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Die US-Präsidentschaftswahlen 2008 und der Bradley-Effekt

Rasse als Strukturelement der US-Politik

Die US-Präsidentschaftswahlen 2008 und der Bradley-Effekt
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Michael Schüller
  • Abgabedatum: August 2010
  • Umfang: 146 Seiten
  • Dateigröße: 5,0 MB
  • Note: 2,1
  • Institution / Hochschule: Universität Hamburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 55
  • ISBN (eBook): 978-3-8428-0720-4
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Schüller, Michael August 2010: Die US-Präsidentschaftswahlen 2008 und der Bradley-Effekt, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Barack Obama, Präsidentschaftswahlen 2008, Rasse, schwarzer Präsident, weiße Wähler

Diplomarbeit von Michael Schüller

Einleitung:

‘A huge challenge for Obama, insiders say, is simply determining how much skin color will matter in November. Race is nearly impossible to poll – no one ever says ‘I’m a racist’ (…)’.

143 Jahre nach der Ratifizierung des 13. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika hatte im Jahr 2008 mit dem Demokraten Barack Obama erstmals in der Geschichte der USA ein Afroamerikaner realistische Chancen auf das Präsidentenamt. Aufgrund der besonderen Kandidatenkonstellation von schwarz gegen weiß waren die Wahlen des Jahres 2008 aus politikwissenschaftlicher Sicht eine Besonderheit: Die Kandidatur von Barack Obama lieferte im Vorfeld Raum für allerhand Vermutungen über den möglichen Einfluss der Rasse Obamas auf das Wahlverhalten der mehrheitlich weißen Bevölkerung und damit auf die Chancen eines Afroamerikaners auf das höchste Staatsamt. Es war schwer, eine Vorhersage darüber zu treffen, wie das Elektorat bei der ersten Präsidentschaftswahl mit einem schwarzen Kandidaten reagieren wird. Die zentralen Fragen waren: Sind die USA im 21. Jahrhundert bereit für einen afroamerikanischen Präsidenten? Wie offen wird eine eventuelle Ablehnung in Wahlumfragen geäußert? Im Vorfeld der Wahl äußerten in Umfragen 92 % der Amerikaner, dass sie bereit wären, einem geeigneten schwarzen Kandidaten ihre Stimme zu geben. In wie weit spiegeln diese Umfrageergebnis die politische Realität wieder?

Der sogenannte ‘Bradley-Effekt’ (BE) ist definiert als die Diskrepanz zwischen Umfrage- und Wahlergebnis begründet durch unehrliche Angaben weißer Wähler in Umfragen, benannt nach dem schwarzen Politiker Tom Bradley, der 1982 in Kalifornien für das Gouverneursamt kandidiert hatte, im Umfragen vorne lag, die Wahl dann aber doch verlor. Professor Charles Henry, der den Bradley-Effekt 1982 erstmals bei US-Wahlen messen konnte, war sich im Bezug auf dessen Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen 2008 unsicher: ‘If it’s close (…) the Bradley effect could make a difference. (…) Because we’re talking about not a mayor or a governor, but a president, a president who can ‘push the button,’and there’s no precedent for this. And it’s got to make some folks nervous.’ Auch Joe Trippi, Kampagnen-Manager der Bradley-Kampagne von 1982 äußerte sich auf die Frage nach der gegenwärtigen Existenz des Bradley-Effekts und die Wählbarkeit von Afroamerikanern in nationale Staatsämter eher verhalten: ‘The country has come a hell of long way. I think it´s a mistake to think that there´ll be any kind of big surprise like there was in the Bradley campaign in 1982. But I also think it’d be a mistake to say it’s all gone.’ Von Gleichheit zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen kann nicht gesprochen werden. Rassismus ist in den USA nach wie vor existent: Afroamerikaner sind politisch unterrepräsentiert und sozioökonomisch benachteiligt. Kann den Umfragen Glauben geschenkt werden?

In den Fokus der wissenschaftlichen Debatten zu den Wahlen geriet der Effekt durch die Überbewertung des Stimmenanteils Barack Obamas während der Vorwahlen der Demokratischen Partei im Bundesstaat New Hampshire (NH). Diskutiert wurde, inwieweit bei dieser Kandidatenkonstellation den Umfragewerten getraut werden und ob der Bradley-Effekt 2008 einen Einfluss auf das Wahlergebnis nehmen kann.

