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Das Theater der Erinnerung

Giordano Brunos „Candelaio“ im Spiegel seiner Philosophie

Das Theater der Erinnerung
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Jan Hendrik Buchholz
  • Abgabedatum: Juli 2003
  • Umfang: 186 Seiten
  • Dateigröße: 3,5 MB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9216-8
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9216-8 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9216-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Buchholz, Jan Hendrik Juli 2003: Das Theater der Erinnerung, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Renaissance, Memoria, Gedächtnis, Komödie, Theaterwissenschaft

Magisterarbeit von Jan Hendrik Buchholz

Einleitung:

Am 17. Februar 1600 wurde auf dem Campo de’ Fiori in Rom ein Mann hingerichtet, dessen exponierte Stellung im Kreis bedeutender Renaissancephilosophen es in weiten Teilen erst noch zu entschlüsseln gilt. Denn sein Feuertod unter den Augen der Inquisition hat in der Vergangenheit bei zahlreichen Forschern eher dazu geführt, in Giordano Bruno zunächst lediglich den Märtyrer zu sehen – gipfelnd in einer Lesehaltung, die in ihrer Tendenz auf dem hermetischen Charakter und damit auf einer prinzipiellen Unverständlichkeit der Bücher insistiert, die lediglich dem Verbotenen, weil Ketzerischen nachspürt und damit letztlich einen gewissen Hang zur Mutlosigkeit offenbart.

Gerade der Theaterwissenschaft kommt die Möglichkeit zu, seine Gedanken den Schatten geheimwissenschaftlicher Verklärung zu entreißen. Sie kann dies nicht zuletzt in Bezugnahme auf ein besonderes Werk des Philosophen, den 1582 veröffentlichten "Candelaio". Ihren besonderen Stellenwert verdient diese Arbeit schon aufgrund der Tatsache, dass das Stück im gleichen Jahr erschien wie zwei der bedeutenden memotechnischen Schriften Brunos: "Über die Schatten der Ideen" und die "Ars memoriae". Damit gehört es nicht nur zu den ältesten erhaltenen Werken des Nolaners: Man ist auch versucht, bei Bruno Gedächtnis- und Theaterkunst in Analogie zu setzen.

Von drei unterschiedlichen Punkten aus – die wesentliche Positionen von Brunos Denken markieren und also auch auf einem repräsentativen Querschnitt seiner philosophischen Schriften fußen – soll das Thema zunächst gleichsam eingekreist werden. In einem ersten Schritt wird es darum gehen, die Sonderstellung von Brunos Gedächtniskunst innerhalb der langen und reichen Tradition von Gedächtnistheatern herauszuarbeiten, indem die eigenwillige Struktur seiner Abhandlung "Über die Monas, die Zahl und die Figur" anhand dreier Interpretationsansätze „durchgespielt“ wird. Erinnerung, so wird dabei zu zeigen sein, ist für Bruno ein komplexes System der Vermittlung durch Bilder, auf deren Grundlage das Gedächtnis gleichsam inszeniert wird.

Eher noch als von einem Moment oder Punkt kann man bei Bruno von einem Augenblick der Erkenntnis sprechen, einem plötzlichen Umschlagen von Täuschung in Enttäuschung. Diesem Umstand wird insbesondere der Abschnitt über den „Krieg der Kräfte“ Rechnung tragen.

Der dritte Schwerpunkt fokussiert den Blick auf eine wiederkehrende Vorstellung Brunos: Der menschliche Körper wird als Kerker empfunden, den es zu überwinden gilt, um „den ganzen Horizont der natürlichen Formen klar und offen zu sehen“. Die Möglichkeit einer solchen Verschmelzung sieht Bruno in seiner auf dem Pythagorismus fußenden Idee der Seelenwanderung, welche er in der "Vertreibung der triumphierenden Bestie" und der "Kabbala des Pegasus" entwickelt, verbunden mit der utopischen Vorstellung einer umfassenden Neuordnung des Wissens. Sein Hang zur Systematisierung des Wissens, der sich im Rahmen dieser Untersuchung offenbart, wird in einem anschließenden Exkurs mit Giambattista Vicos "Scienza Nuova" abgeglichen werden.

(Sprach-)Bilder, dies wird sich zunehmend bestätigen, spielen eine maßgebliche Rolle in der Philosophie des Nolaners. Der zweite Teil der Arbeit wird daher dem wesenhaften Zusammenhang von Metaphern und Kognition nachgehen und einige der wichtigsten von Bruno verwendeten Metaphern im Prozess ihrer historischen Entwicklung abhandeln.

