Tango der Metropolen
Bedeutungsveränderungen des Tango auf seinem Weg von Buenos Aires in die europäischen Metropolenkulturen
- Art: Magisterarbeit
- Autor: Vicky Kämpfe
- Abgabedatum: August 2005
- Umfang: 113 Seiten
- Dateigröße: 886,9 KB
- Note: 1,8
- Institution / Hochschule: Leuphana Universität Lüneburg Deutschland
- Originaltitel: Tango der Metropolen. Symbole und Bedeutungen eines kulturellen Textes
- Bibliografie: ca. 63
- ISBN (eBook): 978-3-8366-0299-0
- ISBN (CD) :978-3-8366-0299-0 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Kämpfe, Vicky August 2005: Tango der Metropolen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Europa, Metropole, Tango, Argentinien, Tanzgeschichte
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Magisterarbeit von Vicky Kämpfe
Einleitung:
Seit den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ist eine wachsende Beliebtheit des Tangos als Musikgenre und Tanz in europäischen Metropolen zu beobachten. Eine Rezeption ähnlichen Ausmaßes gab es in Europas Metropolen bereits achtzig Jahre zuvor einmal. Ursprünglich entstand der Tango Ende des neunzehnten Jahrhunderts in einer zur Metropole wachsenden Region am Rio de la Plata. Die großen zeitlichen als auch geographischen Abstände der Tango-Rezeptionen lassen vermuten, dass Differenzierungen zwischen den verschiedenen Rezeptionen vorgenommen werden müssen.
Es wird in dieser Arbeit darum gehen, die kulturspezifischen Unterschiede des an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten getanzten Tangos aufzuzeigen. Dieser Suche liegt folgende Hypothese der Verfasserin zugrunde:
Der Tango entstand am Rio de la Plata als eine kulturspezifische Ausdrucksform einer Gruppe von Menschen. In seinem Ambiente, in dem er gelebt wurde sowie in den Formen, in denen er getanzt wurde, finden sich die Geschichten und Befindlichkeiten derer wieder, die ihn entstehen ließen oder ihn von seinem Entstehungszeitpunkt an bis in die Gegenwart tanzten. Sie nahmen in der besonderen Weise, die als Tango erkennbar ist, Gestalt an. Von dem Moment an, in dem der Tango auch in Europas Metropolen Einzug fand, war dagegen eine Veränderung des Tangos erkennbar.
Die Veränderung betraf die Inhalte des Tangos als kulturspezifische Ausdrucksform wie auch die Bedeutung des Tangos für die ihn rezipierende Gruppe von Menschen. In der Decodierung der Symbole, die im Tango am Rio de la Plata und den Metropolen Europas existierten, lässt sich diese Veränderung aufzeigen. Gleichzeitig dienten die Symbole zur Identifizierung mit dem Tango. Die Bedeutungsveränderung entspricht der Semiotisierung eines kulturellen Artefaktes in einem fremden Kulturrahmen. Der Analyse des Semiotisierungsprozesses liegt die Vermutung zugrunde, dass die den Tango Rezipierenden, im Folgenden Tanzender genannt, seine individuellen Befindlichkeiten und Bedürfnisse in der Wahrnehmung und im Praktizieren des Tangos auf den Tango übertrugen.
Die aus der Hypothese abzuleitenden Fragestellungen können im Rahmen dieser Arbeit weder vollzählig noch umfassend beantwortet werden. Die Verfasserin beschränkt sich auf grundlegende, mit Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens bereits bearbeitete und mit den Mitteln der semiotischen Kulturanalyse beschreibbare Teilaspekte.
Gang der Untersuchung:
Im ersten Kapitel wird der Tango der Metropole Buenos Aires auf seine Bedeutungen und Funktionen hin untersucht. Dafür wird im ersten Teil zunächst diskutiert, inwiefern der Tango als ein kultureller Text für die realen soziokulturellen Gegebenheiten einer Gesellschaft insgesamt bzw. der in einer Stadt stehen kann.
