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Politischer und kultureller Wandel im frühen Theater Corneilles

Politischer und kultureller Wandel im frühen Theater Corneilles
Über dieses Buch
  • Art: Staatsexamensarbeit
  • Autor: Dana Finné
  • Abgabedatum: November 2008
  • Umfang: 120 Seiten
  • Dateigröße: 762,9 KB
  • Note: 2,5
  • Institution / Hochschule: Georg-August-Universität Göttingen Deutschland
  • Bibliografie: ca. 34
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-2982-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Finné, Dana November 2008: Politischer und kultureller Wandel im frühen Theater Corneilles, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Corneille, Theater, Cinna, Le Cid, Horace

Staatsexamensarbeit von Dana Finné

Einleitung:

Diese interdisziplinäre Arbeit mit historischen, landeskundlichen und literarischen Elementen versucht unter multiperspektivischer Herangehensweise eine kulturhistorische Betrachtung der drei frühesten Tragödien Corneilles. Sie verwendet den diskurstheoretischen Ansatz, der Texte als Teil der Geistesgeschichte, der literarischen Philosophie und der ideologischen Strömungen im Rahmen der Diskurse ihrer Zeit sieht und zu versteht. Auch mit der Rezeptionsästhetik, vor allem den klassischen Funktionen des Dramas, delectare, prodesse, movere, setzt sich diese Arbeit auseinander und stellt die Frage, ob Corneilles frühe Tragödien durch ihren Appell an Gefühl und Verstand eine Verhaltensänderung beim Publikum anstrebten. Im Sinne der nouvelle critique wird ein Versuch unternommen, ideologische Strukturen und Grundhaltung der Stücke aufzuzeigen. Die vorliegende Arbeit geht davon aus, dass Literatur eine Geschichtlichkeit aufweist, also in eine bestimmte gesellschaftliche Situation und ihre ethischen Normen, Wertvorstellungen und doktrinären Traditionen eingebunden ist, ohne aber eine direkte, monokausale Rückführung auf die zeitgenössische Realität anzustreben. Doch um den Poeten in seinem moralischen und politischen Kontext zu besprechen und um die Wirkung seines Theaters zu verstehen, erscheint die Kenntnis der Überzeugungen der Zielgruppe Corneilles und auch seiner Beziehungen zur zeitgenössischen Politik, besonders zu Richelieu, nötig.

Zu diesem Zweck wird ein knapper, auf das Relevante beschränkter historischer Kontext dargestellt, um spezifische intellektuelle Strukturen zu durchschauen, unter deren Einfluss Corneille schrieb. Damit soll versucht werden, die in den Werken dargestellten Wertekonflikte in die ideologischen Kontroversen der frühen Schaffensphase Corneilles einzuordnen. In diesen dargestellten Konflikten konfrontiert der Autor wiederholt Generationen in ihren Wertesystemen. Diese Arbeit geht von der These aus, dass die Generationen unterschiedliche Phasen des politischen und kulturellen Übergangs vom Feudalsystem zum Absolutismus repräsentieren. Dieser spiegelt sich vornehmlich im Heldentum Corneilles, das daher einen Hauptschwerpunkt bildet. Daher bietet sich an, den ideengeschichtliche Hintergrund des literarischen Schaffens Corneilles herauszuarbeiten.

Außerdem soll die chronologische Betrachtung der Werke die Entwicklung der Verhältnisse der wichtigsten Figuren zum Staat nachzeichnen. Da für die Theoretiker des Absolutismus die Familie ein Analogon des Staats ist und auch Richelieu sah sie als ein Modell ansah, ergibt sich das Ziel, die Familienstrukturen zu untersuchen.

