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Auf den Spuren der Zeit

Eine analytische Betrachtung temporaler Strukturen im Werk Paul Cèzannes und seiner Zeitgenossen

Auf den Spuren der Zeit
Über dieses Buch
  • Art: Dissertation / Doktorarbeit
  • Autor: Sabrina Cercelovic
  • Abgabedatum: Juni 1998
  • Umfang: 249 Seiten
  • Dateigröße: 2,3 MB
  • Note: 2,0
  • Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-5474-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-5474-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-5474-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Cercelovic, Sabrina Juni 1998: Auf den Spuren der Zeit, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Impressionismus, Kunst, Zeitgeschehen

Dissertation / Doktorarbeit von Sabrina Cercelovic

Problemstellung:

Obwohl die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Zeit ein wesentlicher Aspekt des impressionistischen Kunstschaffens ist, wurde dieses Thema in der kunstgeschichtlichen Literatur bisher nur unzureichend behandelt.

Zwar lassen sich ohne Weiteres zahlreiche Hinweise auf die Zeitbezogenheit impressionistischer Kunst finden, doch stellen diese vorzugsweise die Negation von Zeit, d. h. Zeitlosigkeit im Sinne von nicht mehr vorhandener Zeit heraus (Novotny, Rewald, Meyer).

Mein Anliegen war es, in der vorliegenden Untersuchung die Vielschichtigkeit des Themas Zeit herauszuarbeiten, so dass das eher dürftige Repertoire an Untersuchungen, wie sie zur Zeit vorliegen, zu diesem Gegenstand um ein fundiertes Projekt erweitert werden kann.

Ausgehend von einer grundsätzlichen Annahme von Zeitbezogenheit und Zeit in den vorgestellten Werken von Renoir, Monet, Degas, Pissarro und Cézanne, möchte ich dem Thema Zeit in der impressionistischen Kunst eine Wende in der Interpretation ihrer Dimension einräumen.

Gang der Untersuchung:

Der erste Teil meiner Arbeit befasst sich mit der Thematisierung temporaler Strukturen unter folgenden Aspekten:

Motivisch: Inwiefern sind die beschriebenen Motive charakteristisch für das Zeitgeschehen des 19. Jahrhunderts?

erzählte Zeit: Inwieweit indizieren die Darstellungen Handlungsabläufe und die Anwesenheit von Zeit?

unsichtbare Aspekte von Zeitgeschehen und Zeit.

Im letzten Teil der Untersuchung geht es mir wesentlich um die Darstellung der signifikanten Merkmale im Umgang mit Zeit bei Cézanne. Denn diese werfen ein völlig neues Licht auf die Begründung seiner Modernität.

Inhaltsverzeichnis:

EINLEITUNG
ÜBER DIE ZEIT: EINE EINFÜHRENDE SKIZZIERUNG DES PROBLEMFELDES
1. WAS IST ZEIT?
2. DAS PHÄNOMEN ZEIT: EINE OBJEKTBESCHREIBUNG
DER AUFBRUCH IN DIE MODERNE: DAS 19. JAHRHUNDERT UND SEINE TECHNISCHEN UND KULTURELLEN INNOVATIONEN
1. DIE INDUSTRIALISIERUNG VON RAUM UND ZEIT: DER BEGINN DES EISENBAHNZEITALTERS
2. DIE PANORAMATISCHE SICHTWEISE ALS EIN CHARAKTERISTIKUM DES 19. JAHRHUNDERTS
3. PARIS UND DIE ÄRA HAUSSMANN
4. DIE ERFINDUNG DER FOTOGRAFIE UND DIE BEGRÜNDUNG EINER NEUEN SICHTWEISE
5. DER SINN FÜRS ZUFÄLLIGE: JAPANISCHE FARBHOLZSCHNITTEUND IHR AUFKOMMEN IN EUROPA
DAS AUFKOMMEN IN EUROPA
HISTORISCHER ABRISS
THEMENBEREICHE UND STILMERKMALE
AUSWIRKUNGEN AUF DIE EUROPÄISCHE KUNST
6. RESÜMEE
ZEIT UND ZEITGESCHEHEN BEI CÉZANNE, RENOIR, MONET, DEGAS UND PISSARRO
1. PAUL CÉZANNE: LA FEMME À LA CAFETIÈRE (FRAU MIT KAFFEEKANNE), 1890 - 95, PARIS, MUSÉE D'ORSAY
DAS MOTIV
SICHTBARE ASPEKTE DER ZEIT
UNSICHTBARE ASPEKTE VON ZEIT UND ZEITBEZOGENHEIT
RESÜMEE
2. PIERRE-AUGUSTE RENOIR: LE DÉJEUNER DES CANOTIERS (DAS FRÜHSTÜCK DER BOOTSFAHRER),1881,WASHINGTON, THE PHILIPS COLLECTION
DAS MOTIV
ZEITGEIST UND ZEITGESCHEHEN
SICHTBARE ASPEKTE DER ZEIT
UNSICHTBARE ASPEKTE VON ZEIT UND ZEITBEZUG
RESÜMEE
3. CLAUDE MONET: LE PONT DE L'EUROPE (DIE EUROPABRÜCKE AM BAHNHOF SAINT-LAZARE), 1877, PARIS, MUSÉE MARMOTTAN
DAS MOTIV
ZEITGEIST UND ZEITGESCHEHEN
SICHTBARE ASPEKTE DER ZEIT
DARSTELLUNGSART UND ZEIT
SUBTILERE AUSPRÄGUNGEN VON ZEIT
RESÜMEE
4. EDGAR DEGAS: DIE BALLETTPROBE, 1874, GLASGOW, THE BURRELL COLLECTION
DAS MOTIV
ZEITGEIST UND ZEITGESCHEHEN
SICHTBARE ASPEKTE DER ZEIT
DARSTELLUNGSART UND ZEIT
VERBORGENE ASPEKTE DER ZEIT
RESÜMEE
CAMILLE PISSARRO: MÄDCHEN BEIM GESCHIRRSPÜLEN, UM 1882, CAMBRIDGE, FITZWILLIAM MUSEUM
DAS MOTIV
ZEITGEIST UND ZEITGESCHEHEN
SICHTBARE ASPEKTE DER ZEIT
DIE DARSTELLUNGSART
DIE ZEIT IN DER ZEIT
RESÜMEE
ZUR REIHENFOLGE DER VORGESTELLTEN WERKE
ZEIT UND ZEITGESCHEHEN IM WERK PAUL CÉZANNES
1. STILLEBEN MIT ÄPFELN UND ORANGEN,1895-1900, PARIS, MUSÉE D'ORSAY
DAS MOTIV
DARSTELLUNGSART UND ZEIT
VERBORGENE ASPEKTE DER ZEIT
RESÜMEE
2. DIE KARTENSPIELER, 1890-92, PARIS, MUSÉE D'ORSAY
DAS MOTIV
SICHTBARE ASPEKTE DER ZEIT
DARSTELLUNGSART UND ZEIT
SUBTILERE AUSPRÄGUNGEN VON ZEIT
RESÜMEE
3. DAS HAUS DES GEHÄNGTEN, 1873, PARIS, MUSÉE D'ORSAY
DAS MOTIV
ZEITGEIST UND ZEITGESCHEHEN
DARSTELLUNGSART UND ZEIT
DIE ZEIT IN DER ZEIT
ÄNDERUNGSDYNAMIK UND KOMPENSATORISCHE LANGSAMKEIT: DIE BEWAHRUNGSKULTUR IM TECHNISIERTEN ZEITALTER
ZUR AKTUALITÄT DIESES BILDES
RESÜMEE
KUNST WIRD NATUR UND NATUR WIRD ZUR KUNST: DIE EIGENART DER ZEITGESTALTUNG
ABSCHLIEßENDE BETRACHTUNGEN
ABGEKÜRZT ZITIERTE LITERATUR

Automatisiert erstellter Textauszug:

98 Kontur werden zunehmend unwichtiger, relevant ist allein die Wechselwirkung der Farbmoleküle. Schließlich wird das Bild zum „farberfüllten Lichtraum.“264 In diesem Sinne führte die impressionistische Kunst „vom Tastwert zum Sehwert, von der geschlossenen zur geöffneten und bald zerfließenden Form.“265 Die Verbannung der Linie aus dem Repertoire impressionistischer Gestaltungsmittel, die insbesondere auch in Le déjeuner des canotiers anschaulich wird, bedingt, wie die Ausführungen Baxandalls zeigen, eine Akzentuierung des Flüchtigen und Zufälligen: „Die impressionistische und zum Teil auch die nachimpressionistische Malerei hatte in Bild und Wort viel Aufhebens vom Vorrang der Farbe gemacht. Aber Farbe ist ein zufälliges Produkt des Sehvermögens, eine Funktion des Betrachters, keine den realen Dingen innewohnende Eigenschaft, wohingegen die Form nicht nur real ist, sondern auch eine Art Wahrnehmungssicherheit bietet, da wir sie durch mehr als einen Sinn, nicht nur mit dem Sehvermögen, sondern auch mit dem Tastsinn, erfassen können.“266 Die Dichotomie einer bildnerischen Gestaltung in die Begriffe Form und Farbe impliziert in diesem Kontext die Vorstellung von Dauer und Vergänglichkeit. Findet eine Schwerpunktverschiebung von der Form zur Farbe statt, dann wird folglich nicht das Dauerhafte thematisiert, sondern das Flüchtige und Vergängliche. Renoir hat sich für diese Variante entschieden und so scheint das Frühstück der Bootsfahrer nicht mehr dem „Hier und Jetzt“ anzugehören. Das Unkonkrete und Konturenlose seiner Ausführung evoziert die Vorstellung von Vergänglichkeit. Ein räumlich Entferntes erscheint uns in dem Maße konturenloser und und weniger konkret, in dem die Entfernung zunimmt. Auf diese Tatsache hatte bereits Leonardo da Vinci in seinem „Traktat über die Malerei“ hingewiesen: „Von einer Figur, die weit entfernt ist, nimmt man zunächst die kleinsten Teile nicht mehr wahr, und am Schluß bleiben nur die größten Teile, deren Umrisse jedoch nicht mehr scharf zu erkennen sind...“267 Die unkonkrete Ausführung des Geschehens in Le déjeuner des canotiers kann jedoch nicht nur als ein Hinweis auf dessen räumliche Distanz zum Betrachter interpretiert werden. Sie verweist gleichermaßen auch auf die zeitliche Entfernung, [...]

97 „eine weiche sensualistische Konsistenz verleiht. Ein perlmutterartiges Schimmern, atmosphärische Übergänge zwischen der Farbe charakterisieren alle seine Bilder, ob Landschaft, weiblicher Akt oder Porträt.“258 Begrenzungen entstehen in Le déjeuner des canotiers allein durch das Setzen von Lokalfarben; wo diese weniger kontrastreich ausfallen und die Farben der umliegenden Gegenstände reflektieren, sind die Übergänge um so fließender. So wirken die abgebildeten Gegenstände und Personen mehr oder weniger nebulös und verschwommen, was letztlich zu einem Verlust von Strukturdichte führt. Insbesondere das Geschehen außerhalb der Terrasse ist in einem Netzwerk aus unterschiedlich gerichteten kurzen Pinselzügen dargestellt, das eher an die Struktur von Watte als an die einer Uferböschung erinnert; alles zerfließt in einer diffusen Weichheit, die auch das übrige Geschehen wie ein Firnis überzieht. Deshalb wirkt Le déjeuner des canotiers bei aller motivischen Realitätsnähe eigenartig irreal. Das Licht als das Hauptthema der impressionistischen Kunst, bedeutete nach Novotny : „Unwichtigerwerden des Plastischen, der dreidimensionalen Werte der Massen und Körper in ihrer unmittelbaren Wirkungskraft. Es hieß im Grunde und in der letzten Konsequenz, zu der die impressionistische Malerei bald gelangte: Unwichtigerwerden der einzelnen Dinge selbst, der individuellen Gebilde, aus denen sich die Welt der sichtbaren Realität zusammensetzt.“259 Ein wesentliches Kennzeichen impressionistischer Kunst ist die „ Zurückdrängung des Individualwertes der Einzeldinge infolge eines Übergeordneten.“260 Dieses Übergeordnete ist das Licht. Es „spielt gleichgültig über die festen Grenzen hin in allen seinen Überstrahlungen und Reflexen und löst die Umrisse auf, so daß ein einheitliches Lichtgewebe die ganze Bildfläche bedeckt, bestehend aus kleinsten, genau beobachteten Farbflecken.“261 Das bedeutet nach Novotny „ einen beträchtlichen Eingriff in die illustrative Richtigkeit des Bildraumes.“262 Die impressionistische Kunst macht in diesem Sinne einen „Schritt aus der Welt der Objekte in eine Welt der elementaren Erscheinungen“.263 Werden die atmosphärischen Phänomene das Beherrschende der Bildidee, dann wird die Farbe zum primären Gestaltungselement. Zeichnung und [...]

