Bachelor + Master Publishing
811 Bachelorarbeiten, 533 Masterarbeiten, 10.103 Diplomarbeiten

Tango als Ausdruck der Melancholie in der modernen Gesellschaft

Einblicke und Ausblicke aus melancholischen Welten

Tango als Ausdruck der Melancholie in der modernen Gesellschaft
Über dieses Buch
  • Art: Fachstudie
  • Autor: Vicky Kämpfe
  • Abgabedatum: Februar 2008
  • Umfang: 92 Seiten
  • Dateigröße: 509,0 KB
  • Institution / Hochschule: Leuphana Universität Lüneburg Deutschland
  • Bibliografie: ca. 77
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-0793-3
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Kämpfe, Vicky Februar 2008: Tango als Ausdruck der Melancholie in der modernen Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Tango, Musik, Tanzgeschichte, Europäische Moderne, Metropolenkultur

Fachstudie von Vicky Kämpfe

Einleitung:

Die Moderne Gesellschaft in Europa tanzte, sofern sie der Anziehungskraft des Tangos erlegen war, einen melancholischen Tango.

Diese Ausgangsthese fasst den in Europa getanzten Tango als Ausdruck eines melancholischen Gestimmtseins in Europa auf. Der Tango besaß in Europa in den 10er und 20er Jahren sowie in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts eine besonders hohe Beliebtheit. Für diese Jahre sind gesellschaftliche Stimmungen zu beobachten, die sich mit der Rezeption des Tangos in Verbindung bringen lassen. Melancholie stellte, so die Annahme der Autorin, das Bindeglied zwischen europäischer Moderner Gesellschaft und dem Tango dar.

In den Beschreibungen der Melancholie, des Tangos und der europäischen Modernen Gesellschaft werden sich Ähnlichkeiten zeigen. Es handelt sich um jene Parallelen, die in ihrer Analyse zu Erkenntnissen über die Gesellschaft und deren Gestimmtsein führen. Die vorliegende Arbeit ist der Versuch, diese Parallelen des Tangos und der Modernen Gesellschaft zweier zeitlich begrenzter Epochen der europäischen Tangorezeption zu erfassen und zu beschreiben. Die Melancholie als ein körperlicher, geistiger und seelischer Zustand sei Leitfaden der Arbeit, Auswahlkriterium für behandelte Themenkomplexe, Kritik der Moderne und zugleich Teil einer Antwort für die Suche nach einem möglichen Umgang mit ihr. Die Melancholie, in ihrer Eigenschaft des Wahrnehmens der Welt in einer anderen Weise als die alltägliche, wird den Blick auf das Gestimmtsein der beiden Lebenswelten Tango und Moderne Gesellschaft öffnen. Es werden die melancholischen Elemente beider Lebenswelten dargestellt, und in ihnen jene Momente gesucht, in denen sich Elemente beider Lebenswelten kreuzten. Die Kreuzungspunkte werden Aspekten des Melancholischen zugeordnet werden können. Sie werden zu einem Teil faktisch belegt, zum anderen Teil auf metaphorischer Ebene veranschaulicht.

Es geht in dieser Analyse um die Melancholie verschiedener Welten: Die Welt des Tangos und die Welt der europäischen Modernen Gesellschaft. Welt steht im geschichtlich-hermeneutischen Weltverständnis für die Grundauffassung der Wirklichkeit des menschlichen Lebens in ihr und mit ihr. Die Welt kommt in dieser Definition im menschlichen Handeln zum Ausdruck und ist durch sie hindurch zu erschließen. Durch den Tangotanz ist es möglich, die Welt der ihn tanzenden Gesellschaft, zumindest in Teilaspekten, zu erfassen, indem die Ordnungsprinzipien sowie die Realitätswahrnehmung der in der jeweiligen Welt Lebenden aufgezeigt werden. Diese Analyse kann sowohl für die Welt des Tangos als auch für die Welt der Modernen Gesellschaft vorgenommen werden. Als beiden Welten zugrunde liegendes Ordnungsprinzip und zugleich als Wahrnehmungsperspektive ihrer Wirklichkeiten wird in den folgenden Ausführungen die Melancholie herausgearbeitet werden.

