Theologisieren mit Kindern einer heterogenen vierten Klasse
Über Texte und Bilder die Frage nach Gott stellen
- Art: Staatsexamensarbeit
- Autor: Anna Oliwer
- Abgabedatum: September 2009
- Umfang: 54 Seiten
- Dateigröße: 6,6 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg Deutschland
- Bibliografie: ca. 22
- ISBN (eBook): 978-3-8366-4144-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Oliwer, Anna September 2009: Theologisieren mit Kindern einer heterogenen vierten Klasse, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Theologisieren, Religion, Unterricht, Grundschule, Entwicklung
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Staatsexamensarbeit von Anna Oliwer
Einleitung:
Die behandelte Unterrichtseinheit -’Wer bist du, Gott? - Mit Kindern über Gott sprechen’ ist Basis für die Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit ihrem eigenen Gottesbild. Grundlage sind Bilder, Erzählungen und gezielte Impulse der Lehrkraft, die den zusammengestellten Unterrichtsideen des Pädagogisch-theologischen Instituts Nordelbien entlehnt worden sind. In dieser praktischen Examensarbeit wird der Versuch unternommen, im Religionsunterricht einer vierten Klasse über die Beschäftigung mit Gottesvorstellungen (Theologisieren), allen Kindern die Möglichkeit zu geben ihr eigenes Gottesbild zu finden und zu entwickeln.
Die theoretische Grundlage bildet der strukturgenetische Ansatz von Fritz Oser und Paul Gmünder. Das Ziel dieser Richtung der religiösen Erziehung ist es, eine religiöse Entwicklung bei den Schülern in Gang zu setzen. In der beschriebenen Unterrichtseinheit (UE) sollen die Möglichkeiten und Voraussetzungen geschaffen werden, damit die Vorstellungen der Schüler zu einer nächsthöheren Stufe befördert werden können.
Diese Examensarbeit behandelt eine achtstündige UE für eine heterogene Lerngruppe aus Zehn- bis Zwölfjährigen. Heterogenität ist in der aktuellen Lehrerausbildung ein in der Diskussion befindlicher Begriff, der recht verbreitet ist. In der betrachteten Lerngruppe konnte die Autorin bereits einschlägige Erfahrungen mit den unterschiedlichen Schülern machen, die bei der methodischen Planung Berücksichtigung gefunden haben. Diese Erfahrungen fließen in die Lerngruppenbeschreibung und in die daraus abgeleiteten methodischen Überlegungen ein.
Da GOTT ein sehr abstrakter Begriff ist, muss überlegt werden, wie dieser den Kindern anschaulich nahegebracht werden kann. Wie erfolgreich die Durchführung der Einheit war, wird in Kap. 5 selbstkritisch reflektiert. Auf die vorher behandelten Überlegungen zur Didaktik, Methodik und Lerngruppe wird dabei Bezug genommen.
Diese Arbeit beginnt mit einem theoretischen Teil über die Heranführung von Kindern an die Bildung ihres eigenen Gottesbildes. Das Stufenmodell von Oser und Gmünder bildet dabei den inhaltlichen Bezugsrahmen dieser Arbeit, die auch versucht, die religionspädagogischen Konsequenzen dieses Ansatzes zu skizzieren.
Problemstellung:
Das Ziel der UE ist es, mit den Kindern über Gott zu sprechen und ihnen mit bestimmten Lernangeboten die Möglichkeit zu geben, ihr eigenes Gottesbild zu entwickeln. Darüber hinaus wird die Weiterentwicklung der Gottesbilder in den Schülern beabsichtigt (Veränderung der Tiefenstrukturen). Für die Anregung sich mit Gott zu beschäftigen, hat sich in der wissenschaftlichen Literatur der Begriff ‘Theologisieren’ herausgebildet.
