Transnationale Lebenswelten türkischer Migranten als Folge geographischer Mobilität
Eine qualitative Studie in Augsburg und Istanbul
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Franziska Werner
- Abgabedatum: Dezember 2008
- Umfang: 243 Seiten
- Dateigröße: 1.013,8 KB
- Note: 1,3
- Institution / Hochschule: Universität Augsburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 117
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3189-1
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Werner, Franziska Dezember 2008: Transnationale Lebenswelten türkischer Migranten als Folge geographischer Mobilität, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Transnationalismustheorie, Anwerbeabkommen, Migrationsmotive, Türken, Soziale Netzwerke
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Diplomarbeit von Franziska Werner
Einleitung:
Migration und deren Folgen stellen schon seit längerem eines der Topthemen in Politik und Gesellschaft. So diskutieren Politiker über Wege und Anstrengungen zur Integration von Ausländerinnen und Ausländern und Pflegedienste kämpfen gegen irreguläre Beschäftigung osteuropäischer Arbeitskräfte in der häuslichen Pflege. Hingegen locken lukrative und interessante Arbeitsplätze qualifizierte Deutsche ins Ausland. Wenn man die heutige Fernsehlandschaft mit ihren zahlreichen Live-Dokumentationen über Auswanderer und Aussteiger betrachtet, zeichnet sich gar ein wahrer Trend dahingehend ab.
Als ich mit der Arbeit zu meiner Studie über die Lebenswelten türkischer Migranten begann, war jedoch nicht abzusehen, welche Wellen dieses Thema bald schlagen würde. Nach Ereignissen, wie dem Brand in einem türkisch bewohnten Mietshaus in Ludwigshafen und der umstrittenen Rede des türkischen Präsidenten bei seinem Besuch in Köln. Auch in Hinblick auf 2008 als das, von der Bundesregierung ausgerufenen, ‘Jahr der Integration’ , das Europäische Jahr des interkulturellen Dialogs und der Türkei als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, sowie den fortlaufenden EU-Beitrittsverhandlungen, vergeht nun kaum ein Tag ohne Medienberichterstattungen über Modernisierungsprobleme in der Türkei oder mangelnde Integration türkischer Mitbürger in Deutschland. Andere Stimmen betonen hingegen die vollbrachte soziale Eingliederung und emotionale Verbundenheit vieler Menschen türkischer Herkunft mit Deutschland. Beides ist sicherlich richtig und doch wird deutlich, dass Aufklärungsbedarf über Lebenswelten von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund besteht. Gerade die Sichtweisen, der als integriert Geltenden unter ihnen und wie sie ihren Lebenslauf gestalten, ist weitgehend unbekannt.
Diese Studie versucht mit einer qualitativen Erhebung daher nicht nur die räumliche Mobilität, transnationale Netzwerke und Bezugssysteme der Befragten näher zu beleuchten, sondern vor allem einen illustrativen Einblick in die Lebensentwürfe der Untersuchungsgruppe zu gewähren.
