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Transatlantischer Interregionalismus?

Eine Analyse der EU-NAFTA-Beziehungen aus europäischer Perspektive

Transatlantischer Interregionalismus?
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Simon Barber
  • Abgabedatum: März 2005
  • Umfang: 135 Seiten
  • Dateigröße: 1,4 MB
  • Note: 2,2
  • Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-8910-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-8910-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-8910-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Barber, Simon März 2005: Transatlantischer Interregionalismus?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gemeinsame Handelspolitik, Europäische Integration, Regionalismus, Akteurzentrierter Institutionalismus, WTO

Magisterarbeit von Simon Barber

Einleitung:

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den interregionalen, bilateralen und multilateralen Beziehungen zwischen der EU und der NAFTA. Die zugrunde liegende Leitfrage, die das politikwissenschaftliche Problemverständnis dieses Themas kennzeichnet, lautet: Wie sieht die EU-Politik gegenüber der NAFTA aus und wie lassen sich die Beziehungen zwischen der EU und der NAFTA charakterisieren? In diesem Kontext gilt es neben der übergeordneten Leitfrage folgende Forschungsfragen zu beantworten:

- Betreibt die EU eine explizite und dezidierte Politik gegenüber der NAFTA seit deren Gründung 1992/94?

- Wie sind die institutionalisierten und nicht-institutionalisierten Beziehungen zwischen EU und NAFTA bzw. den NAFTA-Staaten auf interregionaler, bilateraler sowie multilateraler Ebene organisiert und welche Interaktionsformen lassen sich identifizieren?

- Ist die NAFTA eine internationale Institution bzw. Organisation und kann sie als eigenständiger Akteur der internationalen Politik angesehen werden?

- Wie sieht die Zukunft des interregionalen Dialogs zwischen EU und NAFTA aus?

Leitfrage und Forschungsfragen wurden in politikwissenschaftlichen Arbeiten bisher meist nur als Nebenaspekt kurz angesprochen oder in einzelnen Passagen gestreift, nicht aber in adäquater Weise in ihrer Gesamtheit behandelt. Die Fragen blieben bisher unbeantwortet und die Problemstellung, die hier als Ausgangspunkt der Untersuchung gewählt wird, ist neu und bislang in der Literatur der politischen Wissenschaft ungelöst. Es liegt keine umfassende Monographie zur europäischen NAFTA-Politik und den EU-NAFTA-Beziehungen vor. Näheres zum Forschungsstand der EU-NAFTA-Beziehungen, des Vergleichs der beiden Integrationsprojekte aber auch des Interregionalismus allgemein wird erläutert.

Mehrere Umstände sprechen a priori gegen eine substantielle, mit Erkenntnisgewinnen verbundene Untersuchung des Gegenstandes NAFTA-Politik der EU und EU-NAFTA-Beziehungen:

- Elke Thiel schreibt 1997 in einem Aufsatz über regionale Integration und transatlantische Beziehungen: „Gleichwohl ist die EU als Verhandlungspartner eher mit den U.S.A. zu vergleichen als mit der NAFTA, die keine gemeinsame Stimme hat.“ Weiter führt sie aus: „Die wirtschaftliche Integration in der NAFTA ändert jedoch nichts daran, dass die U.S.A. für Europa der wichtigste Ansprechpartner sind.“ In diesen Aussagen wird erstens die These vertreten, dass trotz der Einbindung der U.S.A. in die NAFTA weiterhin das Verhältnis zwischen EU und U.S.A. die transatlantischen Handelsbeziehungen determinieren; zweitens, dass die NAFTA wegen ihrer mangelnden Institutionalisierung nicht über ausreichend internationale Verhandlungsvollmachten verfügt um mit der EU in Dialog treten zu können; und drittens, dass das Integrationsprojekt NAFTA die Bedeutung der U.S.A. nicht relativiert hat und daher die transatlantischen Beziehungen ohne große Berücksichtigung des Handelsregimes der NAFTA sowie der anderen Mitgliedstaaten Kanada und Mexiko weiterhin vorwiegend auf bilateraler Ebene zwischen der EU und den U.S.A. stattfinden.

- Die Argumentation Heiner Hänggis zielt ebenfalls in Richtung der Frage nach der Akteurqualität der NAFTA, wenn er feststellt, dass „unlike the EU, NAFTA does not appear as an actor in its own right“.