Im Anschluss daran wird im zweiten und dritten Kapitelteil gezeigt, dass in den Tango-Texten und in den Tanzbewegungen, neben dem Erzählen der individuellen Schicksale von Menschen und der getanzten Kommunikation zweier Menschen, sich ein konkreter soziokultureller Hintergrund heraus lesen und gesellschaftliche Strukturen erkennen lassen.
Mit dem Ziel der Analyse grundlegender Inhalte und Stimmungen des Tangos und seiner Protagonisten wird eine Textinterpretation von ausgewählten Tango-Texten durchgeführt. Die grundlegende methodische Frage ist nach Ort, welche Schlüsse Literatur über ihren kulturellen (sozialen und semiotischen) Kontext zulässt und ob sich auf der Basis text analytischer Befunde Hypothesen über die sozialen Funktionen oder Leistungen einer bestimmten Symbolik aufstellen lassen, und was diese Funktionen wiederum über die sozialen Strukturen der jeweiligen Gesellschaft aussagen. In den Auffassungen literarischer Texte als Medien gesellschaftlicher Selbstbeobachtung und als Medien kulturellen Gedächtnisses (Vosskamp) werden diese Rückschlüsse begründet.
Auf der Basis dieser Überlegungen werden grundlegende Inhalte in den Tango-Texten herausgearbeitet. Bei den Inhalten handelt es sich um Stimmungen wie Enttäuschung, Einsamkeit, Momente der Nostalgie und der Träume, die Suche nach Zuflucht und Trost. Außerdem geht es um Bedeutungen wie den Verlust von geliebten Menschen, von Heimat und Lebenssinn, dem ambivalenten Bild der Frau als Hure und Mutter, der Gegenüberstellung von Erinnerungen an idyllische Momente und der sozialen Wirklichkeit, die von Armut und Kampf geprägt war. Diese Herangehensweise an den literarischen Text wird abschließend auf die Bewegungsformen des Tangos als Text im semiotischen Sinne übertragen.
Im zweiten Kapitel wird dem Tango der Metropole Buenos Aires der Tango der Europäischen Metropolen gegenüber gestellt. Die zugrunde liegende Annahme der Verfasserin besteht darin, dass es sich um mindestens zwei verschiedene Tangos handelt in dem Sinne, dass unterschiedliche Bedeutungen des Tangos bzw. unterschiedliche soziokulturelle Bedingungen in den Gesellschaften sichtbar werden. Die Vergleichsebene der beiden unterschiedlichen Bedeutungsstrukturen ist die Symbolebene des Tangos.
Gleiche Symbole lassen sich sowohl im Tango der Metropole Buenos Aires als auch im Tango der europäischen Metropolen finden. Symbol wird dabei mit Eco als ein Zeichen verstanden, dass über den Code als eine konventionelle Festlegung etwas anzeigt oder bedeutet. Das Ziel dieser Gegenüberstellung ist, die Symbole auf sozialer Ebene zu entschlüsseln, um ihre Zeichen und die eingeschlossenen Referenzen zu erkennen. Als Fazit lassen sich gesellschaftliche Kreuzungspunkte zwischen den aus den Symbolen herausgelesenen soziokulturellen Bedingungen der Metropolen Buenos Aires und Europas erkennen. Ausgehend von diesen Kreuzungspunkten, so die Vermutung, neigte sich das Interesse der europäischen Tanzenden dem Tango zu.
Im dritten Kapitel werden die Bedeutungen des Tangos der europäischen Metropolen, als Teil der mentalen Referenzebene, als eine Veränderung des Tangos durch die europäische Tango-Gemeinschaft aufgefasst. Indem der Tango selektiv rezipiert und eigene Werte und Bedürfnisse auf ihn übertragen wurden, entwickelte er sich zu einem kulturellen Element der europäischen Gesellschaft, insbesondere der europäischen Metropolenkultur. Themen wie Emotionalität, Körperlichkeit, Flucht aus dem Alltagsleben, Kommunikationsnormen und Kultur als Ware kommen zur Sprache. Andere Themen, wie beispielsweise der mythische Hintergrund des Tangos und die Melancholie im Tango, müssen aufgrund des Umfangs, der Erfassbarkeit und der Literaturlage ausgeblendet werden.