Theologisieren ist ein an das ‘Philosophieren mit Kindern’ angelehnter Fachbegriff über Fragen, die im weitesten Sinne mit dem Glauben und mit Gott zu tun haben. Es wird beabsichtigt, die Religiosität der Kinder zu erweitern, und nicht bestimmte Glaubensaussagen zu überprüfen oder wissenschaftlich zu belegen. Im Vordergrund stehen immer die Vorstellungen und Erfahrungen der Kinder. Bestimmte Glaubensinhalte oder Dogmen sollen ihnen nicht aufgezwungen werden.
Im weiteren Begriffsverständnis umfasst Theologisieren die Anregung anderer, sich mit Religion und ‘den großen Fragen des menschlichen Daseins’ auseinander zusetzen. In dieser Arbeit wird das enge Begriffsverständnis verwendet, das sich auf die Beschäftigung mit Gott bezieht. Dies entspricht der in Kap. 4.2.3 konkretisierten Themeneingrenzung und somit der inhaltlichen Schwerpunktlegung.
Kinder sind auf ihre ganz eigene Weise Theologen. Kinder fragen nach Gott. Oberthür geht davon aus, dass Kinder Gott begegnen und sich ihm annähern wollen. ‘Sie wollen Gott als den Unsichtbaren und Unabbildbaren schauen, nach Gott als dem Unbegreifbaren tasten, von Gott als dem Unaussprechbaren reden, Gott in Gegensätzen als nah und fern, groß und klein, allmächtig und ohnmächtig, hoch und tief erfahren.’ Zu all den Fragen benötigen Kinder einen Austausch. Sie brauchen die ‘WIR-Erfahrung im gemeinsamen Fragen und Suchen. Im Dialog können sie Antworten finden und sich SELBST und GOTT näher kommen.’ Im Folgenden wird begründet, warum das Thema in diese Richtung konkretisiert wird.
Begründung der Themenwahl:
Bei der Themenwahl für die UE sind exklusiv philosophische Methoden nicht die Hauptsache. Vielmehr geht es darum, den Kindern Mut zu machen, ihren Gedanken und Fragen nachzugehen und diese zuzulassen. Ideengeber für das Thema der UE waren die Kinder selbst und ihre häufig beobachteten Fragen (Luca: ‘Gibt es dich wirklich, Gott?’ Victoria R.: ‘Wieso hat [König] David immer so ein Glück?’).
Die Religionslehrerin Claudia Rosenhammer betont den zunehmenden kritischen Realismus, der es Kindern immer mehr erschwert, ‘mit ihren kindlichen anthropomorphen Gottesbildern umzugehen’.
Auch Oberthür spricht von der heutigen Sozialisation der Kinder und betont dabei die Distanz zur Religion. Die Existenz Gottes wird infrage gestellt. Der RU muss sich darauf einstellen und ‘muß um der Glaub-Würdigkeit des Glaubens willen die Frag-Würdigkeit Gottes zur Sprache bringen.’ Diese heterogene Sozialisation hat Konsequenzen für die Planung der UE, die in Kap. 2.3 erläutert werden.
Zwei Perspektiven der Heterogenität:
Es lassen sich zwei Perspektiven der Heterogenität unterscheiden, die für die Planung und die Umsetzung dieser UE relevant sind. Die eine ist eine didaktisch-pädagogische Perspektive von Heterogenität. Sie berücksichtigt die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schüler in der Zusammensetzung der Lerngruppe.
Oberthür betont die vielfältigen Wege der religiösen Lernprozesse und plädiert dafür, in der Methodenwahl die unterschiedlichen Lerntypen zu berücksichtigen und verschiedene Lerneingangskanäle anzusprechen (visueller, auditiver und kinästhetischer Kanal).
Es gilt, bei der Planung auch weitere lernrelevante Unterschiede zu berücksichtigen. Dazu gehören u. a. Leistungs- und Arbeitsverhalten, mündliche Beteiligung, Kommunikations- und Sozialkompetenz. Einigen Schülern fällt es beispielsweise schwer, sich am Unterrichtsgespräch (UG) zu beteiligen. Dazu gehören Celina, Martin, Marvin, Angelika und Julia. Diese Kinder sollen durch unterschiedliche Sozialformen, wie Einzelarbeit (EA), Partnerarbeit (PA) und Gruppenarbeit (GA), die Möglichkeit bekommen, sich zu öffnen. Näheres dazu in Kap. 4.
