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Der Übersetzungsvergleich

Methoden, Funktionen und Unterschiede zum Sprachvergleich

Der Übersetzungsvergleich
Über dieses Buch

Diplomarbeit von Susanna Draschitz

Einleitung:

Sprachen bestehen aus Wörtern; aus Wörtern entstehen Sätze, Texte und Situationen. Nun kann man sich mit den Wörtern oder Ausdrücken eines Textes beschäftigen, sie analysieren und in eine andere Sprache übersetzen. Oder man beschäftigt sich mit übersetzten Texten bzw. Textsegmenten, d.h. mit Wörtern in einem bestimmten Kontext. Ersteres wird allgemein als Sprachvergleich bezeichnet, Zweiteres als Übersetzungsvergleich. Diese beiden Arten des Vergleichs können sehr unterschiedliche Funktionen und Zielsetzungen haben; um diese verständlich darzustellen, werde ich mich in Kapitel 2 zuerst damit beschäftigen, was die Begriffe Sprachvergleich und Übersetzungsvergleich - zwei Begriffe, die der Laie wohl als synonym betrachtet - überhaupt bedeuten und was die beiden unterscheidet. Auch habe ich mich generell mit dem Thema Sprachvergleich und seinen Funktionen auseinandergesetzt, um seine Unterschiede zum Übersetzungsvergleich zu verdeutlichen und anhand von Beispielen zu zeigen.

In Kapitel 3 werde ich mich dann ausführlich mit dem Hauptthema dieser Arbeit, dem Übersetzungsvergleich, beschäftigen. Ich werde auf seinen Nutzen für die Sprachwissenschaft, die Übersetzungswissenschaft und die vergleichende Literaturwissenschaft eingehen. Das soll aber natürlich nicht heißen, dass sich ausschließlich diese Disziplinen mit diesem Thema beschäftigen. Nach eingehenden Recherchen im Bereich der Sprach-, Übersetzungs- und Literaturwissenschaft bin ich aber der Meinung, dass die hier angeführten Anwendungen des Übersetzungsvergleichs die gebräuchlichsten und wichtigsten sind.

Ich werde mich in dieser Arbeit auf den interlingualen und den multilingualen Vergleich beschränken, also auf den Vergleich eines Textes in der Ausgangssprache mit seiner Übersetzung in eine bzw. in mehrere Zielsprachen, da mir diese Vergleiche persönlich am interessantesten erscheinen und ich mich während meines bisherigen Studiums auch am meisten mit diesen Arten des Übersetzungsvergleichs beschäftigt habe.

Zur Einführung in die Kapitel bzw. Unterkapitel habe ich mich auch mit den jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen im Allgemeinen befasst, um einen Überblick über das Thema zu schaffen und es verständlicher zu gestalten.

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über die verschiedenen Arten, Methoden und Funktionen des Übersetzungsvergleichs zu verschaffen, sowohl in theoretischem als auch in praktischem Sinne und, in Kapitel 2, mit besonderem Schwerpunkt auf seine Unterschiede zum Sprachvergleich.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 5
2. Sprachvergleich vs. Übersetzungsvergleich 7
2.1 Was ist ein Sprachvergleich? 7
2.1.1 Der Sprachvergleich im Dienste der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft 9
2.1.2 Der Sprachvergleich im Dienste der Sprachtypologie 13
2.1.3 Der Sprachvergleich im Dienste der Arealtypologie 17
2.2 Was ist ein Übersetzungsvergleich? 20
3. Der Übersetzungsvergleich - Funktionen und Ziele 27
3.1 Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Sprachwissenschaft 27
3.1.1 Der Übersetzungsvergleich als Instrument der Sprachbeschreibung 29
3.1.1.1 Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Fremdsprachendidaktik 35
3.1.2 Der Übersetzungsvergleich als Instrument der Sprachrekonstruktion 44
3.2 Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Übersetzungswissenschaft 50
3.2.1 Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Übersetzungskritik 55
3.2.2 Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Übersetzungsdidaktik 66
3.3 Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Literaturwissenschaft 73
3.3.1 Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Rezeptionsforschung 81
4. Schlusswort 88
5. Quellenverzeichnis 89
6. Sachregister 96
7. Personenregister 99

