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Demenz und Biografiearbeit zur Rekonstruktion und Sinngebung

Empirische Studie

Demenz und Biografiearbeit zur Rekonstruktion und Sinngebung
Über dieses Buch
  • Art: Studienarbeit
  • Autor: Jenny Enßle
  • Abgabedatum: Januar 2009
  • Umfang: 78 Seiten
  • Dateigröße: 494,1 KB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Hamburger Fern-Hochschule Deutschland
  • Bibliografie: ca. 26
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3419-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Enßle, Jenny Januar 2009: Demenz und Biografiearbeit zur Rekonstruktion und Sinngebung, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Pflegepersonal, Altersverteilung, Melancholie, Lebenserfahrung, Gerontologie

Studienarbeit von Jenny Enßle

Einleitung:

Biografiearbeit ist eine in der Pflege heutzutage weitgehend anerkannte Methode, die es dem Pflegepersonal erleichtert, einen Zugang zu den zu betreuenden Menschen zu finden. besonders im Falle von an Demenz Erkrankten.

Ziel dieser Hausarbeit in Form einer empirischen Studie ist die Darstellung des Konzeptes ‘Biografiearbeit’ im Zusammenhang mit der ambulanten Betreuung in einer Seniorentagesgruppe mit an Demenz erkrankten älteren Menschen. Der Hauptfokus liegt dabei auf dem Konzept des biografischen Arbeitens selbst.

Die Arbeit besteht aus sieben Hauptkapiteln. Im ersten Kapitel werden die aktuelle Situation und Perspektiven hinsichtlich Altersverteilung in der Bevölkerung und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Gesellschaft und die zu betreuenden hochaltrigen Bürger skizziert. Im Zuge dessen wird versucht, eine Brücke zur besonderen Situation der ambulanten Versorgung an Demenz Erkrankten zu schlagen. Als Ergebnis dieses Kapitels soll deutlich werden, warum die Betreuung an Demenz erkrankter Menschen zunehmend auf wirkungsvolle Methoden zur Versorgung angewiesen ist.

Im zweiten Kapitel geht es um den Arbeitsbereich der Gerontologie und der Betreuung an Demenz erkrankter Menschen. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Biografiearbeit seine Wurzeln in der Gerontologie hat, wird in diesem Kapitel erläutert, warum ein Zusammenhang von Gerontologie und Betreuung für an Demenz Erkrankter für beide Seiten sinnvoll und notwendig ist.

Im dritten Kapitel werden dann die Begriffe ‘Lebenserfahrung’, ‘Biografie’ und ‘Autobiografisches Erinnern’ erläutert, da sie im Kontext der Biografiearbeit von besonderer Relevanz sind.

Im vierten Kapitel wird das biografische Arbeiten vorgestellt. Nach einleitender Klärung des Begriffes ‘Biografiearbeiten’ werden sowohl Chancen als auch Risiken des Konzeptes für die alltägliche Arbeit mit an Demenz erkrankten Probanden vorgestellt.

Im fünften Kapitel werde ich die empirische Methode der Befragung in Betracht ziehen und die Befragungspartner vorstellen.

Im sechsten Kapitel wird die angewandte empirische Methode beschrieben. Es wird die quantitative Fragebogenerhebungsmethode erklärt und angewandt, sowie deren Problematik die bei der Befragung an Demenz Erkrankten aufgezeigt.

Im siebten Kapitel erfolgt die Darstellung der Untersuchungsergebnisse.

Die empirische Studie dient der Erforschung von Anwendungsmöglichkeiten biografischen Wissens und Anwendungsstrategien im Betreuungsalltag an Demenz erkrankter Menschen. Wie erfährt der Demenz Erkrankte Wert- Schätzung und Sinn-Findung?

Im Anhang des achten Kapitels befinden sich die Biografiebögen, das Literaturverzeichnis, das Abbildungsverzeichnis, das Abkürzungsverzeichnis, die Begriffserklärungen, die Einverständniserklärung der Einrichtung mit der Datenschutzerklärung und die Eidesstattliche Erklärung.

Inhaltsverzeichnis:

1. Aufbau der empirischen Studie 4
2. Die demografische Entwicklung als Impuls für neue Herausforderungen 6
2.1 Die demografische Revolution 7
2.2 Folgen für die Gesellschaft und pflegerische Versorgung und die Betreuung älterer Menschen mit Demenz 7
3. Gerontologie als wertvolle Quelle für die Pflegepraxis 8
3.1 Definition und Ziele 8
3.2 Schnittstellen zu Pflegewissenschaft und– Praxis 9
4. Erläuterungen wichtiger Begriffe 10
4.1 Lebenserfahrung 10
4.2 Biografie- Arbeiten 10
4.3 Autobiografisches Erinnern 11
5. Biografisches Arbeiten 12
5.1 Begriffserklärung 12
5.2 Methoden der Biografiearbeit 12
5.3 Ziele der Biografiearbeit 13
5.4 Regeln für Interviewer und Interviewten 14
6. Angewandte empirische Methoden 15
6.1 Qualitative Fallstudie: Was bedeutet das hier? 15
6.2 Forschungsprozess und Forschungsdesign 15
6.3 Die Aktionsforschung, was bedeutet das für das Interviewer? 16
6.4 Auswahlverfahren 18
6.5 Erhebungsmethode 18
6.6 Besondere Problematik bei der Befragung bei an Demenz Erkrankten 20
6.7 Befragung anhand eines strukturiertem Biografiebogens in Form eines Leitfadens in der qualitativen Forschung 20
7. Darstellung der Ergebnisse 20
7.1 Die qualitative Inhaltsanalyse 20
7.2 Auswertung 21
7.3 Einzelauswertung der Interviews 22
7.4 Gesamtauswertung der Interviews 34
7.5 Wünsche - Bedürfnisse und die Umsetzung in der Tagesgruppe 37
7.6 Wert - Schätzung und Sinn - Findung 41
7.7 Nutzen der Biografiearbeit für die Arbeit der Tagesbetreuung 44
8. Anhang 44
8.1 Biografiebogen leer 45
8.2 Anonymisierte Biografiebögen der Interviewten I-V 48
8.3 Literaturangabenverzeichnisse 75
8.4 Abbildungsverzeichnisse 77
8.5 Abkürzungsverzeichnisse 77
8.6 Begriffserklärungen 77

Textprobe:

Kapitel 7.5, Wünsche- Bedürfnisse und die Umsetzung in der Tagesgruppe Erinnerungen an die Vergangenheit und die eigene Biografie sind außerordentlich wichtig, Bücher und Bilder haben für Herrn C eine außerordentliche Bedeutung ‘ne moralische Bedeutung’. Er zehrt von Erinnerungen an vergangene Reisen und andere besondere Ereignisse in seinem Leben. Herr H. lebt von seinen Erinnerungen an die Landwirtschaft und dass er der einzige der Kinder war, ‘sein Vater war stolz auf ihn’, der diese Aufgabe wahrnehmen konnte, einen Hof zu führen. Frau B. ist stolz auf die Steine, die sie im Butzenbach gefunden und mit nach Hause genommen hat und ‘der Vater so ein schönes Bad gebaut hat, dass müssten sie mal sehen’, Frau M. ist stolz darauf. Sie hat die Domeniumkinder versorgt unter widrigsten Umständen damals. Frau Br. hat gern Handarbeiten ausgeführt, sie bedauert, leider bin ich nie Schneiderin geworden.

Allen Interviewten sind froh, dass sie sich in der Tagesgruppe austauschen können. Die Interviewten sind froh über die verbliebenen Fähigkeiten und sehen die Aktivitäten in der Gruppe als Freude und willkommene Abwechslung an.

‘Dass sie unter Menschen sind’, äußern alle Interviewten. Soziale Kontakte und Zugehörigkeit sind grundlegende Bedürfnisse, die in den Interviews angesprochen werden. Herr H. kann sich als Einziger dazu nicht äußern.

Verständnis und Akzeptanz sind für die Betroffenen wichtige Vorraussetzungen, sich zugehörig und geborgen zu fühlen. Akzeptanz heißt, den Betroffenen wahrnehmen, wie er ist, Frau B. äußert (‘ich bin doch auch wer’).

Frau Br. sagt: ‘man kann mit mir vernünftig reden, nicht rumalbern’.

Herr C. ‘Entschuldigung kommt nicht wieder vor’.

Frau M. lacht, ‘…es ist schön, nette Leute zu treffen’. Die Betroffenen sind sehr sensibel gegenüber ihrer Umwelt. Sie wollen respektiert und ernst genommen werden. Sie haben den Wunsch, sich aktiv mit ihren persönlichen Fähigkeiten einzubringen, worauf ich im folgenden Absatz näher eingehen werde.

Wenn alle in der Gruppe ins Erzählen, Reden kommen, wenn man dann gemeinsam etwas bastelt oder singt oder im Sitzen tanzt (…zeigt her eure Füße), kommt Freude auf. Im Allgemeinen habe ich das Gefühl, sie kommen gerne und sie empfinden da nicht, dass sie dement sind, sondern einfach, dass sie was einbringen können in der Gruppe, dass sie was zum Thema beitragen können, dass sie persönlich wichtig sind und jeder von jedem lernen kann. Dass die Gäste sich von sich aus an ihrem aktuellen Wollen und Empfinden orientieren und es äußerer Unterstützung braucht, um die Einzelnen in die Gruppe zu integrieren.

Hier habe ich nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden bei den fünf Interviewten gesucht und diese zusammengetragen und mit Tagesthemen der letzten 10 Wochen verglichen.

Das Thema Reisen wird von vier Gästen als besonders interessant und früher häufig unternommen beschrieben. Es wird von Reisen ans Meer und Wanderreisen in die Alpen, das Allgäu oder Südtirol beschrieben. Von einer Frau und von einem Mann erfahre ich nichts darüber, sie waren Daheim und ‘ham immer geschafft, Arbeit gab`s genug’. An keinem Gruppentag wurde das Thema Reisen angesprochen, hier ließe sich ein erweitertes Tageskonzept erstellen.