Im ersten Kapitelteil wird die soziale Kultur (die ‚Europäische Tango-Gesellschaft’) mittels einer empirischen und quantitativen Erhebung über die Tanzenden dargestellt. Im zweiten Kapitelteil wird der europäische Tango der Metropole als materiale Kultur beschrieben, indem seine Formen nachgezeichnet werden. In beiden Kapitelteilen wird die Teilung der Tangorezeption in Europas Metropolen in zwei Rezeptionswellen deutlich.
Im dritten Kapitelteil werden schließlich ausgewählte spezifisch europäische Bedeutungen und Funktionen des Tangos aufgezeigt. Dieses Vorgehen stützt sich auf kulturanthropologische, kulturökonomische und soziokulturelle Perspektiven der Kulturwissenschaften.
In der Schlussfolgerung wird der Tango der europäischen Metropolen als eine Semiotisierung im Sinne einer semiotischen Aneignung eines fremdkulturellen Artefaktes gekennzeichnet und dem Tango der Metropole Buenos Aires gegenüber gestellt. Dabei wird deutlich werden, dass im Laufe der Entwicklung des Tangos innerhalb zweier unterschiedlicher Metropolenkulturen mindestens zwei kulturelle Texte Tango entstanden sind. Die Tangos besitzen jeweils unterschiedliche kulturspezifische Bedeutungen obwohl sie sich auf symbolischer Ebene derselben Symbole bedienen. Die Frage nach dem ‚echten’ dieser Tangos wird im Sinne der Kultursemiotik dahingehend beantwortet, dass ein jeder dieser Tangos eine eigene ‚echte’ kulturelle Ausdrucksform einer spezifischen Metropolenkultur ist.
Inhaltsverzeichnis:
| O. | EINLEITUNG | 3 |
| I. | DER TANGO DER METROPOLE BUENOS AIRES | 10 |
| 1. | Der Tango als eine Ausdrucksform der Stadt Buenos Aires in der Literatur über den Tango | 12 |
| 2. | Die Texte des Tangos. Seine Stimmungen und Inhalte | 14 |
| 3. | Die Bewegungsformen des Tangos als Codes gesellschaftlicher Praktiken | 26 |
| II. | DIE SYMBOLWELT DES TANGOS | 31 |
| 1. | Symbole und parallele Momente im Tango der Metropolen | 34 |
| 1.1 | Das Stadtzentrum. Existenzbedingungen der Großstadt | 34 |
| 1.2 | Hut und Dolch. Selbstbehauptung, Krisen und Lebenskämpfe | 37 |
| 1.3 | Die Nacht. Ein Exil des Tages | 47 |
| 1.4 | Das Café. Ort der Erinnerung und Träume | 53 |
| 1.5 | Das Bandoneon. Die Stimme der Seele | 57 |
| 2. | Die Kreuzungspunkte zweier Metropolenkulturen | 60 |
| III. | DER TANGO DER METROPOLEN EUROPAS | 63 |
| 1. | Die soziale Kultur des Tangos der Metropolen Europas. Die Tango-Tanzenden | 66 |
| 2. | Die materiale Kultur des Tangos der Metropolen Europas. Die Vielfalt der Formen und Stile | 71 |
| 3. | Bedeutungen und Inhalte des Tangos der Metropolen Europas | 74 |
| 3.1 | Emotionalität. Das Erleben von Traurigkeit und die Suche nach Trost | 75 |
| 3.2 | Alltagsflucht und kulturelle Nische | 78 |
| 3.3 | Körperlichkeit. Die Bedeutung des Körpers im Tanz | 79 |
| 3.4 | Normsetzungen für die zwischenmenschliche Kommunikation | 83 |
| 3.5 | Der Warencharakter des Tangos | 85 |