In den 1980er Jahren stellte der Effekt bei US-Wahlen eine entscheidende Einflussgröße dar: Bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien 1982 und Virginia 1989, den Bürgermeisterwahlen in Chicago 1983 und New York 1989 konnte eine erhebliche Diskrepanz zwischen Umfrage- und Wahlergebnis gemessen werden. Schwarze Kandidaten erhielten deutlich weniger Stimmen, als ihnen im Vorfeld in Umfragen prognostiziert wurden, Kandidaten verloren überraschend ihre Wahlen, obwohl sie bereits als sichere Sieger galten. Der Effekt sorgte im Hinblick der Frage nach seiner Aktualität für kontroverse Meinungen: Die Politikwissenschaftler Daniel J. Hopkins und David Strömberg beschäftigten sich im Vorfeld der Wahlen 2008 unabhängig voneinander mit dem Bradley Effekt: In ihren Untersuchungen erzielten beide hinsichtlich der gegenwärtigen Existenz unterschiedliche Ergebnisse: Hopkins konnte in der für mich im Vergleich zu Strömberg schlüssigeren Analyse und Begründung den Effekt bei US-Wahlen nur bis in das Jahr 1996 nachweisen, David Strömberg auch darüber hinaus. Hopkins und Strömberg schlossen ihre Untersuchungen im Jahr 2008 vor dem Hauptwahlkampf zwischen Barack Obama und John McCain ab und konnten keine Aussage darüber treffen, in welchem Maße der Bradley Effekt bei den Präsidentschaftswahlen 2008 Einflussfaktor war.

Die Wahl Barack Obamas zum ersten afroamerikanischen US-Präsidenten 2008 und sein mit 52,87 % gegenüber John McCain mit 45,60 % der abgegebenen Stimmen klares Wahlergebnis schließen die Existenz des BE nicht grundsätzlich aus. Sollte der Bradley Effekt in der US-Politik keine Einflussgröße mehr darstellen, so ist die Wahl eines Afroamerikaners kein Unikum und gehört nunmehr zur politischen Kultur des Landes. Möglich ist darüber hinaus, dass obwohl der Bradley Effekt keinen Einflussfaktor darstellte, die Bedingungen für eine Existenz gegenwärtig in den USA gegeben sind und andere Faktoren den Effekt überlagerten bzw. die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten begünstigten.

Die dieser Arbeit zugrunde liegende Fragestellung lässt sich in folgendem Fragekomplex verdichten: War der Bradley-Effekt bei den US-Präsidentschaftswahlen 2008 ein Einflussfaktor? Ist die erfolgreiche nationale Wahl eines schwarzen Bewerbers wiederholbar? Ziel der geplanten Untersuchung ist eine Aussage darüber zu treffen, ob der Bradley-Effekt bei zukünftigen nationalen Wahlen mit schwarzer Beteiligung einen Einflussfaktor darstellen kann und ob die Wahl eines Afroamerikaners zum US-Präsidenten wiederholbar bzw. grundsätzlich möglich ist und nicht aufgrund besonderer Umstände 2008 ein Einzelfall war.

Teil I dieser Arbeit zeigt, dass im 21. Jahrhundert in den USA mit der ethnischen Vielfalt, der sozioökonomischen Ungleichheit zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und den ausgeprägten Wahlmustern Bedingungen für die Existenz des Bradley-Effekt gegeben sind und der Bradley-Effekt vor allem in den 1980er Jahren in der US-Politik einen großen Einflussfaktor bei Wahlen mit schwarzer Beteiligung darstellte. Im Gegensatz zu den Analysen von Daniel J. Hopkins und David Strömberg, die in Teil I dieser Arbeit dargestellt und bewertet werden, überprüft diese Untersuchung in Teil II nicht ausschließlich das Verhältnis von Umfrage- und Endergebnissen, sondern untersucht auch andere Faktoren, die Grundlage für den Bradley-Effekt sind: Die Medienberichterstattung im Vorfeld der Wahl, die Zusammensetzung des Elektorats und der Anteil der im Vorfeld der Wahl Unentschlossenen am Elektorat begünstigen den Effekt.

Vorteil: Die Analyse lässt im Gegensatz zu Hopkins und Strömberg eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit des Auftretens des Bradley Effekts bei zukünftigen US-Wahlen zu. Die Untersuchung der Fallauswahl in Teil II zeigt für Barack Obama keinerlei negative Diskrepanz zwischen Umfrage- und Wahlergebnis auf, der Bradley-Effekt war bei der Präsidentschaftswahl 2008 nicht existent. Dabei bezog Teil II der Analyse neben der Überprüfung der Faktoren die Rolle des Themas ‘Rasse’ im Wahlkampf 2008 und die Kampagne Obamas mit in die Erhebung ein.