Die andere Perspektive von Heterogenität wird durch die Anwendung eines Stufenmodells von Oser und Gmünder berücksichtigt. Diese Perspektive betrifft die Gottesbildentwicklung und ermöglicht die Analyse und Kategorisierung des Entwicklungsstandes in der Gottesbildentwicklung. Eine Überprüfung eines individuellen Entwicklungsstandes wird in Kapitel 5.1. behandelt. Das Stufenmodell von O/G ist zentral für die Untersuchung der UE, daher wird es im Folgenden (Kap. 3) ausführlich dargestellt.
Inhaltsverzeichnis:
| 1. | Einleitung | 3 |
| 2. | Kinder an ihre eigene Gottesvorstellung heranführen | 4 |
| 2.1 | PROBLEMSTELLUNG | 4 |
| 2.2 | BEGRÜNDUNG DER THEMENWAHL | 5 |
| 2.3 | ZWEI PERSPEKTIVEN DER HETEROGENITÄT | 5 |
| 3. | Lernziel der Unterrichtseinheit: Schüler entwickeln ihr eigenes Gottesbild | 6 |
| 3.1 | STUFENMODELL VON OSER UND GMÜNDER | 7 |
| 3.2 | SCHLUSSFOLGERUNGEN FÜR DEN RELIGIONSUNTERRICHT | 8 |
| 3.3 | KONSEQUENZEN FÜR DIE KONKRETE UNTERRICHTSEINHEIT | 10 |
| 4. | Planung der Unterrichtseinheit | 10 |
| 4.1 | LERNGRUPPE | 10 |
| 4.1.1 | Zusammensetzung | 10 |
| 4.1.2 | Lernvoraussetzungen der Schüler | 11 |
| 4.1.3 | Arbeitsformen und Arbeitsverhalten | 12 |
| 4.2 | DIDAKTISCHE ENTSCHEIDUNGEN | 12 |
| 4.2.1 | Lehrplanbezug und Kompetenzen | 12 |
| 4.2.2 | Relevanz des Themas | 13 |
| 4.2.3 | Inhaltliche Schwerpunkte der Unterrichtseinheit | 14 |
| 4.2.4 | Lernziele der Unterrichtseinheit | 15 |
| 4.3 | METHODISCHE ENTSCHEIDUNGEN | 16 |
| 4.3.1 | Erzählung | 16 |
| 4.3.3 | Unterrichtsgespräch | 16 |
| 4.3.4 | Bildergalerie | 17 |
| 4.3.5 | Lernen an Stationen | 17 |
| 4.3.5 | Tippkarten, Helfersystem und Aufgaben für die Schnellen | 17 |
| 5. | Darstellung und Reflexion ausgewählter Unterrichtssequenzen | 17 |
| 5.1 | AUSWERTUNGSKRITERIEN FÜR DIE REFLEXION DER ARBEIT | 17 |
| 5.2 | VORVERSTÄNDNIS FÜR GOTTESBILDER | 18 |
| 5.2.1 | Ziele der zweiten Stunde | 18 |
| 5.2.2 | Ablauf der zweiten Stunde | 18 |
| 5.2.3 | Reflexion der zweiten Stunde | 19 |
| 5.3 | IRRITATIONEN, VERWUNDERUNG, SCHLÜSSELERLEBNISSE | 21 |
| 5.3.1 | Ziele der dritten Stunde | 21 |
| 5.3.2 | Ablauf der dritten Stunde | 21 |
| 5.3.3 | Reflexion der dritten Stunde | 21 |
| 5.4 | FREIARBEIT AN STATIONEN | 24 |
| 5.4.1 | Ziele einer Station der fünften und sechsten Stunde | 24 |
| 5.4.2 | Ablauf einer Station der fünften und sechsten Stunde | 25 |
| 5.4.3 | Reflexion einer Station der fünften und sechsten Stunde | 25 |
| 5.5 | LERNFORTSCHRITT BEI DER GOTTESBILDENTWICKLUNG ÜBERPRÜFEN | 25 |
| 5.5.1 | Ziele der siebten und achten Stunde waren ursprünglich: | 25 |
| 5.5.2 | Ablauf der siebten und achten Stunde | 25 |
| 5.5.3 | Reflexion der siebten und achten Stunde | 25 |
