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Wie sprechen vom Unfassbaren?

Lyrik als Sprachform für eine schülerorientierte Theologie

Wie sprechen vom Unfassbaren?
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Jörn Freier
  • Abgabedatum: Januar 2009
  • Umfang: 109 Seiten
  • Dateigröße: 426,0 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Westfälische Wilhelms-Universität Münster Deutschland
  • Bibliografie: ca. 102
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3095-5
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Freier, Jörn Januar 2009: Wie sprechen vom Unfassbaren?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gottesrede, Theologie, Kurt Marti, Ästhetisches Lernen, Korrelation

Staatsexamensarbeit von Jörn Freier

Einleitung:

Oh mein Gott! Beinahe mühelos und fließend entweichen diese Worte aus der Menschen Mund. Oft ist der Gebrauch dieser Worte nur lapidar, wenig durchdacht, einfach so daher gesagt und wird willkürlich mit Sinn beladen. Fast immer aber zeigt sich darin auch mehr, mehr als diese Worte beim bloßen Sprechen und Hören vermuten lassen. Immer wieder, in unterschiedlichsten Situationen, tritt (das Wort) Gott in die Leerstellen ein, die anders nicht zu füllen, mit Worten der Trauer, der Wut, des Erstaunens, der Freude und des Glückes sprachlich nicht auszudrücken sind. Immer wieder zeigt sich, dass die erfahrene und die erfahrbare Wirklichkeit die Möglichkeiten sprachlicher Mittel übersteigt, die dem Menschen zur Beschreibung dieser Welt gegeben sind. Wie Flüssiges verrinnt sie bei dem Versuch, sie mit der sprachlichen Hand zu (er-)fassen und zu (be-)greifen; besonders in Situationen der Trauer und des Entsetzens reichen Worte oft nicht aus, das Erlebte zu verstehen, verletzte und erschütterte Menschen aufzufangen. Aber auch in Momenten des Glücks, beim innigen Zusammensein zweier sich liebender Menschen zum Beispiel, kann man nur um Worte ringen, stammeln und stottern, das Gefühlte nicht in Worte fassen. Beim Versuch, zuzugreifen, vergreift man sich, der Annahme, begriffen zu haben, folgt oft die Erkenntnis, dem Erlebten mit seiner Versprachlichung nicht angemessen begegnen zu können.

Vergleichbar kann auch der Theologie widerfahren, wessen sie sprachlich nicht gewachsen ist. Dabei impliziert doch gerade das Wort Theologie, Rede von Gott, dass sie dazu in der Lage sei, von Gott reden, ihm also sprachlich begegnen zu können. Leider ist diese Annahme oft und lange viel zu wörtlich genommen worden, so dass die vielmals stark dogmatisierte, sprachlich einsilbige und vereinnahmende Rede der Theologie für Laien (und ehrlich gesagt auch für manche Studierende der Theologie) nur schwer zu verstehen ist. Sie wirkt besonders für junge Menschen veraltet und verkrustet, ist aus ihrer Sicht lebensfremd und der Wirklichkeit entrückt.

Wie kann also die Theologie ihrer Sprachverantwortung gerecht werden, das Wort, Gott, zu verkündigen? Viel schwerer wiegt sogar noch die Frage, wie jungen Menschen ein (sprachlicher) Zugang zu Gott ermöglicht werden soll, zu einem Gott, über den größeres nicht gedacht werden kann, dessen Einzigartigkeit und Unfassbarkeit immer mit berücksichtigt werden muss. Bereits hier deutet sich die gewaltige Herausforderung an, der man sich zu stellen hat, wenn eine glaubwürdige Theologie formuliert werden soll, die für Schülerinnen und Schüler verständlich ist.