In drei der vier Bundesstaaten konnte für Obama ein positiver Bradley-Effekt festgestellt werden, d.h. eine Unterbewertung Obamas tatsächlichen Stimmenanteils in Umfragen. Auf Grundlage der Ergebnisse der durchgeführten Analyse kann die Aussage getroffen werden, dass in den USA gegenwärtig die Bedingungen für eine Existenz des Bradley-Effekt gegeben sind und sich die Obama-Kampagne bei den Präsidentschaftswahlen 2012 und zukünftige nationale Kampagnen schwarzer Bewerber ggf. auf den Bradley-Effekt einstellen müssen.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 7
1.1 Thematik 7
1.2 Grundannahmen 9
1.3 Abgrenzung der Untersuchungsgegenstände 10
1.4 Fragestellung und Ziel der Untersuchung 10
1.5 Verlauf und Vorgehensweise der Untersuchung 10
1.6 Zur Untersuchung herangezogener Quellen und Zitierweise 11
2. Rasse als Strukturelement der US-Politik 12
2.1 E pluribus unum? 12
2.1.1 Ethnische Zusammensetzung der US-Gesellschaft 12
2.1.2 Afroamerikaner als ethnische Gruppe der US-Gesellschaft 14
2.1.3 Der ‘racial gap’, Rasse und das Wahlverhalten 16
2.2 Afroamerikaner als politische Kraft 18
2.2.1 Afroamerikanische Mandatsträger in der US-Politik 18
2.2.2 Kriterien des Wahlentscheids weißer US-Bürger 20
2.2.3 Das Wahlverhalten der Afroamerikaner 22
2.3 ’Rasse’ als Thema im US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 24
2.4 Barack Obama zum Thema ‘Rasse’ 28
2.5 Zusammenfassung 28
3. Der Bradley-Effekt 28
3.1 Definition Bradley-Effekt 28
3.2 Der Bradley-Effekt bei US-Wahlen 28
3.2.1 Gouverneurswahlen Kalifornien 1982, Tom Bradley 28
3.2.2 Bürgermeisterwahlen Chicago 1983, Harold Washington 28
3.2.3 Bürgermeisterwahlen New York 1989, David Dinkins 28
3.2.4 Gouverneurswahlen Virginia 1989, Douglas Wilder 28
3.2.5 Vorwahlen Demokraten New Hampshire 2008, Barack Obama 28
3.3 Der Bradley-Effekt in der theoretischen Diskussion 28
3.3.1 Analyse der Wahlergebnisse in Kalifornien 1982, Charles Henry 28
3.3.2 Analyse von Daniel J. Hopkins 1989 bis 2008 28
3.3.3 Analyse von David Strömberg 1998 bis 2006 28
3.4 Was spricht gegen den Bradley-Effekt? 28
3.5 Zusammenfassung 28
4. Zusammenfassung Teil I 28
Teil II: Untersuchung 28
5. Ausgangslage 28
5.1 Obamas Kampagne 28
5.2 Negatives Campaigning gegen Obama 28
6. Vorgehensweise 28
6.1 Ziele der Analyse 28
6.2 Begründung der Methode 28
6.3 Die 4 Faktoren des Bradley-Effekts 28
6.3.1 Faktor 1 ‘Umfragewerte’ 28
6.3.2 Faktor 2 ‘frontrunner’ 28
6.3.3 Faktor 3 ‘Unentschlossene’ 28
6.3.4 Faktor 4 ‘Bevölkerungsanteil Afroamerikaner’ 28
6.4 Grundgesamtheit 28
6.5 Auswahl der Bundesstaaten 28
6.5.1 Kalifornien 28
6.5.2 Ohio 28
6.5.3 Virginia 28
6.6 Beobachtungszeitraum 28
7. Untersuchung 28
7.1 Kalifornien 28
7.1.1 Faktoren 28
7.1.1.1 Faktor 1 ‘Umfragewerte’ 28
7.1.1.2 Faktor 2 ‘frontrunner’ 28
7.1.1.3 Faktor 3 ‘Unentschlossene’ 28
7.1.1.4 Faktor 4 ‘Bevölkerungsanteil Afroamerikaner’ 28
7.1.2 Zusammenfassung Kalifornien 28
7.2 Texas 28
7.2.1 Faktoren 28
7.2.1.1 Faktor 1 ‘Umfragewerte’ 28
7.2.1.2 Faktor 2 ‘frontrunner’ 28
7.2.1.3 Faktor 3 ‘Unentschlossene’ 28
7.2.1.4 Faktor 4 ‘Bevölkerungsanteil Afroamerikaner’ 28
7.2.2 Zusammenfassung Texas 28
7.3 Ohio 28
7.3.1 Faktoren 28
7.3.1.1 Faktor 1 ‘Umfragewerte’ 28
7.3.1.2 Faktor 2 ‘frontrunner’ 28
7.3.1.3 Faktor 3 ‘Unentschlossene’ 28
7.3.1.4 Faktor 4 ‘Bevölkerungsanteil Afroamerikaner’ 28
7.3.2 Zusammenfassung Ohio 28
7.4 Virginia 28
7.4.1 Faktoren 28
7.4.1.1 Faktor 1 ‘Umfragewerte’ 28
7.4.1.2 Faktor 2 ‘frontrunner’ 28
7.4.1.3 Faktor 3 ‘Unentschlossene’ 28
7.4.1.4 Faktor 4 ‘Bevölkerungsanteil Afroamerikaner’ 28
7.4.2 Zusammenfassung Virginia 28
8. Zusammenfassung Teil II 28
Teil III: Der Bradley-Effekt in den US-Präsidentschaftswahlen 2008 28
9. Der Bradley-Effekt in den US-Präsidentschaftswahlen 2008 28
9.1 Anzeichen in den ausgewählten US-Bundesstaaten 28
9.2 Einfluss auf das Wahlergebnis 28
9.3 Einfluss auf die politikwissenschaftliche Diskussion 28
9.4 Welche Faktoren überdeckten den Bradley-Effekt? 28
9.5 Ist die nationale Wahl eines Schwarzen wiederholbar? 28
Teil IV: Gesamtfazit 28
V. Abbildungsverzeichnis 28
VI. Tabellenverzeichnis 28
VII. Diagrammverzeichnis 28
VIII. Abkürzungsverzeichnis 28
XI. Appendix 28