| 6. | Zusammenfassung und Schlussbetrachtung | 25 |
| 7. | Literatur | 25 |
| 8. | Anhang | 25 |
Textprobe:
Kapitel 5.3.2, Ablauf der dritten Stunde:
In der dritten Stunde wird die neutestamentliche Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt. Um auch den visuellen Kanal anzusprechen, wird als Methode das schauende Erzählen eingesetzt. Am Wendepunkt der Geschichte (der Sohn bei den Schweinen) wird ein Standbild gebaut, in dem die Kinder die Gefühle des Sohnes szenisch darstellen. Das Standbild dient nach einer kurzen Murmelphase als Schreibanlass: ‘Wie geht die Geschichte weiter? Schreibe und male den Fortgang der Geschichte.’ Der AA bietet verschiedene Explikationsmöglichkeiten wie malen und schreiben. Es liegen Tippkarten für diejenigen bereit, die trotz Murmelphase noch keine Idee haben. Nach Beendigung der Erarbeitungsphase stellen sich alle Schüler gegenseitig ihre Ergebnisse in PA vor. Anschließend tragen einzelne Autoren ihre Resultate als Beispiel im Plenum vor. Dann wird die Geschichte zu Ende erzählt.
Reflexion der dritten Stunde:
Das Thema der Stunde ist ‘vom Schuldigwerden und was danach passiert’. Der Vater als Sinnbild für Gott. Die Geschichte ist deshalb geeignet, weil das Motiv Schuldigwerden als religiöses Kontingenzproblem zum Anlass genommen werden kann, das vorhandene Gottesbild darzustellen.
Das Standbild ermöglicht den Schülern, sich in die Kunstfigur des verlorenen Sohnes hineinzuversetzen und seine Gefühle nachzuempfinden. Es kommen Aussagen, die Schuld, Versagen, Verzweiflung ausdrücken, wie von Joel: ‘Ich habe so ein schlechtes Gewissen, ich habe alles Geld ausgegeben.’ Oder Leon: ‘Ich bin so verzweifelt. Was soll ich nur tun?’ Der nachstehende AA dient der Vorwegnahme, wie die Reaktion (Bestrafung/Vergebung/Weiteres) des verlassenen Vaters ausfallen könnte.
Heterogenität der Gottesbilder:
In einigen Ergebnissen spiegelt sich der strafende Vater wieder. Manche Kinder argumentieren dabei auf der ersten Stufe der Gottesbildentwicklung. Besonders deutlich wird dies bei Marvin: ‘Er schlachtet ein Schwein und verkauft es in der Stadt und fährt mit dem Geld zurück zu seinem Vater, und dort arbeitet er dann. Und der andere Sohn ist von der Arbeit befreit. Und bekommt sein Erbe und hat dann ein schönes Leben bei seinem Vater’.
Der Sohn wird für sein Verhalten vom Vater bestraft und kann nur reagieren. Er fügt sich in sein Schicksal. Sein Bruder dagegen erfährt Vaters Gnade. Dass dieses Geschehen als natürlich hingenommen wird, bedeutet: ‘Gott weiß schon, was er tut’ oder ‘Er handelt, weil er so handelt’.
Auch andere Kinder betonen, dass sich der Sohn bedingungslos in des Vaters Auftrag fügt.
