Staatliche Handlungskapazität und politisches Vertrauen
Die europäische Integration in der Wahrnehmung der Bürger
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Mark Lempp
- Abgabedatum: November 2003
- Umfang: 98 Seiten
- Dateigröße: 747,8 KB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Georg-August-Universität Göttingen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-8266-4
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-8266-4 P - ISBN (CD) :978-3-8324-8266-4 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Lempp, Mark November 2003: Staatliche Handlungskapazität und politisches Vertrauen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: political trust, state capacity, european integration, politische Steuerungsfähigkeit, Mehrebenensystem
In den Warenkorb
48,00 €
Diplomarbeit von Mark Lempp
Zusammenfassung:
Häufig wird im politischen Diskurs unserer Tage der Umstand beklagt, dass immer mehr Bürger immer weniger Vertrauen in die Politik hätten. Tatsächlich belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien einen allgemeinen und zum Teil dramatischen Rückgang des politischen Vertrauens in den etablierten demokratischen Systemen, der nun schon seit Jahrzehnten im Gange ist. Da diese Entwicklung insgesamt mit großer Sorge betrachtet wird, hat sich ein zunehmend bedeutsamer Zweig der Politikwissenschaft die Erforschung des politischen Vertrauens auf die Fahnen geschrieben. Ausgehend von empirischen Ansätzen US-amerikanischer Institute, stehen mittlerweile auch die europäischen Staaten mehr und mehr im Mittelpunkt der Analyse. In den Staaten der Europäischen Union - besonders stark in der Bundesrepublik Deutschland - hat das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der nationalen Regierungen vor allem seit den frühen neunziger Jahren abgenommen. Was könnten die Gründe für diese Entwicklung sein? Viele althergebrachte Theorien stellen auf die vermeintliche Unfähigkeit der amtierenden Politiker, auf Korruption, auf eine Wirtschaftsflaute oder auf eine pessimistische Medienberichterstattung ab. Keiner dieser Ansätze vermag allerdings den ebenso allgemeinen wie dauerhaften und nachhaltigen Rückgang des politischen Vertrauens überzeugend zu erklären.
In dieser Arbeit wird deshalb ein neuartiges Modell zur Erklärung des Rückgangs vorgeschlagen, welches zwar auch die Akteure und internen Strukturen der politischen Institutionen als Erklärungsfaktoren für politisches Vertrauen berücksichtigt, zusätzlich aber die Möglichkeiten politischer Steuerung – die staatliche Handlungskapazität – integriert.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges prägte der Prozess der europäischen Integration die strukturellen Veränderungen der politischen Realität innerhalb und zwischen den Mitgliedstaaten wohl mehr als jede andere Entwicklung. Mit der Verlagerung immer weiterer politischer Sachzuständigkeiten (Kompetenzen) von der Entscheidungsebene des Nationalstaates auf die Organe der Europäischen Gemeinschaften geht – eine weitreichende Reduktion der staatlichen Handlungskapazität einher. Insbesondere die so genannten Grundfreiheiten, die im Rahmen des europäischen Binnenmarkts in den Gemeinschaftsvertrag aufgenommen worden sind, sowie die Errichtung der Wirtschaft- und Währungsunion, welche unter anderem die Grundlage der Euro-Stabilitätskriterien bildet, begrenzen den rechtlichen Wirkungsbereich der nationalen Akteure. Hinzu kommt, dass der einzelne Mitgliedsstaat die Gemeinschaftsrechtssetzung tendenziell immer weniger kontrollieren kann.
Diese Entwicklungen leisten einem enormen wirtschaftlichen Konkurrenz- und Anpassungsdruck zwischen den einzelnen Staaten Vorschub. Das internationale Ringen um den attraktivsten Investitionsstandort engt den faktischen Gestaltungsspielraum politischer Akteure in nationalen Institutionen drastisch ein.
Unzählige mehr oder weniger wissenschaftliche Werke und Aufsätze befassen sich mit den mannigfaltigen Facetten dieser Entwicklung für die Legitimation politischer Entscheidungen und für die Demokratie in der Union sowie in den Mitgliedsstaaten. Häufig wird ein „demokratisches Defizit“ beklagt oder eine „europäische Identität“ vermisst. Wenig erforscht worden ist jedoch der Einfluss, den die Europäische Integration auf das politische Vertrauen der Bürger haben könnte, und gänzlich unbeachtet geblieben ist die Frage, welche Rolle Vermutungen über die Handlungskapazität des eigenen Staates und der Gemeinschaft dabei spielen. Welche Probleme können Politiker lösen, die in Institutionen arbeiten, welche ihnen immer weniger Einfluss auf die gesellschaftlichen Zustände und Entwicklungen ermöglichen? Inwieweit kann ihnen die Gestaltung der Zukunft noch sinnvoller Weise anvertraut werden, wenn sie selbst nicht frei agieren können, sondern höheren Zwängen unterliegen, und wenn sie unliebsame politische Entscheidungen mit Verweis auf eine vermeintliche Alternativlosigkeit zu rechtfertigen versuchen?
