmtes Konzept von Jungenarbeit beziehen. Ich habe stattdessen versucht durch intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen Sichtweisen und Methoden, mögliche gemeinsame Schwierigkeiten bei der Umsetzung in die Praxis aufzuzeigen und Perspektiven vorzustellen, die in allen Konzeptionen und Ausrichtungen der Jungenarbeit greifen können.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Ausgangssituation – Die Notwendigkeit von Jungenarbeit 4
2.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen 4
2.2 Die männliche Geschlechterrolle 5
2.3 Jungen als problematische Klientel 6
3. Jungenarbeit in der Praxis 8
3.1 Was ist Jungenarbeit? 8
3.2 Entwicklung und Stand der Jungenarbeit 9
3.3 Vorstellung und Verortung der gängigen Konzepte 12
3.4 Aufgaben und Ziele 15
3.5 Wer leistet Jungenarbeit? Die Rolle des männlichen Pädagogen 18
3.6 Gegengeschlechtliche Anforderungen an die Arbeit von Frauen mit Jungen 21
4. Träger von Jungenarbeit 23
4.1 Jungenarbeit in der Jugendarbeit 25
4.2 Jungenarbeit in der Schule 26
4.3 Jungenarbeit in Beratungsstellen und Therapie 27
4.4 Jungenarbeit in der Jugendhilfe 28
4.5 Bedeutung der Trägerstruktur für die Arbeit mit Jungen 29
5. Gründe für die fehlende Etablierung und Lösungsansätze 30
5.1 Gesellschaftliche Gründe 30
5.2 Institutionelle Gründe 32
5.3 Mangel an männlichen Fachkräften in der Sozialen Arbeit 34
5.4 Fehlende Ausbildung der Fachkräfte 35
5.5 Hindernisse bei den Männern 38
5.5.1 Männliche Ängste 39
5.5.2 Homophobie – Die Angst der Männer vor den Männern 41
5.5.3 Angst vor Festschreibung von Stereotypen 43
5.5.4 Ermutigungen für Männer auf dem Weg zu Jungenarbeit 44
5.6 Hindernisse bei den Jungen? 46
6. Perspektiven geschlechtsbezogener Jungenarbeit 48
6.1 Das Konzept der „balancierten Männlichkeit“ 48
6.2 Jungenarbeit im Kontext von Gender Mainstreaming 51
6.3 Erarbeitung fachlicher Standards und Qualitätskriterien 53
6.4 Kooperation und Abstimmung mit der Mädchenarbeit 55
7. Fazit 57
Literaturverzeichnis 61

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 1
2. Ausgangssituation – Die Notwendigkeit von Jungenarbeit 4
2.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen 4
2.2 Die männliche Geschlechterrolle 5
2.3 Jungen als problematische Klientel 6
3. Jungenarbeit in der Praxis 8
3.1 Was ist Jungenarbeit? 8
3.2 Entwicklung und Stand der Jungenarbeit 9
3.3 Vorstellung und Verortung der gängigen Konzepte 12
3.4 Aufgaben und Ziele 15
3.5 Wer leistet Jungenarbeit? Die Rolle des männlichen Pädagogen 18
3.6 Gegengeschlechtliche Anforderungen an die Arbeit von Frauen mit Jungen 21
4. Träger von Jungenarbeit 23
4.1 Jungenarbeit in der Jugendarbeit 25
4.2 Jungenarbeit in der Schule 26
4.3 Jungenarbeit in Beratungsstellen und Therapie 27
4.4 Jungenarbeit in der Jugendhilfe 28
4.5 Bedeutung der Trägerstruktur für die Arbeit mit Jungen 29
5. Gründe für die fehlende Etablierung und Lösungsansätze 30
5.1 Gesellschaftliche Gründe 30
5.2 Institutionelle Gründe 32
5.3 Mangel an männlichen Fachkräften in der Sozialen Arbeit 34
5.4 Fehlende Ausbildung der Fachkräfte 35
5.5 Hindernisse bei den Männern 38
5.5.1 Männliche Ängste 39
5.5.2 Homophobie – Die Angst der Männer vor den Männern 41
5.5.3 Angst vor Festschreibung von Stereotypen 43
5.5.4 Ermutigungen für Männer auf dem Weg zu Jungenarbeit 44
5.6 Hindernisse bei den Jungen? 46
6. Perspektiven geschlechtsbezogener Jungenarbeit 48
6.1 Das Konzept der „balancierten Männlichkeit“ 48
6.2 Jungenarbeit im Kontext von Gender Mainstreaming 51
6.3 Erarbeitung fachlicher Standards und Qualitätskriterien 53
6.4 Kooperation und Abstimmung mit der Mädchenarbeit 55
7. Fazit 57
Literaturverzeichnis 61