Es mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, vor diesem Hintergrund gerade die Sprachform der Lyrik als diejenige vorzustellen, die jungen Menschen eine Auseinandersetzung mit und einen Zugang zu Gott ermöglichen soll. Lyrik: damit wird oft ein sich-Verlieren ins Unwirkliche, ein Schwelgen in Phantasien, eine mit Emotionen überladene Sprache verbunden, die alleine aufgrund ihrer seltsamen Form reaktantes Verhalten erzeugt. Ein weiterer Widerspruch scheint darin zu bestehen, dass die Theologie, die sich als Disziplin an der Universität dem Primat der Wissenschaftlichkeit verschreibt, nicht mit der offensichtlichen Irrationalität der Lyrik zu vereinbaren scheint.

Trotzdem, ja vielleicht auch gerade wegen dieser vielen ersten erschwerenden Eindrücke, wird sich diese Arbeit der Herausforderung stellen, Vorurteile, die teilweise (berechtigt) gegenüber der Lyrik bestehen, genauer zu hinterfragen und Chancen eines Einsatzes von Lyrik im Religionsunterricht zu beleuchten. Im Hauptseminar „Mit der Bibel kann ich nicht in die Klasse kommen...“, das im Sommersemester 2007 an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster stattfand, wurde ein erstes Interesse an dem sprachlichen „Paradiesvogel“ geweckt. Durch die damalige Ausarbeitung eines Referates zu dem Thema „Zugänge zur Bibel: Lyrik“ entstand eine intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik, die aber neben der Faszination, die von der poetischen Sprache ausging, vor allem viele offene Fragen hinterließ, die eine intensivere Betrachtung erfordern. Es wurde ersichtlich, dass es nicht nur notwendig ist, die Erkenntnisse der einzelnen Bereiche der Theologie mit in die Analyse einzubeziehen, sondern dass darüber hinaus auch der Dialog mit anderen Disziplinen geführt werden muss. Obwohl also die Intention darin besteht, eine schülerorientierte Theologie zu durchdenken und Chancen und Risiken dieses besonderen Zuganges zur (Auseinandersetzung mit der) Gottesfrage kritisch zu untersuchen, wird eine rein religionspädagogisch versierte Vorgehensweise dieser Absicht nicht gerecht.

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis gibt Auskunft darüber, wie der schwierige Brückenschlag zwischen der Frage nach der sprachlichen Darstellbarkeit Gottes (mit Hilfe der Lyrik) auf der einen Seite und der Prüfung der Lyrik als Sprachform für eine schülerorientierte Theologie auf der anderen Seite bewerkstelligt werden soll. Vorab dazu ein Hinweis: Diese Arbeit hat keinen empirischen Anteil. Es wäre mit Sicherheit interessant gewesen, durch partielle Unterrichtsbesuche die angestellten Überlegungen kritisch reflektieren zu können. Der Fokus liegt jedoch auf der theoretischen Ebene. Dies kann einerseits als ihre besondere Stärke gesehen werden – sie versucht viele Prämissen und Faktoren mit zu berücksichtigen und präsentiert dadurch ein sehr vielseitiges, umfassendes, aber auch kompaktes Bild – andererseits wird sie sich aber zweifellos der Kritik stellen müssen, dass die einzelnen Teile und Überlegungen zwar auf dem Papier lückenlos ineinandergreifen können, dies die (schulische) Wirklichkeit jedoch nicht adäquat abbildet.