Laura Lü.: ‘Gott gibt ihm Aufgaben, die soll er erfüllen, dafür kriegt er Geld’.
Lukas: ‘Gott gibt ihm Aufgaben, und er bekommt dafür Geld und dadurch hatte er wieder Geld und kaufte sich Nahrung. Ende’.
In beiden Texten wird der Mensch als Ausführender von Gottes Wille dargestellt. Der Sohn hinterfragt nicht die Aufgaben, die er erledigen soll, sondern gehorcht. Die eigenen Interessen stehen im Hintergrund. Der Mensch muss tun, was Gott ihm aufträgt (Stufe 1).
Manche Kinder gehen von einem liebenden Vater aus, der dem Sohn verzeiht.
Vanessa Z.: ‘Er sah, dass sein Vater herkam, der ein Schaf dabeihatte. ‚Vater, was willst du hier?’, fragte der Mann. ‚Ich war in der Nähe und wolle dich besuchen gehen und mit dir was essen’, sagte der Vater. Sie aßen das Schaf,. und der Sohn kam wieder Heim’.
Christian: ‘Er betete zu Gott, und dann sah er, wie sein Vater ihm Geld gegeben hat. Er fragte: ‘Wie hast du mich gefunden, und woher wusstest du, dass ich kein Geld habe’?
In diesen Ergebnissen spielt das Subjekt eine wichtige Rolle, der Vater kann beeinflusst werden durch Gebete (Christian) oder durch Reue (Vanessa Z. im Standbild). Beide argumentieren auf der 2. Stufe und zeigen einen liebenden Vater, der dem Sohn seine Schuld vergibt.
Nach dem Vortragen der Ergebnisse wird die Geschichte zu Ende erzählt. Das Gottesbild des liebenden Vaters, der ein Fest gibt statt zu strafen, wird betont. In der nächsten Einzelarbeitsphase sollten die Schüler überlegen, was diese Geschichte mit Gott zu tun hat.
Celina: ‘Der Sohn schlief, und Gott sprach zu ihm: `Wie dumm bist du eigentlich, du gibst dein Geld für Partys oder anderes unsinniges [Zeug aus] und jetzt musst [du]) auf einem Bauernhof schlafen mit Schweinen. Geh nach Haus und entschuldige dich bei deinem Vater.’ Während er am nächsten Tag ging, sprach Gott zu seinem Vater: ‚Dein Sohn kommt, und er möchte sich bei dir entschuldigen dafür, dass [er] dein Geld einfach ohne nachzudenken ausgegeben hat. Geh vor die Tür und warte auf ihn.’ Auf dem Weg nach Hause dachte er nach, was er gemacht hatte, bis er dann sah, dass sein Vater vor der Tür stand, und er dachte: ‚Mist, jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll.’ In Gedanken schreit er nach Gott und fragt ihn nach Hilfe. er sagt zu dem Sohn: ‚Du hast es so weit getrieben, dass du selber nachdenken musst!’ Plötzlich kam der Vater und freute sich, dass er wieder da ist’.
Celina hat zunächst einmal den AA falsch verstanden und bearbeitet die Aufgabe nicht auf der Metaebene, sondern baut Gott in die Geschichte mit ein. Ihr Ergebnis kann trotzdem interpretiert werden. Sie befindet sich im Übergang zur zweiten Stufe. Begründung: Der Mensch macht, was Gott ihm sagt. Der Mensch hinterfragt Gottes Handeln nicht, sondern reagiert lediglich (Stufe 1). Aber der strafende Gott lässt am Ende Gnade walten. Und die Gedanken, die sich der Sohn gezwungenermaßen macht, sind als Art Reue (Einfluss des Menschen) zu verstehen, sodass der Vater ihm verzeihen kann. Wenn ich Gutes tue, wird mir Gutes widerfahren (Stufe 2).
Die meisten Kinder zeigen ein Gottesbild der zweiten Stufe.
