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Trauer und ihre gesellschaftlichen Aspekte

Trauer und ihre gesellschaftlichen Aspekte
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Monika Diek
  • Abgabedatum: Januar 2002
  • Umfang: 83 Seiten
  • Dateigröße: 524,7 KB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Leibniz Universität Hannover Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-7721-9
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-7721-9 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-7721-9 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Diek, Monika Januar 2002: Trauer und ihre gesellschaftlichen Aspekte, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Trauerphase, Ritual, Trauerprozess, Bindungstheorie, Sigmund Freud

Magisterarbeit von Monika Diek

Einleitung:

Trauer ist eine spontane, natürliche, normale und selbstverständliche Antwort unseres Organismus auf Verlust. Sie ist immer da, wenn wir vor Erfahrungen der Trennung, des Abschiednehmens und des Verlustes stehen. Überall da, wo eine Beziehung besteht, wo Affekte mit einer bestimmten Person oder auch Sache verknüpft sind, ist Verlust ein schmerzhaftes Ereignis, das Trauer hervorruft. Der extremste Verlust ist ohne Zweifel der Tod eines nahen Menschen, denn wo eine enge Bindung bestanden hat, ist Trennung schwierig und beunruhigend. Aber Trauer kann auch durch Trennung von einem geliebten Menschen, durch Verlust eines Heims oder einer Arbeit ausgelöst werden.

Verschiedene Entwicklungen infolge des Industrialisierungsprozesses haben eine Intimisierung von Bindungen bewirkt. Verkürzte Arbeitszeiten, mit der Mobilität zusammenhängende Entwicklung des Familienverbandes zu einer Kleinfamilie und auch das Aufkommen von Liebesheirat bedingten eine höhere emotionale Verbundenheit zwischen den Familienmitgliedern. Diese psychische Situation wird noch zusätzlich durch das Tabu des Todes in der heutigen Gesellschaft erschwert. Der Tod wurde aus unserem Alltag, aus der Familie und somit aus dem Bewusstsein verdrängt. Mit dem technischen und medizinischen Fortschritt wurde die Betreuung der Kranken den Institutionen wie z.B. Krankenhäuser und Pflegeheime übergeben und der Tod wurde der Zuständigkeit der Medizin überlassen. Es werden Sprachlosigkeit und Verdrängung von Sterben und Tod erzeugt. Das Thema Tod und somit auch alle Gefühle der Trauer werden tabuisiert und missbilligt.

Für die heutige westliche Gesellschaft, in der Leistung, Produktivität und Konsum als wichtige Werte angesehen werden, ist Trauer nicht „in“, da sie eine Zeitlang das berufliche und gesellschaftliche Potential des Trauernden einschränkt. Die Menschen in den heutigen Industriegesellschaften werden von klein auf darauf programmiert, ihre Trauer nicht zu zeigen. Sie findet jedoch immer ihren Ausdruck, selbst beim Versuch sie zu verhindern. Wenn der Kummer um einen Verlust unter den Teppich gekehrt wird, verschwindet er nicht, er setzt sich fest. Und der hohe Preis, den man für die ungelebte, verdrängte Trauer zahlt, können tiefe Depressionen, Angstzustände, Schmerzen, Körperbeschwerden und Abhängigkeiten sein. Trotzdem verdrängen, verleugnen und vermeiden die meisten Menschen ihre Trauer.

Offiziell darf man nur eingeschränkt trauern, nicht überall, nicht in jeder Situation und nicht zu lange. Wir wurden erzogen unsere Trauer zu unterdrücken oder zu verstecken, damit die Öffentlichkeit mit unserem Kummer nicht in Berührung kommt. Die Gesellschaft, in der wir leben, hält das Thema Trauer und Trauern für tabu. Noch wartet die Trauer darauf, von der Gesellschaft für salonfähig erklärt zu werden. Viele Kulturen können mit Trauer nicht gut umgehen. Im Zusammenhang mit Tod und Trauer herrscht in unserer Gesellschaft Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit vor, es fehlen uns Worte und Handlungsmuster; es ist einfacher das Thema zu verdrängen. Es gibt kaum anerkannte Trennungs- und Trauerrituale, die helfen, den Verlust und die mit ihm verbundenen Gefühle und Empfindungen zu akzeptieren und auszuhalten.

