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Transnationale soziale Lebenswelten jüdischer Zugewanderter aus den Nachfolgestaaten der UdSSR

Beispiele aus Berlin

Transnationale soziale Lebenswelten jüdischer Zugewanderter aus den Nachfolgestaaten der UdSSR
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Andrei Dörre
  • Abgabedatum: Juli 2004
  • Umfang: 192 Seiten
  • Dateigröße: 1,8 MB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8624-2
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8624-2 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8624-2 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Dörre, Andrei Juli 2004: Transnationale soziale Lebenswelten jüdischer Zugewanderter aus den Nachfolgestaaten der UdSSR, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Geographie, Transnationalismus, Migration, Diaspora, Kontingentflüchtlinge

Diplomarbeit von Andrei Dörre

Einleitung:

„Berlin. Ostbahnhof Europas“ lautet ein vor wenigen Jahren erschienenes Buch Karl SCHLÖGELs. Es greift damit bereits in seinem Titel ein bemerkenswertes Phänomen auf, das nicht erst nach der Osterweiterung der Europäischen Union am 01. Mai 2004 zu beobachten ist. Im städtischen Straßenbild, in den Verkehrsmitteln des ÖPNV, in Einrichtungen des Einzelhandels und des Dienstleistungssektors sowie im kulturellen Leben die Präsenz einer Vielzahl osteuropäische Sprachen sprechender Menschen unüberhörbar.

Bei den Russischsprechenden sind es SpätaussiedlerInnen und jüdische ZuwandererInnen, Au-Pairs, Studierende und Geschäftsleute, zugereiste Ehepartner und KünstlerInnen. Aber auch Flüchtlinge und AsylbewerberInnen aus Krisengebieten stellen einen Teil der russischsprachigen Bevölkerung Berlins dar. Mit diesem Phänomen unmittelbar verwoben scheint besonders das Wachstum der jüdischen Bevölkerung Berlins, die sich vor allem seit der Zuwanderung aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion beständig vergrößert.

Internationale Migration als ein zentrales Forschungsfeld der Bevölkerungsgeographie findet im Falle der jüdischen Zuwanderung verstärkt seit 1990 tagtäglich statt. Auswirkungen der Migrationen hinterlassen sowohl auf der Seite der MigrantInnen als auch auf der Seite der bundesdeutschen Gesellschaft Spuren. Denn im Reisegepäck der Zugewanderten befinden sich nicht nur materielle Gegenstände. Ihr ebenfalls mitgebrachtes Wissen, kulturelle Prägungen, Normvorstellungen, raumübergreifenden Beziehungen und Werte bilden die Voraussetzungen für eigenes kreatives Handeln und werden in die hiesige Gesellschaft eingebracht und gelebt. Entgegengesetzt wirken sich die neuen sozialen Lebensumstände und Anforderungen auf das Leben der Zugewanderten aus.

Diese Arbeit widmet sich der Analyse individuell konstruierter Lebenswelten jüdischer ZuwandererInnen. Als Dreh- und Angelpunkt der Erforschung transnationaler sozialer Lebenswelten fungierte das Konzept des Transnationalismus, das an gegebener Stelle vorgestellt wird. Daran anknüpfend steht die zentrale, offen gehaltene Fragestellung: Welche Dimensionen haben diese transnationalen sozialen Lebenswelten, wie werden sie konstruiert und welche Faktoren beeinflussen ihre Herausbildung?

Als Projektionsfläche und Hintergrundinformation zur zentralen Fragestellung wird zunächst die quantitative Entwicklung der jüdischen Auswanderung aus der UdSSR und ihren Nachfolgestaaten seit dem Ende der 1980er Jahre skizziert. Die seit 1990 anhaltende russisch-jüdische Migration in die BRD wird nachgezeichnet. Dabei werden einführend die rechtlichen Zuwanderungstore dargestellt sowie statistisches Datenmaterial einbezogen. Um spezifische Informationen zur Lage in Berlin zu erhalten, wurden ExpertInneneninterviews mit VertreterInnen unterschiedlicher Institutionen durchgeführt.

Da primär die individuelle Ebene der Konstruktion transnationaler sozialer Felder interessierte, lag im weiteren Untersuchungsverlauf der ausdrückliche Schwerpunkt auf der Wahl qualitativer Forschungsmethoden. Die Durchführung von problemzentrierten Leitfadeninterviews erwies sich dabei als besonders geeignete Strategie. Die transkribierten Interviews wurden einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen, ausgewertet und individuelle Fallbeispiele durch die Methode der dichten Beschreibung nach Clifford GEERTZ dargestellt. Dabei wurden unterschiedliche Dimensionen transnationaler Handlungsformen im privaten und professionellen Bereich, ihre soziale Einbettung sowie Einflüsse soziopolitischer Rahmenbedingungen offenkundig.

