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Theater in der Zirkuskuppel

Wie theatrale Gestaltungsmittel in traditionellen und modernen Zirkusprogrammen eingesetzt werden

Theater in der Zirkuskuppel
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Ernst-Marcus Thomas
  • Abgabedatum: September 2002
  • Umfang: 142 Seiten
  • Dateigröße: 2,1 MB
  • Note: 1,6
  • Institution / Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-6647-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-6647-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-6647-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Thomas, Ernst-Marcus September 2002: Theater in der Zirkuskuppel, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Zirkusgeschichte, Clown, Circus Maximus, Cirque du Soliel, Varieté

Magisterarbeit von Ernst-Marcus Thomas

Einleitung:

November 1998, Frankfurt am Main: Meine erste Begegnung mit dem kanadischen Cirque du Soleil. Damals ahnte ich noch nicht, dass die Eintrittskarte zu dieser Vorstellung einmal in der Einleitung meiner Magisterarbeit dokumentieren würde, wie ich auf das Thema „Theater in der Zirkuskuppel“ gekommen bin.

Ich stieß auf eine Diskrepanz zwischen der Cirque du Soleil-Produktion „Alegría“ und dem, was ich mir unter Zirkus vorstellte. Wo waren die Tierdressuren, wo war das Sägemehl in der Manege? Ich vermisste die Sensation unter der Zirkuskuppel und den Conférencier, der sie ankündigte. Anstelle der losen Aneinanderreihung von Nummern erkannte ich einige Merkmale, die auf eine theatrale Inszenierung deuteten: eine Handlung; Darsteller, deren Aufgabe nicht nur die artistische Leistung, sondern die Mitwirkung in einer Szene ist, und Statisten, welche die Szene vervollständigen. Sehr viel stärker als in „Alegría“ wird der Einsatz theatraler Mittel in den Programmen „Quidam“ und „Saltimbanco“ deutlich. Die Vermischung von Circensischem und Theatralem ist keine Erfindung des Cirque du Soleil. Überschnitten haben sich die Darstellungsformen schon im Circus Roncalli, der im Mai 1976 Weltpremiere feierte: „Mit Roncalli wurde das Theater wieder in den Circus zurückgeholt, was als durchaus wertfreie Feststellung verstanden werden darf.“ Wenn „(...) das Theater wieder in den Circus zurückgeholt (...)“ wurde, dann muss es schon lange vor Roncalli seinen Platz im Zirkus gehabt haben. Hinweise darauf finden sich bereits im 18. Jahrhundert. Die Erfindung des Zirkus’, wie wir ihn heute kennen, wird dem englischen Offizier Philip Astley (1742-1814) zugeschrieben. 1768 gründete er eine Reitschule, in der er nicht nur Reitunterricht gab, sondern auch Kunstreiterei vorführte. „Schon bald kamen Auftritte von Seiltänzern, Akrobaten und einem Clown hinzu. Dies war die Geburtsstunde des heutigen Circus.“ Nur hieß diese Darstellungsform zunächst noch nicht Zirkus. Die „Riding School“, in der die Aufführungen unter freiem Himmel stattfanden, war der Vorläufer von Astleys „Amphitheatre“, das er 1803 baute. Ein Theater, in dem laut Marja Keyser Massenszenen aufgeführt wurden und in dem es neben einer Manege auch eine Bühne gab. Der Begriff „Circus“ entstand erst später.

Große Traditionsunternehmen wie der Circus Krone berufen sich auf die Reitschule Philip Astleys als Keimzelle des heutigen Zirkus’, haben aber mit der theatralen Inszenierung von einst wenig gemein und präsentieren in der Manege eine Abfolge von Darbietungen, die in sich geschlossen sind und untereinander keinerlei Verbindung besitzen. Moderne Zirkusse wie der Cirque du Soleil, das Unternehmen Flic Flac und insbesondere das Pferdemusical „Der Zauberwald“ zeigen dagegen auf den ersten Blick etwas ganz Neues: Manegenschauspiele, deren Nummern szenisch gestaltet sind und dramaturgisch miteinander verknüpft werden. Programme, die wir vom klassischen Zirkus nicht erwarten. Bei genauer Analyse greifen sie aber auf Gestaltungsmittel zurück, mit denen Astley in seinem „Amphitheatre“ den Zirkus einst begründete. Das ist der Kern meiner These. Bemerkenswert ist, dass sich alle Formen Zirkus, Circus oder Cirque nennen, obwohl sie in Dramaturgie und Präsentation stark differieren. Mein ursprünglicher Ansatz, moderne Zirkusvorstellungen als getarnte Theateraufführungen zu entlarven, ließ sich im Lauf der Untersuchung nicht untermauern. Nach meiner Auffassung sind diese Vorstellungen eine Mischung aus Theater, Show, Varieté und Revue. Der deutliche Ursprung im Theater manifestiert sich in szenischer Auflösung und vermeintlich geschlossener Handlung; vermeintlich, da sie oftmals nicht stringent angelegt ist. Ein Beispiel: In der Flic Flac-Produktion „Virus“ wird die Handlung nur suggeriert. Eine Rahmenhandlung wird zwar eingeführt, ist aber faktisch nur in der Anfangssequenz als kurze Spielszene präsent. Eine detaillierte Analyse des Programms ist im dritten Abschnitt dieser Arbeit zu finden.