- Bezeichnend ist in diesem Kontext auch der Titel eines Aufsatzes von Felipe A. M. de la Balze aus dem Jahre 2002: „Ebenbürtige Partner – Der Mercosur, die Europäische Union und die U.S.A.“ – die NAFTA als Akteur wird nicht erwähnt, quasi stellvertretend für sie ist lediglich von den U.S.A., unbestritten das dominierende Mitglied der NAFTA, die Rede.

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Trotz der gerade präsentierten Einschätzungen vertritt der Verfasser die Meinung, dass eine fundamentale Analyse des Themenkomplexes EU-NAFTA-Beziehungen durchaus begründet ist und von Nutzen für das Verständnis der internationalen Beziehungen zwischen Europa und den Amerikas ist.

Die forschungsleitende These lautet: Seit dem Inkrafttreten der NAFTA am 1. Januar 1994 und vor dem Hintergrund der Verhandlungen um eine FTAA haben sich die transatlantischen Handelsbeziehungen und die EU-Außenhandelspolitik quantitativ und qualitativ verändert.

Die Untersuchung der Fragestellung erfolgt im Rahmen dieser Arbeit vornehmlich aus europäischer Perspektive, d.h. in erster Linie werden die NAFTA-Politik der EU sowie die EU-NAFTA-Beziehungen (und nicht die NAFTA-EU-Beziehungen) analysiert. Der Analysefokus richtet sich auf die Beziehungen zwischen EU und NAFTA im Besonderen und damit unweigerlich verbunden auf die transatlantischen Handelsbeziehungen im Allgemeinen, d.h. auch auf die Beziehungen zu anderen Staaten der amerikanischen Kontinente als den NAFTA-Mitgliedstaaten. Gegenstand der Untersuchung ist damit die EU-Handelspolitik gegenüber der NAFTA bzw. den Mitgliedstaaten der NAFTA und die gegenseitigen EU-NAFTA-Beziehungen, wobei dabei natürlich auch andere Akteure des internationalen Handelssystems, wie z.B. die WTO, in die Untersuchung miteinbezogen werden müssen.

Daraus abgeleitet werden im Rahmen dieser Arbeit die staatliche und supranationale Ebene sowie die institutionelle Ebene multilateraler Institutionen betrachtet, die unternehmerische Ebene bleibt weitgehend ausgeklammert. Ausnahmen bilden vereinzelte Ausführungen zu auf den Weltmärkten agierenden nationalen und multinationalen Konzernen, z.B. im Rahmen des Transatlantic Business Dialogue (TABD), oder wenn von verschiedenen Interessengruppen im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss die Rede ist.

Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von Gründung der NAFTA durch das Freihandelsabkommen zwischen den U.S.A., Kanada und Mexiko (initiiert im Jahre 1990, verhandelt ab 1991, unterzeichnet am 18. Dezember 1992 und in Kraft getreten am 1. Januar 1994) bis Anfang 2005, wobei auch kurz auf mögliche zukünftige Entwicklungen sowie Strategien und Optionen für die europäische NAFTA-Politik und die Zukunft des interregionalen Dialogs im letzten Kapitel eingegangen werden soll.

Zielsetzung dieser Arbeit ist es, einen Beitrag zum Forschungsgebiet der EU-Außenbeziehungen im Bereich der Handelspolitik zu liefern und das Beziehungsgeflecht zwischen der wirtschaftlich und politisch relativ weit integrierten EU auf der einen Seite und der kontinentalen Freihandelszone NAFTA auf der anderen Seite umfassend und in seiner Gesamtheit zu beschreiben und zu erklären. Überdies sollen neben den vergangenen Entwicklungen und dem status quo auch potentielle zukünftige Veränderungsformen und deren Qualität dargestellt werden.

Die Wertmaßstäbe bei der Bearbeitung des Themas sind keineswegs normativer Natur. Die Arbeit geht von den genuinen Gestaltungsinteressen der Akteure der transatlantischen Handelsbeziehungen aus. In erster Linie, aber nicht ausschließlich, werden dabei die Staaten der EU bzw. die EU als teilweise supranational organisierte Institution sowie die U.S.A., Mexiko und Kanada bzw. das Integrationsprojekt NAFTA adressiert.