Inhaltsverzeichnis:
| I | Einführung und Zielsetzung | 1 |
| 1. | Aktueller Forschungsstand zur transnationalen Migration | 1 |
| 1.1 | Theoretische Grundlagen und Sozialgeographische Perspektive | 2 |
| 1.2 | Die Transnationalismustheorie | 4 |
| 1.2.1 | Entstehung und Kontinuität von transnationalen sozialen Räumen | 4 |
| 1.2.2 | Transnationalismus und Globalisierung | 5 |
| 1.2.3 | Der Transmigrant als neuer Typus | 6 |
| 1.2.4 | Klärung einiger Begrifflichkeiten | 7 |
| 1.3 | Lebenswelten von Migrantenfamilien | 8 |
| 1.3.1 | Selbstpositionierung und kulturelle Leitbilder | 8 |
| 1.3.2 | Soziale Netzwerke und Verflechtungen | 11 |
| 1.3.3 | Multikulturelle Gesellschaft oder Parallelgesellschaft | 12 |
| 1.4 | Geschichtlicher Hintergrund: Von der Gastarbeitergeneration zur modernen Transmigration | 13 |
| 1.4.1 | Das Anwerbeabkommen | 13 |
| 1.4.2 | Anwerbestopp und Familiennachzug | 14 |
| 1.4.3 | Sozialer Aufstieg - vom Arbeitnehmer zum Arbeitgeber | 15 |
| 1.4.4 | Aktueller rechtlicher Rahmen | 17 |
| 1.4.5 | Türkische (Re)Migranten in Augsburg /Istanbul | 19 |
| II | Forschungsansatz und Untersuchungsrahmen | 24 |
| 1. | Forschungskonzept | 24 |
| 2. | Empirische Erhebung | 25 |
| 2.1 | Empirische Instrumente | 25 |
| 2.1.1 | Methoden der qualitativen Sozialforschung | 25 |
| 2.1.2 | Das problemzentrierte Interview | 26 |
| 2.2 | Definition der Untersuchungsgruppe | 28 |
| 2.3 | Auswahl der Untersuchungsgebiete | 30 |
| III | Analyse der Lebenswelten der Befragten | 31 |
| 1. | Methodisches Vorgehen | 31 |
| 2. | Individuelle Kurzporträts und Typisierung der Probanden | 32 |
| 2.1 | Die Weltbürger | 33 |
| 2.1.1 | ’Rational-Strategische’ | 33 |
| 2.1.2 | ’Lokal Verortete’ | 34 |
| 2.2 | Die Hochmobilen | 35 |
| 2.2.1 | ’Hochmobile in der Partnerschaft’: | 35 |
| 2.2.2 | ’Bikulturell Verortete’ | 36 |
| 2.3 | Die Rückbesonnenen | 36 |
| 2.3.1 | ’Beziehungsmotivierte’ | 37 |
| 2.3.2 | ’Erfolglose’ | 37 |
| 3. | Datenpräsentation und Auswertung | 40 |
| 3.1 | Migrationsmotive und Standortwahl | 40 |
| 3.2 | Lebensart und Kultur | 54 |
| 3.3 | Einfluss von Diskriminierungserfahrung auf Lebenswelten | 66 |
| 3.4 | Arbeitssituation/ Wirtschaftlicher Anreiz | 69 |
| 3.5 | Bildung und Erziehung | 74 |
| 3.6 | Partnerwahl und Eheschließung | 83 |
| 3.7 | Räumliche Mobilität und transnationale Lebenswelten | 86 |
| 3.7.1 | Transnationale Partnerschaft | 86 |
| 3.7.2 | Physische Mobilität zwischen Türkei und Deutschland | 90 |
| 3.7.3 | Pendelverhalten der Familienmitglieder | 92 |
| 3.7.4 | Informations-, Waren- und Geldtransfer | 95 |
| 3.7.5 | Wohn- und Besitzverhältnisse | 101 |
| 3.7.6 | Sozialkontakte und Netzwerke | 103 |
| 3.7.7 | Selbstverortung und Identifikationsstrategien | 109 |
| IV | Ergebnisdiskussion und Schlussfolgerung | 116 |
| Literaturverzeichnis | 123 | |
| Internetseiten | 129 | |
| Weiterführende Literatur | 132 | |
| Anhang | 135 | |
| A1: Leitfaden | 135 | |
| A2: Kategorienliste | 137 | |
| A3: Transkribierte Interviews | 138 | |
| Interview mit Sevda am 15.10.07 | 138 | |
| Interview mit Erol am 24.10.07 | 141 | |
| Interview mit Nurcihan am 12.12.07 | 146 | |
| Interview mit Leyla am 16.11.07 | 152 | |
| Interview mit Özlemam 30.10.07 | 157 | |
| Interview mit Yasemin am 31.10.07 | 164 | |
| Interview mit Ömid am 12.12.07 | 170 | |
| Interview mit Süleyman am 22.11.07 | 174 | |
| Interview mit Ceren am 21.11.07 | 179 | |
| Interview mit Hamdine am 15.10.07 | 188 | |
| Interview mit Sevim am 16.10.07 | 195 | |
| Interview mit Ali am 26.10.07 | 203 |
Textprobe:
Kapitel 2.2, Definition der Untersuchungsgruppe:
Da möglichst nur relevante Fälle berücksichtigt werden sollten, musste vorab der Frage nachgegangen werden, welche Personen potenziell Informationsquellen für diese Studie liefern können und welche Probanden helfen könnten, das Phänomen des Transnationalismus besser zu verstehen, bzw. bestehende wissenschaftliche Erkenntnisse zu bestätigen, diese gegebenenfalls zu ergänzen oder sogar neue Thesen aufstellen zu können. Zur Größe des qualitativen Samples gilt nach Kelle und Kluge, je enger selektiert wird, desto weniger Interviews werden benötigt.