Textprobe:

Kapitel 2.3, ‘Rasse’ als Thema im US-Präsidentschaftswahlkampf 2008:

Im Vorfeld der Wahlen 2008 erhielt das Thema ‘Rasse’ bzw. Rassismus aufgrund der erstmaligen Kandidatenkonstellation von schwarz gegen weiß bei US-Präsidentschaftswahlen einen völlig neuen Stellenwert: Denn, im Vorfeld war unklar und schwer abzuschätzen, welchen Einfluss die Thematik auf den Wahlkampf nehmen wird, inwieweit ‘Rasse’ Gegenstand der medialen Berichterstattung und der Kampagnen sein wird.

Der Einfluss des Themas ‘Rasse’ in der Wahlkampfzeit bzw. eine Diskussion kann in vier verschiedenen Bereichen dargestellt werden: 1.) Diskussion in der Wissenschaft, 2.) ‘Rasse’ als Gegenstand der Kampagnen, 3.) Debatte in der black community darüber ‘wie schwarz Obama ist’ und 4.) die kontroverse Diskussion um die Beziehung Obamas zu Referent Wright.

In den Kapiteln 2.1.2 und 2.2.2 konnte die Veränderung des Rassismus in den USA herausgearbeitet werden. Gegenwärtig besteht ein neuer, ‘subtiler’ Rassismus, der sich vor allem in den sozioökonomischen Ungleichheiten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen widerspiegelt. Auch im Wahlkampf wurden rassische Botschaften ausschließlich implizit geäußert.

In der Wissenschaft löste der Aufstieg Barack Obamas eine Debatte nach einer ‘post-racial’ Ära und Politik mit der Frage nach dem gegenwärtigen Einfluss von Rassismus aus. Barack Obama betonte ebenfalls, dass seine Kandidatur nicht das Symbol einer post-racial-society sei: ‚I have never been so naive as to believe that we can get beyond our racial divisions in a single election cycle, or with a single candidacy’.