Das zentrale Politikfeld, auf das sich das Erkenntnisinteresse der Arbeit konzentriert, ist der Bereich der europäischen Außenhandelsbeziehungen mit den Staaten der NAFTA. Handelspolitik berührt die Politikfelder Wirtschaftspolitik und Außenpolitik, daher wird bei der Untersuchung des Gegenstandes auch teilweise auf diese Politikbereiche eingegangen. Die Gemeinsame Handelspolitik ist integraler Bestandteil der ersten Säule der EU und grundlegend in Art. 131-134 Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft (EGV) festgehalten. Das globale Potential der EU als internationaler Akteur macht die Handels- und Außenwirtschaftspolitik „zu einem, wenn nicht dem [Hervorhebung im Original] wichtigsten auswärtigen Handlungsfeld der EU“. So auch Willem Molle, der aussagt, dass „in practice [the EU´s] external relations are mostly trade relations“.

Nicht oder nur am Rande behandelt werden im Rahmen der Untersuchung dieses thematischen Ausschnitts der internationalen Handelsbeziehungen Aspekte wie die Nord-Süd-Beziehungen in der Weltwirtschaft, die sowohl in der EU als auch in NAFTA vorzufinden sind, die Chancen und Risiken der Globalisierung, die untrennbar mit dem Phänomen der Regionalisierung verbunden sind, oder die Bewertung des Erfolgs oder Misserfolgs der NAFTA in Form eines Zwischenfazits zehn Jahre nach ihrer Gründung. Auch die Debatte „Multilateralismus versus Regionalismus, Bilateralismus und Unilateralismus“ wird nicht erschöpfend präsentiert werden können. Im übrigen ist es nicht Sinn und Zweck dieser Arbeit die transatlantischen Handelsbeziehungen, verstanden als Beziehungen zwischen der EU und den U.S.A., in all ihren Einzelheiten aufzuzeigen; wenn es angebracht erscheint, werden sie in den Kontext der europäischen NAFTA-Politik und der EU-NAFTA-Beziehungen eingeordnet.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung: Regionale Integrationsprojekte als alte und neue Akteure der Weltwirtschaft 1
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 4
Abkürzungsverzeichnis 5
I. Untersuchungsrahmen 7
1. Erläuterung der Fragestellung 7
2. Theoretische und methodische Perspektive 11
3. Materialauswahl und Forschungsstand 14
4. Aufbau der Arbeit 17
II. Die EU als handelspolitischer Akteur und die NAFTA als neues Instrument regionaler Wirtschaftskooperation 20
1. Integrationskonzepte von EU und NAFTA im Vergleich 21
1.1 Ökonomische Integration 22
1.2 Politische Integration 24
2. Das institutionelle System der NAFTA 26
3. Europäische Handelspolitik 30
3.1 Außenhandel als zentrales Politikfeld der EU 30
3.2 Rechtliche Grundlagen der Gemeinsamen Handelspolitik 32
3.3 Dimensionen der europäischen Außenhandelspolitik 34
III. Regionalismus und Interregionalismus 36
1. Entwicklungsphasen des Regionalismus 37
2. Motive für regionale Integrationsprojekte 38
3. Typen regionaler Handelsverträge und -abkommen 40
4. Multilateralismus versus Regionalismus 41
5. Regionale Integration im Welthandelsrecht 44
6. Formen des Interregionalismus 46
IV. Die transatlantischen und multilateralen Beziehungen zwischen EU und NAFTA 49
1. Exkurs: Der Ansatz des akteurzentrierten Institutionalismus 50
2. Die interregionalen Beziehungen zwischen EU und NAFTA 53
2.1 EU 54
2.1.1 Europäischer Rat 54
2.1.2 Europäisches Parlament 54
2.1.3 Rat der EU 58
2.1.4 Europäische Kommission 59
2.1.5 Europäischer Wirtschafts- und Sozialausschuss 61
2.2 NAFTA 64
2.3 Zusammenfassung 64
3. Die bilateralen Beziehungen der EU mit den NAFTA-Staaten 68
3.1 U.S.A. 68
3.2 Kanada 72
3.3 Mexiko 74
3.4 Zusammenfassung 76
4. Die multilateralen EU-NAFTA-Beziehungen innerhalb der WTO 78
4.1 Die EU und die NAFTA-Staaten als Akteure in der WTO 79
4.2 Transatlantische und nordamerikanische Handelskonflikte in der WTO 81
4.2.1 Handelskonflikte zwischen der EU und den NAFTA-Staaten 82
4.2.2 Handelskonflikte zwischen den NAFTA-Staaten 84
4.2.3 EU und NAFTA-Staaten als Drittparteien in Handelskonflikten 85
4.3 Zusammenfassung 86
V. Transatlantische Handelspolitik seit der NAFTA-Gründung – ein Fazit 88
1. Phasen der europäischen NAFTA-Politik 88
1.1 1990-1992 89
1.2 1992-1994 90
1.3 1994-1999 90
1.4 1999-2005 91
1.5 Zusammenfassung 93
2. NAFTA – komplexer Akteur und internationale Organisation? 94
3. Charakterisierung der EU-NAFTA-Beziehungen 98
4. Die strategische Bedeutung Lateinamerikas für die EU-NAFTA-Beziehungen 101
Schlussbemerkungen: Die Zukunft der interregionalen Beziehungen zwischen EU und NAFTA 107
Literaturverzeichnis 117
Anhang 125