96 Luft werden allesamt zu reiner Farbmaterie und lassen sich stofflich nicht mehr voneinander unterscheiden.“255 Der Verlust des Stofflichen wird auch von Novotny als ein wesentliches Merkmal impressionistischer Kunst herausgestellt: „Eine eingehende Betrachtung der impressionistischen Darstellungsweise ergibt bald die Überraschung, daß die Charakterisierung der Substanzen, der Materie und ihrer Oberfläche, keineswegs überall genau und eindeutig ist. Sie ist es nur im Gesamteffekt, nicht im einzelnen. Die Zurückdrängung des Individuellen durch die Herrschaft des Lichts erstreckt sich auch auf diesen Bereich des Wirklichkeitseffektes. Wenn alle Dinge zu einer Art von Lichtgebilden werden, so ist schließlich nur eine Materie genau charakterisiert, nämlich die Luft. Wieviel ist in der impressionistischen Darstellung einer Wasseroberfläche, die sich auf das bewegte Geglitzer konzentriert, vom Wesen und von der Materie des Wassers zu sehen ? Vieles vom Wesen, aber nicht sehr vieles von der Materie ... Ein impressionistisches Blumenstück, verglichen mit einem Blumenbild aus früheren Jahrhunderten, von den Niederländern des 17. Jahrhunderts angefangen, gibt nicht einfach den gleichen Gehalt an Stoffsinnlichkeit mit den Mitteln einer grundverschiedenen Darstellungsoptik wieder, sondern es sind in der virtuosen malerischen Abkürzung nicht alle Seiten auch nur der äußeren Erscheinung gleich bedacht.“256 Auch in Renoirs Bild ist das Spezifische der Substanz in den jeweiligen Darstellungen ausgespart. Mit der wattigen Konsistenz von Barbiers Jacke korrespondiert beispielsweise die diffuse Beschaffenheit der Gläser. Zwar lässt ihre Form an die Beschaffenheit ihrer Materie denken, die malerische Ausführung hingegen verrät nichts davon. Sie behandelt Gläser, Tischtuch, Menschen und Umgebung so, als bestünden alle mehr oder weniger aus derselben Substanz. Le déjeuner des canotiers ist in seiner räumlichen Konzeption so angelegt, dass sich der Betrachter unweigerlich mitten im Geschehen fühlt. Dennoch merkt er sehr rasch, dass er an diesem Ereignis nicht teilhaben kann, da es trotz seiner motivischen Realitätsnähe merkwürdig irreal erscheint: „ Alles bleibt hinter einem Schleier des Unwirklichen, so nahe es dem Betrachter auch zu sein scheint.“257 Das Ereignis ist nicht mehr greifbar, es beginnt sich aufzulösen, wird nebulös. Dieses Nebulöse ist hauptsächlich auf die Art des Farbauftrages zurückzuführen; Renoir modelliert mit weichen, fließenden Pinselzügen, er setzt keine harten Konturen, die die Gegenstände voneinander distanzieren. Seine Kunst zeichnet sich nach Rosenauer dadurch aus, dass er allem [...]

Arbeit zitieren:
Cercelovic, Sabrina Juni 1998: Auf den Spuren der Zeit, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Impressionismus, Kunst, Zeitgeschehen

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