Stoßübertragung über das Knie und muskuläre Gelenkkopplung
- Art: Dissertation / Doktorarbeit
- Autor: Wolfgang Potthast
- Abgabedatum: März 2005
- Umfang: 123 Seiten
- Dateigröße: 1,4 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Deutsche Sporthochschule Köln Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8836-9
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8836-9 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8836-9 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Potthast, Wolfgang März 2005: Stoßübertragung über das Knie und muskuläre Gelenkkopplung, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Beschleunigung, Belastung, Biomechanik, Stoßweiterleitung, Impact
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Dissertation / Doktorarbeit von Wolfgang Potthast
Zusammenfassung:
In der biomechanischen Forschung besteht ein Kenntnisdefizit im Bezug auf die Weiterleitung von Stößen über die untere Extremität. Es kann davon ausgegangen werden, dass passive Strukturen wie Gelenkknorpel, Menisken, Knochenmaterial oder Gelenkkapselgewebe – zumindest in vitro - eine stoßmodulierende Wirkung haben. Auch aktiven Mechanismen, wie z.B. veränderter Beinsteifigkeit in Folge von Gelenkwinkelvariationen, wird ein Einfluss auf die Stoßtransmission zugeschrieben. Wie jedoch Veränderungen in der Muskelaktivität in unterschiedlichen Gelenkwinkeln die Stoßübertragung beeinflussen, ist ungeklärt. Weiterhin ist nicht bekannt, ob passive Strukturen auch in vivo eine relevante Rolle bei der Stoßweiterleitung spielen.
Biologische Strukturen können auf stoßförmige Belastungen sowohl mit Materialversagen, d.h. Verletzungen oder Schädigungen, als auch mit Materialverbesserung, d.h. biopositiven Adaptationsprozessen, reagieren. Die Ausprägung dieser Reaktionen ist jedoch von den strukturinternen Belastungs- und Beanspruchungssituationen abhängig. Diese sind maßgeblich von der Weiterleitung externer Stöße abhängig. Einem detaillierten Verständnis bezüglich der Übertragung stoßförmiger Belastungen kommt also besondere Forschungsrelevanz zu.
Ziel der Arbeit war es, ursächliche Zusammenhänge zwischen Stoßweiterleitung und Muskelaktivität bzw. Gelenkwinkel zu erkennen und damit zu einem verbesserten Verständnis der Stoßtransmission beizutragen. Die Arbeit konzentrierte sich dabei auf den Übertrag über das vitale menschliche Kniegelenk.
Menschliche Fortbewegungssituationen ermöglichen es nur bedingt, aufgrund der gegenseitigen Beeinflussung von Kniewinkel und Muskelaktivität, die Stoßweiterleitung auf ihre Abhängigkeit von diesen Größen zu studieren. Deshalb wurden unter kontrollierten Bedingungen mit einem pneumatisch getriebenen Impacter Stöße plantar in die Fersen von vier männlichen freiwilligen Probanden eingeleitet. Die experimentellen Interventionen bestanden einerseits in Variationen des Kniewinkels von 0°, 20° und 40°. Andererseits wurde in jeder dieser Positionen die Muskelaktivität der gelenkumspannenden Muskulatur gezielt zwischen 0%, 30% und 60%, bezogen auf maximale willkürliche Kontraktionen, verändert. Als abhängige Variablen wurden die Beschleunigungen von Tibia und Femur mit Beschleunigungssensoren, die an Knochenschrauben montiert waren, dreidimensional erfasst. Die Orientierung der Sensorenachsen wurde eingangs mit einem Bewegungsanalysesystem bestimmt und rechnerisch parallel zu den Segmentachsen von Tibia und Femur ausgerichtet. Aus dem Quotienten der Maxima von Tibia- und Femurbeschleunigung wurde ein Stoßübertragsverhältnis berechnet. In der 0°-Kniewinkelbedingung konnten aus den Beschleunigungs-Zeit-Verläufen die segmentalen Relativbewegungen in allen drei Achsen kalkuliert werden.
