Themen und Tendenzen der Regionalliteratur Spaniens nach 1975 am Beispiel Kataloniens
Weibliches Schreiben und feministische Aspekte in Montserrat Roigs Werk 'El temps de les cireres'
- Art: Bachelorarbeit
- Autor: I. Ernst
- Abgabedatum: Juni 2010
- Umfang: 57 Seiten
- Dateigröße: 491,6 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 31
- ISBN (eBook): 978-3-8428-0733-4
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Ernst, I. Juni 2010: Themen und Tendenzen der Regionalliteratur Spaniens nach 1975 am Beispiel Kataloniens, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Montserrat Roig, Katalonien, Tiempo de cerezas, Roman, Francozeit
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Bachelorarbeit von I. Ernst
Einleitung:
Die katalanische Literatur war einst eine der bedeutendsten europäischen Literaturen. Trotz der Tatsache, dass das Katalanische eine Sprache ohne eigenen Staat darstellt, ist sie immer präsent gewesen und hat berühmte Werke und Autoren hervorgebracht. Mit der Machtübernahme Francos 1939 begann unterdessen der vorübergehende kulturelle Genozid Kataloniens: Aufhebung der politischen Autonomie, Unterdrückung des katalanischen Nationalbewusstseins, sowie das Verbot die katalanische Sprache weder mündlich noch schriftlich zu verwenden: Der Leitspruch Francos lautete ‘Sea patriota, hable español!’. Der Verlust der Sprache durch Restriktion brachte in jener Zeit nicht nur die katalanischsprachige Literaturproduktion zum Erliegen, sondern bedeutete abgesehen davon zusätzlich eine Beschneidung der Ausübung katalanischer Kulturrituale. Mit dem Tod Francos im Jahre 1975 und dem Amtsantritt König Juan Carlos I, einhergehend mit der Entscheidung für die Demokratie und der Einräumung regionaler Zugeständnisse, bot sich für die Katalanen nach jahrzehntelanger Unterdrückung der eigenen Sprache und Kultur endlich wieder die Möglichkeit, diese legal und offiziell neu aufblühen zu lassen. Hieraus resultierte die Gelegenheit, sich mit dem Geschehenen literarisch auseinanderzusetzen und in der eigenen Sprache niederzuschreiben. Die katalanische Literatur hat es in der Folge geschafft, sich nach langer Zeit des Schweigens mit der beginnenden politischen Öffnung Spaniens ab den 60er Jahren und damit verbunden auch interner Liberalisierungen, neu zu erfinden und zu etablieren. Weiterhin ist es der katalanischen Literatur der Moderne gelungen, eine Leserschaft für sich zu gewinnen, die trotz langer Abstinenz der Sprache die Bereitschaft besaß, sich mit katalanischen Texten auseinanderzusetzen. Hierbei musste insbesondere der Roman als meistgelesene literarische Form der Gegenwartsliteratur jene Entwicklungen aufholen, die er in anderen europäischen Ländern bereits durchlaufen hatte. Im Jahre 2007 bot sich Katalonien als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse die Möglichkeit zu beweisen, dass sich die literarische Szene nach den schweren Zeiten unter dem Francoregime regeneriert hatte und heute ein ernstzunehmendes Spektrum Literaturschaffender besitzt, das auch über die Grenzen der PaÏsos catalans bekannt und beliebt ist.
Gegenstand dieser Arbeit wird sein, die inhaltlichen Themen und Tendenzen der ersten literarischen Generation Kataloniens nach Ende des Francoregimes zu untersuchen und anhand der Analyse eines ausgesuchten Werkes aufzuzeigen, welche exemplarischen Tendenzen sich hierin feststellen lassen. Diese Analyse wird anhand des Romans El temps de les cireres der katalanischen Autorin Montserrat Roig durchgeführt werden: Ziel ist es die inhaltlichen Themen und Tendenzen des Werkes zu erfassen, die Problematik weiblichen Schreibens aufzuzeigen und besonders feministische Tendenzen des Werkes tiefer gehend zu analysieren.