Automatisiert erstellter Textauszug:

Zu Beginn des neuen Jahrtausends befasste sich das Europäische Parlament und seine Ausschüsse vermehrt mit den zukünftigen Veränderungen im institutionellen Kontext des regionalen und globalen Handelssystems und in der transatlantischen Akteurkonstellation, resultierend aus den Verhandlungen um die Erweiterungen des NAFTA auf ein FTAA auf nordamerikanischer Seite und der anstehenden EU-Osterweiterung auf europäischer Seite. So forderte z.B. die deutsche Abgeordnete Erika Mann als Verfasserin einer Stellungnahme des Ausschusses für Industrie, Außenhandel, Forschung und Industrie die Kommission im Jahre 2002168 auf, eine eingehende Analyse der politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklungen durchzuführen. In einer Plenardebatte zu den transatlantischen Beziehungen am 4. Juni 2003169 stellten einzelne Parlamentarier „Überlegungen zu [...] außenpolitischen und damit auch wirtschaftlichen Beziehungen mit der NAFTA und insbesondere den Vereinigten Staaten sowie im Kontext der transatlantischen Partnerschaft“ an. Sie forderten, mit Hilfe eines Abkommens, „das die Kommission [...]

Auch die Beziehungen zwischen der EU und Kanada waren 1997 Gegenstand der Arbeit im Europäischen Parlament. So wurde in einem Bericht165 die Ansicht mitgeteilt, dass die EU nicht an einer „Neudefinition des transatlantischen Verhältnisses“, weg von einer trilateralen Struktur zu einer bilateralen Struktur mit der EU und den U.S.A. unter Ausschluss Kanadas, interessiert sei. Auch die NAFTA wurde in diesem Zusammenhang erwähnt. Das Europäische Parlament vertrat die Meinung, „dass die Freihandelszone […] eine wirtschaftliche und handelspolitische Realität darstellt, die bei der Entscheidung über die transatlantischen Beziehungen berücksichtigt werden muss“. Ebenso die APEC, an der auch die NAFTA-Mitglieder166 beteiligt sind, spielt in den Überlegungen zur NAFTA eine gewichtige Rolle. So folgerte das Parlament im Jahre 1999 in einem Bericht167: [...]

Als die U.S.A., Kanada und Mexiko das NAFTA im Dezember 1992 schließlich unterschrieben, äußerte sich das Europäische Parlament in einer Entschließung160 „erfreut über das NAFTAAbkommen insofern, als es sich eher handelsschaffend als handelsumlenkend auswirken wird“. Mit Besorgnis wurden u.a. einzelne Bestimmungen zum Streitbeilegungsmechanismus aufgenommen. Die Europäische Kommission und der Europäische Rat werden in dem Dokument aufgefordert, die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen der EU zu Lateinamerika und Asien zu intensivieren. Im Februar 1994 wurde die Europäische Kommission in zwei Schriftlichen Anfragen161 aufgefordert, sich zu den voraussichtlichen Auswirkungen der neu gegründeten NAFTA auf die EU zu äußern; das Urteil der Kommission fiel insgesamt positiv aus, auch bezüglich der Handelsbeziehungen mit Mexiko. [...]

Arbeit zitieren:
Barber, Simon März 2005: Transatlantischer Interregionalismus?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gemeinsame Handelspolitik, Europäische Integration, Regionalismus, Akteurzentrierter Institutionalismus, WTO

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