Der politische und kulturkritische Gehalt des Frühwerks Corneilles wurde in Ansätzen mehrfach bearbeitet, so unter anderen von Georges Couton, Michel Prigent, Wolfgang Mittag, C.J. Gossip und Werner Krauss. Corneille reflektierte laut Prigent die Wurzeln des Staates in der klassischen Kultur und verwandte sein Theater als Analyseinstrument der Machtmechanismen. Im Vorwort zu dessen Buch Le Héros et l’État dans la Tragédie de Pierre Corneille geht Jean Mesnard deshalb davon aus, dass in Corneilles Werk eine Reflexion über das Verhältnis zwischen Existenz und Politik zu finden sei. Prigent geht so weit, Corneilles Tragödien als politische Abhandlungen mit dem zusätzlichen Element der Emotion zu betrachten. Er hält Corneille sogar für einen überzeugten Monarchisten. Dem widerspricht Gossip vehement, denn er empfindet die Deutung spezifischer politischer Ereignisse der französischen Geschichte als Corneilles Quellen unangemessen und wirft auch Couton vor, durch seine Suche nach Parallelen in Geschichte und Politik die inhärenten Qualitäten der Werke und deren eigene Dynamik verkannt zu haben. Diesen Thesen soll diese Arbeit nachgehen und den politischen Gedanken Corneilles anhand der ausgewählten Frühwerke aufzeigen.

Natürlich darf man das Theater Corneilles nicht als szenischen Ausdruck des politischen Lebens im 17. Jahrhundert betrachten, denn das wäre eine unzulässige Reduktion. Aber dennoch spiegeln sich wesentliche Elemente des kulturellen und politische Gesellschaftswandels in der Kunst und so auch in Corneilles politischen Tragödien. Um das herauszuarbeiten, sollen in dieser Arbeit aber keine dem Zeitalter Corneilles externen Kriterien herangezogen werden, wie es Schlumberger und Basillach getan haben.

Die Relevanz der vorliegenden Arbeit liegt darin, im Sinne einer Perspektivierung die bedeutendsten Theorien aus dieser reichhaltigen Vorleistung herauszuarbeiten, zu verknüpfen und in einer Gegenüberstellung von weniger überzeugenden zu trennen, um zu einer Synthese darüber zu kommen, inwieweit Corneille als Spiegel und Kritiker seiner Zeit gesehen werden kann. Diese Arbeit geht also davon aus, dass die dargestellten Werte der Figuren Corneilles als ein – wenn auch indirekter und sicherlich zum Teil unbewusster Kommentar des Autors zur politischen Situation Frankreichs zu dessen Lebzeiten gelesen werden kann. Jeder Autor hat einen spezifischen Blick auf Geschichte und Politik, der sich mehr oder weniger stark in seinem Werk widerspiegelt. Corneille behandelte nicht explizit zeitgenössische Geschehnisse und Umstände, aber er übertrug das Staatsverständnis seiner Zeit auf andere Epochen, bevorzugt auf das Römische Reich, als dessen Nachfolger sich die französische Monarchie verstand. Demnach thematisierte Corneille bevorzugt Zeiten der sich wandelnden Staatsform und ließ sich dabei vom politischen Geschehen inspirieren. „In Corneilles frühem Theater spiegelt sich die politische Entwicklung des Landes und damit zugleich die Diskussion über die souveräne Staatsgewalt." Durch den Spiegel des Zeitgenössischen betrachtet, soll die Arbeit abschließend eine Annäherung an die Frage liefern, warum Corneilles Werk auch in der heutigen Zeit noch soviel Interesse findet.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung: Corneille als Spiegel seiner Zeit 4
2. Der Entstehungskontext 6
2.1 Extern: der Konflikt mit Spanien 6
2.2 Intern: Konflikte der gesellschaftlichen Gruppen 8
2.2.1 Der Aufstieg des Bürgertums 8
2.2.2 Revolten des Blutadels 9
2.3 Kulturelle Entwicklungen 11
2.3.1 Richelieu als Wegbereiter des Absolutismus 11
2.3.2 Die Rolle des Theaters im Umbruch 12
3. Die Reflexion des Gesellschaftswandels in Corneilles Werken 16
3.1 Das Zeitgeschehen 16
3.2 Corneilles Umgang mit den dramatischen Regeln 18
3.2.1 bienséance 18
3.2.2 vraisemblance 22
4. Politik und Theater bei Corneille: Politische Tragödien 26
4.1 Le Cid als heroische Tragödie 26
4.1.1 Generationen und Werthaltungen 26
4.1.2 Rezeption und Querelle du Cid 30
4.2 Horace als politische Tragödie 35
4.2.1 Individuum und Staat 35
4.2.2 Der qualitative Unterschied zwischen Horace und Curiace 38
4.3 Cinna als ethische Tragödie 42
4.3.1 Apotheose eines Herrschers 42
4.3.2 Analyse der Hauptfiguren 44
4.3.2.1 Emilie als Vertreterin des römischen Adels 44
4.3.2.2 Cinna als jugendlicher Antiheld 46
4.3.2.3 Maxime als Gefangener zwischen Liebe und politischen Interessen 48
4.3.2.4 Livie als politische Beraterin 52
4.3.2.5 Auguste als geläuterter Herrscher 54
5. Das Werteverständnis in Corneilles Theater 59
5.1 Heldentum als Leitmotiv 59
5.1.1 Générosité: Innerlicher Adel durch Veranlagung 59
5.1.2 Das Streben nach gloire 62
5.1.3 Vertu: Heroisches Konzept im Wandel 66
5.1.4 Humanité: Der Held in Diskrepanz zur sozialen Ethik 68
5.2 Liebe als handlungsauslösendes Moment 71
5.2.1 Das Verhältnis zwischen Leidenschaft und Freiheit 71
5.2.2 Kontrast der Generationen 76
5.2.3 Kontrast der Geschlechter 82
6. Der Held und der Staat 87
6.1 Das Königbild 87
6.1.1 Der König als Mensch 87
6.1.2 Der König als Richter 88
6.1.2.1 Don Fernand: Umstrittene Souveränität 88
6.1.2.2 Tulle: Staatsrecht vor Naturrecht 93
6.1.2.3 Auguste: Vom Tyrannen zum richterlichen Herrscher 95
6.2 Heldentum und Staatsraison 97
6.3 Das neue Ideal des integrierten Helden 99
6.4 Das Verhältnis von Staat und Held im späteren Werk 102
7. Fazit: Corneille als Repräsentant eines Wertewandels 104
Anhang 111
Bibliographie 118