| IV. | SCHLUSSFOLGERUNG. Die Frage nach dem ‚echten’ Tango | 89 |
| V. | GLOSSAR | 93 |
| VI. | VERWENDETE LITERATUR | 94 |
| Eidesstattliche Versicherung | 97 |
Inhaltsverzeichnis:
| O. | EINLEITUNG | 3 |
| I. | DER TANGO DER METROPOLE BUENOS AIRES | 10 |
| 1. | Der Tango als eine Ausdrucksform der Stadt Buenos Aires in der Literatur über den Tango | 12 |
| 2. | Die Texte des Tangos. Seine Stimmungen und Inhalte | 14 |
| 3. | Die Bewegungsformen des Tangos als Codes gesellschaftlicher Praktiken | 26 |
| II. | DIE SYMBOLWELT DES TANGOS | 31 |
| 1. | Symbole und parallele Momente im Tango der Metropolen | 34 |
| 1.1 | Das Stadtzentrum. Existenzbedingungen der Großstadt | 34 |
| 1.2 | Hut und Dolch. Selbstbehauptung, Krisen und Lebenskämpfe | 37 |
| 1.3 | Die Nacht. Ein Exil des Tages | 47 |
| 1.4 | Das Café. Ort der Erinnerung und Träume | 53 |
| 1.5 | Das Bandoneon. Die Stimme der Seele | 57 |
| 2. | Die Kreuzungspunkte zweier Metropolenkulturen | 60 |
| III. | DER TANGO DER METROPOLEN EUROPAS | 63 |
| 1. | Die soziale Kultur des Tangos der Metropolen Europas. Die Tango-Tanzenden | 66 |
| 2. | Die materiale Kultur des Tangos der Metropolen Europas. Die Vielfalt der Formen und Stile | 71 |
| 3. | Bedeutungen und Inhalte des Tangos der Metropolen Europas | 74 |
| 3.1 | Emotionalität. Das Erleben von Traurigkeit und die Suche nach Trost | 75 |
| 3.2 | Alltagsflucht und kulturelle Nische | 78 |
| 3.3 | Körperlichkeit. Die Bedeutung des Körpers im Tanz | 79 |
| 3.4 | Normsetzungen für die zwischenmenschliche Kommunikation | 83 |
| 3.5 | Der Warencharakter des Tangos | 85 |
| IV. | SCHLUSSFOLGERUNG. Die Frage nach dem ‚echten’ Tango | 89 |
| V. | GLOSSAR | 93 |
| VI. | VERWENDETE LITERATUR | 94 |
| Eidesstattliche Versicherung | 97 |
Textprobe:
Kapitel 2., Die materiale Kultur des Tangos der Metropolen Europas. Die Vielfalt der Formen und Stile:
Für die einzelnen Dekaden des zwanzigsten Jahrhunderts können verschiedene Tango-Stile nachgezeichnet werden. Wird der Tango differenziert in seinen Varianten betrachtet, lassen sich in ihm verschiedene Ausdrucksformen von Bedeutungen (im Sinne von Befindlichkeiten, Lebensformen, Einstellungen, etc. auf der mentalen Referenzebene) im Sinne der Kultursemiotik unterscheiden. Die verschiedenen Stile lassen Rückschlüsse auf die ihn Tanzenden bzw. deren Lebenssituation zu.
Brandstetter teilt, indem sie sich auf den Futuristen Marinetti bezieht, die Vielfalt der Tanzstile um 1900 in einen sinnlichen, exotischen, sexuell-werbenden Tanz und einen abstrakten, geometrischen, mathematischen Tanz ein, zu dem auch der Tango als ‚spasme furieux du tango argentino’ zu zählen sei. Entgegen dem zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts existierenden Bild des Tangos als sinnlich-erotischer Tanz präsentierte sich Marinettis Einteilung zufolge der Tango der bürgerlichen Salons in Europa als sehr starr und streng.