Caitlin E. Dwyer, Daniel Stevens, John L. Sullivan und Barbara Allen zogen in ihrer Analyse über den Einfluss von Rassismus im Präsidentschaftswahlkampf ‘Racism, Sexism, and Candidate Evaluations in the 2008 U.S. Presidential Election’ die Schlussfolgerung, dass das Thema ‘Rasse’, obwohl sie 2008 Rassismus und einen Einfluss auf die Zustimmungswerte Obamas nachweisen konnten, keinen übermäßig großen Effekt auf die Kandidaten hatte. Ihre Ergebnisse begründeten sie dadurch, dass 1.) Obama nicht hauptsächlich als schwarz wahrgenommen wurde, denn Weiße projizieren ihre Vorurteile nicht auf alle Mitglieder von Minderheiten und 2.) beide Kampagnen ‘Rasse’ nicht zum Thema in ihrem Wahlkampf machten:

Denn Barack Obama strebte nach Unterstützung aus beiden Lagern und versuchte eine möglichst breite Wählerkoalition aus vielen verschiedenen Wählerschichten und Bevölkerungsgruppen zu formen. Der politische Gegner übte implizit Kritik an der Herkunft Obamas: Die McCain-Kampagne stigmatisierte gegen Ende des Wahlkampfes die Figur ‘Joe the Plumber’, Joe Wurzelbacher, einen Klempner aus Ohio als Metapher des klassischen middle-class Amerikaners. Die Figur stellte einen Angriff auf Obamas ungewöhnlichen Lebenslauf dar. Auch die Wahlwerbespots der McCain-Kampagne mit Werbeslogans wie ‘Vote for the the real American, John McCain’ sollten unterschwellig vermitteln, dass John McCain im Gegensatz zu Barack Obama als weißer Amerikaner, der seinem Land im Krieg gedient hat, per Definition ein wahrer Amerikaner ist. Es wurde versucht Ängste zu schüren, beispielsweise darüber, dass es bei einer Wahl Obamas zum Präsidenten zu einer Bevorzugung der schwarzen Minderheit kommen würde.

Barack Obama äußerte zu der Stellung des Themas ‘Rasse’ im Wahlkampf am 18. März 2008 in seiner Rede im National Constitution Center: ‘This is not to say that race has not been an issue in the campaign. At various stages in the campaign, some commentators have deemed me either ‘too black’ or ‘not black enough.’ We saw racial tensions bubble to the surface during the week before the South Carolina primary. The press has scoured every exit poll for the latest evidence of racial polarization, not just in terms of white and black, but black and brown as well. And yet, it has only been in the last couple of weeks that the discussion of race in this campaign has taken a particularly divisive turn’.

Die Diskussion der Rasse Obamas in der breiten Öffentlichkeit wurde nicht durch den politischen Gegner, sondern durch die black community selbst ausgelöst:

Bereits während der Vorwahlen wurde eine Debatte darüber geführt, ‘wie schwarz Barack Obama ist’. Hintergrund war die Frage, ob Obama aufgrund seiner Herkunft ohne direkte Sklavenabstammung Teil der black community sein kann? Das Time Magazine titelte am 01. Februar 2007: ‘Is Obama Black Enough?’. Die Mehrheit der Schwarzen teilte zu Beginn diese Meinung, denn laut Umfragen erreichte Hillary Clinton bei der schwarzen Bevölkerung einen Zustimmungswert von 60 %, Barack Obama hätten zu diesem Zeitpunkt etwa 20 % ihre Stimme gegeben. Das New Media Journal schrieb: ‘Wenn Afroamerikaner ihm misstrauen, dann nicht, weil seine Haut Kaffeebraun statt tiefschwarz sei, sondern weil er fähig, erfolgreich und klug ist. Und das stehe im Vordergrund zum Bild des Rappers und Schlägers, der die Ausbildung, gutes Benehmen und Karriere gering schätzt. Dieses Klischee dient auch dem Selbstschutz’.

Die Diskussion, ausgelöst vor dem Hintergrund der Abstammung Barack Obamas, seiner guten Ausbildung (Harvard-Abschluss) und seinem Aufstieg in die Oberschicht, wurde vorherrschend in den Medien geführt und nahm paradoxe Züge an: In in einem Interview in der CBS-Show 60 Minutes antwortete Barack Obama auf die Frage ‘There are African Americans who don’t think that you’re black enough, who don’t think that you have had the required experience.’ von Moderator Steven Kroft: ‘When I’m walking down the South Side of Chicago and visiting my barbershop and playing basketball in some of these neighborhoods, those arent’s questions I get asked. I also notice when I’m catching a cab. Nobody’s confused about that either’.

