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Zwischen den Stühlen - Möglichkeiten und Grenzen in der Betreuung von psychisch kranken wohnungslosen Frauen

Zwischen den Stühlen - Möglichkeiten und Grenzen in der Betreuung von psychisch kranken wohnungslosen Frauen
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Jutta Preisinger
  • Abgabedatum: April 2006
  • Umfang: 134 Seiten
  • Dateigröße: 2,3 MB
  • Note: 1,1
  • Institution / Hochschule: Katholische Stiftungsfachhochschule München Deutschland
  • Bibliografie: ca. 16
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-4352-8
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Preisinger, Jutta April 2006: Zwischen den Stühlen - Möglichkeiten und Grenzen in der Betreuung von psychisch kranken wohnungslosen Frauen, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Wohnungslosenhilfe, psychische Erkrankung, Betreuung, obdachlos, Frauenhilfe

Diplomarbeit von Jutta Preisinger

Einleitung:

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den spezifischen Problemlagen von psychisch kranken Frauen in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Sie handelt ferner von den Sozialpädagoginnen, die dort arbeiten und in zunehmendem Maße mit diesen Klientinnen, ihren typischen Verhaltensweisen und Problematiken konfrontiert sind. Durch die Befragung von fünf Expertinnen aus frauenspezifischen Einrichtungen der Münchner Wohnungslosenhilfe wird untersucht, welche zentralen Herausforderungen sich im Hinblick auf eine adäquate Betreuung psychisch kranker Frauen ergeben und welche Forderungen an das Hilfesystem sich hieraus ableiten lassen.

Dazu werden nach der Einleitung zunächst themenrelevante Begriffe erörtert und einige Studien, die Berührungspunkte mit dieser Arbeit aufweisen, vorgestellt. Im methodischen Teil der Arbeit wird das Vorgehen bei der Datenerhebung und Auswertung der Interviews beschrieben. Diese Interviews werden im vierten Kapitel durch die Verknüpfung von Theorie und Praxis diskutiert. Im Fazit werden dann die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst, bevor abschließend die zentralen Forderungen an das Hilfesystem formuliert werden.

Durch die Auswertung der Interviews wurde deutlich, dass psychisch kranke Frauen in zunehmendem Maße die Dienste von Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Anspruch nehmen. Ursachen dafür sind u.a. die meist unangemessenen Versorgungsstrukturen fachpsychiatrischer Einrichtungen - und hier insbesondere die hohen Zugangsvoraussetzungen. Hinzu kommen Probleme der KlientInnen auf der Individualebene wie Furcht vor Stigmatisierung, mangelnde Krankheitseinsicht und Kommunikationsfähigkeit aber auch negative Vorerfahrungen.

Die Wohnungslosenhilfe ist jedoch den Anforderungen, die sich aus der Betreuung ergeben, weder konzeptionell noch hinsichtlich ihrer Ressourcen gewachsen. Das, von Zurückgezogenheit und geringem Hilfesuchverhalten geprägte, krankheitsspezifische Verhalten der Klientinnen erfordert intensivere und zeitaufwendigere Betreuung. Verschärft wird diese Situation durch fehlende Unterstützungsinstrumentarien, unzureichende Ausbildung des Personals sowie mangelnde Infrastruktur. Dies bedeutet hohe Belastungen für die MitarbeiterInnen und führt nicht selten auch zu Überforderung.

Eine zentrale Forderung zur Lösung dieser Probleme für den Bereich der Wohnungslosenhilfe ist die Überprüfung ihrer fachlichen und quantitativen Ressourcen. Im Einzelfall werden Erhöhungen des Personalschlüssels erforderlich sein. Darüber hinaus müssen seitens der Träger die Rahmenbedingungen für die Einführung regelmäßiger Supervisionen geschaffen werden sowie auch die zeitlichen und finanziellen Voraussetzungen für intensive und umfassende Schulungen und Fortbildungen. Es bedarf genereller Regelungen hinsichtlich der Unterstützung der Mitarbeiterinnen durch fachpsychiatrisches Personal - ob durch temporäre psychiatrische Sprechstunden oder ein dauerhaftes interdisziplinäres Team - und einer weitestgehenden Flexibilisierung bei der Festlegung der Betreuungsintensität. Zudem sind durch verbindliche Übereinkünfte verlässliche, effektive und fachübergreifende Netzwerke aufzubauen, auf die im Bedarfsfall zurückgegriffen werden kann. Ergänzend dazu sind qualitativ und quantitativ neue Angebote, wie gemischtgeschlechtliche Einrichtungen, frauenspezifische niederschwellige Tagesstätten und gestaffelte Betreuungsangebote innerhalb der Einrichtungen zu schaffen.