Reichardt führt aus, dass dem Tango der Metropole Buenos Aires seine Anstößigkeit und Grobheit genommen und er vereinfacht wurde, d.h. eine Anpassung an das Pariser Raffinement erfolgte. Ihm blieb dabei ein ‚Hauch an Laszivität und Fremdheit’.
Als einen solchen Tanz der Hochkultur präsentiert auch Byron den Tango in Paris zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Er war leicht obszön, aber in eleganter Form gefasst. Tango galt in Paris als schick, extravagant und exotisch. Gerade die Unanständigkeit, meint Byron, gab ihm das prickelnd Reizvolle. Der Tango fand in den zwanziger Jahren Einzug in das Varieté und Kabarett. Damit kehrte er in sein Ursprungsmilieu des Vergnügens, des Verruchten und der Prostituierten zurück, jedoch in einer höheren sozialen Schicht. Jene Pariser frönten im Tanzen und Erleben des Tangos ihren Gelüsten in der sozial anerkannten Form des Varietés. Elsner bestätigt diese Schlussfolgerung. Sie nennt als Tango-Lokalitäten jener Jahre das Moulin Rouge und Folies Bergères.
In Berlin präsentierte sich zur selben Zeit ein internationaler, feiner Tango-Tanz, in Nachbarschaft zur kaiserlichen, moralischen Etikette, mit einer starken Betonung des Tournieraspekts. Daneben entwickelte sich ein stilisierter Tanz der Feinen Gesellschaft nach englischen Vorstellungen, der als Tourniertanz erhalten blieb. Der Englische Stil setzte sich in Europa ab der Tanzlehrer-Konferenz 1920 mit dem Ziel, gute Formen in den Tanzsälen einzuführen, als der Tourniertanz Tango mit Schritt- und Haltungsvorschriften durch. In Paris, wo man vergnüglicher und weniger Sport orientierter tanzte als in Deutschland, dominierte ein einfacher schneller Tango im Stil der Milonga (ein schneller Tangostil). Savigliano zieht die Schlussfolgerung, dass das Ziel in den Metropolen Europas wie Paris, Berlin und London darin bestand, die Herkunft des Tangos, die sich in seinen Tanzbewegungen ausdrückte, den Kriterien der eigenen sozialen Schicht anzupassen. Damit verlor er, Saviglianos Urteil zufolge, zugleich den Aspekt der Konfrontation von Ethnie, sozialer Klasse und kolonialer Geschichte.
In den dreißiger Jahren standen sich beziehungslos der standardisierte Tourniertanz, der Varieté-, Schlager- und Filmtanz, sowie die wieder aufkommende argentinische Orchestermusik gegenüber. Der Tango wurde zu einem Tanz neben anderen ‚exotischen’ Tänzen, nachdem ihn beispielsweise Tänze wie Shimmy, Charleston oder Foxtrott im Laufe der zwanziger Jahre nach und nach abgelöst hatten.
Für die Zeit zwischen den dreißiger und siebziger Jahren konnten keine Nachweise für eine bedeutsame Tangorezeption gefunden werden.
Die siebziger Jahre kennzeichnet der Tango Nuevo, zunächst als musikalische Form. Er wurde verkörpert durch Piazzolla. Der Tango wurde vorwiegend als Musik rezipiert. Eine Tanzform, um die neue Musik zu tanzen, konnte noch nicht gefunden werden.
In den achtziger Jahren kamen die ersten Tango-Shows nach Europa und eine neue Tanzbegeisterung setzte ein. Eine eigene Unternehmenssparte der Tanguería (Tanzlokalitäten für den Tango) entstand. Zahlreiche argentinische Tanz-Lehrer brachten den Tango de Salon, einen Stil der vierziger Jahre in Buenos Aires, mit. Ein Tango-Stil, der sich bis in die neunziger Jahre kaum veränderte. Erotik und Leidenschaft prägten das Profil des europäischen Revival seit den achtziger Jahren mit dem Bild des Sinnlichen und Leidenschaftlichen.