Inhaltsverzeichnis:

I. EINLEITUNG 3
1. Die These 4
2. Lücken und Schwierigkeiten 5
3. Stand der Forschung 7
4. Grundlagen der Untersuchung 8
5. Exkurs: Ein Blick hinter die Kulissen 8
II. ZIRKUS: DEFINITION - URSPRUNG - ABGRENZUNG 12
1. Was ist Zirkus? 13
1.1 Der klassische oder traditionelle Zirkus 13
1.1.1 Klassisch: Der Circus Monte Carlo 19
1.2 Der moderne oder alternative Zirkus 23
1.3 Der Cirque Alexis Gruss - klassisch oder modern? 29
1.3.1 Programmfolge Alexis Gruss 30
2. Zusammenfassung 35
3. Zirkus und Theater - Ein Vergleich 36
3.1 Programmaufbau und Dramaturgie 38
3.2 Aufführungsraum 43
3.3 Akteure 46
4. Der Clown 49
4.1 Die Clownstypen 52
4.2 Die Clownslogik 54
5. Zusammenfassung 55
6. Zirkusgeschichte 57
6.1 Astleys theatrales Zirkuskonzept 57
6.2 Noch mehr Theater: Astleys Nachfolger 61
6.3 Heute mit dem Gestern glänzen: Der Zauberwald 64
6.3.1 Analyse 64
6.3.2 Programmfolge „Zauberwald“ 67
6.4 Vom Circus Maximus zur Todesnummer 68
6.4.1 Brot und Spiele 68
6.4.2 Römische Rudimente 72
7. Zusammenfassung 77
8. Verwandte Gattungen: Varieté - Revue - Show 78
8.1 Varieté: das Reich von „Tand und Flitter“ 78
8.2 Revue: das Stationen-Prinzip 81
8.3 Show: ein weiter Begriff 82
9. Zusammenfassung 84
III. THEATRALITÄT IM ZIRKUS - ANALYSE DREIER PROGRAMME 85
1. Cirque du Soleil - Quidam 85
1.1 Analyse 85
1.2 Programmfolge „Quidam“ 95
2. Flic Flac - Virus 96
2.1 Analyse 96
2.2 Programmfolge „Virus“ 101
3. Circus Krone - Krone-Festival 102
3.1 Analyse 102
3.2 Programmfolge „Krone-Festival“ 104
IV. SCHLUSSBEMERKUNG 105
V. ANHANG 108
1. Interviews 109
1.1 Bernhard Paul, Circus Roncalli 109
1.2 Harald Ortleb, Circus Busch-Roland 118
1.3 Catherine Salmon, Cirque du Soleil 123
1.4 Bruno Stutz/Eugen Altenburger, Zirkus-Clowns 125
1.5 Dr. Susanne Matzenau, Circus Krone 130
VI. NACHWEISE 134
1. Zirkusprogramme 134
2. Programmhefte 134
3. Interviews 135
4. Literaturangaben 135
4.1 Primärliteratur 135
4.2 Sekundärliteratur 135
4.3 Lexika und Nachschlagewerke 138
4.4 Zeitschriften- und Zeitungsartikel 138
5. Videos und Filme 139
6. Internet 139
7. Abbildungen 140

Automatisiert erstellter Textauszug:

beim zweiten oder dritten Versuch. Zurückgerufen, wie es mir oft am Telefon versprochen wurde, hat keiner der Zirkusmitarbeiter. Diese Erfahrung war aber auch wertvoll und hat mich zu meiner ersten Erkenntnis gebracht: Zirkus ist ein Wirtschaftsunternehmen. Werbung für die jeweiligen Programme kann ich nicht anbieten. An einer Veröffentlichung in einem relativ kleinen akademischen Kreis hat aus kommerzieller Sicht kein ZirkusVerantwortlicher ein Interesse. Auch zur Befriedigung von Eitelkeit ist ein solcher Rahmen nicht geeignet. Meine hoch gesteckten Ziele musste ich nach unten korrigieren. Ich wollte meine Arbeit mit großen Namen wie Christel Sembach-Krone versehen – letztlich bin ich froh, dass sich Krone-Pressechefin Susanne Matzenau Zeit für ein Gespräch genommen hat. Ein kleiner Trost: Christel Sembach-Krone gibt laut Matzenau auch Pressevertretern kein Interview. Nach Informationen Matzenaus war sie verärgert über eine Reportage im Magazin der Süddeutschen Zeitung20, die nur wenige Tage vor meiner Anfrage erschienen ist. Als Entschädigung hatte das Interview mit Susanne Matzenau in einer Loge des leeren KroneChapiteaus vor der Vorstellung ebenso viel Atmosphäre wie das Gespräch mit Harald Ortleb im Restaurantwagen des Circus Busch-Roland. Eine Situation, in der sich Ortleb sichtlich wohl dabei fühlte, unter den Blicken von Zirkus-Kollegen und Restaurantbesuchern in mein Mikrofon zu dozieren. Überraschend heiter war die Begegnung mit „Monsieur Dominique“21, der mir, nachdem er von meinem Projekt erfahren hatte, wie im Flugzeug ein „Upgrade“ zukommen ließ: Mit meiner Sperrsitzkarte der billigsten Kategorie durfte ich ganz vorne in der Loge sitzen. Das könnte allerdings auch an meiner weiblichen Begleitung gelegen haben, die als Dolmetscherin mitgekommen war. Anfangs sehr kooperativ zeigte sich Catherine Salmon aus dem PRDepartment des Cirque du Soleil Europe in Amsterdam, die ich nach einer telefonischen Odyssee durch die Soleil-Depandancen in Montreal/Kanada und Belgien aufgespürt hatte. Sie schickte mir zwei Tage nach dem Telefonat Pressematerial und ein „Quidam“Produktionsvideo. Die Beantwortung meiner Fragen per Email hätte ich mir allerdings wesentlich ausführlicher und mit weniger PR-Phrasen gewünscht. Ein Beispiel: Auf die Frage, wieso der Cirque du Soleil weltweit so erfolgreich sei, schrieb Catherine Salmon: [...]

Im Folgenden möchte ich darstellen, auf welche Quellen ich aufgrund der schlechten Informationslage zum Thema zurückgegriffen habe. Meine Informationen stammen aus 1. meiner Auswertung von zwölf Zirkusprogrammen, die ich mir in der Phase der Materialsammlung angesehen habe; darunter sowohl klassische als auch alternative Zirkusse von unterschiedlicher Qualität. Ich beschränke mich dabei auf Unternehmen, die in Deutschland gastieren oder gastiert haben. Auch die beiden Zirkusse in Wien und Straßburg (Cirque du Soleil, Cirque Arlette Gruss) waren in der Vergangenheit auf Deutschland-Tournee. Wenn möglich, habe ich zur Analyse zusätzlich Videos herangezogen. Das Filmen der Vorstellungen mit einer eigenen Kamera war in allen Fällen nicht erlaubt. 2. den Programmheften zu den Produktionen 3. Fachliteratur 4. Interviews, die ich mit Zirkusleuten aus der Praxis geführt habe; mit Direktoren, Pressesprechern und Artisten [...]

Das Aufschlüsseln von Zirkusprogrammen nach Theatereigenschaften hat für mich einen besonderen Reiz, zumal der Stand der theaterwissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet einen nahezu negativen Befund ergibt. Während meiner Recherche bin ich nur auf ein Buch gestoßen, dass sich im Kapitel „Betrachtung der heutigen Circuskunst“ mit der Dramaturgie von Alternativ-Zirkussen auseinandersetzt.16 Das Werk ist von 1988 und untersucht zwei Beispiele moderner Unternehmen (das Traumtheater Salomé und den Französischen Nationalcircus Gruss), wobei die Analyse meiner Meinung nach veraltet ist. Salomé fällt nach meiner Einschätzung nicht in die Gattung Zirkus17, was bereits am Namen „Traumtheater“ deutlich wird. Der Cirque Gruss wird als moderner Zirkus mit neuer inhaltlicher Konzeption gewürdigt, dessen Aufführungen sich in Szenen gliedern lassen, die mit den Akten einer Theaterdarbietung vergleichbar sind.18 Ich habe den Cirque Gruss bei einem Gastspiel im Münchner Krone-Bau am 28. März 2002 erlebt und kann diese Einschätzung nicht teilen. Im Gegenteil: Der Französische Nationalcircus bot neben dem Circus Monte Carlo das klassischste aller gesehenen Programme. Eine kritische Gegenüberstellung der literarischen Beschreibung mit meinen Eindrücken findet sich im Kapitel „Der Cirque Alexis Gruss – klassisch oder modern?“. Ausreichend ist das literarische Angebot nur im Bereich Zirkusgeschichte. [...]

Arbeit zitieren:
Thomas, Ernst-Marcus September 2002: Theater in der Zirkuskuppel, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Zirkusgeschichte, Clown, Circus Maximus, Cirque du Soliel, Varieté

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