Die Arbeit ist in drei Hauptabschnitte unterteilt. Jeder Abschnitt beginnt mit einer Einführung in die behandelte Thematik, bei der auch die einzelnen Kapitel vorgestellt werden, und schließt mit einem Rückblick bzw. einer Ausschau. Der erste Teil der Arbeit (2. Wie sprechen vom Unfassbaren?) thematisiert die zahlreichen Prämissen der sprachlichen Darstellbarkeit Gottes. Dabei werden sowohl Impulse aus der Exegese und der systematischen Theologie als auch aus der Sprachwissenschaft – vornehmlich der Sprachphilosophie – und der Soziologie berücksichtigt. In einem zweiten Schritt (3. Über Inhalt und Form einer theologischen Gottesrede) müssen die zuvor abgesteckten Rahmenbedingungen so durchdacht werden, dass inhaltliche und formale Qualitäten einer theologischen Gottesrede ersichtlich werden. Der Aufbau des zweiten Hauptabschnittes spiegelt in sich bereits wider, dass er als Schnittstelle zwischen den beiden anderen fungieren soll. Abermals von der Offenbarungsgestalt ausgehend werden zuerst inhaltliche, dann formale Qualitäten der intendierten Sprachform untersucht. Letztere bilden den Übergang zur Lyrik, die abschließend erneut auf ihre inhaltliche Qualitäten geprüft werden soll. Ein weiterer Dialogpartner, die Literaturwissenschaft, erhält an dieser Stelle Einzug in den Diskurs. Auf diese Weise deuten sich am Ende des zweiten Abschnittes bereits religionspädagogisch relevante Gewinndimensionen des Einsatzes von Lyrik im Religionsunterricht an. Daran anschließend soll die Sprachform der Lyrik im religionspädagogischen Teil der Arbeit(4. Lyrik als Sprachform für eine schülerorientierte Theologie) explizit auf ihre Einsatzmöglichkeiten im Religionsunterricht und ihre bildungstheoretischen Implikationen hinterfragt werden. Das Fazit (5. Lyrik: Fluch(t) oder Segen?) räumt abschließend die Möglichkeit ein, die gewonnenen Erkenntnisse und die einzelnen Arbeitsschritte zusammenzufassen und zu hinterfragen.

Da für die einzelnen Themenbereiche jeweils ein umfassender Literaturbestand vorhan-den ist, musste, mit wenigen Ausnahmen, eine Einschränkung auf den deutsch-sprachigen Raum vorgenommen werden. In gewisser Weise stellt diese Arbeit gerade deswegen auch ein Novum dar, da die vielen unterschiedlichen Aspekte der Lyrik in einer Arbeit zusammengedacht werden.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 4
2. Wie sprechen vom Unfassbaren? 7
2.1 Gottesrede als theologische Grundverantwortung 9
2.2 Sprache: Mehr als nur ein Gottesgeschenk 12
2.2.1 Sprachbezweiflung I: Die Begrenztheit des menschlichen Wortes 14
2.2.2 Sprachbezweiflung II: Die Problematik des Menschenwortes 18
2.3 Sprache und Lebenswelt 21
2.3.1 Religion und moderne Gesellschaft 22
2.3.2 Sprache und moderne Gesellschaft 26
2.4 Erneut die Frage: Wie sprechen vom Unfassbaren? 29
3. Über Inhalt und Form einer theologischen Gottesrede 31
3.1 Menschenwort und Gotteswort im Lichte der Selbstoffenbarung Gottes 33
3.2 Theologische Gottesrede und Lebenswirklichkeit 35
3.3 Von der Form einer theologischen Gottesrede 41
3.3.1 Die Kraft der metaphorischen Sprache 42
3.3.2 Theologische Gottesrede als Theopoetik 45
3.3.3 Lyrik als paradigmatischer Ort poetischer Sprache 50
3.4 Lyrik im Spannungsfeld von Theologie und Literatur 55
3.4.1 Ein geschichtlicher Einblick 57
3.4.2 „Theologie und Literatur“ als eigenständiger Forschungsbereich 59
3.4.3 Vier Gewinndimensionen des Dialogs von „Theologie und Literatur“ 68
3.5 Lyrik als Sprachform theologischer Gottesrede 71
4. Lyrik als Sprachform für eine schülerorientierte Theologie 75
4.1 Gedichte im Religionsunterricht 76
4.2 Kurt Marti: Person - Theologie - Poesie 78
4.2.1 Kurt Marti: „Lyrik eines Christen“ 79
4.2.2 „theolalie / reden von gott“ 82
4.2.3 Von der Offenheit zum Dialog und zurück 86
4.3 Von der Wahrnehmung zum Ausdruck: Lyrik als Sprachform für einen schülerorientierten Religionsunterricht 88
4.3.1 Sprachsensibilisierung 89
4.3.2 Lernziel: Verlangsamung 91
4.3.3 Ästhetisches Lernen 93
4.3.4 Korrelieren lernen: Von der Wahrnehmung zum Ausdruck 94
4.4 Methodisch-didaktische Überlegungen 96
5. Lyrik: Fluch(t) oder Segen? 99
6. Literaturverzeichnis 103