Paare in den entsprechenden Posen als Imagevertreter prägten das Tangobild: ‚Tango for Export’ nennt sich in Buenos Aires der Tango für Europa bzw. für europäische Besucher mit diesem Image. Die Tanzenden dieser Jahre, die wie im ersten Kapitelteil dargestellt vor allem Vertreter der akademischen Mittelschicht sind, tanzten weiterhin Tanzformen vergangener Jahrzehnte und zeigten möglicherweise damit ihre Sehnsucht nach dem Vergangenen bzw. ihre Orientierungslosigkeit im Gegenwärtigen. Auf diese Schlussfolgerung wird im dritten Kapitelteil eingegangen. Aus dem Gegensatz des progressiven Charakters des Nuevo Tango und der regressiven Tanzform lässt sich vermuten, dass Tango-Tanzende und Rezipienten des Nuevo Tango zunächst keine einheitliche Gruppe bildeten.
Ab Ende der neunziger Jahre und mit Beginn des neuen Jahrtausends war zu beobachten, dass der Tango als eigenständige Tanzform akzeptiert wurde und zunehmend in Kooperation mit anderen Tanzformen, wie Ballett, aber auch Hip Hop, Salsa, etc. auftrat. Er fand Einzug in einige Opernhäuser und in die Arbeiten bedeutender Choreographen. Der Tango gewann ein zunehmend junges Publikum.
Die 2000er Stile sind unterschiedlich: Traditionalisten des klassischen Tangos der vierziger Jahre legen Wert auf ‚authentische’ Gastlehrer; Modernisten aus der Tradition der achtziger Jahre suchen jüngere Tanzlehrer mit neuen ästhetischen Stilen.
Diese Entwicklung führte zu einer steten Veränderung der Formen und Stile des Tangos innerhalb der europäischen Metropolenkultur. Diese Veränderungen lassen sich, in Anlehnung an die soziale Referenzebene der Kultursemiotik, in Abhängigkeit zu den Befindlichkeiten der Tango-Tanzenden und zu der jeweiligen gesellschaftlichen Situation beschreiben.
Im Fortgang der Analyse bzw. Beschreibung der Tanzenden und der Formen des Tangos zeigte sich eine Selbständigkeit der Entwicklung des Tangos in Europas Metropolen, die die Schlussfolgerung denkbar macht, dass die Verbundenheit der europäischen Tanzenden mit dem Protagonisten der Tango-Texte, die die Tanzenden der Metropole Buenos Aires charakterisierte, aufgehoben ist. Der Tango nahm ein eigenständige ‚europäische’ Entwicklung, die ihn vom Tango der Metropole Buenos Aires unterscheidet.
Während bisher die Tango-Tanzenden und ihre Motivation zum Tanzen als auch die unterschiedlichen Formen des Tangos der europäischen Metropolenkultur dargestellt wurden, wird es im folgenden Kapitelteil darum gehen, die entsprechenden Bedeutungen des Tangos der europäischen Metropolenkultur, insofern sie sich von den Bedeutungen des Tangos der Metropole Buenos Aires unterscheiden, zu beschreiben.
Kapitel 3., Bedeutungen und Inhalte des Tangos der Metropolen Europas: Im Folgenden sollen wichtige Bedeutungen und Inhalte des Tangos der Metropolen Europas auf der Ebene der mentalen Kultur im Sinne der Theorie der Kultursemiotik untersucht werden. Die Tanzenden (soziale Kultur) verbinden jeweils Bedeutungen und Inhalte mit dem Tanz und schaffen die Vielfalt der Ausdrucksformen (materiale Kultur). Um diese Bedeutungen und Inhalte zu erkennen, ist ein Bezug auf die Texte des Tangos wie für den Tango der Metropole Buenos Aires nicht mehr möglich. Der Grund liegt darin, dass diesen Texten und somit deren Inhalten in der heutigen Tango-Rezeption in Europas Metropolen wenig bis kein Interesse und Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird.