Im ersten Kapitel wird es um eine Annäherung an den Begriff der Melancholie gehen. Um den angenommenen melancholischen Zustand im Tango als auch in der europäischen Gesellschaft - ein melancholisches Gestimmtsein - heraus stellen zu können, werden zunächst Konzepte der Melancholie und Melancholiediskurse in Hinblick auf eine mögliche Analyseperspektive hin betrachtet. Beginnend in der Antike über das Mittelalter bis zu Modernen Diskursen weisen diese Konzepte die Kategorien des Wertneutralen, Pathologischen und Ästhetischen auf. Mittels dieser Einordnung können jene Aspekte erfasst werden, die für ein relevantes Melancholieverständnis präsent geblieben sind. Zum Abschluss des ersten Kapitels wird sich auf ein Melancholieverständnis festgelegt, das beide Lebenswelten Tango und europäische Moderne Gesellschaft erfassen kann.

Im zweiten Kapitel geht es im ersten Teil um Aspekte der Welt des Tangos. Es wird herausgearbeitet, welche Elemente der Melancholie und in welcher Form sich im Tango wieder finden. Es wird im zweiten Teil dargestellt, inwiefern sich die europäische Moderne Gesellschaft überhaupt als eine melancholische erweist und worin die Besonderheiten der so genannten Postmodernen Moderne in Bezug auf Melancholie bestehen.

Es soll an dieser Stelle bemerkt werden, dass vorliegende Arbeit es nicht leisten kann, den Ursprung als auch die Genese des Tangos aufzuarbeiten. Seine Mythen und Fakten sind zahlreich, vielfältig und widersprüchlich. Entscheidend für den Zusammenhang von Tango, Melancholie und Moderne sind die Aspekte beider Welten, die die melancholischen Kreuzungspunkte bilden.

Die Begründung dafür, warum eine Fortschrittsorientierte Gesellschaft dem Tango und seiner vermeintlichen Melancholie zugetan sein sollte, sei die grundlegende Fragestellung für das dritte Kapitel. Es wird danach gefragt, worin die Anziehungskraft des Tangos auf einen Teil der europäischen Modernen Gesellschaft bestand und was sie wiederum so anfällig für den Tango machte. Als ein wichtiger Aspekt in der Beziehung von Moderner Gesellschaft und Tango wird ansatzweise die eingenommene Position der europäischen Tanzenden gegenüber dem Tango herausgearbeitet. Sie zeigt sich in der Art und Weise, in welcher er rezipiert und verändert wurde sowie in der Bedeutung und in der Funktion, die der Tango für die Moderne Gesellschaft in den Glanzzeiten der Metropolen Paris, Berlin und London sowie in den kleinen Tangogemeinden ab den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts innehatte.

Nachdem im dritten Kapitel eine Analyse über die Funktion und Bedeutung des Tangos in Hinblick auf seine Rezeption durchgeführt und diese schlussfolgernd der durch die Melancholie gestellte pathologischen Kategorie zugeordnet wurde, führt die Suche nach einem Umgang mit der zu Grunde liegenden Melancholie in diesem Teil zu jenem Lichtblick, den der Tangotanz innerhalb einer gelebten Tangowelt als ästhetische Äußerungsform bietet. Ihn gilt es anzudeuten und in seinen Grundzügen nachzuzeichnen.

Diese Arbeit möchte den melancholischen Ton der Seele erklingen zu lassen, den Körper und Geist des Modernen Menschen melancholisch tanzten.

Inhaltsverzeichnis:

EINLEITUNG 5
I. MELANCHOLISCHER EINBLICK 8
I.1 Melancholie als Diskurstradition 8
I.1.1 Drei wertneutrale Melancholieauffassungen 9
I.1.2 Die pathologische Kategorie der Melancholie 11
I.1.3 Ästhetisierte Melancholie 14
I.2 Ein Melancholiebegriff 18
I.2.1 Beobachtungen am Zustand der Melancholie 18
I.2.2 Eine Perspektive der Melancholie 21
II. GELEBTE MELANCHOLIE 26
II.1 Melancholie des Tango 26
II.1.1 Melancholische Momente der Protagonisten des Tango 26
Soziokulturelle Gegebenheiten in der Metropolis Buenos Aires um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert 27
Tango-Texte 32
Melancholie des Bandoneons 37
II.1.2 Melancholischer Tango 39
II.2 Melancholie der Modernen Gesellschaft Europas 42
II.2.1 Eine Stimmungsskizze der Gesellschaft - das Melancholische Gestimmtsein 42
II.2.2 Befindlichkeiten in der Metropole Berlin während der ersten Tango-Rezeption 52
II.2.3 Gesellschaftliche Stimmungen während der zweiten Tango-Rezeption 55
III. DER TANGO IN EUROPA – MELANCHOLISCHE BLICKWECHSEL 59
III.1 Analyse der Tangorezeption in Europa 59
III.1.1 Tango der gesellschaftlichen Melancholie 60
III.1.2 Parallele Momente des Tango und der Modernen Gesellschaft 62
EXKURS: Die Tango-Tanzenden und ihr Tanz 73
III.1.2 Tango der Moderne
Glückssuche, Trost, Trugbild oder Flucht 79
III.2 Momentaufnahme des Pathologischen Symptoms 82
IV. EIN ÄSTHETISCHER BLICK AUF DEN TANGO 85
Verwendete Literatur 89