Die zentrale Hypothese dieser Arbeit ist, dass sich ein diffuser Eindruck von politischer Unbeweglichkeit ausbreitet und maßgeblich zum Verlust an politischem Vertrauen der Bevölkerungen in ihre nationalen Regierungen beiträgt. Anhand empirischer Daten aus verschiedenen Umfragen (darunter Eurobarometer, Allbus, Politbarometer, European Election Study) wird untersucht, inwieweit die Bürger Europas den Integrationsprozess als Einschränkung der nationalstaatlichen Handlungskapazität wahrnehmen und ob sich daraus der Verlust an politischem Vertrauen erklären lässt. Bemerkenswerterweise wird nach der vorliegenden Analyse die fortschreitende europäische Integration gleichzeitig als Ursache und als Lösung des Problems der sinkenden staatlichen Handlungskapazität angesehen.
Inhaltsverzeichnis:
| Kapitel 1 | Einleitung und Fragestellung | 1 |
| 1. | Vertrauen in der repräsentativen Demokratie | 1 |
| 2. | Entwicklung der Forschung über politisches Vertrauen | 3 |
| 3. | Staatliche Handlungskapazität und politisches Vertrauen | 6 |
| 4. | Der europäische Integrationsprozess | 8 |
| 5. | Zum Aufbau der Arbeit | 10 |
| Kapitel 2 | Das Phänomen des politischen Vertrauens: Begriffsbestimmung | 12 |
| 1. | Allgemeines | 12 |
| 2. | Politikwissenschaftliche Definitionen | 14 |
| 3. | Politisches Vertrauen im Rahmen dieser Arbeit | 15 |
| Kapitel 3 | Das Phänomen des politischen Vertrauens: Verschiedene Konzepte | 16 |
| 1. | David Eastons Konzept politischer Unterstützung | 16 |
| 1.1 | Politische Unterstützung | 16 |
| 1.2 | Objekte politischer Unterstützung | 17 |
| 1.3 | Arten politischer Unterstützung | 18 |
| 2. | Zum politischen Vertrauen bei David Easton | 20 |
| 3. | Erklärungsmodelle zum politischen Vertrauen | 23 |
| 3.1 | Sozial-kulturelle und ökonomische Erklärungen | 24 |
| 3.1.1 | Veränderte öffentliche Kommunikation | 24 |
| 3.1.2 | Gesellschaftlicher Wertewandel und politisches Vertrauen | 26 |
| 3.2 | Die Social-Capital Theory | 29 |
| 3.3 | Mängel im politischen System als Ursache eines potentiellen Vertrauensverlusts | 32 |
| 3.3.1 | Die politischen Akteure | 33 |
| 3.3.1.1 | Persönliche Eigenschaften einzelner Akteure | 33 |
| 3.3.1.2 | Unzufriedenheit mit den amtierenden politischen Akteuren | 35 |
| 3.3.2 | Die politischen Institutionen | 36 |
| 3.3.2.1 | Zentrale Kategorien | 37 |
| 3.3.2.2 | Regeln und Strukturen | 38 |
| 4. | Zwischenfazit | 42 |
| Kapitel 4 | Staatliche Handlungskapazität und politisches Vertrauen: ein Modell | 46 |
| 1. | Politische Erwartungen | 46 |
| 2. | Politische Forderungen | 46 |
| 3. | Politisches Vertrauen | 47 |
| 4. | Erfahrung und Betrachtung des politischen Systems | 47 |
| 5. | Die Vertrauenswürdigkeit des politischen Systems | 49 |
| 6. | Die staatliche Handlungskapazität | 50 |
| Kapitel 5 | Politisches Vertrauen im Prozess der europäischen Integration | 55 |
| 1. | Entwicklungenin der Europäischen Union während der neunziger Jahre | 55 |
| 1.1 | Die Entwicklung der staatlichen Handlungskapazität | 55 |
| 1.2 | Die Entwicklung des politischen Vertrauens | 56 |
| 2. | Die Übertragung des Modells auf den Prozess der Integration | 62 |
| 3. | Fragen, die sich aus dem Modell für die Wahrnehmung der Integration ergeben | 63 |