Textprobe:

Kapitel 4.3.2.3, Maxime als Gefangener zwischen Liebe und politischen Interessen:

Cinna hat eine klare Handlung, die sich von der Verschwörung zur Gnade bewegt. Darin ist die Liebesrivalität zwischen Maxime und Cinna ein spannungssteigerndes Element, das Maxime dazu bringt, an einem einzigen Tag den Freund, die Komplottgenossen und den Monarchen zu verraten.

Maxime ist erstaunt über des zweifelnden Königs neues, gutherziges Gesicht und rät ihm ehrlich zum Abtritt, indem er den möglichen Erfolg des elften Attentats andeutet und den Machtverzicht als die größte Tugend lobt. Er bevorzugt in der psychologisch und politisch raffiniert vielschichtigen Debattenszene die unblutige Erringung der Freiheit gegenüber der Freiheit durch Gewalt. Außerdem solle Auguste nicht Sklave seiner grandeurs werden: „Possédez-les, seigneur, sans qu’elles vous possèdent“. Statt in der eigenen Großartigkeit gefangen zu sein und sich von seiner Macht kontrollieren zu lassen, solle er selbstkontrolliert bleiben. Darin zeigen sich Maximes Mut – er verbirgt nicht seine Intention -, seine Vernunft und seine Vorsicht.