Textprobe:

Kapitel III.2, Momentaufnahme des pathologischen Symptoms:

Das Tangofieber in Europa besitzt eine symptomatische Bedeutung, indem es Ausdruck für die Melancholie der Moderne ist. Sowohl die pathologischen als auch die ästhetischen Kategorien, die die Melancholieentwicklung vorgibt, sind darin zu erkennen und werden im Folgenden in Form von Schlussfolgerungen aus den vorangegangenen Beschreibungen und Analysen dargestellt.

Der Mensch der Moderne hegte Sehnsüchte nach Dingen, die vom gesellschaftlichen Diskurs ausgeschlossen waren. Diese Leerstelle füllte sich zumeist unbemerkt mit einer melancholischen Stimmung. Der Moderne Mensch sehnte sich währenddessen nach Dingen und Zuständen außerhalb der vernünftigen Ordnung. Das waren beispielsweise erotische Impulse, eine befreite und neu definierte Weiblichkeit und demzufolge auch eine solche Männlichkeit, Sinnlichkeit, aber auch menschliche Beziehungen im Sinne von Kommunikation und Vertrauen. Es sind Elemente, die der Tango bieten kann. Im adaptierten Tango de Salon in Europa waren Sinnlichkeit und die erotische Komponente kontrolliert und suggestiv: Er zeigte keine instinktive Sinnlichkeit, keine herben Posen, gar unschöne Aggressionen gegen Manieren höherer Klassen. Er zeichnet sich durch die Empfindsamkeit für Musik und Tanzpartner aus. Er ermöglichte das Spiel der Rollen zwischen der femme fatal, dem Sinnlichen sowie dem Eroberer in seinen festen Rollenverteilungen des Führens und Geführtwerdens innerhalb gesetzter Regeln. Das Spiel der Geschlechter in den Rollen der starken Frau und des Mannes als llorón gaben neue Impulse. Eine sinnliche und freie Kommunikation konnte im engen Körperkontakt des Tanzens stattfinden. In seiner gepflegten Exklusivität war der Tango außerdem ein Klassenzugehörigkeitsspiel, wie es bereits in seiner Herkunft angelegt war. Der Tango präsentierte sich als ein nettes Spiel für die gelangweilte Bourgeoisie Europas (erste Rezeptionswelle) und als ein Fluchtraum für den einsamen, vom Postmodernen überforderten Individualisten (zweite Rezeptionswelle). Tango entwickelte sich zum exotischen Hybriden. Die Verfremdung wird in seiner Reduzierung auf den erotisch-sinnlichen Aspekt bzw. in der ihm aufgezwungenen Reglementierung der Figuren und Stile deutlich.

Tango in Europa kann in Anwendung der im ersten Kapitel beschriebenen Melancholieauffassung unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden.

Auf einer Seite steht das pathologische Konzept der ständigen Wiederholung des immergleichen Stils und der immergleichen Atmosphäre. Es zeigte sich darin, dass die Tanzenden sich in geschlossenen Milongakreisen bewegten. Sie fungierten als Zufluchtsorte voller Sehnsucht und Trost, um die eigene Leere und Sehnsucht nach Leben und Geist nicht allein ertragen zu müssen. Die Kritik an der Moderne kann ausgehend von dieser Situation eingeflochten werden. Der/die Einzelne fand sich mit rationalen Verhaltensregeln sowie mit dem Ausschluss von Spiritualität und tatsächlicher Individualität ab. Er wurde sich dessen aufgrund des falschen Bewusstseins über sein/ihr Befinden nicht mehr bewusst. Die Tangofaszination diente dem Überleben in der Moderne und stabilisierte das Moderne Ordnungssystem in ihrem rationalen Schema, da der Einzelne weder unzufrieden (oppositionelles Potential) noch melancholisch (unproduktiv) wurde. Er blieb als sehnsüchtig tanzend unaktiv gegenüber der gesellschaftlichen Lage, denn er glaubte sich zufrieden und vor allem sich von den anderen abhebend, die außerhalb der Tangogemeinschaft lebten. Der Tango wurde erlebt und gelebt in seiner Interpretation als melancholisch und sinnlich, reduziert auf das Zwischenmenschliche libidinöser Beziehungen.