Vanessa G.: ‘Der Sohn ist ein Sünder. Der Vater verzeiht ihm. Der Gott ist auch so barmherzig und verzeiht den Sündern. Die Geschichte will uns sagen, dass jeder sündigen kann, aber dass man verzeihen kann, so wie der Gott uns allen auch unsere Sünden verzeiht, wenn wir um Verzeihung bitten und unsere Sünden bereuen. Die Geschichte sagt uns auch, dass es Wichtigeres gibt als materielle Sachen, z. B. Geld. Wichtiger ist Familie, Gesundheit usw’.
Der Sohn erfährt durch sein sanftmütiges Verhalten ein ebensolches Verhalten des Vaters. Wie du mir, so ich dir (Stufe 2). Es steht das wechselseitige Verhalten Mensch – Gott im Vordergrund der Argumentation. Auffällig ist die Betonung des Menschen als Sünder.
Auch Marvin argumentiert nun auf der zweiten Stufe:
‘Dass Gott allen Menschen hilft, auch wenn wir einen Fehler machen. Geld ist nicht das Wichtigste, die Familie und die Gesundheit ist das Wichtigste. Das zeigt auch die Geschichte. Die Geschichte geht um Verzeihung. Und wenn man einen Fehler macht, ihn auch zu bereuen. Der Sohn war verloren. Gott hilft ihm, den Weg nach Hause zu finden und zu überleben’.
Marvin hatte zunächst auf der ersten Stufe argumentiert. Seine jetzigen Ausführungen sind jedoch auf der zweiten Stufe zuzuordnen (Wechselwirkung Gott - Mensch). Nach Oser ist eine Stufe erst dann erreicht, wenn sie nicht mehr wird sondern ist und die Argumentation auf einer Stufe verharrt. Die Aufgabenstellung ist als Hausaufgabe aufgegeben worden. Daher kann eine Hilfestellung oder Beeinflussung durch Dritte (Eltern, Geschwister) nicht ausgeschlossen werden.
Das neutestamentliche Gottesbild des liebenden Vaters gehört generell zur zweiten Stufe (Wechselwirkung Gott-Mensch). Auch findet eine Konfrontation mit den Vorstellungen der Mitschüler statt, die sich zum Teil auf anderen Stufen befinden. Die Vorstellungen der Kinder auf der zweiten Entwicklungsstufe werden bestärkt, wenn andere Äußerungen der gleichen Stufe angehören. Die Kinder auf der Stufe 1 können in ihren Vorstellungen erschüttert werden, sodass sie mit einer Überprüfung ihrer Auffassung beginnen. Nach O/G ist dies die Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung. Die Geschichte lässt jedoch auch eine Deutung zu, die einen Übergang zu Stufe 3 in Gang setzt: Nämlich indem der Ausgang der Geschichte als von Gott unabhängig, also frei interpretiert werden kann und als für sich stehen gelassen wird.
Heterogenität der Lernerfolge:
Die methodische Gestaltung der Unterrichtsstunde hat sich als geeignet erwiesen. Alle Kinder konnten ihre eigene Fortsetzung für die Geschichte entwickeln und ihren Zusammenhang zu Gott herstellen.
Bei Celina hat sich gezeigt, dass sie die Aufgabenstellung falsch verstanden hat. Eine Alternative besteht darin, die (theologische) Metaebene im gemeinsamen Austausch als UG stattfinden zu lassen, statt diese als Hausaufgabe zu geben. Um die Schuldgefühle noch deutlicher nachzuempfinden, können Gedanken des Sohnes in eine Sprechblase geschrieben werden. Eine weitere Alternative besteht darin, die Schüler einer Ja-Nein-Entscheidung am Wendepunkt der Geschichte auszusetzen (Ja-Nein-Stuhl).
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836641449
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Oliwer, Anna September 2009: Theologisieren mit Kindern einer heterogenen vierten Klasse, Hamburg: Diplomica Verlag
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Theologisieren, Religion, Unterricht, Grundschule, Entwicklung