Wobei dem Prinzip der minimalen und maximalen Kontrastierung im Sinne des theoretical samplings nach Glaser und Strauss gefolgt wurde. Nämlich möglichst nach ähnlichen und abweichenden Fällen zu suchen, um das Forschungsfeld weitestgehend breit zu erschließen. Gemäß der Theorie von Glaser und Strauss wurden die einzelnen Interviewteilnehmer möglichst auch nach dem Kriterium der theoretischen Sättigung ausgewählt, d.h. ob ihre Interviews neue Erkenntnisse hervorbringen. Außerdem orientiert sich die Fallzahl nach der Dimension und dem Ziel der Studie, so dass es keine empfohlene Anzahl von Interviews gibt.
Im Hinblick auf diesen theoretischen Verweis, wurde die Zusammensetzung der Interviewten daher so gewählt, dass Daten von Menschen verschiedenen Alters, unterschiedlicher ‘Einwanderergenerationen’ und daher unterschiedlichen Migrationsverläufe, sowie verschiedener Familienkonstellationen gewonnen werden können. In dieser Untersuchung sollten jedoch nur jene in Deutschland lebenden Migranten zu Wort kommen, die nach dem Integrationsmodell von Esser, vor allem in struktureller Hinsicht, als gelungen in die deutsche Gesellschaft eingebunden gelten können. Das heißt, sie leben schon lange in Deutschland, manche sind sogar hier geboren, haben Sozialkontakte zu Deutschen, besitzen gute Sprachkenntnisse und weisen alle einen mittleren bis hohen Bildungsgrad auf. Auch für die, in Istanbul Befragten, waren vor allem die Kriterien der strukturellen Assimilation ausschlaggebend. Zum einen hatte die Auswahl pragmatische Gründe, da ein gewisser Kenntnisstand der deutschen Sprache bzw. ein guter Bildungshintergrund für eine gehaltvolle qualitative Erhebung und eine gute Verständigung während der Interviews, unumgänglich ist. Zum anderen liegt die Vermutung nahe, dass diese Menschen eine geradezu exemplarische Gruppe in Bezug auf die Vielfalt persönlicher Geschichten von räumlicher Mobilität, (Mehrfach-) Migration, grenzüberschreitender Beziehungsnetze und komplexer Muster der Identifikation, also Transnationalismus darstellen. Außerdem wurden diese ‘Inländer’, zum Teil schon deutsche Staatsbürger, in vielen vorhergehenden Studien vernachlässigt.
Durch mein Praktikum in einem Integrations- und Sprachförderungsprojekt des Deutschen Kinderschutzbundes Augsburg kam ich mit zwei meiner späteren Interviewpartner in Kontakt. Die weiteren Kontakte funktionierten sowohl in Augsburg, als auch während meines Forschungsaufenthalts in Istanbul, nach dem Schneeballverfahren. Über erste Kontaktpersonen lernte ich weitere Interviewpartner kennen, die mir wiederum die Verbindung zu anderen Migranten ermöglichten. Dieses System erleichterte den Zugang zu den Befragten, da eine vertrauensvolle, offene und lockere Atmosphäre geschaffen werden konnte. Auch Witzel empfiehlt die Vermittlung der Probanden durch Personen ihres Vertrauens. Beim Schneeballprinzip besteht jedoch die Kritik einer Unausgewogenheit der Stichprobe. Da in dieser Erhebung aber nach der Strategie der theoretischen Sättigung vorgegangen wurde, scheint diese Gefahr weitestgehend gebannt.
