Spieltheoretische Betrachtung von Tarifverhandlungen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Viktor Gauk
- Abgabedatum: Februar 2008
- Umfang: 73 Seiten
- Dateigröße: 448,6 KB
- Note: 1,7
- Institution / Hochschule: Universität Passau Deutschland
- Bibliografie: ca. 65
- ISBN (eBook): 978-3-8366-3633-9
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Gauk, Viktor Februar 2008: Spieltheoretische Betrachtung von Tarifverhandlungen, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Spieltheorie, Tarifverhandlung, Gewerkschaft, Strategie, Brinkmanship
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Diplomarbeit von Viktor Gauk
Einleitung:
Warum verlaufen Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern so unterschiedlich und doch immer so ähnlich? Warum stellen manche Gewerkschaftsvertreter hohe und manche geringe Forderungen an die Arbeitgeber? Warum geben sich die einen mit dem Mittelmaß zufrieden, die anderen dagegen gehen aufs Ganze und hoffen die Maximalforderung durchsetzen zu können?
All diese Fragen können auf vielfältige Weise beantwortet und mit Hilfe zahlreicher wissenschaftlicher Instrumente analysiert werden. In dieser Arbeit wird der spieltheoretische Ansatz zur Betrachtung von Tarifverhandlungen herangezogen.
Spieltheorie ist eine Methode zur Untersuchung von Entscheidungen in Konfliktsituationen. Sie behandelt menschliche Entscheidungsprozesse, in denen das Ergebnis von den Entscheidungen mehrerer Entscheidungsträger (Spieler) abhängt. Dabei kann ein einzelner das Ergebnis nicht unabhängig von der Wahl des anderen bestimmen.
Der Spieler kann eine einzelne Person, eine Gruppe, eine Organisation oder eine Gesellschaft sein. In die Betrachtung können politische, psychologische, soziologische, ökonomische oder andere Aspekte des menschlichen Lebens einbezogen werden. Die Spieltheorie richtet sich auf Probleme, die Konflikt, Kooperation oder beides mit sich bringen und deren wesentliche Lösungsformen Einvernehmen und Schlichtung sind.
Das Ziel dieser Arbeit ist es, am Beispiel der Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer und der Deutschen Bahn AG zu zeigen, ob im Rahmen des Spiels mit dem Abgrund (Brinkmanship) eine Strategie der Konfrontation zum Erfolg führen kann. Als Lösungsansatz wird der von Thomas C. Schelling eingeführte Begriff der strategischen Züge gewählt.
Dabei werden folgende Thesen aufgestellt:
Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer ist in keinem Fall bereit von ihren Forderungen abzuweichen und ist im Zweifelsfall eher entschlossen in den Abgrund zu stürzen als mit der Deutschen Bahn AG zu kooperieren.
Die Deutsche Bahn AG ist grundsätzlich kooperationsbereit, wird allerdings alles dafür tun, um erst im letztmöglichen Schritt zu kooperieren.
Zu Beginn wird der Verlauf der Auseinandersetzung in chronologischer Reihenfolge dargestellt. Dadurch sollen Grundinformationen über den Verlauf der Tarifverhandlungen zwischen den Gewerkschaften und dem Arbeitgeber vermittelt werden. Die Kenntnis der zeitlichen und sachlichen Zusammenhänge erleichtert das weitere Verständnis der einzelnen Analyseschritte.
In Kapitel 3 folgt die Darstellung des Spiels mit dem Abgrund (Brinkmanship) in einer in der Literatur allgemein gebräuchlichen Form. Die folgenden Ausführungen über strategische Züge werden durch allgemein formulierte Spiele plausibilisiert.
In Kapitel 4 werden Spiele entwickelt, mit Hilfe derer man den Ablauf von tariflichen Auseinandersetzungen nachvollziehen kann. Dabei wird von der Frage nach einer Interdependenz zwischen der Gewerkschaft und dem Unternehmen, über Formulierung von konkreten Forderungen bis hin zur direkten Konfrontation der Parteien ein kausaler Zusammenhang aufgebaut, der schließlich im Brinkmanship-Spiel endet.
In Kapitel 5 wird der Versuch unternommen, anhand von konkreten Beispielen aus dem Tarifkonflikt zwischen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer und der Deutschen Bahn AG, eine Lösung mit Hilfe der strategischen Züge zu erzielen. Trotz der Eindeutigkeit der Lösungshinweise, ist es zum Schuss nicht einfach, eine eindeutige Aussage über den Ausgang des Konfliktes zu treffen.