Inhaltsverzeichnis:

Tabellenverzeichnis III
Abbildungsverzeichnis III
Verwendete Abkürzungen IV
Danksagung 1
1. Zum Geleit 2
2. Die theoretischen Grundlagen 8
2.1 Raumkonzepte, Ort und Gesellschaft in einer globalisierten Welt 9
2.1.1 Nationalstaaten: Vermeintliche Kongruenz des Flächen- und Sozialraums 10
2.1.2 Das Verhältnis von Sozial- und Flächenraum im Spiegel der Globalisierung 12
2.1.3 GLOKALISIERUNG: Der Ort im Zeitalter der Globalisierung 14
2.1.4 Schlüsselbegriffe: FLOWS und –SCAPES 16
2.2 Humangeographische Forschung im Wandel 18
2.2.1 Der CULTURAL TURN in der Geographie 18
2.2.2 Handlungsorientierte Sozialgeographie nach Benno WERLEN 22
2.3 Migrationstheorien im Wandel 24
2.3.1 Kennzeichen klassischer Migrationsansätze 24
2.3.2 Eine neue Perspektive: Das Transnationalismus-Modell 27
2.4 Diskussion: Quantitative und qualitative Ansätze in der geographischen Migrationsforschung 35
2.4.1 Zur Kritik an quantitativen Ansätzen 35
2.4.2 Qualitative Methoden – Eine Fürsprache 37
2.5 Der Stand der Forschung 40
2.5.1 Der Transnationalismus - Ansatz in der akademischen Forschung 40
2.5.2 Ausgewählte Studien zur jüdischen Zuwanderung in die BRD 43
2.5.3 Die Anknüpfung dieser Untersuchung an den Forschungsstand 44
3. Die empirischen Forschungsmethoden dieser Arbeit 46
3.1 Der Forschungsablauf 46
3.2 Hermeneutik und hermeneutische Zirkel 49
3.3 Angewandte Methoden und Arbeitstechniken 53
3.3.1 Problemzentrierte Leitfadeninterviews mit den ProtagonistInnen 53
3.3.2 ExpertInneninterviews 57
3.3.3 Aufzeichnung und Transkription der Interviews 59
3.3.4 Die QUALITATIVE INHALTSANALYSE 60
3.3.5 DICHTE BESCHREIBUNG nach Clifford GEERTZ 61
4. Transnationale soziale Lebenswelten jüdischer Zugewanderter in Berlin 63
4.1 Die jüdische Zuwanderung aus den Nachfolgestaaten der UdSSR 63
4.1.1 Ausgangsbedingungen in der ehemaligen Sowjetunion 63
4.1.2 Die „vierte Welle“: Zielländer und Umfang der Emigration 68
4.2 Der strukturelle Rahmen der jüdischen Zuwanderung in die BR Deutschland nach 1990 74
4.2.1 Die rechtliche Grundlage 74
4.2.2 Das Aufnahmeverfahren 75
4.2.3 Soziale Leistungen und Ansprüche 78
4.3 Das jüdische Berlin gestern und heute 80
4.3.1 Historischer Exkurs: Jüdische Zuwanderung aus Osteuropa 80
4.3.2 Jüdische Institutionen in der Stadt 85
4.4 Individuelle Kurzporträts 93
4.4.1 Grenzüberschreitende Beziehungen 123
4.4.2 Die Frage der Identität 129
4.4.3 Konkrete Beispiele transnationaler sozialer Projekte 138
5. Fazit 148
6. Quellenverzeichnis 152
6.1 Literatur 152
6.2 Internetquellen 170
6.3 Juristische Grundlagen 171
7. Anhang 172
7.1 Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge (HumHIG) 172
7.2 Leitfaden der ProtagonistInneninterviews 174
7.3 Leitfäden der ExpertInneninterviews 176
Erklärung 184

Automatisiert erstellter Textauszug:

4 Transnationale soziale Lebenswelten jüdischer Zugewanderter Überlegenheit selbst angesichts der ökonomischen Krise und verdrängte jene Details, denen Menschen jüdischer Abstammung alltäglich begegneten und ihn selbst in seiner freien Entwicklung abhielten: Er erinnert sich an jene Verhinderung einer Dienstreise in die Republik Kongo mit der inoffiziellen Begründung seiner jüdischen Abstammung. „ ... wir lebten gut... mit Ausschluss einer ganzen Reihe von Details, die unser Leben vergifteten. Sie vernichteten uns zwar nicht, aber sie vergifteten uns: zum Beispiel bekam ich aus dem Ministerium ein Telegramm auf die Arbeit... , dass ein Mensch auf Dienstreise nach dem Kongo geschickt werden soll... Ich sage, ` würde´ und ging ich zum Vorgesetzten. Er sagt ` Was ist mit dir los, ich kann deine Kandidatur doch nicht unterstützen, dich werden sie doch nicht gehen lassen!´ Nun, auf diese Art und Weise stießen wir darauf, dass sie dich nicht lassen, dir nicht geben, dich nicht befördern usw... - ... und dann kam das Jahr 1991. In dem sowjetischen Land war das GKTschP (Ausnahmezustand) - nun der gesellschaftliche Umbruch, die Wende 1991 – der innerhalb von drei Tagen durchgezogen wurde, als sie Gorbatschow entthronten... Und in diesem Moment wurde mir plötzlich klar, dass... die wiedererstarkenden Kommunisten wieder dabei sind, einen Eisernen Vorhang, einen Zaun...“ Mit der politischen Wende 1991 erkennt Herr Majakovskij die Gefahr der erneuten Schließung der offenen Grenzen und der völligen Abtrennung zu seinem ein Jahr zuvor nach Israel ausgewanderten Sohn und seiner Enkelin. Er fasst mit seiner Frau den Ausreiseentschluss. Israel erscheint beiden jedoch kulturell als fremdes Land und in den USA wird eine Einreisequote eingeführt, die eine erfolgreiche Ausreise erschwert. In der BR Deutschland hingegen erwarten sie gleiche kulturelle und klimatische Bedingungen. Von seiner Frau begleitet, kommt er 1992 54jährig in die Stadt Esslingen bei Stuttgart im Land Baden-Württemberg. Nach nur einer Übernachtung im dortigen Aufnahmeheim wird ihnen eine Wohnung in neu gebauten Häusern im Städtchen Crailsheim zugewiesen. Durch Mitglieder der Crailsheimer Evangelischen Gemeinde erfahren er und andere Zugewanderte die Grundlagen jüdischer religiöser Praxis. Er nimmt den jüdischen Glauben jedoch nicht an. Herr Majakovskij ist fasziniert von der Akkuratesse der deutschen Orte. Seiner ersten Begegnung mit den modernen Heizungsanlagen in der Wohnung folgt professionelle Begeisterung. Gleich vom Beginn des Aufenthalts widmet sich Herr Majakovskij der Arbeitssuche. Er ist sogar bereit, entgeldfreie, körperliche Arbeit zu leisten, lediglich um die Arbeitsweisen im neuen Land kennenzulernen. Nach mehreren erfolglosen Bewerbungen erkennt er sein Alter und unzureichende Sprachkenntnisse als wichtigste Hinderungsgründe für 119 [...]

4 Transnationale soziale Lebenswelten jüdischer Zugewanderter Ihn beunruhigen die sich häufenden antisemitischen Übergriffe nicht nur physischer, sondern auch geistiger Natur durch Personen des öffentlichen, politischen und kulturellen Lebens.83 Dies, weitere fremde und eigene Migrationserfahrungen verarbeitend, konzipiert er einen musikalischen Kulturabend zum Thema Fremdheitserfahrungen und -gefühle in der in Niederlassungsgesellschaft. Zu seinem ursprünglichen Herkunftsland unterhält Herr Reiziger enge Beziehungen. Er hat noch entfernte Verwandte in der Ukraine, der Großteil jedoch reiste in die USA und nach Israel aus. Vor Ort kümmert er sich um die Gräber der Großeltern, Eltern, Brüder und Schwestern. Diese Aufgabe sieht er als Verpflichtung. Gemäß dem Gedanken der Zedaka betreibt er auch grenzüberschreitendes soziales Engagement. Intensiver sind die Beziehungen zu Freunden und Bekannten aus dem beruflichen Bereich. Diese Verbindungen sind ihm besonders wichtig, da sie schöpferisch und inspirierend auf ihn wirken. Mit seinem Programm tritt er in verschiedenen Nachfolgestaaten der UdSSR und anderen Ländern auf. Herr Reiziger macht sich wenige Gedanken über die Zukunft. Er bezeichnet sich als Menschen des heutigen Tages und vertritt die Ansicht, dass es im gegenwärtigen Leben noch immer sehr viel zu entdecken gäbe und sein Blick auf diese Dinge gerichtet sei. Da es ihm und seiner Familie und den engsten Freunden in Berlin gut geht, sehnt er sich nicht nach einer räumlichen Verlagerung des Lebensmittelpunktes. Würde er den Beruf aufgeben, so könne er sich jedoch den Rückzug aus Berlin in einen ihm ruhig vorkommenden, nicht näher bezeichneten Ort vorstellen. Herr Nikolaj Majakovskij Herr Majakovskij, ein 65jähriger Rentner, kommt ursprünglich aus St. Petersburg. Als Kind überzeugter, kommunistisch gesinnter Eltern wird er atheistisch erzogen und versteht seine jüdische Abstammung als ein nationales Kriterium, das lediglich von zweitrangiger Bedeutung ist. Religion ist für ihn eine Art Käfig, der die Suche nach logischen Erklärungen hemmt. Er besitzt einen Hochschulabschluss als DiplomIngenieur für Wassertechnik und arbeitete den Großteil seiner beruflichen Tätigkeit in der Abteilung der Energieadministration eines Betriebes für Buntmetallmetallurgie. Seine Spezialisierung liegt im Bereich der Heizungssysteme. Als vom sozialistischen System und seinen Werten überzeugter Sowjetbürger glaubte er fest an dessen [...]