Die ermittelten maximalen Kraftwerte von durchschnittlich 520 N entsprachen in etwa den Impacts, die durch die Kollision des Fußes mit dem Boden beim menschlichen Gang erzeugt werden. Das gleiche gilt für die Tibia- und Femurbeschleunigungen von 2,9 bzw. 1,6 g.
Sowohl auf die Beschleunigung als auch auf die Stoßkraft hatte die experimentelle Intervention Einfluss. Es konnte gezeigt werden, dass die isolierte Erhöhung der Muskelaktivität eine Zunahme der generierten Stoßkraft und in den meisten Fällen auch eine erhöhte Kraftanstiegsrate bewirkte. Die Tibiabeschleunigung in Richtung der Segmentlängsachse dagegen wurde signifikant reduziert. Die Erhöhung der Knieflexion hatte einen gegenläufigen Effekt. Es ist davon auszugehen, dass diese Effekte auf erhöhte Beinsteifigkeit bei höherer Muskelaktivierung bzw. geringerer Knieflexion zurückzuführen sind.
Die Stoßtransmission über das Kniegelenk stieg um etwa 10% bis 15% mit höherer Muskelaktivierung im 0°-Kniewinkel. Gleichzeitig reduzierten sich die Kniekompression sowie medio-laterale und antero-posteriore Scherbewegungen zwischen Tibia und Femur mit steigender Aktivierung signifikant. Die Abhängigkeit der Stoßtransmission von der Muskelaktivität konnte nicht allein durch geringere Kniewinkelvariationen bei höherer Aktivierung erklärt werden. Da bei steigender Muskelaktivierung erhöhter Stoßübertrag bei gleichzeitig reduzierter Kniegelenkskompression identifiziert wurde, ließ sich ableiten, dass den passiven Strukturen auch in vivo eine stoßreduzierende Wirkung zugeordnet werden kann. Dieser stoßreduzierende Effekt der intra- und periartikulären Strukturen ist durch die Muskelaktivität zu beeinflussen.
In den höheren Kniewinkelpositionen wurden mit durchschnittlich 54% beim 20°- und 24% beim 40°-Winkel deutlich geringere Überträge ermittelt. Hier werden vermutlich überlagernd mehrere reduzierende Mechanismen wirksam. Allein aufgrund trigonometrischer Gesetzmäßigkeiten wird der Stoß um 6% beim 20°- bzw. 23% beim 40°-Winkel abgeschwächt. Zusätzlich ist davon auszugehen, dass der Beitrag der Kniewinkelvariation zur Stoßreduktion bedeutsamer als in der 0°-Situation ist und dass Relativbewegungen in medio-lateraler sowie in antero-posteriorer Richtung erhöht gegenüber der 0°-Bedingung sind und stärker zur Stoßreduktion beitragen.
Interindividuelle Unterschiede oder subjektspezifische Besonderheiten in den Resultaten konnten nicht vollständig aufgeklärt werden. Im wesentlichen dürften sie auf morphologische Unterschiede zurückzuführen sein. Weitere Studien mit Hilfe bildgebender Verfahren sollten hier weitere wertvolle Einsichten liefern.
Die Arbeit konnte einen Zusammenhang zwischen Stoßtransmission und der Muskelaktivität sowie dem Kniewinkel zeigen. So konnte zu einer Verständnisverbesserung der den Stoßübertrag beeinflussenden Mechanismen beigetragen werden. Die Kenntnis über die Wirkung der Muskelaktivität auf die Stoßweiterleitung und auf die segmentalen Relativbewegungen könnte hilfreich im Hinblick auf die noch nicht vollständig geklärte Wirkung des Impacts sein. Die Resultate zeigen an, dass sowohl bezüglich biopositiver Adaptations- oder Heilungsprozesse als auch bezüglich des Schädigungspotentials die modulierende Rolle der Muskeltätigkeit zu berücksichtigen ist.