| 4. | Hypothesen | 65 |
| 5. | Methodologische Aspekte und Probleme | 65 |
| 5.1 | Schwierigkeiten bei der Messung | 65 |
| 5.2 | Probleme bezüglich empirischer Daten | 66 |
| 5.3 | Operationalisierung | 67 |
| 5.3.1 | Mögliche Indikatoren für Hypothese H1 | 67 |
| 5.3.2 | Mögliche Indikatoren für Hypothese H2 | 72 |
| 6. | Befunde | 74 |
| 6.1 | Korrelation zwischen staatlicher Handlungskapazität und politischem Vertrauen | 74 |
| 6.2 | Einstellungen der Bürger zur europäischen Integration | 75 |
| 7. | Bewertung und Diskussion | 80 |
| Kapitel 6 | Fazit und Ausblick | 84 |
| Literaturverzeichnis | 86 | |
| Verwendete Daten | 92 |
Verwaltung, etwa, dürfte nicht unwesentlich von der Qualifikation der Bediensteten abhängen. Für die Repräsentation des Staates nach außen ist diplomatisches Geschick des Außenministers und der Ministerialbürokraten gefordert. Politische Qualitäten der Akteure sind ihre politischen Einstellungen und Präferenzen. Entscheidend ist die Kongruenz der politischen Zielvorstellungen von Akteur und Bürger. Sie ist beispielsweise nicht gegeben, wenn die Regierung andere politische Präferenzen aufweist als der Bürger, weil sie etwa von einer Partei getragen wird, mit der er überhaupt nicht sympathisiert. Möglich ist auch, dass keine der etablierten politischen Parteien die eigenen politischen Ziele vertritt, oder dass der Regierungschef sich zunehmend von den politischen Zielen seiner Wähler entfernt. Interne Strukturen und Regeln bestimmen den Aufbau und das Zusammenspiel der staatlichen Institutionen und sind in der Regel in der Verfassung verankert. Sie bestimmen Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation und Entscheidungsfindung innerhalb des politischen Systems. Sie sind somit auch entscheidend für den Einfluss, den einzelne Akteure (wie Bundeskanzler, Bundespräsident, Ministerialbeamte etc.) oder Gruppen von Akteuren (Parteien, Regierung, Opposition, Fraktionen, Ministerien etc.) Kraft der jeweiligen Rollen, die sie einnehmen, innerhalb des politischen Systems ausüben. Auf die Vertrauenswürdigkeit des politischen Systems dürften sie sich vor allem über die im vorangegangenen Kapitel identifizierten zentralen Kategorien der Responsivität, Effektivität und Verantwortlichkeit auswirken. 6. Die staatliche Handlungskapazität Die staatliche Handlungskapazität bezieht sich nun im Unterschied zu den internen Strukturen und Regeln nicht auf die Machtverhältnisse innerhalb des politischen Systems, sondern auf die Machtbasis des Systems innerhalb seiner Umwelt. Sie hängt also nicht allein von der Leistungsfähigkeit innerstaatlicher Institutionen ab, sondern vor allem von den externen Strukturen und Regeln, die gewissermaßen den Raum der realisierbaren Handlungsoptionen abstecken. Die staatliche Handlungskapazität ist damit eine notwendige Voraussetzung für die Durchsetzung politischer Forderungen in der Gesellschaft durch die staatlichen Akteure mittels der Kontrolle über die staatlichen Institutionen. Kurz, sie ist eine Voraussetzung für politische Steuerung. Von den drei Bedingungen für die Vertrauenswürdigkeit des politischen Systems ist die staatliche Handlungskapazität die abstrakteste, und es stellt sich daher die Frage, inwieweit [...]
