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Theoretisches Modell der Orgelimprovisation

Theoretisches Modell der Orgelimprovisation
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Robert Knappe
  • Abgabedatum: März 2002
  • Umfang: 109 Seiten
  • Dateigröße: 572,2 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Hochschule für Musik Detmold Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9336-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9336-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9336-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Knappe, Robert März 2002: Theoretisches Modell der Orgelimprovisation, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Kirchenmusik, Orgel, Musikdidaktik, Instrument, Unterricht

Staatsexamensarbeit von Robert Knappe

Zusammenfassung:

Kaum eine musikalische Disziplin ist so abstrakt und verbal so schwer fassbar – und doch so faszinierend wie die Improvisation. Seit Jahrhunderten ist insbesondere die Orgelimprovisation im christlichen Gottesdienst, in jüngerer Zeit (wieder) verstärkt auch im konzertanten Leben als fester Bestandteil verankert. Ja, noch mehr als das – sie ist prägendes Glied des Gottesdienstes, lebendigst vollzogene Liturgie bzw. Konzert. Kaum vom Hörer wahrgenommen, schon ist sie vergangen und unwiederholbar. Improvisation ist der Ort der Spontanität, der Unmittelbarkeit, ja auch der Extase; ein Ort höchster musikalischer Spannung.

Orgel und Improvisation sind zueinander affin. Nicht nur, dass es zur routinierten Praxis des Organisten gehört, in Gottesdienst und Messe zu improvisieren; sondern es ist auch das Instrument Orgel, das mit seiner individuellen Bauart stets ein Unikum darstellt und durch die vielen Registrierungs- und damit Klanggestaltungsmöglichkeiten zur Improvisation nahezu forciert.

In den vergangenen Jahrzehnten sind eine Reihe von Publikationen über die Psychologie kreativer Denkprozesse erschienen; einige wenige auch über musikalische Improvisation, jedoch keine speziell über Orgelimprovisation, abgesehen von Lehrwerken.

Doch geht es an dieser Stelle nicht primär um den Unterrichtsstoff. Meine Ausführungen befassen sich konkret mit den Hintergründen der Orgelimprovisation - psychologische und didaktische Prämissen - wobei sich viele Inhalte auch auf andere Instrumente und Stile übertragen lassen.

Angeregt durch eine Publikation von Pressing, der ein allgemeines Modell der Improvisation entworfen hat, habe ich den Versuch unternommen, ein „Theoretisches Modell der Orgelimprovisation“ zu konstruieren. J. A. Alt definiert „Theorie“ als „Geflecht informativer Aussagen“ und als „verknüpfte Hypothesen“ mit dem Ziel, „Erfahrungen zu erklären“.

So ist es auch mein Ziel gewesen, Zusammenhänge zwischen den Faktoren zu untersuchen, welche die Improvisation prägen. Daraus ist ein hypothetisches Modell entstanden, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Mustergültigkeit erhebt, aber einige für das Lernen und Lehren in der Praxis relevanten Zusammenhänge explizit aufzeigt. Dies geschieht auf drei Ebenen, die jeweils in einem eigenen Kapitel aufgeführt werden: Vorgänge während des Improvisierens, äußere Einflüsse auf das Improvisieren und Lernen und Lehren von Orgelimprovisation.

In der Arbeit wird der Versuch unternommen, den Prozess des Improvisierens mit seinen Determinanten zu modellieren, um daraus Rückschlüsse für die Didaktik des Improvisationsunterrichts zu gewinnen. Dies wird am Beispiel der Orgelimprovisation unternommen, doch die viele Inhalte sind auf andere Instrumente übertragbar. Theorien der Kreativität und der kognitiven Verarbeitung fanden Eingang.

Die drei Ebenen des Modells und auch Hauptkapitel der Arbeit lauten:

Vorgänge während des Improvisierens, der Einfluss äußerer Faktoren auf die Improvisation sowie Lehr- und Lernprozesse.

Das letztgenannte Kapitel beinhaltet konkrete Unterrichtsgestaltungsmöglichkeiten anhand von Lerntheorien und den zuvor erörterten spezifischen Bedingungen der Improvisation.

