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Trendwende zur Reurbanisierung in Leipzig?

Eine empirische Untersuchung über Wanderungsmotive

Trendwende zur Reurbanisierung in Leipzig?
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Claudia Wiegandt
  • Abgabedatum: Dezember 2005
  • Umfang: 129 Seiten
  • Dateigröße: 3,9 MB
  • Note: 2,1
  • Institution / Hochschule: Universität Leipzig Deutschland
  • Bibliografie: ca. 154
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0659-2
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Wiegandt, Claudia Dezember 2005: Trendwende zur Reurbanisierung in Leipzig?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Leipzig, Stadtentwicklung, Zuwanderung, Wohnstandort, Entscheidung

Diplomarbeit von Claudia Wiegandt

Einleitung:

Das vorliegende Thema lässt sich zunächst allgemein im Bereich der Sozial- und Stadtgeographie einordnen, wobei sich auch andere wissenschaftliche Disziplinen, wie beispielsweise die Soziologie und Demographie, mit Migrationen befassen. Dennoch ver-deutlicht die Dimension des Themas die wissenschaftliche Breite der Geographie. Diese Diplomarbeit bietet einen geographischen Beitrag zum Wandel ostdeutscher Städte, im Rahmen der städtischen Transformation, dar.

Bereits in den 1970/80er Jahren entstand eine Diskussion über die urbane Renaissance, Regenerierung bzw. Reurbanisierung westdeutscher (Innen-) Städte, wenn-gleich auch die Suburbanisierung räumliche Prozesse dominierte. Die Forscher stellten sich damals die Frage „Was sind das für Leute?“, die „…die Innenstadt…zum Wohnen geradezu suchen“. Einerseits waren die so genannten neuen Haushaltstypen, die sich infolge des beginnenden demographischen Wandels herausbildeten an dieser Entwicklung beteiligt. Andererseits machten die Forscher eine Gruppe der so genannten "neuen Urbaniten" (vgl. Abschnitt 3.1.3) aus, deren Wohnpräferenzen innenstadtorientiert sind.

Mit der Wiedervereinigung verebbte diese Forschungsrichtung zunächst, denn es taten sich neue und bedeutendere Entwicklungen auf, die es zu untersuchen galt: Die Suburbanisierung, die Transformationsprozesse und die Problematik der schrumpfenden Städte prägten die ostdeutsche Forschungslandschaft der Nachwendezeit.

Gegen Ende der 1990er Jahre deutet sich eine gesamtdeutsche Trendabschwächung der Stadt-Umland-Wanderung an. Auch für Westeuropa und die USA sind ähnliche Entwicklungen beschrieben.

Ein Gutachten im Auftrag der BUNDESFORSCHUNGSANSTALT FÜR LANDESKUNDE UND RAUMORDNUNG prognostizierte kurz nach der Wende, dass die Ost-West-Wanderung sich fortsetzen wird. Jedoch könnte sich die ostdeutsche Binnenwanderung hin zu ökonomisch attraktiveren Regionen, wie Leipzig und Berlin verschieben.

Die Abbildung 1 zeigt die kern-städtische Bevölkerungsentwicklung ostdeutscher Oberzentren seit Ende der 1990er Jahre. Demnach gibt es aktuell in der ostdeutschen Schrumpfungslandschaft nicht nur sich ent-leerende Räume sondern durchaus so genannte "Stabilitätsinseln", die die Gewinner regionaler Disparitäten in den Neuen Ländern sind wie z.B. die Stadt Leipzig. Die Differenzierung des Betrachtungszeitraums weist darauf hin, dass sich mit Beginn des 21. Jahrhunderts die Städte in einer Trendabschwächung der Suburbanisierung und Ost-West-Wanderung befinden.

Auch westdeutsche Städte folgen seit Ende der 1990er Jahre dieser Entwicklung. Die Suburbanisierungsprozesse haben sich deutschlandweit abgeschwächt, so dass erstmals von einer Trendumkehr hin zu einer neuen Stadtentwicklungsphase, der Reurbanisierung, gesprochen wird.

Ziel dieser Arbeit ist es, die aktuellen Wanderungszuwächse am Beispiel der Stadt Leipzig zu untersuchen, um der Frage nachzugehen, welche Bevölkerungsgruppen an dieser Entwicklung beteiligt sind sowie welche Gründe diese für ihre urbane Wohnstandort-entscheidung hatten. Ausgehend von der empirischen Analyse wird erforscht inwieweit der Prozess der städtischen Wiederbevölkerung Potenziale für eine neue Phase der Reurbanisierung initiieren könnte.