4 Transnationale soziale Lebenswelten jüdischer Zugewanderter Veranstaltungen jüdische Kultur in vielfältigen Sprachen präsentieren.82 Mit der Ankunft in der BR Deutschland widmet sich Herr Reiziger bewusst der jüdischen Lebensweise. Sich selbst in der UdSSR als latenten Juden bezeichnend, fängt er in Berlin an, regelmäßig die Synagoge zu besuchen, an Feierlichkeiten und religiösen Ereignissen teilzunehmen und sein Alltagsleben nach den Vorschriften der Halacha zu gestalten. Dieser Weg führt ihn zur Jüdischen Gemeinde zu Berlin, in der er eine hohe Funktion im Kulturausschuss und der Repräsentantenversammlung übernimmt. Seine sozialen Beziehungen ergeben ein breites Netzwerk deutsch- und russischsprechender Menschen. Er schätzt sie als Menschen mit höchsten Ausbildungen: DolmetscherInnen, JournalistInnen, SchriftstellerInnen und natürlich MusikerInnen. Der rege Austausch mit anderen Menschen ist für sein Leben essentiell. Trotz seiner erfolgreichen beruflichen Wirkens, seiner reichhaltigen sozialen Kontakte, der Sprachkenntnisse und seiner gesellschaftlichen Inkorporation fühlt sich Herr Reiziger als Fremder. Dieses Gefühl drängte ihn bereits zum Verlassen der UdSSR und verlässt ihn auch in der bundesdeutschen Gesellschaft nicht. So ist sein Verhältnis zur bundesdeutschen Gesellschaft gespalten: Einerseits konnte er seine erfolgreiche Laufbahn fortsetzen, fand Zugang zum Judentum als Religion und Lebensweise und fühlt sich, umgeben von seiner Familie und Freunden, sehr wohl in der Stadt. Andererseits erkennt und benennt er schwere gesellschaftliche Problemlagen, vor allem in der Integrationspolitik. Die politisch propagierte und praktizierte Form der Integration ablehnend, tritt Herr Reiziger für radikal verbesserte Zugänge von MigrantInnen in den Arbeitsmarkt ein. Nur dadurch würden die klassischen Schwierigkeiten, vor denen auch viele jüdische NeuzuwandererInnen stehen, behoben werden können. „ Ich glaube, dass für alle – für alle(!) Emigranten Probleme der Arbeit bestehen. Wenn ein Mensch, der nach Deutschland kommt oder irgendein anderes Land Arbeit hat und er von „ früh" an auf Arbeit gehen kann... Besonders wenn er mit Einheimischen, mit Deutschen, zusammenarbeitet... so a) lernt er schnell die Sprache b) lernt er schnell, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden c) beschäftigt sich mit den Gesetzen, ob er will oder nicht, er muss sich damit beschäftigen und seine gesellschaftliche Integration passiert ohne besondere Anstrengungen – er muss sich nicht mit der Integration beschäftigen um sich zu integrieren – er ist schon integriert!“ [...]

Arbeit zitieren:
Dörre, Andrei Juli 2004: Transnationale soziale Lebenswelten jüdischer Zugewanderter aus den Nachfolgestaaten der UdSSR, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Geographie, Transnationalismus, Migration, Diaspora, Kontingentflüchtlinge

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