Das Unterrichten von Improvisation wird kritisch reflektiert und systematisiert. Viele konkrete Beispiele machen die Arbeit anschaulich und damit auch für die Praxis des Lernens und Lehrens hilfreich.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis 1
Einleitung 4
Modelltheoretische Eingrenzung und Charakterisierung 6
I. Vorgänge während des Improvisierens 7
I.1 Klangvorstellung = inneres Voraushören 9
I.1.a Die Bedeutung der Klangvorstellung 9
I.1.b Vergleich zum Komponieren 10
I.2 Umsetzung der Klangvorstellung in eine Muskelbewegung 11
I.3 Selbstwahrnehmung 13
I.3.a Akustischer Kanal 13
I.3.b Sensorischer Kanal 14
I.3.c Visueller Kanal 15
I.3.d Emotionaler Kanal 16
I.4 Kontrolle und Auswertung 18
I.4.a Aktionsrückmeldung und Auswertung 18
I.4.b Abschlussrückmeldung 19
I.5 Der kreative Prozess 20
I.5.a Die eigentliche Improvisationshandlung 20
I.5.b Definitionen von "kreativem Prozess" 20
I.5.c Entscheidungsprozesse zwischen Vorstellung und Kontrolle 22
I.5.d Woraus besteht der kreative Prozess? 23
I.5.e Bewusste und nicht-bewusste Denkabläufe 24
I.5.f Automatisation 27
I.5.g Bedeutung kognitiver Fähigkeiten 28
I.5.h Hirnorganische Umsetzung der einzelnen Prozessschritte 28
I.5.i Steigerung der individuellen Leistungsgrenze 29
I.5.j Gleichzeitigkeit von Denkprozessen 30
I.6 Konzentrationsfokussierung 32
I.6.a Die Arten der Konzentrationsleistung: Verlagerung, Wendigkeit, Gedächtnis 32
I.6.b Konzentrationsverlagerung als Schlüssel zum Lernfortschritt 33
II. Einfluss äußerer Faktoren auf die Improvisation 35
II.1 Wissen und Umsetzung 35
II.1.a Harmonik als Grundlage der Improvisation 36
II.1.b Kontrapunkt 37
II.1.c Einflüsse der Form auf die Improvisation 38
II.1.d Stilistik 42
II.1.e Abschließende Betrachtung und Bewertung 44
II.2 Individuelle Faktoren 47
II.2.a Begabung des Schülers 47
II.2.b Motivation 50
II.2.c Persönlichkeitsstruktur des Schülers 54
II.3 Indirekte Einflüsse 59
II.3.a Ein Blick ins 18. Jahrhundert 59
II.3.b Situation in der Gegenwart 62
II.3.c Wirkungsweise der Vorbilder 63
II.3.d Zusammenfassung: Auditive, persönliche, kompositorische Vorbilder 65
II.4 Technik 67
II.4.a Allgemeine Instrumentaltechnik 67
II.4.b Improvisationspezifische Technik 67
II.4.c Übemethodik 71
III. Lehr- und Lernprozesse 75
III.1 Lernprozesse 76
III.2 Lehrprozesse und Unterrichtsgestaltung 84
III.3 Abschließende Systematisierung 90
III.3.a Die Pole der Orgelimprovisation 90
III.3.b Das Spielen ohne systematische Vorgaben 91
III.3.c An systematische Vorgaben fest gebundenes Spielen 94
III.3.d Position des Schülers zwischen den Polen 95
III.4 Fazit 97
Literaturverzeichnis 99
Erklärung 105

Automatisiert erstellter Textauszug:

die ganze Umgebung, z. T. vom Elternhause an, war von Kindesalter an bis zur eigenen professionellen Tätigkeit von Musik durch und durch geprägt. Man war von frühester Zeit an aktiv eingebunden und konnte sich der Musik nicht entziehen. Die Umgebung war so prägend, dass man damit die Improvisation beiläufig lernte, und es nicht so dringend eines Lehrers bedurfte: „[...] the eighteenth century furnished such an environment, and students no doubt learned much about improvisation without the aid of teachers. The aid furnished by teachers, in fact, does not appear to have been extensive or profound.“1 Damit verliefen die Lehr- und Lernprozesse im Wesentlichen anders als heute. Eine jahrelange Einzelunterweisung im Zuge eines institutionalisierten Studiums war damals nicht der übliche Weg. Anstelle dessen durchlebte der Schüler von Anfang an eine ganzheitliche Ausbildung, die aus Analyse von Kompositionen, Kopieren von Werken, eigenem Instrumentalspiel und eigenem Schaffen in Komposition und Improvisation2 bestand. Oft war die eigene Improvisation der erste aktive Umgang mit dem Instrument. Sehr früh waren Theorie und Praxis miteinander verbunden; Komposition und Improvisation wurden als sich gegenseitig befruchtende benachbarte Disziplinen gleichermaßen von jedem ausgeübt. Heute ist die Ausbildung zersplitterter, theoretischer und spezialisierter. Zwar spielt fast jeder Student regelmäßig die Orgel in Gottesdiensten und Messen und leitet einen Chor, doch war es z. B. zu Bachs Zeiten noch eine andere Situation, als Präfekten jeden Sonntag mit Chor und Instrumentalisten ein ständig wechselndes Repertoire in einer Stadtkirche aufgeführt haben und täglich geprobt wurde. Auch hinsichtlich der praktischen Ausübung war die Ausbildung umfassender: man praktizierte regelmäßig, auch vor Publikum, das Singen, das Spiel von Tasteninstrumenten, das Spiel eines Orchesterinstruments und beiläufig auch das Proben und Aufführen mit einem Ensemble. [...]

keine angeborene Kreativität im Sinn einer Intelligenz gibt, sondern durch vielfältige, langfristige Entwicklungsprozesse, oft kombiniert mit enormer Motivation für die jeweilige Sache, die Befähigung zum kreativen Schaffen ausgebildet wird. Diese beruht im Wesentlichen auf analytischen Denkleistungen, und eben nicht auf einem Geistesblitz (sog. „AhaErlebnis“). Dies ist insofern plausibel, als bereits gezeigt wurde, dass ein Improvisator nicht ständig völlig Neues schafft, sondern auf ein breites, analytisch erlernbares Repertoire von musikalischen Erfahrungen und Wissen zurückgreift. Abschließend möchte ich noch ein längeres Zitat aus der (etwas populärwissenschaftlichen) Veröffentlichung „Das wohltemperierte Gehirn“ von R. Jourdain1 aufführen. Es enthält einen sehr anschaulichen Vergleich von Improvisation und Sprache und zeigt, warum jeder Mensch in gewissem Sinn ein Improvisator ist: „Wir alle improvisieren ständig, allerdings mit Worten, nicht mit Musik. Wir beginnen ein Gespräch mit einem bestimmten Thema, ziehen verwandte Beobachtungen heran, schweifen auf Unterthemen ab und versehen mit Nachdruck oder Witz. [...] Unterhalten wir uns, greifen wir auf unser hierarchisch strukturiertes Allgemeinwissen zurück, der Pianist auf die Hierarchien seines musikalischen Wissens. In beiden Fällen hängt die Qualität des Ergebnisses von der Tiefe und der Flexibilität dieses strukturierten Erfahrungsschatzes ab sowie von der Fähigkeit, diesen spontan und schnell auszuschöpfen.“2 [...]

Eigenschaften: „Self-confidence; sensitivity of problems; independence; undaunted by criticism of others; strong sense of humor; somewhat impulsive, cheerful and relaxed; finds ideas more important than people.“2 „Neu war vor allem, dass man kreatives Verhalten bei allen Menschen vermutete – ja sogar dessen Trainierbarkeit bei Tieren nachwies -, sich also deutlich von der Hochbegabten- und Genieforschung abgrenzte [...] [und] das einstmals mythisch und ideologisch umwehte ‚schöpferische Tun’ in die Intelligenz- und Persönlichkeitsforschung integrierte [...].“3 Kreativität gilt seitdem als erlernbar. Robert W. Weisberg widmet sein ganzes Buch „Kreativität und Begabung“4 der Entmythisierung der kreativen Person als Genie. In vielen, dort zitierten Forschungsergebnissen der vergangenen 50 Jahre wurde gezeigt, dass es [...]

Arbeit zitieren:
Knappe, Robert März 2002: Theoretisches Modell der Orgelimprovisation, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Kirchenmusik, Orgel, Musikdidaktik, Instrument, Unterricht

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