Auch die Fachpsychiatrie muss ihre bislang starren und hochschwelligen Konzepte den speziellen Bedürfnissen und Kompetenzen wohnungsloser Frauen anpassen, indem Zugangsvoraussetzungen und Therapieziele neu definiert werden. Zum Ausbau des ambulanten Hilfesystems sind Voraussetzungen zu schaffen, die wohnungslosen Frauen den Zugang zu niedergelassenen PsychiaterInnen und PsychologInnen erleichtern.

Zur Realisierung dieser Forderungen bedarf es zunächst der Anerkennung der Problematik durch die Verantwortlichen und der Bereitschaft, gemeinsam an diesem Ziel zu arbeiten.

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG 1
2. THEORETISCHER TEIL 4
2.1 THEMENRELEVANTE BEGRIFFSERLÄUTERUNGEN 4
2.1.1 Wohnungslosigkeit - die Entwicklung eines Begriffs 4
2.1.2 Wohnungslosigkeit bei Frauen 5
2.1.3 Alleinstehende wohnungslose Frauen 6
2.1.4 Wohnungslosenhilfe - Geschichte und rechtliche Grundlagen 7
2.1.5 Psychische Krankheiten 8
2.2 KURZDARSTELLUNG AUSGEWÄHLTER EMPIRISCHER STUDIEN 9
2.2.1 Psychische Erkrankungen bei alleinstehenden wohnungslosen Frauen -eine epidemiologische Untersuchung von Annette Greifenhagen, 1995 10
2.2.2 Psychisch Kranke in der Wohnungslosenhilfe - eine qualitative Studie von Rolf Romaus und Beate Gaupp, 2003 11
2.2.3 Bedarfslage und Struktur wohnungsloser Frauen in München - Ergebnisse einer Verlaufsstichprobe von Rolf Romaus und Ruth Weizel, 2005 12
3. METHODISCHER TEIL 13
3.1 DATENERHEBUNG 13
3.1.1 Untersuchungsdesign 14
3.1.2 Untersuchungsmethode 15
3.1.3 Erhebungsinstrument 16
3.1.4 Zugang zum Untersuchungsfeld und Stichprobenziehung 18
3.1.5 Feldphase 19
3.2 DATENANALYSE 20
3.3 GÜTEKRITERIEN DER PRAXISFORSCHUNG 24
4. DARSTELLUNG UND DISKUSSION DER INTERVIEW-ERGEBNISSE 25
4.1 DIE EXPERTINNEN 25
4.2 DARSTELLUNG DER AUSGEWÄHLTEN FRAUENSPEZIFISCHEN EINRICHTUNGEN 26
4.3 DISKUSSION DER ERGEBNISSE 28
4.3.1 Problembewusstsein der Sozialpädagoginnen 29
4.3.2 Psychiatrische Versorgung für wohnungslose psychisch kranke Frauen 35
4.3.3 Besonderheiten der Interaktion zwischen Sozialpädagoginnen undpsychisch kranken Klientinnen 41
4.3.4 Arbeitssituation der Sozialpädagoginnen 55
4.3.5 Handlungsziele der Wohnungslosenhilfe 75
4.3.6 Netzwerkstrukturen und Kooperation mit fachpsychiatrischen Einrichtungen 81
4.3.7 Möglichkeiten und Grenzen der Wohnungslosenhilfe 89
4.3.8 Kriterien für die Entwicklung bedarfsgerechter Wohnformen 97
5. FAZIT 103
6. FORDERUNGEN AN DAS HILFESYSTEM 106
7. SCHLUSSBEMERKUNG 111
LITERATURVERZEICHNIS 114
ANHANG 1 - INTERVIEW LEITFADEN 123
ANHANG 2 - KURZFRAGEBOGEN 125
ANHANG 3 - SCHAUBILD QUALIFIZIERTE ANGEBOTE FÜR WOHNUNGSLOSE FRAUEN INNOTSITUATIONEN 126
ANHANG 4 - SCHAUBILD KONTAKTHÄUFIGKEIT NACH BEDARFSLAGE 127
ANHANG 5 - SCHAUBILD VERMITTLUNG IN WOHNFORM NACH BEDARFSLAGEGRUPPEN 128
ANHANG 6 - SCHAUBILD WEITERVERMITTLUNG INS HILFESYSTEM, EXTERNEKONTAKTE, KOOPERATION NACH PROBLEMBEREICHEN 129