Gang der Untersuchung:

Wohnstandortbezogene Entscheidungen sind in den Neuen Bundesländern seit Ende der 1980er Jahre in die gesellschaftlichen und städtischen Transformationsprozesse eingebettet. Da sich diese Untersuchung auf eine ehemals sozialistisch geprägte Stadt bezieht, ist es zunächst unumgänglich, die Veränderungen in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung näher zu beleuchten.

Die städtischen Transformationsprozesse werden in Kapitel 2 am Beispiel der Stadt Leipzig präzisiert, da diese spezifisch auf die Stadtentwicklung wirken und sozusagen die Rahmenbedingungen für die städtische Bevölkerungsentwicklung bilden.

Der theoretische Hintergrund für diese Untersuchung setzt sich außerdem aus den beiden Themenkomplexen Reurbanisierung und Wohnstandortentscheidungen zusammen, die in den Kapiteln 3 und 4 ausgeführt werden. Um den Begriff der Reurbanisierung für diese Arbeit zu definieren, ist es zunächst notwendig, die bestehende Literatur zu diesem Thema kritisch zu hinterfragen.

Im Kapitel 4 werden dann verschiedene Ansätze vorgestellt, die zur Erklärung von Wanderungen herangezogen werden können. Anhand der theoretischen Vorüberlegungen werden forschungsrelevante Thesen für diese Untersuchung abgeleitet, die sich an der zentralen Fragestellung orientieren. Diese werden in Kapitel 5 zusammenfassend dargestellt.

Ausgehend von den zu untersuchenden Thesen folgt in Kapitel 5 die Begründung der Methodenauswahl. Die vorliegende Fragestellung wird mit Hilfe einer standardisierten schriftlichen Befragung erarbeitet, um die Gründe für die Wohnortwahl Leipzig, im möglichen Zusammenhang mit Reurbanisierung, zu hinterfragen.

Anschließend werden die empirischen Ergebnisse zusammengeführt und in Kapitel 7 diskutiert. Zudem wird nochmals Bezug auf den Titel dieser Arbeit „Trendwende zur Reurbanisierung in Leipzig?“ genommen, um abschließend diese Frage zu beantworten. Daraus werden die Schlussfolgerungen dieser Untersuchung sowie abschließend ein forschungsbezogener Ausblick im Kapitel 8 abgeleitet.

Inhaltsverzeichnis:

Verzeichnis der Abbildungen VI
Verzeichnis der Tabellen VIII
Verzeichnis der Abkürzungen IX
1. Einleitung 1
1.1 Forschungsstand, zentrale Fragestellung und Zielsetzung 2
1.2 Gliederung der Arbeit 3
2. Städtische Transformation in Ostdeutschland am Beispiel der Stadt Leipzig 5
2.1 Ausgangssituation: Sozialistischer Städtebau in der DDR 5
2.2 Ostdeutsche Stadtentwicklung seit 1989: Das Beispiel Leipzig 6
2.2.1 Bevölkerungsentwicklung: Zuzugspol junger Menschen 6
2.2.2 Sozialer Wandel: Pluralisierung der Lebensformen 12
2.2.3 Wirtschaftlicher Wandel: Übergang zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft 14
2.2.4 Wohnungsmarktentwicklung: Entspannter Wohnungsmarkt 17
2.2.5 Städtebaulicher Wandel: Von der Europäischen zur Perforierten Stadt 21
2.3 Zusammenfassung: Leipzig zwischen Wachstum und Schrumpfung 22
3. Reurbanisierung 23
3.1 Zum Begriff Reurbanisierung und Forschungsstand 23
3.1.1 Reurbanisierungstendenzen in den 1970/80er Jahren 23
3.1.2 Von der Suburbanisierung zur Reurbanisierung? 25
3.1.3 Reurbanisierung vs. Gentrification 27
3.1.4 Reurbanisierung als Strategie der Stadtplanung 29
3.2 Reurbanisierung im Sinne dieser Arbeit 31
3.3 Zusammenfassung 32
4. Wohnstandortentscheidungen 33
4.1 Räumliche Mobilität als Ausgangspunkt für den Migrationsbegriff 33
4.2 Wanderungsmotive 36
4.3 Migrationsmodelle und -theorien 39
4.3.1 Push-und-Pull-Modell nach LEE 40
4.3.2 Lebenszyklusansatz 41
4.3.3 Neue Lebensformen als urbanes Merkmal 43
4.4 Stadtimage als Migrationsfaktor 47
4.5 Zusammenfassung 48
5. Konzept und Methodik der empirischen Untersuchung 49
5.1 Konkretisierung der Fragestellung und Thesen 49
5.2 Methodisches Vorgehen 50
5.3 Beschreibung der Stichprobe 51
5.4 Aufbau des Fragebogens 53
5.5 Ablauf der Befragung 54
5.6 Rücklauf 55
5.7 Methodenkritik 55
6. Auswertung der empirischen Ergebnisse 56
6.1 Soziodemographische Zusammensetzung 56
6.1.1 Geschlechts- und Altersstrukturen 56
6.1.2 Erwerbs- und Einkommensstrukturen 58
6.1.3 Bildungsstrukturen 62
6.1.4 Haushaltsstrukturen 63
6.1.5 Zusammenfassung 66
6.2 Migrationsmuster 66
6.2.1 Zuzugsjahr und hauptwohnsitzliche Anmeldung 66
6.2.2 Herkunftsgebiete 67
6.2.3 Zielgebiete in der Stadt Leipzig 70
6.2.4 Zusammenfassung 71
6.3 Wohnstandortentscheidung Leipzig 71
6.3.1 Bekanntheit der Stadt vor dem Umzug 72
6.3.2 Wanderungsmotive 73
6.3.3 Gründe für die hauptwohnsitzliche Ummeldung 77
6.3.4 Wegzugsabsichten 78
6.3.5 Zusammenfassung 78
6.4 Leipzig als urbaner Lebensraum 78
6.4.1 Wohnsituation in Leipzig 79
6.4.2 Zufriedenheit mit der Wohnstandortentscheidung 80
6.4.3 Wahrnehmung und Bewertung der Stadt Leipzig als Lebensraum 82
6.4.4 Urbane Wohnpräferenzen 85
6.4.5 Meinungen zum Image der Stadt Leipzig 87
6.4.6 Zusammenfassung 89
7. Zusammenfassung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen 90
8. Ausblick 94
Literaturverzeichnis 95
Anhang 107

Textprobe:

Kapitel 4.1, Räumliche Mobilität als Ausgangspunkt für den Migrationsbegriff:

Die Statistik zur Bevölkerungsentwicklung eines Gebietes kann durch verschiedene Faktoren bestimmt werden. Die Einwohnerquantität eines Raums wird besonders unter stabilen demographischen Bedingungen durch räumliche Bevölkerungsbewegungen determiniert. Die Differenz aus Zu- und Wegzügen bildet den Wanderungssaldo. Wanderungen beeinflussen die Sozialstruktur eines Gebietes und die geographische Verteilung der Gesamtbevölkerung. Während auf nationalstaatlicher Ebene noch relativ gesicherte Prognosen zur Einwohnerentwicklung gemacht werden können, so ist dies auf der regionalen und lokalen Ebene umso schwieriger, da sich Bevölkerungswanderungen räumlich sehr unterschiedlich ausprägen können.

Des Weiteren kann auch die natürliche Bevölkerungsentwicklung (Differenz aus Geburten- und Sterbefällen) die Quantität der Einwohner sehr stark beeinflussen. So geht beispielsweise die Schrumpfung ostdeutscher Städte einher mit dem demographischen Wandel, d.h. die Geburtenraten liegen deutlich unter dem Sterbefallüberschuss. Aber auch Eingemeindungen können einen nicht unerheblichen statistischen Effekt auf die Einwohnerschaft haben, wie es auch in Leipzig der Fall gewesen ist (vgl. Abschnitt 2.2.1).

Die Bevölkerungsmobilität ist also eine wichtige Einflussgröße auf die Entwicklung eines Gebietes. Allgemein bezeichnet Mobilität „den Wechsel eines Individuums zwischen definierten Einheiten eines Systems“, die durch räumliche und/oder soziale Charakteristika bestimmt sein können. So erfolgt auch die Unterscheidung in räumliche und soziale Mobilität. Für die vorliegende Untersuchung ist der Begriff der räumlichen Mobilität maßgebend.

In der Fachliteratur wird von räumlicher, regionaler oder residentieller Mobilität gesprochen, wenn Personen in einem räumlichen System ihre Position verändern und damit eine Ortsveränderung verbunden ist. Dabei sind räumliche Bevölkerungs-bewegungen mit oder ohne Wohnsitzverlagerung zu unterscheiden. Kommt es zu einem dauerhaften Wohnsitzwechsel über eine bestimmte administrative Grenze, so wird dieser Vorgang als Wanderung oder Migration bezeichnet. Migrationen sind also Formen der räumlichen Mobilität.