Textprobe:

Kapitel 3.3.2, Theologische Gottesrede als Theopoetik:

Als erfahrungsbezogene und erfahrungsoffene „Sprachform“ hat sich die metaphorische Sprache zweifellos charakterisieren lassen. Zugleich impliziert ihre Funktion, die Art und Weise, wie sie aus menschlichen Erfahrungen (und Begriffen) entspringen und auf das die Wirklichkeit Übersteigende hinweisen kann, ihr Zusammenspiel von Schärfe und Unschärfe, wie eine theologische Gottesrede formal gestaltet werden kann. Dabei thematisiert sie auch, indem sie zeigt, wie sie von der Wirklichkeit spricht, die Beschränktheit des menschlichen Wortes. Gleichzeitig konnte aber auch herausgestellt werden, dass ihr Bezug auf die Lebenswirklichkeit für die Verwendung in religionspädagogischen Kontexten zu beschränkt ist. Zudem sind die theologisch interessanten Implikationen nur dann erkennbar und wirksam, wenn ein theologisches Grundverständnis beim Rezipienten vorhanden ist. Daher erweist sich die Suche nach einem Ort, an dem die Art metaphorischen Redens wirksam ist und zusätzlich eine höhere Plausibilität aufgrund konkreterer Bezüge zur Lebenswirklichkeit gegeben ist, als obligatorischer Folgeschritt.

Ein Ort, der ohne metaphorische Sprache nicht auskommen kann, ist die Poesie. Der Wechsel von der metaphorischen Sprache zur Poetik scheint auf den ersten Blick sprunghaft zu sein. Die in dieser Arbeit präsentierte metaphorische Sprache ist aber immer auch poetische Sprache. Sie impliziert nämlich ein bestimmtes, am Ende des Kapitels näher erläutertes Verständnis von Sprache, das auch der Poetik anhaftet. Ebenso kann umgekehrt gesagt werden, dass dichterische Sprache auch metaphorischen Charakter hat. In der speziellen Art und Weise, wie Gott jeweils zur Sprache kommen kann bzw. zur Sprache gebracht wird, zeigt sich das vorsichtige Herantasten an das Unfassbare, das immer neue Ausloten der sprachlichen Grenzen, der immer neue Versuch, Gottes Verschwiegenheit sprachlich auszudrücken.

Die poetische Sprache scheint dieser Aufgabe gewappnet zu sein. Indem auch sie sich weigert, eine fertige Welt abzubilden, indem sie das durchbricht, „was uns konventionell geworden ist“, präsentiert sie eine nicht-fertige, nicht-abgeschlossene Welt und verweist damit auf ihre eschatologische Dimension. Der sich der Instrumentalität der Sprache verweigernde poetische Sprachgebrauch „bricht das Abgeschlossene auf“ und spiegelt dies in der eigenen Übergänglichkeit wider. Hier zeigt sich die ästhetische Dimension der poetischen Sprache. Dieses Sprachverständnis ist (unter anderem) Grundlage der so genannten Theopoetik. In vielen Variationen und in zahlreichen Begriffen ist die Idee geäußert worden, Theologie und Poesie zusammenzudenken, Theologie als Poesie zu denken. Deshalb bedarf sie, in Anlehnung an das vorherige Kapitel, einer intensiveren Betrachtung.