In meiner Arbeit soll zunächst gezeigt werden, wie sich die Einstellung zum Thema Tod im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat und wie Trauer in der Vergangenheit behandelt wurde und heutzutage behandelt wird. Im nächsten Schritt werde ich den Ablauf des Trauerprozesses analysieren und aufzeigen, was passiert, wenn man versucht, diesen zu unterdrücken. Daraufhin beschreibe ich die Einstellung der modernen Gesellschaft zu Tod und Trauer und die Umgangsweise mit Trauernden. Zur Veranschaulichung der theoretischen Erklärungen zum Thema Trauer ziehe ich Ausschnitte aus dem deutschen Roman Scheintod heran, in dem über die ersten Trauertage einer jungen Frau berichtet wird, deren Ehemann gestorben ist. Anhand dieses Beispiels möchte ich auf die Reaktionen der sozialen Umwelt auf die Hinterbliebenen aufmerksam machen, um anschließend zu erklären, inwieweit sich dieses Verhalten auf den Trauerprozess auswirken kann. Danach befasse ich mich kurz mit den griechischen Moiroloja-Ritualen, um herauszufinden, inwieweit diese Rituale den Ablauf der Trauer und das Empfinden der Trauernden positiv beeinflussen können. Die Arbeit endet mit einer Zusammenfassung und Auswertung der Ergebnisse.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 5
1. Die Entwicklung der Einstellung zu Tod und Trauer 7
1.1 Der Wandel in der Einstellung zum Tod 7
1.2 Institutionalisierung des Sterbens 11
1.3 Trauer im Wandel der Zeit 12
1.4 Zusammenfassung 15
2. Trauer 16
2.1 Theorie der Trauer 16
2.1.1 Sigmund Freud 16
2.1.2 John Bowlby 19
2.1.2.1 Bindungstheorie 20
2.1.2.2 Frühkindliche Verlusterfahrung 22
2.1.3 Lily Pincus 25
2.1.3.1 Beziehungen, deren Grundlage die Projektion ist 27
2.1.3.2 Beziehungen, deren Grundlage die Identifikation ist 28
2.2 Verlauf des Trauerprozesses 28
2.2.1 Erste Phase - Schock und Betäubung 29
2.2.2 Zweite Phase - emotionale Reaktionen 30
2.2.3 Dritte Phase - Suchen und Sich-Trennen 33
2.2.4 Vierte Phase - Reorganisation 36
2.2.5 Zusammenfassung 37
2.3 Gestörte Formen der Trauer 38
2.4 Determinanten der Trauer 42
3. Tod und Trauer in der modernen Gesellschaft 47
3.1 Das moderne Todesbild 47
3.1.1 Erhöhung der Lebenserwartung 48
3.1.2 Hohes Maß an Lebenssicherheit 49
3.1.3 Hoher Grad der Individualisierung 50
3.1.4 Institutionalisierung 52
3.1.5 Wertestruktur moderner Industriegesellschaften 53
3.1.6 Zusammenfassung 55
3.2 Umgang mit Trauer in modernen Industriegesellschaften 55
3.3 Bedeutung des Rituals für den Trauerprozess 59
4. Gesellschaftliche Vorgaben für den Ablauf des Trauerprozesses 63
4.1 Beispiel aus dem Alltag 63
4.2 Auswirkungen auf den Trauerprozess 69
4.3 Moiroloja - Klagegesänge in Mani 72
4.4 Zusammenfassung 75
5. Resümee 77
Literaturverzeichnis 79

Automatisiert erstellter Textauszug:

liegt das Augenmerk besonders auf der oft erlebten Empfindungslosigkeit. Der Schock, den der Hinterbliebene kurz nach dem Verlust einer geliebten Person erlebt, schützt ihn vor überwältigenden schmerzvollen Gefühlen. In der zweiten Phase herrscht ein Chaos von Gefühlen vor; es werden durcheinander Trauer, Wut, Zorn und Angstgefühle erlebt. Bei der dritten Trauerphase behandeln die vorher erwähnten Autoren vor allem den Aspekt der Suche nach der verstorbenen Person und erwähnen, dass für den Hinterbliebenen eine Vorstellung von einem Wiedersehen mit dem Verstorbenen im Vordergrund steht. Die vierte, abschließende Phase des Trauerprozesses wird als eine Neuorganisation der Persönlichkeit betrachtet. Durch die Aufnahme von Aspekten des Verstorbenen in die Persönlichkeit des Trauernden kommt es zur Veränderung der eigenen Person, die neue Handlungsformen, Rollen und Beziehungen mit sich bringt. Da sich Trauer in so vielen Formen ausdrückt, ist es für jeden professionellen Helfer sehr wichtig, all diese Ausdrucksweisen der einzelnen Phasen zu kennen. Ich halte jedoch auch die gesellschaftlichen Bedingungen für bedeutend. Die soziale Umwelt der hinterbliebenen Personen unterschätzt oft die Vielfalt von Gefühlen, die den Trauerprozess begleiten. Oft fehlt das Verständnis für Schuldzuweisungen, Wut, starke Sehnsucht und andere Emotionen, die für die Trauer typisch sind. Daher sollten wir von der Normalität der Reaktionen im Trauerprozess wissen, um die typischen Erscheinungsformen der Trauer nicht zu verurteilen oder sogar zu unterbinden, ähnlich wie es oftmals im Alltag geschieht. [...]