Zu Beginn der Arbeit sollen die Strömungen, die in der Endphase der Francodiktatur zu einer Wiederbelebung der katalanischen Literatur geführt haben, skizziert werden. Im Anschluss erfolgt die Vorstellung der Generation der 70er Jahre, der Autorin Montserrat Roig und sowie die Darlegung der Problematik der doppelten Marginalisierung weiblicher katalanischer Schriftstellerinnen. Im weiteren Verlauf soll dann ein Überblick über den Inhalt, sowie den historischen und literarischen Kontext des Werkes Tiempo de cerezas gegeben werden. In einem nächsten Schritt werden inhaltliche Themen und Tendenzen ermittelt und nachfolgend die ausführliche Analyse des Werkes bezüglich feministischer Tendenzen erfolgen. Abschließend soll ausgeführt und resümiert werden, welche individuellen thematischen Entwicklungen sich anhand des untersuchten Werkes, vor allem bezüglich des Aspektes weiblicher Literatur, feststellen lassen und welche sich eventuell für die katalanische Literatur generell und im Spezielleren für weibliches Schreiben nach 1975 verallgemeinern lassen.
Montserrat Roig stellt eine der meist untersuchten katalanischen Autorinnen dar. Sie wird in der Literaturwissenschaft meist dem gesamtspanischen Boom weiblicher Schriftstellerinnen in den 70er Jahren zugeordnet. Eine der wenigen Wissenschaftlerinnen, die ihr und anderen katalanischen Schriftstellerinnen dieser Zeit eine Sonderstellung zumisst, ist Geraldine C. Nichols, an deren Definition der katalanischen Schriftstellerin sich diese Arbeit orientieren und deren Interview mit vorgenannten Autorinnen als eine besondere Grundlage dienen wird, um die angesprochene Problematik der literarischen Einordnung Roigs zu verdeutlichen.
Die Entscheidung für Montserrat Roig als exemplarische Autorin dieser Zeit beruht auf dem Umstand, dass sie häufig im Fokus literaturwissenschaftlicher Untersuchungen stand und steht und darüber hinaus viele ihrer Werke in andere Sprachen übersetzt worden sind, so dass die Auseinandersetzung mit katalanischen Themen zu einer internationalen Angelegenheit geworden ist. Der Roman Tiempo de cerezas im Besonderen wird aus dem Grund gewählt, dass er Roigs erstes Werk nach dem Tode Francos und der damit beendeten Diktatur darstellt und aufgrund seiner thematischen Vielfalt besonders gut geeignet ist, Themen und Tendenzen der katalanischen Literatur nach 1975 aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Annäherung an die katalanische Literatur nach 1975 | 3 |
| 2.1 | Wiederbelebung der katalanischen Literatur | 3 |
| 2.2 | Die Generation der 70er Jahre | 4 |
| 2.3 | Montserrat Roig und die doppelte Marginalisierung der katalanischen Schriftstellerin | 7 |
| 2.4 | Der Roman Tiempo de cerezas | 15 |
| 3. | Themen und Tendenzen Roigs im Werk Tiempo de cerezas | 18 |
| 4. | Feministische Tendenzen | 23 |
| 4.1 | Situation und Rolle der Frau in der Francozeit | 24 |
| 4.2 | Analyse | 26 |
| 4.2.1 | Panorama der weiblichen Protagonisten in Tiempo de cerezas | 26 |
| 4.2.2 | Weiblicher Generationenkonflikt | 39 |
| 4.2.3 | Rolle der männlichen Charaktere im Werk und Entheroisierung des männlichen Geschlechts | 41 |
| 4.3 | Intention und Feminismus Roigs | 44 |
| 5. | Fazit | 47 |
| 6. | Literaturverzeichnis | 51 |
Textprobe:
Kapitel 4, Feministische Tendenzen:
Wie bereits angedeutet, ist die Autorin durch die feministischen Entwicklungen Europas ihrer Zeit beeinflusst und befasst sich deshalb in ihren Werken besonders mit weiblichen Themen. Aus diesem Grund dient dieses Kapitel dazu, sich mit den feministischen Elementen im zu untersuchenden Roman Tiempo de cerezas zu beschäftigen. Im Einzelnen sollen drei in dem Werk zu beobachtende Entwicklungen untersucht werden. Da im Buch durch die unterschiedlichen weiblichen Charaktere besonders die Frage nach Emanzipation oder Einhaltung traditioneller Rollenverteilung diskutiert wird, beschäftigt sich die Analyse zuerst mit der Darstellung der im Roman vorgestellten Vielfalt an Frauengestalten, der eine Beleuchtung der Situation und Rolle der Frau in der Francozeit vorgelagert ist. Dabei soll ein hierarchisches Panorama von weiblichen Personen geschaffen werden, die nach ihrem Grad der Emanzipation und weiblichen Freiheit eingeteilt und beurteilt werden. Im Anschluss wird sich die Analyse der Auseinandersetzung mit dem im Roman präsenten Generationenkonflikt der Frauen im Werk widmen. Zuletzt wird der Fokus auf den im Buch auftretenden Männern liegen: Hierbei soll sich mit der Tatsache auseinandergesetzt werden, dass im Roman eine Art ‘Entheroisierung’ des männlichen Geschlechtes, repräsentiert durch die eher schwachen Männer des Romans, stattfindet, sowie der Frage nach der Funktion der männlichen Personen in Tiempo de cerezas nachgegangen werden.
4.1, Situation und Rolle der Frau in der Francozeit:
Um die weibliche Problematik im Roman erörtern und analysieren zu können, gilt es zunächst den politischen Hintergrund und die gesellschaftlichen Bedingungen zu beleuchten, die die Frauen zu jener Zeit umgeben haben. Deshalb soll hier ein kurzer Überblick über die Situation der Frau im Franquismus gegeben werden.
Das Ende des Spanischen Bürgerkrieges 1939 und der Sieg Francos markierten einen Rückschritt bezüglich weiblicher Freiheiten. Die zweite Republik und die Zeit des Bürgerkrieges waren gekennzeichnet gewesen durch eine vermehrte Bewegungsfreiheit der Frauen, die von der liberalen Gesetzgebung hinsichtlich Ehe, Scheidung und Abtreibung profitierten. Sie war auch die Zeit, in welcher Frauen erstmalig Fuß in der Politik fassen konnten und zum ersten Mal in der Geschichte eine Frau zur Ministerin ernannt wurde. Mit Beginn der Francozeit fand eine Zurücksetzung aller weiblichen Errungenschaften und unter dem Motto ‘recristianización del hogar’ ein Rückfall der Frauen in mittelalterliche Zustände und die strenge Aufteilung der Gebiete nach Geschlechtern statt.
In der Vergangenheit Spaniens waren Frauen und weibliche Sexualität stets negiert worden. Die Rolle der Frau war der Intimität des Hauses zugeordnet, von der Öffentlichkeit ausgegrenzt und das Weibliche galt als das schwache, passive, anormale, private, dominierte und fremde Geschlecht. Durch die Zurückdrängung in ebensolche Rollenmuster war die gesellschaftliche Situation der Frau während der Francozeit katastrophal, rückständig, veraltet und deren Bedürfnisse unwichtig: Die Weiblichkeit im franquistisch-katholischen Land war definiert als asexuell, entweder als Jungfrau oder durch das Dasein als Mutter. Aufopferung, Gehorsamkeit und Unterordnung galten als das weibliche Ideal der franquistischen Gesellschaft schlechthin. Francos Illusion bezüglich eines politischen Beitrags seitens der Frauen im Franquismus war deren Beschränkung darauf, Ehefrau und Mutter zu sein und die Aufgabe, Spanien nach den Kriegsjahren neu zu bevölkern. Der weibliche Körper wurde somit zum Gegenstand politischen Interesses erhoben Diesbezüglich erklärt sich auch die