Vorab ist es wichtig, die dem Wort Poesie anhaftenden negativen Konnotationen zu relativieren. Zwischen der Dichtung und der Theologie eine produktive Korrelation zu vermuten, wirkt zunächst naiv, der Begriff Theopoetik künstlich und willkürlich. Mit einer ernsthaften, rationalen und den wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Auseinandersetzung mit der Gottesfrage ist ein romantisches Poesie-Verständnis freilich kaum vereinbar. Aber gerade diese auch heute noch stark verbreitete romantische Idee der Poesie führt zu vielen Missverständnissen, die den Begriff Theopoetik allzu schnell ins Lächerliche ziehen. Der eigentliche Gedanke der Theopoetik wird verwischt.

Theopoetik kann grundsätzlich als der Versuch angesehen werden, in die Gottes-Rede die Vorstellung zu integrieren, dass Theologie immer auch und immer schon Poesie ist. Dieser Gedanke kann sich in zweifacher Weise manifestieren: erstens im Sinne des poetischen Redens von Gott – Theopoesie als Form der Gottes-Rede – und zweitens als Thematisierung Gottes als Schöpfer der Möglichkeit von Poesie. Theopoetik meint dabei eher die wissenschaftliche Auseinandersetzung, der Begriff Theopoesie bezieht sich auf den Vorgang der Gottesrede selbst. Die theologia poetica ist allerdings keine Erfindung der letzten Jahrzehnte, vielmehr gab es immer wieder Phasen der Geschichte, in denen sie einen Aufschwung erlebte: Die Renaissance, die Spätantike und die Antike. In der Neuzeit kam 1753 ein erneuter Enthusiasmus mit der Entdeckung des sogenannten Parallelismus membrorum durch den englischen Lordbischof Robert Lowth auf. Dieses formale Prinzip kennzeichnet die hebräische Poesie und bezeichnet einen Vers der Hebräischen Bibel, bestehend aus zwei Teilen, die einander zugeordnet sind. Es ist charakteristisch für die Sprachgewalt der Bibel und öffnet dem Leser mit seiner dualen, stereometrischen Ausdrucksform die Tür zu der Erkenntnis, dass die Wirklichkeit nicht präzise und vereinfacht in einem Wort dargestellt werden kann. „Der Parallelismus in biblischer Poesie ist Ausdruck dualer, dialektischer, mehrschichtiger Wahrnehmung und der Erfahrung, dass es gut ist, eine Sache, ein Problem, eine Beziehung aus mehr als einer Perspektive zu betrachten.“ Damit wird angedeutet, wie von der Wirklichkeit Gottes gesprochen werden kann: nicht mit einer technischen Sprache, die nur die Oberflächenstruktur der Wirklichkeit wiedergeben kann, sondern mit einer Sprache, die ihren Ursprung selbst im Gesagten hat, eine Sprache, die inspiriert, geistgeschenkt ist, in der Gott sich zwar nicht selbst neu offenbart, aber seine Offenbarung gegenwärtig werden lässt. Dichterische Sprache ist demnach kein Werkzeug, das dazu dient, der Gefühlswelt des Dichters oder der Innenwelt der Menschen Ausdruck zu verleihen. Einer derartigen Funktionalisierung von Sprache erteilt sie eine Absage. Stattdessen wird der Dichtung die Kraft eingeräumt, Gotteserfahrungen zu ermöglichen, den Genannten selbst zur Sprache kommen zu lassen. Sie ist eine „Sprache des Innehaltens, des Transzendierens und des Inszenierens des Anderen.“ Konsequenterweise kann nach den gewonnenen Eindrücken behauptet werden, dass „Poesie die Urform von Theologie darstellt“, die, so deutet Henning Schröer an, dem Menschen einverleibt wurde durch die Vergöttlichung der Menschen durch Jesus Christus.