Befragt wurden schließlich in Augsburg und Istanbul insgesamt 19 Personen, wobei 12 Interviews von (Re-) Migranten und Migrantinnen, im Alter von 19 bis 67 Jahren, protokolliert und ausgewertet wurden. Die anderen Fälle stellten sich für diese Studie (auch im Hinblick auf die theoretische Sättigung), als nicht relevant und inhaltlich verwertbar heraus.
In Augsburg war es mir möglich, sieben Interviewpartner zu finden, die meinen Forschungskriterien entsprachen, Hamdine, Sevda, Yasemin, Özlem, Sevim, Erol und Ali. Während meines Forschungsaufenthalts in Istanbul konnte ich fünf Interviews führen, mit Nurcihan, Leyla, Ceren, Ömid und Süleyman. Die Auswertung einer größeren Zahl von Interviews, war im Rahmen dieser Arbeit nicht zu leisten. Meine Auswahl kann und soll in keiner Weise für die Gruppe der türkischstämmigen Migranten und Migrantinnen repräsentativ sein. Viele Migranten sind nicht in dem Maße integriert, wie die Befragten in dieser Studie. Manche auch trotz, oder sogar wegen ihres guten Bildungshintergrunds. Repräsentativität ist in dieser Untersuchung auch nicht das Ziel, vielmehr geht es darum, in Fallstudien die verschiedenen Lebenswelten der Interviewten herauszuarbeiten.
Auswahl der Untersuchungsgebiete:
Dass ich meine Erhebung in Augsburg durchführen würde, lag, auf Grund meiner Arbeit in einem Augsburger Integrations- und Sprachförderungsprojekt und meines Studiums an der Universität Augsburg, nahe. Da ich mich aber auf oben genannte Untersuchungsgruppe spezialisieren wollte, wurde schnell klar, dass es erkenntnisreicher sein würde, das Untersuchungsgebiet auch auf die Türkei und hier speziell auf Istanbul auszudehnen, um die Lebenswelten dort besser verstehen zu können und um der Frage nachzugehen, wieso, in die deutsche Gesellschaft integrierte Migranten nicht nur beschließen, ihren Lebensmittelpunkt in die Türkei zu verlagern, sondern bereits (zurück-) gegangen sind, bzw. zwischen beiden Ländern pendeln. Im Hinblick auf den theoretischen Bezugsrahmen liegt zudem die Vermutung nahe, dass in Türkei und in Deutschland lebende Türken, trotz gleicher ethnischer Herkunft und Migrationsgeschichte, verschiedene Lebenswelten und Identitätsbilder konstruieren. Daher ist es auch sinnvoll diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die bereits schon einmal in Deutschland gelebt haben, jedoch in die Türkei (zurück-) gezogen sind. Hier sollen auch in Deutschland geborene Migranten dazu zählen, die ja im eigentlichen Sinne nicht remigrieren.
Auch Goebels und Pries meinen dazu: ‘Feldforschung im Rahmen von Transmigrationsstudien sollten sich auf mehrere soziale Orte erstrecken’. Ganz bewusst wurde die türkische Stadt Istanbul als Erhebungsstandort gewählt, da sie von jeher als Sinnbild der modernen Türkei gilt und dort höchstwahrscheinlich der Zugang zu Menschen mit Bildungshintergrund, die transnational agieren, am ehesten gegeben ist. Zudem bietet die Stadt innerhalb der Türkei wohl am meisten Entfaltungsmöglichkeiten und Anreize für Rückkehrer aus dem Westen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836631891
Arbeit zitieren:
Werner, Franziska Dezember 2008: Transnationale Lebenswelten türkischer Migranten als Folge geographischer Mobilität, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Transnationalismustheorie, Anwerbeabkommen, Migrationsmotive, Türken, Soziale Netzwerke