Zum Thema Freizeitbeschäftigung und Hobbys habe ich herausgefunden, dass nicht alle Freizeit vom Beruf getrennt haben. Wer Bauer und Landwirt war, war es auch in seiner Freizeit. Frauen haben sich im Winter, es betrifft alle drei Frauen, mit Näh-, Strick-, Häkel- und Stickarbeiten beschäftigt. Im Sommer gab es mehr Arbeiten im Garten, auf dem Feld oder auf dem eigenen Hof.

Sportliche Betätigungen gab es nicht, die Arbeit war früher meist lang und schwer genug am Tag.

Drei Gäste hatten einen Hund, und in der Landwirtschaft gab es genug Haustiere zu versorgen, wie Gänse, Hühner, Schweine, Rinder und Pferde. Vier der Interviewten hatten täglich Kontakt mit Tieren. In der Tagesbetreuung gibt es eine Hauskatze und zwei Besuchshunde, wovon einer der Meinige ist, die Gäste freuen sich regelmäßig über diesen Besuch.

Alle drei Frauen haben Kinder groß gezogen und erzählen auch heute noch von dieser Zeit. Nur Frau Br. sagt nichts dazu, obwohl sie auch einen Sohn hat, bei dem sie wohnt. Herr H. hat auch einen Sohn, er kann sich diesbezüglich nicht mehr äußern. Herr C. hat keine Kinder. Er geht in den Gesprächen auch nicht drauf ein.

Die drei Frauen haben früher auch viel gesungen (Kirche, Chor oder in der Familie).

Auch die Männer singen in der Gruppe mit Texten aus dem Liederbuch alte Volkslieder, Herr H. hat keinen Bezug zum Singen mehr. Ein fester Bestandteil eines jeden Tages ist am Nachmittag das Singen, und hier ist erstaunlich festzustellen, wie viele Verse auswendig von bestimmten Liedern aus der Erinnerung gesungen werden und mit welcher Begeisterung gesungen wird.

Von den fünf Interviewten hat nur ein Herr ein Instrument selbst gespielt. Frau M. hat Geige gespielt. Hier würde sich eine Tagesgestaltung mit Orffschen- Instrumenten anbieten.

Hand- und Hausarbeit ist ein Bereich, der bei allen Gästen Anklang findet. Bei den drei Frauen war es die Hauptaufgabe ihres Lebens.

Es geht um besondere heimatspezifische Gerichte und Vorlieben der Männer. Es wurden Früchte bestimmt und was früher daraus zu Spirituosen vergoren wurde. Die Kirsche, die Pflaume, die Mirabelle, die Birne, die Quitte, die Schlehen, der Sanddorn, die Weintrauben.

Im Herbst wurden an einem anderen Tag Kuchenrezepte ausprobiert, von Dr. Oetker. Es wurde ein Kriegsrührkuchen gebacken, ein Rührkuchen aus den fünfziger Jahren und einer nach Rezeptvorgaben von Heute. Die Unterschiede waren gravierend. Am Kriegskuchen haben sich einige verschluckt, weil er zu trocken und staubig war. Der Heutige war zu fettig, und man musste mit Bedacht essen. Im festen Ablauf der Gruppe kommt das Kaffeetrinken einem Ritual gleich, und man unterhält sich. Es gibt das Auf- und Abdecken des Tisches, das Dekorieren, das Abwaschen und das Aufräumen. Anschließens die schon erwähnte Musik und das Singen.

Spiele wurden bei vier Gästen als besondere Vorliebe erwähnt. Es vergeht kaum ein Gruppentag, an dem nicht gespielt wird, denn das ist eine ideale Möglichkeit, methodisch alle einzubeziehen, auch wenn manchmal Regeln nach den Fähigkeiten des Einzelnen angepasst werden müssen.

Interessant war rückblickend zu erfassen, dass die persönlichen Vorlieben an den Gruppentagen typische Anknüpfungspunkte, hier für jeden Einzelnen gegeben sind, obwohl sie nicht explizit Thema waren. Sondern im methodischen Gestalten zum Tragen kommen können und somit die Gäste immer wieder an ‘Eigenes’ erinnern.

Andere speziell an Zeiten teilhaben können, die sie selbst nie erlebt haben z.B. Praktikanten.

‘Mein Grundsatz ist, dass es eben zum einen Menschen sind, die nichts an Ihrem Wert, ihrer Würde als Mensch verloren haben, weil sie demenzkrank sind. Zum anderen steht für mich auch Respekt dahinter, was die Menschen in ihrem Leben geleistet haben. Wenn man manche Geschichten sieht, die meisten haben eine oder zwei Weltkriege erlebt, die Inflation erlebt, haben Deutschland wieder aufgebaut. Für mich steht da einfach die Wert-Schätzung dahinter. Auf diesem Begriff Wert-Schätzung basiert meine Auswertung’.

Arbeit zitieren:
Enßle, Jenny Januar 2009: Demenz und Biografiearbeit zur Rekonstruktion und Sinngebung, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Pflegepersonal, Altersverteilung, Melancholie, Lebenserfahrung, Gerontologie

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