Textprobe:

Probleme auf institutioneller Ebene. - Fachleute der Wohnungslosenhilfe sehen die Gründe für die mangelnde Inanspruchnahme psychiatrischer Dienste und therapeutischer Einrichtungen vor allem in deren hohen Zugangsvoraussetzungen, den starren Konzepten und in den hohen Anforderungen an die sprachliche und soziale Kompetenz der potentiellen PatientInnen.

In Untersuchungen wurde festgestellt, dass insgesamt weitaus mehr psychisch Kranke durch niedergelassene Allgemeinmediziner als durch Fachärzte oder -kliniken betreut werden. Dies hängt teilweise mit der größeren Mobilität dieser Ärzte, vor allem aber mit den geringeren Zugangshemmnissen zusammen. Die befragten Sozialpädagoginnen berichten ebenfalls über die, für wohnungslose Klientinnen oft unüberwindbare Hochschwelligkeit von Facheinrichtungen:

‘(Es ist so, dass) die fachpsychiatrischen Einrichtungen (.) so hochschwellig sind, dass man da nur hingeht, wenn man krankheitseinsichtig ist’.

Der Arbeitskreis Wohnungsnot weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass seitens der psychiatrischen Fachbereiche noch immer Defizite bestehen, die Mitwirkungsgrenzen der psychisch kranken Wohnungslosen zu erkennen und ihre begrenzte Kontaktfähigkeit zu würdigen. Behandlungsmotivation, so Rauchfleisch, sollte als Behandlungsziel und nicht als Zugangsvoraussetzung gewertet werden, zumal verschiedene Untersuchungen die Vermutung zulassen, dass Wohnungslosigkeit Krankheitseinsicht negativ beeinflusst. Vertreter der Wohnungslosenhilfe kritisieren außerdem, dass die Bedürfnisse der PatientInnen häufig den Interessen der MitarbeiterInnen der Psychiatrie entgegenstehen - beispielsweise das ‘In-Ruhe-gelassen-Werden’ - und diesen daher zu wenig Beachtung beigemessen werden.

Des Weiteren entsprechen vorhandene Konzepte - hier sei insbesondere die verpflichtende Teilnahme an Gruppenangeboten genannt - und die hohe soziale Dichte in den Hilfeeinrichtungen häufig nicht den Möglichkeiten und Bedürfnissen der KlientInnen. Diese Faktoren werden auch von den Sozialpädagoginnen als Stressoren für die Klientinnen wahrgenommen:

‘Da gibt es die Gravelottestraße, die sind so auf unserer Ebene (.) und dann haben die fast nur Doppelzimmer. Es ist einfach so: für psychisch kranke Frauen, zum Beispiel eine Zwanghafte oder eine mit Wahnvorstellungen, die lassen sich nicht in ein Doppelzimmer unterbringen’.

Neumann de Zavala weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass manche Anforderungen oder Zugangsvoraussetzungen selbst für gesunde Menschen unzumutbar seien. Eine der Sozialpädagoginnen ist derselben Meinung:

‘Man muss die Leute nicht gemeinschaftsfähig machen. Ich mach' auch keinen Töpferkurs, keinen Tangokurs oder Schreitherapie. Und ich möchte auch nicht haben, dass das sein muss. Und warum man denkt, dass gerade Leute, die psychisch krank sind, die Gruppensituation ständig aushalten müssen, das finde ich.(stöhnt auf)’.