Einerseits beherrschen die meisten Tanzenden die spanische Sprache nicht so gut, um die Texte zu verstehen. Andererseits interessieren sich die Tanzenden anscheinend auch nicht für die Inhalte der Texte der getanzten Musik. Die Bedeutungen und Inhalte müssen demnach in anderer Weise auf der Basis der im Tango der Metropolen Europas existierenden Symbole decodiert werden. Deshalb wird das Sprechen über den Tango der Tanzenden selbst genutzt, um die Bedeutungen und Inhalte zu lesen.
Dabei wird auf eine Analyse der Bewegungsformen des Tango-Tanzens verzichtet, weil kein wissenschaftliches Material zu den gegenwärtig aktuellen Bewegungsformen vorliegt. Eine eigenständige Auswertung von Videomaterial würde über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen. Für diese Auslassung spricht auch die im Vergleich zu anderen Analysemöglichkeiten geringe Ergebnismenge einer Bewegungsanalyse.
Den folgenden Beschreibungen liegt die Annahme der Verfasserin zugrunde, dass die europäischen Tanzenden sich den Tango aneigneten, d.h., dass die Tanzenden die Originale kopierten und sich dabei einen eigenen Stil schufen. In diesem Tango war dann das zu finden, was die Tanzenden selbst darin sehen wollten und wessen sie bedurften.
Elsner beschreibt, inwiefern die europäischen Tanzenden den Tanz von seinem Entstehungskontext entkoppelten und ihn als ein eigenes kulturelles Artefakt betrachteten. In diesem Sinne entwickelten sie ihn weiter und veränderten ihn dabei grundlegend. Elsner nimmt auch auf die individuellen ‚Obsessionen’ Bezug, denen die europäischen Rezipierenden den Tango unterordnen.
Die im Folgenden dargestellten Bedeutungsveränderungen innerhalb der Europäischen Metropolenkultur sind wesentliche und ausgewählte Aspekte. Die Auswahl basiert auf der Aussagekraft der gefundenen Zitate und Texte als auch auf einer Gewichtung der Aspekte in Hinblick auf die Befindlichkeit der Menschen in den Europäischen Metropolen. Den Aspekten der Emotionalität im Tanzen des Tangos, der Suche nach kulturellen Nischen für ein Ausbrechen aus dem Alltag, der Wahrnehmung des Körpers, Kommunikationsformen mit Hilfe des Tangos und schließlich seinem Warencharakter wird nachgegangen.
Diese Aspekte werden nur soweit beschrieben, wie es das Material aus Zitaten und Texten zulässt, um sich nicht zu stark auf Assoziationen und Vermutungen zu stützen. Durch das punktuelle Arbeiten wird die Anwendbarkeit des kultursemiotischen Konzepts der Semiotisierung nach Posner deutlich. Möglicherweise bestehen weitere Verbindungen zwischen den Tangosymbolen und der Welt der europäischen Metropolen, die tiefer und verbindlicher sind als die Lust zum Tanzen und die Attraktion des Tanzes. Der Tango wird so beispielsweise als ein unerklärbar Anziehendes beschrieben, worauf im abschließenden Kapitelteil mit Borges noch einmal Bezug genommen wird. Aus der verbalen Unerklärbarkeit ist aber zu schließen, dass den Tango neben dem semiotisch Erfassbaren noch mehr ausmacht, als im Rahmen des gewählten Ansatzes der Kultursemiotik herausgearbeitet werden kann.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836602990
Arbeit zitieren:
Kämpfe, Vicky August 2005: Tango der Metropolen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Europa, Metropole, Tango, Argentinien, Tanzgeschichte