somit kein genaues Abbild der Wirklichkeit, sondern entsteht auf der Grundlage persönlicher Wahrnehmung, die quasi als Filter zwischen der Wirklichkeit und der subjektiven Realität steht. Auch die Erfahrungen erreichen den Bürger nicht unverfälscht und vollständig. Genau wie die Eindrücke der Betrachtung, werden auch sie durch Wahrnehmungsprozesse gefiltert. 5. Die Vertrauenswürdigkeit des politischen Systems Bis hierher ist das Modell sehr allgemein gehalten worden, und die Begriffe der Akteure und Institutionen wurden nicht weiter qualifiziert. Um die staatliche Handlungskapazität in das Modell zu integrieren, wird nunmehr von staatlichen politischen Akteuren, staatlichen Institutionen und Staatsbürgern ausgegangen. Die Bürger richten also Forderungen an die Akteure in der Hoffnung, dass deren Entscheidungen und Handlungen ihren normativen Erwartungen in Bezug auf die Lösung gesellschaftlicher Probleme gerecht werden. Ihr politisches Vertrauen hängt nun jedoch nicht einfach von ihrer Einschätzung und Bewertung der politischen Akteure ab. Selbst wenn die Bürger davon ausgehen, dass die Akteure über die nötigen persönlichen Fähigkeiten und Kenntnisse verfügen und auch die gleichen politischen Ansichten vertreten wie sie selbst, können sie nicht unbedingt darauf vertrauen, dass deren Handlungen ihren normativen Erwartungen entsprechen werden. Schließlich unterliegen die einzelnen Politiker, die Regierung und selbst das gesamte Parlament gewissen Zwängen, welche den Raum der realisierbaren Möglichkeiten einschränken. Entscheidend für das Maß an politischem Vertrauen sind somit nicht allein Eigenschaften der politischen Akteure, sondern, inwiefern diesen Akteuren unter Berücksichtigung aller Umstände zugetraut werden kann, die richtigen Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Dieser Gesamteindruck soll hier bezeichnet werden als die Vertrauenswürdigkeit des politischen Systems. Er hängt ab von der bewertenden Betrachtung der politischen und gesellschaftlichen Gesamtsituation, also hier der politischen Akteure innerhalb der staatlichen Institutionen und der staatlichen Institutionen innerhalb der gesellschaftlichen und außergesellschaftlichen Strukturen. Drei Faktoren stellen jeweils notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen für die Vertrauenswürdigkeit des politischen Systems dar: Persönliche und politische Qualitäten der Akteure Interne Strukturen und Regeln Staatliche Handlungskapazität [...]
hingegen ist eher aktiv. Die Politik (genauer: der sichtbare Teil des politischen Systems und seiner Prozesse) wird aus einem bestimmten Interesse heraus betrachtet, und es werden hieraus Schlussfolgerungen über zukünftige Ereignisse gezogen. Während sich die Erfahrung also lediglich auf den output des politischen Systems bezieht, gilt die Betrachtung auch den Elementen, Strukturen und Prozessen des Systems, so dass durch das Auge des Betrachters ein Bild von der politischen und gesellschaftlichen Gesamtsituation entsteht. Die Betrachtung erfordert nicht, dass der Betrachtende sich ständig mit der Politik befasst oder sie gar analysiert; vielmehr geht es um die Art der Urteilsbildung. Im Prinzip genügt es, wenn er die Frage nach seinem politischen Vertrauen auf der Grundlage einer Reflexion über Elemente und Bedingungen des politischen Systems beantwortet.97 Wie nun die Erfahrung und Betrachtung das politische Vertrauen des Bürgers verändern, ob sie es erhöhen, senken oder gar nicht beeinflussen, hängt von der individuellen Bewertung ab. Erfahrungen, die den eigenen normativen Erwartungen entsprechen, wirken potentiell vertrauensfördernd; Erfahrungen, den eigenen Wünschen zuwiderlaufen, dürften den gegenteiligen Effekt haben. Entsprechendes gilt für die Betrachtung: sie trägt dann zum politischen Vertrauen bei, wenn sie den Betrachter Anlass zur Vermutung gibt, dass zukünftige politische Entscheidungen und Handlungen seinen eigenen normativen Erwartungen entsprechen werden. Die persönlichen normativen Erwartungen sind also der Maßstab an dem Eindrücke (Erfahrung und Betrachtung) bewertet werden. Je nachdem, wie Eindrücke diesen Filter passieren, wirken sie sich auf das politische Vertrauen aus. Die politischen Phänomene werden selten direkt betrachtet, sondern erreichen den Bürger in der Regel über die Massenmedien. Ein Bild wird sich der Betrachter jedoch auch anhand von Gesprächen machen, zum Beispiel am Stammtisch oder bei Sitzungen des Ortsverbandes seiner Partei. Wichtig ist, dass es sich hierbei nicht um eine Ideologie oder Wunschvorstellung handelt, und auch nicht um eine Legitimitätsüberzeugung, sondern um ein – natürlich subjektives – Bild von der politischen Realität.98 Das Bild des Betrachters ist [...]
In den Warenkorb
48,00 €
Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783832482664
Arbeit zitieren:
Lempp, Mark November 2003: Staatliche Handlungskapazität und politisches Vertrauen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
political trust, state capacity, european integration, politische Steuerungsfähigkeit, Mehrebenensystem