Des Weiteren, so Schild, fühlen sich Einrichtungen mit psychiatrischem Behandlungsauftrag von wohnungslosen PatientInnen missbraucht: man geht davon aus, dass diese ihre Dienste lediglich als eine Form der Unterkunft (be-)nutzen, ohne dabei wirkliche Bereitschaft zur Veränderung zu zeigen (vgl. ebd. 2000, 99). In Folge dessen entwickeln fachpsychiatrische Dienste Taktiken, um ‘sich vor solchen ‘Kunden’ zu schützen oder sie baldmöglichst wieder loszuwerden’ (ebd., 2000, S.99 - Hervorhebung durch den Verfasser). Dies wiederum verschärft das Phänomen der mangelnden Inanspruchnahme durch wohnungslose psychisch Kranke zusätzlich. Eine der Sozialpädagoginnen umschreibt die Situation folgendermaßen:

‘.und wo die Psychiatrie natürlich schon viel früher einen Schnitt macht, eine Zäsur macht: `Ja, bei uns ist jetzt Ende. Wir haben alles gemacht was wir konnten, wir haben medikamentös eingestellt und jetzt schauen Sie, wie Sie zurechtkommen, wie Sie etwas finden, was Ihnen eine Hilfe ist´’.

Zusammenfassung und Schlussfolgerung. - Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe fungieren als Auffangbecken für die ‘ungeliebte und schwierige Patientengruppe’, die häufig vorzeitig aus der stationären Behandlung entlassen und für die oft kein Nachsorgeprogramm vorbereitet wird. Gründe dafür sind mangelnde Krankheitseinsicht und negative Vorerfahrungen seitens der Klientinnen. Demgegenüber stehen hohe konzeptionelle Anforderungen der Facheinrichtungen, die häufig nicht den Möglichkeiten der Klientinnen entsprechen und diese damit von vorne herein von der Behandlung ausschließen.

Ein Umstand, auf den in den Interviews nicht eingegangen wurde, sind ungeklärte Kostenträgerschaften und fehlende Meldeadressen, wodurch der Zugang zusätzlich erschwert wird.

Resümierend kann festgestellt werden, dass ungeachtet aller Versorgungshindernisse psychisch kranke Frauen ein sehr hohes Hilfesuchverhalten aufweisen. Dieses Verhalten ist bei Frauen grundsätzlich ausgeprägter als bei Männern. Meine Hypothese dazu ist, dass die Frauen Hilfen zwar in Anspruch nehmen, dies jedoch verdrängen oder aus Scham und/oder aus Angst vor negativen Konsequenzen vor ihrer betreuenden Sozialpädagogin verschweigen. Dies könnte die Ursache für die oben genannten Widersprüche sein.

Darüber hinaus wurde deutlich wie wichtig es ist, den Zugang zu therapeutischen Einrichtungen und zur Psychiatrie zu erleichtern. Dazu müssen vorhandene Konzepte überdacht werden. Es sollte über Sonderregelungen für wohnungslose, krankheits-uneinsichtige Klientinnen diskutiert werden, anstatt sie von vorne herein von Behandlungen auszuschließen. Auch der Vorschlag von Gaupp, psychiatrische Betten in Allgemeinkrankenhäusern einzurichten, weil die Hemmschwelle für das Aufsuchen einer solchen Klinik für psychisch kranke Frauen wesentlich geringer sei als eine Fachklinik aufzusuchen, ist in diesem Zusammenhang eine mögliche Option.

Eine völlig andere Möglichkeit wäre, für Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe Konzept-Erweiterungen in Zusammenarbeit mit den Kostenträgern auszuhandeln. In München existiert bereits ein breites Angebot an frauenspezifischen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Mit entsprechender personeller Erweiterung - auch aus dem Fachbereich Psychiatrie - könnte eine, den Bedürfnissen der psychisch Kranken entsprechende Betreuung in diesen Einrichtungen stattfinden. Für den bestehenden Personalstamm würde dies sicherlich eine Entlastung in ihrer Alltagsarbeit bedeuten und zu größerer Zufriedenheit führen. Die Klientinnen könnten auf diese Weise der gefürchteten Stigmatisierung durch die Unterbringung in einer psychiatrischen Facheinrichtung entgehen. Dieser Punkt darf nicht unterschätzt werden, da viele Klientinnen Wohnungslosigkeit noch immer weniger diskriminierend als psychische Erkrankungen empfinden.

Arbeit zitieren:
Preisinger, Jutta April 2006: Zwischen den Stühlen - Möglichkeiten und Grenzen in der Betreuung von psychisch kranken wohnungslosen Frauen, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Wohnungslosenhilfe, psychische Erkrankung, Betreuung, obdachlos, Frauenhilfe

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