Damit zeigen sich schließlich in deutlicheren Konturen die Parallelen zwischen der metaphorischen und der poetischen Sprache. Beide implizieren keine rein semantischen Aussagen, verweisen stattdessen verstärkt auf eine außersprachliche Wirklichkeit, indem sie sich „der der Sprache eigenen Fähigkeit zum übertragenen bildhaften Ausdruck“ bedienen. Mit der systematischen Verschmelzung und gleichzeitigen Gegenüberstellung von heterogenen Begriffen generieren sie zahlreiche „Kombinationsmöglichkeiten von Eigenschaften, die in der außersprachlichen Wirklichkeit als solche nicht anzutreffen sind.“ In ihrem Gebrauch von Sprache lässt sich von daher eine semantische Willkür erkennen, die aber bewusst akzeptiert wird. In der Dichtung wird diese Fähigkeit der Sprache bewusst gesteigert und eingesetzt. Dichterische Sprache will schließlich nicht „Sachverhalte der außersprachlichen Wirklichkeit vermitteln, als vielmehr, Vorstellungen zu erzeugen, die über die Art, wie der Mensch sein Dasein in der Welt erfährt, Auskunft geben.“ In diesem unorthodoxen Gebrauch der Sprache liegt zugleich ihr schöpferisches Moment, da sie die außersprachliche Wirklichkeit nicht nur abzubilden, sondern zu übersteigen vermag. Sie ist schöpferisch, weil in ihr eine Sache, weil in ihr Sprache neu entstehen kann. Eine Theopoetik nimmt, und das soll der Schlusspunkt der Ausführung sein, von daher immer ein bestimmtes Gottesbild mit in ihr Reden auf, ihr Reden selbst steht stellvertretend dafür, wie Gott sprachlich dargestellt werden kann: Sprechen von Gott ist nur im Bewusstsein des Scheiterns möglich: Gott ist unaussprechlich, unverfügbar und unbegreiflich! Theopoetische Texte sind gekennzeichnet von einer vibrierenden Sprache, die immer auch Zweifel spüren lässt, der man ihre Besitzlosigkeit, ihr Bedrohtsein, aber auch ihre Risikobereitschaft anerkennen kann. Sie bildet Gott nicht einfach ab, sondern lässt ihn in die Sprache, sie umringt nicht das Besagte, sondern stößt es nur an. Sie definiert nicht in semantischer Klarheit, was oder wer Gott ist, sondern versucht als Sprache einen Ort bereitzustellen, an dem Er wahrgenommenen werden kann. Wo also das, was nicht Sprache ist, zu Sprache wird (und wo das, was bereits Sprache ist, gebrochen wird), da ist der Sitz des Poetischen. Und so wird Sprache selbst zu einer Allegorie der sprachlos sich meldenden Wirklichkeit.

Behandelte dieses Kapitel bis hierher den theoretischen Hintergrund einer Theopoetik, „d.h. einer heutigem Sprach- und Zeitbewußtsein adäquaten Stillehre angemessenen Redens von Gott“, so wird die Arbeit infolgedessen Lyrik als einen, ja vielleicht den Ort poetischen Redens vorstellen. Es geht dabei noch nicht darum, konkrete lyrische Texte vorzustellen! Die praktische Umsetzung der bisher verstärkt wissenschaftlich-theoretischen Auseinandersetzung mit den formalen Kriterien einer theologischen Gottesrede soll von daher noch nicht erfolgen. Vielmehr wird beabsichtigt, Lyrik als Sprachform vor dem Hintergrund der bisher angestellten Untersuchungen inhaltlicher und formaler Kriterien einer theologischen Gottesrede zu erforschen.

Arbeit zitieren:
Freier, Jörn Januar 2009: Wie sprechen vom Unfassbaren?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gottesrede, Theologie, Kurt Marti, Ästhetisches Lernen, Korrelation

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