Kroft stellte Barack Obama während des Interviews die Frage nach dem Zeitpunkt seiner Entscheidung ‘schwarz zu sein’. Eine ungewöhnliche Interviewfrage, es ist schwer vorstellbar, dass ein Journalist einen weißen Kandidaten danach gefragt hätte, ‘wann er sich entschieden hat, weiß zu sein’. Obama antwortete mit dem Verweis darauf, dass Rassismus sich nicht auf die Herkunft, sondern auf die Hautfarbe bezieht: ‘If you look African American in this society, you’re treated as an African American, and when you’re a child, in particular, that is how you begin to identify yourself. It’s interesting enough, that now I feel very comfortable and confident in terms of who I am and where I take my ground. But I notice that… I’ve become a focal point for a racial debate’.

Barack Obama nahm in seiner bekannten Rede vom 18. März 2008 ‘We the people, in order to form a more perfect union’ Stellung zu der Thematisierung von ‘Rasse’ im Wahlkampf und zu der Diskussion über seine Herkunft: ‘Despite the temptation to view my candidacy through a purely racial lens, we won commanding victories in states with some of the whitest populations in the country. In South Carolina, where the Confederate Flag still flies, we built a powerful coalition of African Americans and white Americans. This is not to say that race has not been an issue in the campaign. At various stages in the campaign, some commentators have deemed me either ‘too black’ or ‘not black enough.’ We saw racial tensions bubble to the surface during the week before the South Carolina primary. The press has scoured every exit poll for the latest evidence of racial polarization, not just in terms of white and black, but black and brown as well. And yet, it has only been in the last couple of weeks that the discussion of race in this campaign has taken a particularly divisive turn’.

Politisch attackiert wurde Barack Obama aufgrund seiner Freundschaft zu Jeremiah A. Wright, Jr., dem ehemaligen Pastor der ‘Trinity United Church of Christ’, einer großen Kirchengemeinde in Chicago. Die Diskussion über Referent Wright wurde vor dem Hintergrund des Themas ‘Rasse’ und der Tatsache, dass sich der schwarze Referent während eines Gottesdienstes zu den Themen Diskriminierung, Rassentrennung und Sklaverei äußerte, geführt: ‘God damn America for treating our citizens a less than human. God damn America for so long as she acts like she is God and she is supreme’, and spoke of the ‘US of KKK A ’.’ Pastor Wright war eng mit der Familie Obama verbunden, er brachte Barack Obama das Christentum näher, taufte seine Kinder und traute ihn und seine Ehefrau. Zu diesem Zeitpunkt war Barack Obama erstmals gezwungen, sich explizit zum Thema ‘Rasse’ zu äußern: Er musste sich von der Meinung Jeremiah Wrights distanzieren, um nicht den Eindruck zu erwecken diese zu teilen. Die bereits erwähnte Rede ‘We the people, in order to form a more perfect union’ war die direkte Antwort auf die Kritik an seiner Freundschaft mit Pastor Wright. Er stellte heraus, dass Wrights Meinung nicht unbedingt falsch, jedoch kontrovers ist, die Gesellschaft spaltet und nicht zu seiner Kampagne von ‘Unity’ passte:

‘Did I know him to be an occasionally fierce critic of American domestic and foreign policy? Of course. Did I ever hear him make remarks that could be considered controversial while I sat in church? Yes. Did I strongly disagree with many of his political views? Absolutely - just as I'm sure many of you have heard remarks from your pastors, priests, or rabbis with which you strongly disagreed. But the remarks that have caused this recent firestorm weren't simply controversial. They weren't simply a religious leader's effort to speak out against perceived injustice. Instead, they expressed a profoundly distorted view of this country - a view that sees white racism as endemic, and that elevates what is wrong with America above all that we know is right with America; a view that sees the conflicts in the Middle East as rooted primarily in the actions of stalwart allies like Israel, instead of emanating from the perverse and hateful ideologies of radical Islam. As such, Reverend Wright's comments were not only wrong but divisive, divisive at a time when we need unity; racially charged at a time when we need to come together to solve a set of monumental problems - two wars, a terrorist threat, a falling economy, a chronic health care crisis and potentially devastating climate change; problems that are neither black or white or Latino or Asian, but rather problems that confront us all’.

Arbeit zitieren:
Schüller, Michael August 2010: Die US-Präsidentschaftswahlen 2008 und der Bradley-Effekt, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Barack Obama, Präsidentschaftswahlen 2008, Rasse, schwarzer Präsident, weiße Wähler

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