men, internalisieren müssen, um es niemals zu verlieren“ (Pincus, 1977, S. 150). Die äußerliche Wirklichkeit des Verstorbenen bleibt für den Trauernden oftmals so lange wichtig bis sich diese Internalisierung der verstorbenen Person vollzogen hat. Wenn aber die Aufgabe der Internalisierung erfüllt ist, trennen sich Hinterbliebene dann häufig von bedeutungsvollen Gegenständen des Verstorbenen, wie beispielsweise von bestimmten Gebrauchsgegenständen, Wohnungseinrichtungen und Kleidungsstücken. Kast (1999, S. 83) nennt dieses letzte Stadium des Trauerprozesses „Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs“ und sieht ähnlich wie Pincus die Voraussetzung für den erfolgreichen Abschluss des Trauerprozesses, dass der Verstorbene zu einer inneren Figur geworden ist und dass somit für den Hinterbliebenen neue Beziehungen und neue Möglichkeiten des Handelns möglich werden. Allgemein lässt sich festhalten, dass der Hinterbliebene in dieser Phase die Fähigkeit erwirbt, Erinnerungen an den Verstorbenen ohne intensiven Schmerz, mit ihren angenehmen sowie auch unangenehmen Seiten aufzusuchen. Als Dauer dieser Phase wird oft ein Jahr angegeben. Dies halte ich eher für eine Orientierung, denn die Dauer und der Verlauf der jeweiligen Phasen des Trauerprozesses ist von vielen Faktoren abhängig, unter anderem von der Persönlichkeit der trauernden Person oder/und von der Einstellung der Umwelt zum Trauernden und zur Trauer selbst. Beutel (1996, S. 25) ergänzt, dass Trauer über den Verlust der geliebten Person noch nach Jahren wieder aufkommen kann, beispielsweise anlässlich von persönlichen Gedenk- und Feiertagen oder anlässlich des Todestages. [...]

In der vierten Phase ist der Verlust akzeptiert, der Trauernde kann vom Verstorbenen loslassen und sein inneres Leben neu organisieren. Eine Internalisierung von Aspekten des Verstorbenen wird als Voraussetzung für den Abschluss des Trauerprozesses angesehen. Der Hinterbliebene kann erst dann eine schmerzlose Haltung gegenüber der vergangenen Beziehung einnehmen und gute sowie eher unangenehme Erinnerungen zurückrufen, wenn die geliebte verlorene Person in das eigene Ich aufgenommen wurde. Diese vierte Phase des Trauerprozesses wird von der Mehrzahl der Autoren als die Phase der Erneuerung und Reorganisation bezeichnet (Bowlby, 1983; Kast, 1999; Pincus, 1977). Pincus (1977, S. 149ff) betont die Wichtigkeit der Internalisierung des Toten in das eigene Ich. Hiernach werden Aspekte der verstorbenen Person in sich selbst integriert, so dass sie ein Teil des Ich werden und der Trauernde somit zu neuen Entwicklungsmöglichkeiten findet. Mit Hilfe dieser Veränderung der eigenen Person kann der Hinterbliebene die nötige Eingliederung an die neue, noch ungewohnte Umwelt vollziehen. Die Autorin hebt hierbei den Zusammenhang vom Prozess der Internalisierung im Kindesalter und dessen Wichtigkeit auch für das Erwachsenenalter hervor. Dieser Prozess der Verinnerlichung stellt im Kindesalter einen bedeutsamen psychischen Vorgang dar. Da eine Bezugsperson dem Kind nicht ununterbrochen zur Befriedigung der Bedürfnisse bereit steht, muss das Kind die Bezugsperson, deren Abwesenheit es fürchtet, in sich selbst aufnehmen, um die Abwesenheit des nahestehenden Menschen auszuhalten. „Genauso, wie das verängstigte Kind in seinem Inneren eine ständig anwesende Mutter etablieren musste, wird der erwachsene Trauernde sein geliebtes Objekt in sich aufneh- [...]

Arbeit zitieren:
Diek, Monika Januar 2002: Trauer und ihre gesellschaftlichen Aspekte, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Trauerphase, Ritual, Trauerprozess, Bindungstheorie, Sigmund Freud

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