Unter der pathologischen Kategorie betrachtet, handelte es sich um ein Zurückweisen der ursprünglichen Werte des Tangos durch die Tanzenden, indem sie den Tanz in ihre eigene Lebenswelt aufnahmen, im Verlauf der Geschichte weitere Tangoentwicklungen zurückwiesen und sich auf den Tango de Salon als den authentischen Tango festlegten. Das Melancholische kehrt als eine Versinnbildlichung der unbewussten Zurückweisung eigener zu kritisierender Gesellschaftsbeschreibungen zurück, die im Tango gelebt werden.

Auf der anderen Seite steht das kreative und konfliktive Potential des Tangos. In der Auseinandersetzung mit seinen Gegensätzen und Ursprüngen, mit seinen Formen, Stilen und Entstehungsfacetten, mit seinen vielfältigsten Inhalten der Empfindungen, Weltauffassungen und -beschreibungen, historischen Erfahrungen sowie Liebe, Freundschaft, Gesellschaftskritik, Philosophie und Rebellion, zwingt der Tango zum Nachdenken. Er führt zur Reflexion über das eigene Ich, über die Gesellschaft und die Welt. Das zwingt zur Akzeptanz verschiedener Facetten und Ausprägungen, zu Konflikten und deren Lösungen, zu Entwicklung und Veränderung. So wie es Tango schon immer war, jedoch in Europa seit seiner ersten Rezeption negiert wurde.

Dieses Potential des Tangos kann der ästhetischen Kategorie der Melancholie zugeordnet werden und bildet somit die ästhetische Kategorie des Tangos. Die Tanzenden nutzen sein Potential als Lebensperspektive. Sie setzten neue Werte aus gestellten Sinnfragen und Anforderungen, die aus der Reflexion über eigenen Befindlichkeiten erwuchsen, in neuen (Lebens)Formen um. Auf diese Kategorie wird im abschließenden Kapitel eingegangen werden.

Arbeit zitieren:
Kämpfe, Vicky Februar 2008: Tango als Ausdruck der Melancholie in der modernen Gesellschaft, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Tango, Musik, Tanzgeschichte, Europäische Moderne, Metropolenkultur

Entdecken Sie mehr zum Thema

Der Tango im Werk Julio Cortàzars
Der Tango im Werk Julio Cortàzars Diplomarbeit von Viviana Alvarez-Schüller | Februar 2007 | Note 1,7
diplom.de
Bachelor + Master Publishing

Hermannstal 119 k
22119 Hamburg

Fon: +49 (0) 40 655992-0
Fax: +49 (0) 40 655992-22

Service-Telefon

Rufen Sie uns an:
+49 (0) 40 655992-0

Mo-Fr
09.00-16.00 Uhr

diplom.de in den Medien

Folgen Sie uns bei Twitter & werden Sie diplom.de-Fan bei Facebook!
Schreibtipps unserer Lektoren, Neuigkeiten aus dem Verlagsalltag und das Expertenwissen unserer Autoren als Tweet & Post!
Wir freuen uns auf Sie!

diplom.de BACHELOR + MASTER PUBLISHING

Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Magisterarbeiten, Dissertationen und andere Abschlussarbeiten aus allen Fachbereichen und Hochschulen können Sie bei uns als eBook sofort per Download beziehen oder sich auf CD oder als Buch zusenden lassen. Seit mehr als 15 Jahren ist diplom.de der seriöse, professionelle und erfolgreiche Partner für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Abschlussarbeiten.

© Diplomica Verlag GmbH 1996-2011, AG Hamburg HRB 80293 - GF Björn Bedey, USt-IdNr.: DE214910002 - Verkehrsnummer: 12285 - Impressum
Index der Arbeiten - Index der Autoren