Erst nachdem diese Vorarbeit geleistet ist, darf sich der Blick auf den "Kerzenmacher" richten. Dabei verdient zunächst die verschachtelte Struktur des Stückes besondere Aufmerksamkeit. Bruno wendet sich in seinem Werk vor allem gegen drei negative Tendenzen seiner Zeit: die triebgesteuerte Liebe, Geldgier und Gewinnsucht sowie die Pedanterie der Scholasten. Ihnen und ihren Vertretern in der Komödie – Bonifacio, Bartolomeo und Mamfurio – wird jeweils ein eigener Abschnitt gewidmet. Eine besondere Bedeutung kommt außerdem dem Spiel mit Masken bzw. Verkleidungen zu. Hierin scheint ein probates Mittel gegen die Unsicherheiten und Widrigkeiten des Zeitalters zu liegen.

Dass Bruno sich zur Unterstützung der eigenen philosophischen Theorien gern bei Naturwissenschaften und Künsten bediente, wird von der Forschung kaum ernsthaft bestritten. Doch seine Behandlung anderer Wissensgebiete geht über eine bloße Aneignung brauchbarer Elemente weit hinaus. Vielmehr integriert er sie in ein interdisziplinär operierendes Denkvermögen, mit dessen Hilfe sich das Weltwissen entfalten lässt. Ganz gleich, wie dieses Vermögen sich im Einzelfall letztlich ausgestaltet, seine Struktur ist ein zutiefst theatrales System der Vermittlung. Ob sich im "Kerzenmacher" der Prototyp einer solchen Komödie des Wissens findet, wird abschließend zu klären bleiben.

Inhaltsverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis V
1. Einleitung VI
1.1 Forschungsstand VI
1.2 Methodischer Ansatz VII
1.3 Begriffsklärung X
1.3.1 Theater der Erinnerung X
1.3.2 Spiegel XI
1.4 Zur Wahl der Übersetzung XII
2. Struktur des Bewusstseins 1
2.1 Tanz der Götter: "Über die Monas, die Zahl und die Figur" 1
2.1.1 Die "Monas", gelesen als Versuch über die euklidische Geometrie 2
2.1.2 Die "Monas", gelesen als Entwurf eines Gedächtnisses 7
i. Ein universeller Abzählvers: der Inhalt 7
ii. "memoria e ingegno", Erinnern und Weiterdenken: die Struktur 12
iii. Abschweifen im Überschwang: der Stil 16
2.1.3 Die "Monas", gelesen als Entwurf eines magischen Gedächtnisses 18
2.2 Krieg der Kräfte: "Über die heroischen Leidenschaften" 24
2.3 Körper als Kerker: "Die Kabbala des Pegasus" 37
2.4 Zwischenfazit 43
Exkurs: Poesie der Polygone. Bruno vs. Vico 44
i. Formen „unvernünftiger“ Wahrheit 51
a. Der "senso commune" 51
b. "memoria, fantasia" und "ingegno" 55
c. Die "universali fantastici" 57
d. Die "poetische Wahrheit" 60
ii Eine Ursprache, die es noch zu schreiben gilt: das "Dizionario Mentale Comune" 64
iii. Apologie des Scheiterns: Vicos „sinnvolle“ Fehler 67
iv. Poetische Heroen, heroische Poeten: Geometrisierung des Wissens 70
v. Nachsatz 73
3. Bilder des Gedächtnisses 74
3.1 Vorbetrachtung: Metapher und Kognition 74
3.2 Licht und Schatten: Vom Höhlengleichnis zur Kinematographie 80
3.3 „Ackern auf dem phantastischen Feld“: Vom Taubenschlag zum Labyrinth 87
3.4 Der ewige Augenblick. "Die Hoffräulein" als Erklärungsmodell für Brunos Spiegelmetapher 96
3.5 Eindruck der Siegel: Von der Wachstafel zum Taschenrechner 100
4. Komödie des Wissens? Brunos Candelaio 108
4.1 Losfahren von der "Molo del silenzio": die Schiffsmetapher 108
4.2 Pedanterie und Possenreißerei: die Sprache 120
4.3 Scharlatan und Liebeswahn: der magische Ort 133
4.4 Zwischen Kesseln und Fesseln: Spuren von Philosophie 146
4.5 Schau, Spiel und Verkleidung: zur Struktur des Stückes 153
5. Zusammenfassung und Ausblick 160
Abbildungen 163
Verwendete Literatur 167
Sonstige Hilfsmittel 175

Automatisiert erstellter Textauszug:

Die vermittelnde Funktion von Metaphern findet sich in der Pädagogik wieder. Bereits 1657 erkannte Johannes Amos Comenius in seiner Schrift Didactia magana die große Bedeutung des Bildhaften im Rahmen des Unterrichts. Mehr als drei Jahrhunderte später schickten sich Reynolds und Schwartz an, den experimentellen Nachweis der Comeniusfunktion von Metaphern zu erbringen. Dass sie am pädagogischen Nutzen der Anschaulichkeit beteiligt sind, ließ ihre Untersuchung zumindest vermuten – und führte Paivio zur These des dual coding: Sowohl beim Produzieren als auch beim Verstehen von Metaphern seien zwei Bereiche involviert, ein sprach- und ein bildverarbeitender. Obschon unabhängig voneinander, könnten beide doch zueinander in Kontakt treten. Die daraus folgende doppelte Codierung mache sich bei der Reproduktion bezahlt – zumal ein konkretes Bild offenbar mehr Informationen an sich binden kann, wie es Verbrugge und McCarrell nachgewiesen haben. Letztlich spielen Metaphern auch als Werkzeug im Prozess der Erkenntnisgewinnung eine wichtige Rolle. Denn auch wenn ihnen die [...]

selbst erkannte die Problematik von Substitution und Vergleich und widmete dem interaktiven Verhältnis desto mehr Aufmerksamkeit. Dies stand noch am ehesten in der Tradition Richards’. Hier wie dort geht es um einen bedeutungsproduzierenden, wechselseitigen Prozess der Assoziationen. Nach Black hat dabei der Träger fast immer die stärkere Wirkung auf den Gegenstand. Seine eigentliche „Erfindung“ jedoch liegt in der Verwendung von Meta-Metaphern, um jenes Verhältnis zu beschreiben. Er vergleicht es beispielsweise mit dem Blick durch ein Rauchglas und illustriert auf diese Weise, dass der Trägerterm stets nur einen Ausschnitt des Gegenstandes erfassen kann. Bei allem Reiz, den sie zu bieten hat: Die These der Interaktion besitzt – wie jedes Modell – ihre Grenzen. Eine davon liegt in der Tatsache begründet, dass Metaphern einem gewissen „Verschleiß“ unterliegen, „der Prozess der Wechselwirkung zwischen zwei Bereichen, der durch eine Metapher in Gang gesetzt wird, kann verflachen und schließlich verschwinden. Der Endpunkt dieses Prozesses ist das Phänomen der ,toten Metapher’, der Metapher, die allmählich zu einem buchstäblichen Ausdruck wurde.“12 Das Wesen der Metapher indes, abstrakte Beziehungen durch ein konkretes Bild zu veranschaulichen, hat sich in den siebziger Jahren zunehmend auch die psychologische Metaphernforschung zunutze gemacht. So formuliert Beck eine Vermittlungsfunktion der Metapher zwischen analogen und semantischen Formen des Denkens. Ein ähnliches g o - b e t w e e n existiert, so die Vermutung, in neurologischer Hinsicht: durch die Vermittlung zwischen linker und rechter Hirnhälfte – also den Sprachfunktionen semantischer, grammatikalischer, phonetischer Art, dem verbalen sowie dem abstrakt-analytischen Gedächtnis einerseits und der visuell-räumlichen Orientierung andererseits. Diverse Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass sich diese funktionale Aufteilung ebenso für Prozesse bildhafter Sprachverarbeitung treffen lässt.13 Allen Versuchen indes ist eines gemein: Sie [...]

als auch die sie einfassenden Diskurse Veränderungen. Diese Interaktion, so die Annahme, sei ähnlich derjenigen einer Metapher innerhalb eines Gedichtes. Während die Dynamik des Wissens oberflächlich betrachtet nicht mehr sei als eine schnelle Folge von Veränderungen und Neuerungen, ließe sich durch genaue Analyse der Metaphern der vielschichtige Prozess von Kontinuität und Diskontinuität, von Spezialisierung und Integration, von Varianz und Stabilisierung aufdecken: „It attempts to surface nothing less than the anantomy of the grand phenomena in the changing world of knowledge, be it paradigm shifts, the emerge of a new Zeitgeist, or the rise and fall of general world views.“ [Maasen; Weingart (2000), S. 4] 8 Draaisma (1995, 1999), S. 18f 9 Aristoteles (1999), S. 67 10 Draaisma (1995, 1999), S. 20 11 Ebd. [...]

Arbeit zitieren:
Buchholz, Jan Hendrik Juli 2003: Das Theater der Erinnerung, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Renaissance, Memoria, Gedächtnis, Komödie, Theaterwissenschaft

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