Textprobe:

Kapitel 3.3, Der Übersetzungsvergleich im Dienste der Literaturwissenschaft:

Während sich also Disziplinen wie die Germanistik oder die Anglistik mit einzelnen Literaturen beschäftigen, so befasst sich die vergleichende Literaturwissenschaft (Komparatistik) mit mehreren dieser Literaturen im Vergleich zueinander. Diese Disziplin, die früher ‘vergleichende Literaturgeschichte’ genannt wurde und bei Dyserinck als ‘supranationale Beschäftigung mit Literatur’ bezeichnet wird, hat - ähnlich wie die Übersetzungswissenschaft - nach wie vor damit zu kämpfen, als eigenständiges Fach angesehen zu werden und ist stets bemüht, endlich aus dem Schatten der Literaturwissenschaft herauszutreten. Im Gegensatz zu dieser ist sie an keinen einzelliterarischen Bereich gebunden, sondern erforscht die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Einzelliteraturen, untersucht, in welcher Beziehung diese zueinander stehen und inwiefern sie sich gegenseitig beeinflussen. Pichois und Rousseau drücken es so aus:

Die Sprache, in der eine Literatur geschrieben ist, oder die geistige Einheit des Kollektivs, dessen Ausdruck sie ist […], teilen die Literatur natürlicherweise in begrenzte Zellen auf. Der Komparatist erhebt sich über diese Begrenzungen, indem er sich bemüht, diese Zellen nicht zu isolieren, sondern in einem größeren Zusammenhang zu betrachten.

Auch können sich eigenständige Literaturen erst durch den Vergleich mit anderen Einzelliteraturen, also durch komparatistische Vergleiche, als solche definieren, denn ‘[w]e establish ourselves only in opposing; we are defined only by comparing ourselves to others; and we do not know ourselves when we know only ourselves’.

Dass in unserer Gesellschaft Literatur und besonders auch der Vergleich von Literaturen und Kulturen über Sprachgrenzen hinweg eng mit Übersetzung verbunden ist, liegt auf der Hand. Doch wie stellt sich diese Verbindung dar?

Übersetzung und Literatur:

Übersetzung ist immer kultureller Transfer; sie ist ‘die unmittelbarste und komplizierteste Form der Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Fremden’. Jeder Text - und somit auch jede Übersetzung eines Textes - ist in kulturelle und literarische Traditionen eingebettet, und diese Tatsache lässt Übersetzung zu einem äußerst interessanten Thema für die Kultur- und Literaturwissenschaft werden. Jeder Text stellt einen Teil der Literaturgeschichte der Kultur dar, in die er eingebettet ist, und jede Übersetzung stellt wiederum einen Teil der Literaturgeschichte der Kultur dar, für die sie angefertigt wurde.

Übersetzung ermöglicht literarischen und kulturellen Austausch, bzw. ist dieser erst durch Übersetzung überhaupt möglich: Gäbe es keine Übersetzung, so wären uns Autoren wie Shakespeare, Dante oder Tolstoj vielleicht völlig fremd, Goethe und Schiller hingegen wären wohl nur im deutschsprachigen Raum bekannt. Dank Übersetzung haben diese Autoren Weltruhm erlangt, und dank Übersetzung haben auch fremdsprachige Kulturen Zugang zu deren Meisterwerken. Überdies bietet Übersetzung auch Autoren aus kleineren Sprachräumen die Möglichkeit, auf internationalem Niveau bzw. über Sprachgrenzen hinaus bekannt und anerkannt zu werden, was ihnen wohl verwehrt bliebe, würde man ihre Werke nicht in andere Sprachen übersetzen. Doch Übersetzung ermöglicht nicht nur kulturellen Austausch, sondern beeinflusst ihre Zielkultur(en) und v.a. Zielliteratur(en) in nicht unwesentlichem Maße; laut Bassnett könnte sie sogar als ‘primary shaping force within literature history’ betrachtet werden. Speziell in Phasen des literarischen Übergangs, oder wenn sich eine Einzelliteratur in einer frühen Entwicklungsphase oder auch in einer Krise befindet, kann eine sehr hohe übersetzerische Produktion verzeichnet werden, da Einzelliteraturen in solchen Phasen anderen kulturellen Einflüssen besonders aufgeschlossen gegenüber stehen. Übersetzungen bieten ihren Zielkulturen Anstöße und Inspiration für neue, eigene Texte und fungieren gleichzeitig als ‘Lückenfüller’, als Lesestoff, bis eigene Texte entstanden sind. Goethe, der den Einfluss fremder Literatur(en) auf die eigene Literatur erkannt hatte, meinte bereits 1824 zu Eckermann:

Suchen Sie in der Literatur einer so tüchtigen Nation wie die Engländer einen Halt! Zudem ist ja unsere eigene Literatur größtenteils aus der Ihrigen hergekommen. Unsere Romane, unsere Trauerspiele, woher haben wir sie denn als von Goldsmith, Fielding und Shakespeare?

Obwohl dies vom Großteil der Geschichtsforscher bislang kaum zur Kenntnis genommen wurde und dementsprechend wenig Forschung in diesem Bereich betrieben wurde, ist hier deutlich erkennbar, dass Literaturgeschichte und Übersetzungsgeschichte eng und unweigerlich miteinander verflochten sind.

Übersetzungswissenschaft und vergleichende Literaturwissenschaft:

Trotz dieser eben beschriebenen engen Beziehung zwischen Übersetzung und Literatur stellt sich das Verhältnis von Komparatistik und Übersetzungsforschung sehr schwierig und komplex dar: Verschiedene komparatistische Ansätze stellen sich entweder entschieden gegen Übersetzung, mit der Begründung, ein ‘richtiger’ Komparatist lese einen Originaltext in der jeweiligen Originalsprache und nicht dessen ‘minderwertige’ oder gar ‘verfälschende’ Übersetzung, während andere die Übersetzungsfrage einfach völlig außer Acht lassen. Von anderen (u.a. Herder, Madame de Staël oder den Brüdern Schlegel, die als Vorläufer der Komparatistik angesehen werden können) wurde jedoch erkannt, dass viele Fragen rund um die Übersetzungsforschung und -problematik auch für die Komparatistik von großem Interesse sind und dass die Literaturwissenschaft in mehrerlei Hinsicht von der Übersetzungsforschung profitieren kann. Doch nach wie vor fehlt es an einer exakten Beschreibung der Funktion, die diese in der Komparatistik erfüllen soll bzw. kann, genauso wie an konkreten Vorstellungen, wie Übersetzungsforschung überhaupt sinnvoll in komparatistische Untersuchungen integriert werden und diesen von Nutzen sein kann. Der Grund für die bisherige Vernachlässigung der Übersetzungswissenschaft in der vergleichenden Literaturwissenschaft mag u.a. auch die Tatsache sein, dass es ‘oft um Probleme ging, die sich auf einem Grenzgebiet zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft bewegten’ und somit als ‘linguistische Probleme’ auf die Übersetzungsforschung oder die kontrastive Sprachwissenschaft abgeschoben wurden. So sind manche Komparatisten der Meinung, Übersetzung gehöre eher in den Kompetenzbereich von Sprachwissenschaftlern als von Literaturforschern.

Wünschenswert wäre hier also in erster Linie die Klärung der Kompetenzbereiche von Literatur-, Sprach- und Übersetzungswissenschaft.

Spricht man von Übersetzung und ihrer Rolle in der vergleichenden Literaturwissenschaft, so meint man dabei fast immer die Übersetzung von literarischen Texten. Vielleicht könnte man sogar sagen: Was die Übersetzungsforschung für die Sachtext- bzw. Fachübersetzung leisten kann, das kann die Literaturwissenschaft für die literarische Übersetzung leisten. Doch was genau ist literarische Übersetzung, und inwiefern unterscheidet sie sich von der Fachübersetzung?

Arbeit zitieren:
Draschitz, Susanna Januar 2009: Der Übersetzungsvergleich, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Übersetzungsvergleich, Übersetzungswissenschaft, Translationswissenschaft, Sprachwissenschaft, Literaturübersetzung

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