Inhaltsverzeichnis:
| Inhaltsverzeichnis | 2 | |
| 1. | Einleitung | 3 |
| 2. | Stoßübertragung | 5 |
| 2.1 | Stoßförmige Belastung und Verletzungen | 5 |
| 2.2 | Stoßweiterleitung | 10 |
| 2.2.1 | Bodenreaktionskraft als Inputsignal | 10 |
| 2.2.2 | Zur Messmethodik der Stoßübertragung? | 12 |
| 2.2.3 | Weiterleitung von Stößen über das Muskelskelettsystem | 15 |
| 3. | Problemstellung | 29 |
| 3.1 | Stoßweiterleitung externer Impacts | 29 |
| 3.2 | Ziel der Studie | 31 |
| 4. | Stoßübertragung über das Kniegelenk | 32 |
| 4.1 | Untersuchungsdesign | 32 |
| 4.2 | Merkmalsstichprobe | 34 |
| 4.3 | Messmethodik | 36 |
| 4.4 | Versuchsdurchführung | 48 |
| 4.5 | Personenstichprobe | 53 |
| 4.6 | Statistische Verfahren | 54 |
| 5. | Ergebnisse | 55 |
| 5.1 | Falleliminationen | 55 |
| 5.2 | Zusammenhang zwischen Muskelaktivität und Kniewinkelparametern | 56 |
| 5.3 | Stoßparameter und deren Veränderung in den Versuchsbedingungen | 59 |
| 5.3.1 | Kraft | 60 |
| 5.3.2 | Beschleunigung | 63 |
| 5.3.3 | Relationen der Stoßüberträge | 70 |
| 5.4 | Kompression und Scherung | 74 |
| 6. | Diskussion | 78 |
| 6.1 | Zur Methode | 78 |
| 6.2 | Unabhängige Variablen: Muskelaktivität und Gelenkwinkel | 80 |
| 6.2.1 | Muskelaktivität | 80 |
| 6.2.2 | Kniewinkel | 81 |
| 6.3 | Abhängige Variablen: Kraft und Beschleunigung | 82 |
| 6.3.1 | Kraft | 82 |
| 6.3.2 | Beschleunigung | 84 |
| 6.4 | Stoßübertrag und Relativbewegung | 89 |
| 6.4.1 | Stoßübertragung | 89 |
| 6.4.2 | Kompression und Scherung | 95 |
| 6.4.3 | Zusammenhang zwischen Stoßübertrag und Kompression | 98 |
| 6.5 | Schlussfolgerungen und Ausblick | 100 |
| 7. | Zusammenfassung | 103 |
| 8. | Literaturverzeichnis | 106 |
| 9. | Abbildungsverzeichnis | 115 |
| 10. | Tabellenverzeichnis | 117 |
| 11. | Anhang | 118 |
Für alle Probanden gemeinsam wurden bei jedem Muskel signifikant höhere iEMG-Werte in den experimentell vorgegebenen höheren Kontraktionssituationen gemessen. Bei der individuellen Analyse für jeden Probanden einzeln ist festzuhalten, dass für die Steuerungsmuskeln GM und VM in den höheren Kontraktionssituationen immer signifikant höhere Muskelaktivitäten identifiziert wurden als in den tieferen Stufen. Das galt immer für mindestens ein weiteren Muskel zusätzlich. In einigen Fällen wurden bei den übrigen Muskeln zwischen zwei benachbarten Niveaus keine signifikanten Unterschiede für einen oder zwei Muskeln ermittelt (s. Tabelle 3). In sieben Fällen zeigte der ST keinen signifikanten Aktivitätsunterschied zwischen zwei Niveaus, in sechs Fällen der GL und einmal der VL. Proband P3 zeigte in der 0°-Kniewinkelbedingung keine signifikanten Aktivitätsunterschiede zwischen den 0%- und 30%-Niveaus für GL und ST zusammen. In allen anderen Fällen galt dies für maximal einen Muskel. Der Fall, dass in einer höheren Kontraktionssituation ein oder mehrere Muskeln geringer aktiviert waren als in einer darunter liegenden, trat nicht auf. [...]