eingeschränkte Freiheit der Frauen in der franquistischen Gesellschaft: Die Volljährigkeit der Frauen wurde erst mit dem 25. Lebensjahr erreicht. Bis dahin unterstanden sie voll und ganz dem Vater und mit dem Eingehen einer Ehe wurde die Entscheidungsgewalt über die Frauen an die Ehemänner weiter gegeben: Mit dem Tag der Eheschließung verpflichtete sich die Frau zu absolutem Gehorsam gegenüber dem Ehemann. Ohne seine Einwilligung oder die des Vaters war es einer Frau nicht möglich ein Konto zu eröffnen oder einen Ausweis zu beantragen. Sie durfte nur mit der Erlaubnis ihres Mannes arbeiten, bis zum Jahre 1968 existierte sogar ein Gesetz, dass Frauen die Berufstätigkeit generell verbot. Verhütungsmittel und deren Propaganda, sowie Abtreibungen galten als gesetzlich verboten, wurden nur illegal und von Laien durchgeführt, weshalb es, wie im Roman bei Natalia, hierbei oft zu Komplikationen kam. Bildungstechnisch waren die Frauen stark benachteiligt, ihr Bildungsinhalt richtete sich danach ein bestimmtes Frauenbild zu vermitteln und sie auf ihre Zukunft als Ehefrau, Hausfrau und Mutter vorzubereiten. Aus diesen Grundlagen ergibt sich auch die geringe weibliche Anzahl an Fachhochschulen und Universitäten. Das Bildungssystem wurde instrumentalisiert in der männerdominierten Politik. Während in der ersten Zeit die Frau vor allem als Hausfrau gesehen wurde, erlebte sie mit der Liberalisierung der Wirtschaft eine Neu-Definition als ‘Konsum-Hausfrau’ in den 50er Jahren.
In den 70er Jahren, dem Zeitpunkt an dem Natalia in ihre Heimat zurückkehrt, befinden sich die Frauen in einer Umbruchzeit, in welcher das traditionelle Frauenbild bereits entwertet ist, sich jedoch für sie noch keine neue Ordnung bezüglich weiblicher Selbsterfüllung und Zufriedenheit bereit hält. Deshalb sind es nicht nur der Machismo und die sozialen Strukturen, die den Frauen Probleme bereiten, sondern vielmehr auch der innere Konflikt der Frau und die Frage danach, worin ihre Aufgaben nun bestehen und welche Möglichkeiten sich ihnen bieten.
Nach dem Tode Francos und im Zuge der Transition ergaben sich viele Änderungen für die spanische Frau. Mit der neuen Verfassung 1978 wurden Mann und Frau in Spanien als gleichberechtigt erklärt und 1981 wurde endlich auch das Grundgesetz zugunsten der Frauen geändert, so dass verheiratete Frauen nicht mehr von ihrem Ehemann abhängig sind. Zusammenfassend kann man nach langer Zeit der weiblichen Einschränkung und Unterdrückung von einer Rückkehr in eine Periode der Frauenrechtlerinnen und des florierenden weiblichen Vereinswesen, wie es in den 20er und 30er Jahren der Fall gewesen war, ausgehen. Ab ca. 1977 lässt sich von einer gewissen feministischen Bewegung und einer emanzipatorischen Bewusstseinsbildung sprechen. Die Vorrausetzungen für deren Errungenschaften wie sexuelle Befreiung, uneingeschränkter Zugang zu Bildung und zum Berufsleben, sowie ökonomische Unabhängigkeit, schufen die Gründung von feministisch gesinnten Zeitschriften und Konferenzen zum Thema, sowie Informationsveranstaltungen und die Übersetzung feministischer Texte aus Nordamerika und Frankreich, sowie der Verbreitung von deren Ideen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783842807334
Arbeit zitieren:
Ernst, I. Juni 2010: Themen und Tendenzen der Regionalliteratur Spaniens nach 1975 am Beispiel Kataloniens, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Montserrat Roig, Katalonien, Tiempo de cerezas, Roman, Francozeit