Über Cinnas Ablehnung der Abdankung ist er schockiert, erkennt aber noch nicht sofort dessen Missbrauch, da dieser behauptet, er habe gegen seine wahren Gefühle gesprochen, um die Plausibilität des Komplotts zu erhalten. Maxime entdeckt Cinnas Selbstsucht noch nicht in dieser abgewandelten Gerichtsszene, sondern erst im Vers 718, denn nur Évandre und Fulvie wissen von der Liebesaffäre zwischen Emilie und Cinna. Letzterer gibt also selbst den Anlass zur Peripetie. Ab dann wird Maxime klar, dass die Verschwörung nicht Rom dient, sondern seinem Rivalen in Liebesdingen. Er befindet sich in einem mehrfachen Konflikt, wo sich Freundestreue und Liebe sowie Freundestreue und republikanische Gesinnung gegenüberstehen. Maxime ist folglich in einem Zustand der Verwirrung, nachdem er die Liebenswürdigkeit des desillusionierten Herrschers erkannt und Cinna ihm sein wirkliches Motiv offenbart hat. Die Atmosphäre des Stücks wechselt hier. Maxime muss nun zwischen seinem republikanischen Ideal und seinem persönlichen Interesse wählen, ist dabei unentschlossen und überlässt deshalb Euphorbe die Führung, der ihm den feigen Fluchtvorschlag macht. In einem Ausbruch von Eifersucht lässt er sich von dem intelligenten früheren Sklaven mit dessen praktischen Lösungen von seiner Natur entfremden und zur als logisch präsentierten Reaktion auf Cinnas Eigennutz in Form eines Betrugs verführen. Sein folgendes Liebesgeständnis an Emilie ist eine Selbsterniedrigung, denn sein Angebot, er könne ihr ein Ersatzliebhaber, wörtlich „un autre Cinna“ sein, lehnt sie herablassend ab: Sie fürchte den Tod nicht und eine Flucht mit Maxime wäre unter ihrer Würde. Dieser versinkt lächerlich gemacht in Selbstmitleid und will, zutiefst beschämt, sterben.

Hier wird die Rolle des schlechten, das heißt durch Partikularinteressen geleiteten, Beraters als potentieller Zerstörer des Heldentums deutlich. Der eigentlich von Auguste geschätzte Maxime ist durch die Verliebtheit – die letztendlich zum Verrat führt - schwach und durch seine Werteverwirrung beeinflussbar. Er glaubt Euphorbes Vermutungen und kategorischen Behauptungen, besonders dem Argument, Auguste, dem ja der Verrat das Leben rettet, könne ihm Emilie nicht verweigern.

Es ist also eine moralische Degradation festzustellen, bei der Maxime vom uneigennützigen Verschwörer, vom ernsten, vorsichtigen, pragmatischen Idealisten und vom offenen, ehrlichen Revolutionär zum Verräter wird. Das Scheitern der Verschwörer ist aber mehr ein Scheitern einer antiquierten Ideologie als moralisches Scheitern, denn am Ende überwinden sie ihre privaten Ansprüche und erlangen so ihre gloire – wie générosité ein Schlüsselwort in Corneilles Werk - zurück.

Im Nachhinein erkennt Maxime den Plan als schändlich, liefert sich aufgrund seiner Gewissensbisse aus und gesteht. Er klagt aber Euphorbe an, steht also nicht komplett zu seinen Taten. Maxime war nie böswillig, sondern lediglich schwach. Das volle Geständnis stellt seinen Respekt vor sich selbst wieder her. Damit gibt er der Handlung noch eine neue Wendung. Es scheint aber, die Verschmähung und Beschimpfung durch die Angebetete verursachte Maximes Reue des Verrats, die daher weniger ehrenhaft sei. Auf jeden Fall verkörpert Maxime in Cinna nicht die Rolle des beeindruckenden Helden, schon allein wegen seines melodramatisch vorgetäuschten Selbstmords, seiner Entführungspläne, seiner Eifersucht und seiner Heimlichtuerei. Zwar erscheint er als der einzige Idealist mit ursprünglich politischer Zielsetzung aus Interesse an der republikanischen Sache und ist der Ehrlichere in der Beratungsszene, doch für ihn wie für Cinna, der treu seinen Schwur hält, aber zu jung und unreif erscheint, hat am Ende das Eigeninteresse Priorität.

Arbeit zitieren:
Finné, Dana November 2008: Politischer und kultureller Wandel im frühen Theater Corneilles, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Corneille, Theater, Cinna, Le Cid, Horace

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