In diesem Abschnitt werden die Ergebnisse der die Versuchsbedingungen beschreibenden Parameter bearbeitet. Zunächst wird dargestellt, wie sich die Aktivitäten der einzelnen Muskeln mit den unterschiedlichen Kontraktionsbedingungen ändern. Daran schließt sich die Betrachtung der Variation der Kniewinkelparameter in den verschiedenen Aktivitätsniveaus an. iEMG Zur Überprüfung, ob die experimentelle Intervention der unterschiedlichen Kontraktionssituationen den beabsichtigten Effekt variierter Aktivierung der Steuerungsmuskeln GM und VM sowie der anderen untersuchten Muskeln GL, VL und ST hatte, wurden die iEMG-Werte des Zeitintervalls über 50 ms vor Impacteinleitung verglichen. Für alle Probanden zusammen stellt Abbildung 15 das Aktivitätsverhalten für alle drei Kniewinkel dar sowie anhand der Varianzanalyse identifizierte signifikante Unterschiede zwischen den Kontraktionssituationen (p<0,05). [...]
Stoßversuche Bei jedem Probanden betrug der zuerst eingestellte und getestete Kniewinkel 0°. Die Reihenfolge der daran anschließenden Einstellungen von 20 und 40° wurde zufällig gewählt. In jeder der Kniewinkelbedingungen wurde nach der MVC Messung zuerst das Aktivitätsniveau von 0%, gefolgt von 30% und abschließend 60% getestet. Zum Auslösen der Stöße mussten mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein. Der Versuchsleiter kontrollierte dazu optisch am Monitor den Kniewinkel und anhand einer Markierung seitlich an der Rückfußschale die Position des Fußes bzw. die freie Weglänge des Stoßkolbens von 1,5 cm. Wenn diese Bedingungen erfüllt waren, der Proband bereit für die Kontraktion war und sich außerdem keine Fremdkörper zwischen Stoßkolben und Ferse befanden, konnte die Freigabe per Knopfdruck am PC für die Stoßinitiierung erfolgen. Der Proband hatte nun entsprechend des zu testenden Niveaus die Muskulatur zu aktivieren. Am Computermonitor wurden ihm die momentanen Aktivierungsstufen des GM und des VM prozentual zu den zughörigen MVC anhand von Balkendiagrammen angezeigt. Mit Hilfe dieses Biofeedbacksystems konnte der Proband die Aktivierung der Steuerungsmuskeln regulieren. Nur wenn über einen Zeitraum von 0,1 s die Aktivitäten beider Steuerungsmuskeln innerhalb des Toleranzintervalls lagen (s. Messmethodik), was dem Probanden anhand eines Farbwechsels der Balkendiagramme angezeigt wurde, erfolgte automatisch die Stoßauslösung. Nach jedem Stoß wurde eine Pausenzeit von mindestens 5 s eingehalten. Das nächste Aktivierungsniveau wurde nach zehn gemessenen gültigen Stößen getestet. Wenn für eine Kniewinkelbedingung alle drei Aktivitätslevel durchlaufen waren, wurden Stuhl und Proband in die nächste Position (20 oder 40°) gebracht, was einen Zeitraum von acht bis zehn Minuten in Anspruch nahm. Nach dem Messen der MVC in der neuen Position folgte dann analog die Messung der Stoßweiterleitung in den drei Aktivitätsniveaus. Nachbehandlung An die Stoßversuche schloss sich das Entfernen der Messgeräte und des Zubehörs an. Nach dem Beginn des chirurgischen Eingriffs zum Eindrehen wurde ein maximaler Zeitraum von 2,5 Stunden bis zum Ausschrauben der Stifte eingehalten. Das Ausdrehen erfolgte im Operationssaal. Die Hautöffnungen wurden mit Pflasterstreifen verschlossen. Zu allen Probanden bestand auch einige Monate nach der Versuchsdurchführung noch Kontakt. Die Teilnehmer verspürten über einen Zeitraum von etwa neun Tagen Schmerzen an den Einschraubstellen. Keiner berichtete von langfristigen Beschwerden. Nach der Studie stand der Arzt [...]
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832488369
Arbeit zitieren:
Potthast, Wolfgang März 2005: Stoßübertragung über das Knie und muskuläre Gelenkkopplung, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Beschleunigung, Belastung, Biomechanik, Stoßweiterleitung, Impact