Textprobe:

Kapitel 2.3, Jungen als problematische Klientel:

Wer verlangt nach geschlechtsbezogener Arbeit mit Jungen? Die Jungen selbst, die Pädagogen oder Lehrer, die Mütter oder Väter, die Lehrerinnern oder Mädchenarbeiterinnen?

Das Thema der Jungenarbeit hat in den letzten Jahren an Popularität zugelegt. Grund hierfür ist aber nicht der Wunsch oder die Erkenntnis, Jungen verstärkt soziale Kompetenzen zu vermitteln, sie zu fördern und ihre Probleme wahrzunehmen. Es gibt eher negative Begründungen, weil die Jungen an Schulen und im außerschulischen Bereich auffällig sind. Gewalt wird immer häufiger im Zusammenhang mit männlichen Jugendlichen betrachtet.

Erwachsene, Erziehende und Eltern fordern Jungenarbeit vor allem dann, wenn ein offensichtlicher Bedarf besteht, etwas mit den auffälligen Jungen zu tun und sich die bis dahin erprobten pädagogischen Maßnahmen als ungenügend erwiesen haben. Die Anforderung an Jungenarbeit, vor allem gegen männliche Gewalt zu wirken, ist aber unzureichend und problematisch. So werden die Jungen als Täter reduziert und nicht in ihrer Gesamtpersönlichkeit mit ihren Ängsten, Wünschen und Unsicherheiten betrachtet.

Jungenarbeit wird von den Jungen selbst meist nur gefordert, wenn es bereits Mädchenarbeit gibt und die Jungen sich benachteiligt fühlen. Jungen haben selbst Probleme mit ihrer Männlichkeit und verursachen Schwierigkeiten in ihrem Selbstfindungsprozess und mit der Art und Weise wie sie ihre Männlichkeit ausleben.

Leider werden solche Probleme häufig nicht in Verbindung mit dem Geschlecht gesehen, sondern als allgemeine Problemstellungen verstanden. Jungen dürfen also nicht länger als „Gewinner“ gelten, sondern eher als „Sorgenkinder“ der Gesellschaft.

Sie sind von frühester Kindheit an mit der Aufgabe konfrontiert, eine den Erwartungen der Umwelt angemessene männliche Identität4 auszubilden. Dies ist eine Aufgabe, an der sie oft genug zu scheitern drohen. Das betrifft natürlich nicht alle Jungen, sondern ist zumeist die Folge unterschiedlicher Faktoren wie Erfolglosigkeit in der Schule, mangelnde berufliche Perspektive, geringe Fähigkeiten im sportlichen oder künstlerischen Bereich, instabile soziale und emotionale Beziehungen, mangelnde soziale Kompetenzen und „selbstempfundenes nicht angemessenes Äußeres (fehlende Markenkleidung etc.)“.

Arbeit zitieren:
Schedel, Julia April 2006: Was ist mit der Umsetzung der Jungenarbeit in die Praxis?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Jugendarbeit, Praxis, Geschlecht, Erziehung, Pädagogik

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