Migrationen können sehr unterschiedlich systematisiert werden und es besteht eine Vielzahl an Typologien, die Wanderungen nach zeitlichen, räumlichen und kausalen Kriterien gliedern wie beispielsweise der Distanz und den Wanderungsmotiven. Zur Veranschaulichung sind in der Abbildung 9 die verschiedenen Wanderungstypen dargestellt, die nach Distanz und Richtung unterschieden werden. Dabei sind die rot gekennzeichneten Wanderungsarten die relevanten im Zusammenhang mit dieser Arbeit, die näher erläutert werden sollen.

Räumliche Mobilität ist zumeist Ausdruck für eine Änderung der individuellen sozialen oder wirtschaftlichen Situation oder aber auch für die Anpassung einzelner Regionen an den ökonomischen, sozialen und politischen Wandel. Wanderungen werden demnach durch Änderungen im persönlichen Bereich, als auch durch den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg oder Niedergang von Räumen induziert. Da die Zusammensetzung der Wanderer sehr unterschiedlich sein kann, beeinflusst räumliche Mobilität die soziodemographische Struktur einer Stadt bzw. auf Stadtteilebene. So wird die Sozialstruktur z.B. verjüngt oder multikulturalisiert, indem überwiegend jüngere Altersgruppen und/oder ausländische Migranten zuziehen.

Für die vorliegende Untersuchung sind inter- und intraregionale Migrationen bedeutsam, so dass diese räumlichen Wanderungstypen nachfolgend vorgestellt werden. Interregionale Wanderungen sind zumeist Binnenwanderungen. Diese werden in Grenzgebieten zu den internationalen Migrationen gezählt, wenn die Wohnsitzverlagerung in eine andere Region stattfindet. Land-Stadt-Wanderungen (auch rural-urbane Wanderungen genannt) gehören zu der Gruppe der inter- als auch der intraregionalen Migration (vgl. Abb. 9). Diese hatten zu Beginn der Industrialisierung in Europa einen wesentlichen Einfluss auf den Urbanisierungsprozess. Die gegenwärtigen interregionalen Wanderungsprozesse sind mit fortgeschrittener Verstädterung diversifiziert worden. So werden Wanderungen heute zumeist als Folge regionaler Disparitäten angesehen. Am Beispiel der ostdeutschen Stadtentwicklung haben zudem die Transformationsprozesse, der demographische Wandel sowie die Ost-West-Migration weitgehenden Einfluss auf die räumliche Siedlungsentwicklung nach der Wiedervereinigung gehabt.

Im Fall der Stadt Leipzig könnte die Land-Stadt-Wanderung im intraregionalen Bereich hingegen für das aktuelle Bevölkerungswachstum eine zentrale Rolle spielen. Vermutlich hat die Gruppe der Umlandbevölkerung einen nicht unwesentlichen Anteil an dem aktuellen Bevölkerungszuwachs, da sich die Stadt-Umland-Wanderung in der Stadtregion Leipzig in den letzten Jahren abgeschwächt hat.

Mit zunehmender Verstädterung ist auch der Anteil an der städtischen Gesamtbevölkerung gewachsen, so dass auch die interurbanen Wanderungen an Bedeutung gewonnen haben. Die Menschen, die zwischen Städten wandern, sind im Allgemeinen „… höher qualifiziert, motivierter und innovationsbereiter als Land-Stadt-Wanderer“. Möglicherweise haben daher interurbane Wanderungen im Fall des Bevölkerungswachstums in Leipzig eine Bedeutung, denn in der Vergangenheit sind zwar viele Arbeitsplätze weggebrochen, dennoch sind auch neue entstanden, deren Attraktivität gestiegen ist.

Zusammenfassend kann vermutet werden, dass möglicherweise Land-Stadt-Wanderer, interurbane Migranten, ehemalige Stadt-Umland-Wanderer neben ausländischen Migranten die Akteure des aktuellen Bevölkerungszuwachses in Leipzig sind.

Arbeit zitieren:
Wiegandt, Claudia Dezember 2005: Trendwende zur Reurbanisierung in Leipzig?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Leipzig, Stadtentwicklung, Zuwanderung, Wohnstandort, Entscheidung

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