Inhaltsverzeichnis:
| Abbildungsverzeichnis | IV | |
| 1. | Einleitung | 1 |
| 2. | Ablauf der tariflichen Auseinandersetzungen zwischen der Deutschen Bahn AG und den Gewerkschaften TRANSNET, GDBA und GDL | 3 |
| 3. | Brinkmanship - Spiel mit dem Abgrund | 14 |
| 3.1 | Allgemeine Darstellung des Spiels mit dem Abgrund | 15 |
| 3.2 | Lösungsansatz von Thomas C. Schelling | 17 |
| 3.3 | Beispiele für strategisches Verhalten | 21 |
| 4. | Anwendung der Spiele auf den Tarifkonflikt zwischen der Deutschen Bahn AG und den Gewerkschaften TRANSNET, GDBA und GDL | 28 |
| 4.1 | Allgemeine Darstellung des Konflikts zwischen einem Unternehmen und einer Gewerkschaft ohne Durchsetzungsmöglichkeiten | 28 |
| 4.2 | Konkretisierung des Konflikts zwischen einem Unternehmen und einer Gewerkschaft mit der Einbeziehung des Elements einer Streikandrohung durch die Gewerkschaft | 30 |
| 4.3 | Darstellung der Beziehungen zwischen der Tarifgemeinschaft und der GDL | 33 |
| 4.4 | Darstellung der Beziehungen zwischen der Tarifgemeinschaft und der Deutschen Bahn AG | 34 |
| 4.5 | Analyse des Konflikts zwischen der GDL und der Deutschen Bahn AG | 36 |
| 5. | Anwendung strategischer Züge auf den Tarifkonflikt zwischen der Deutschen Bahn AG und der GD | 40 |
| 5.1 | Anwendung strategischer Züge durch die GDL | 40 |
| 5.1.1 | Kompromiss ist ein Zeichen der Schwäche | 40 |
| 5.1.2 | Abgabe der Kontrolle über den Ausgang des Spiels | 42 |
| 5.1.3 | Vorgehen in kleinen Schritten | 44 |
| 5.1.4 | Aufteilung der Forderung | 47 |
| 5.1.5 | Unmöglichkeit von Kommunikation | 48 |
| 5.2. | Anwendung strategischer Züge durch die Bahn | 50 |
| 5.2.1 | Verwendung von Verträgen | 50 |
| 5.2.2 | Bedingungsloser Zug und Verhinderung von Rückzugsmöglichkeit | 51 |
| 5.3 | Gemeinsamer Einsatz von strategischen Zügen | 53 |
| 5.3.1 | Delegation von Entscheidungen | 53 |
| 5.3.2 | Einsetzen von Vermittlern | 57 |
| 5.3.3 | Aufbau von Ansehen | 58 |
| 5.3.4 | Versprechen | 60 |
| 6. | Abschlussbemerkungen und Fazit | 61 |
| Literaturverzeichnis | 66 |
Textprobe:
Kapitel 5.1.2, Abgabe der Kontrolle über den Ausgang des Spiels:
Ein Spieler kann sich dadurch glaubwürdig selbst verpflichten, indem er die Kontrolle über die Entscheidung abgibt. In den meisten Spielen wird unter einen Spieler eine Gruppe von Beteiligten subsummiert. In diesem Fall kann der Vertreter der Gruppe dem Gegenspieler vermitteln, dass er persönlich nicht in der Lage ist, die Gesamtsituation in der Gruppe zu kontrollieren, sodass der Gegenspieler womöglich kooperieren oder nachgeben muss, um die Gesamtsituation nicht außer Kontrolle geraten zu lassen, d.h. um keinen Anlass zur Realisierung der Drohung zu geben und dadurch einen unerwünschten Ausgang des Spiels herbeizuführen. Allerdings ist die Abgabe der Kontrolle mit einem Risiko verbunden. Es ist möglich, dass aufgrund eines Missverständnisses die Drohung ausgeführt wird. Daher muss zwar das Risiko vorhanden sein, um der Drohung Glaubwürdigkeit zu verleihen, es darf aber keine vollständige Sicherheit über den Eintritt der Drohung herrschen.
Weil die erzwingende Drohung nicht mit Gewissheit ausgeführt werden kann, fehlt es ihr an Glaubwürdigkeit. Daher wird die GDL versuchen, die Drohung mit einem Risiko zu besetzen. Die in der GDL organisierten Mitarbeiter der Bahn könnten ihre Interessen gemeinsam gegenüber der Bahn vertreten. Allerdings ist die Organisation von Verhandlungen mit mehr als 16.000 Beteiligten mit sehr hohen Transaktionskosten, in Form von Koordination und Information verbunden. Daher wählen die Mitglieder einen Vorstand bzw. einen Verhandlungsführer, der ihre Interessen gegenüber der Bahn vertritt.
Es wird angenommen, dass der Vorstand die Handlungen jedes einzelnen Mitgliedes nicht vollständig kontrollieren kann. Sollte der Vorstand der GDL nun eine erzwingende Drohung gegenüber der Bahn aussprechen, würde der Eintritt dieser Drohung nicht ganz in der Hand des Vorstandes liegen. Denn eine der Bezirksgruppen könnte beispielsweise aufgrund lang andauernder Verhandlungen die Geduld verlieren oder aufgrund von Fehlinterpretation von Informationen sich eigenmächtig für eine Arbeitsniederlegung entscheiden, für die der Vorstand der GDL nicht verantwortlich wäre. Ob der Vorstand im Nachhinein in der Lage wäre, die Eigendynamik zu stoppen bleibt ungewiss. Die Abgabe der Kontrolle über die Ausführung der Drohung würde die Selbstbindung glaubwürdiger erscheinen lassen als die bloße Ankündigung einer solchen Drohung, über deren Ausführung immer noch der Vorstand bzw. die GDL als Ganzes die Entscheidungsgewalt hätte.
So geschah es tatsächlich am 12.10.2007. Die GDL hatte für diesen Tag bundesweite Arbeitsniederlegungen im Regionalverkehr angekündigt. Am 11.10.2007 lud der Aufsichtsratschef der Deutschen Bahn AG, Werner Müller, die Vorstände der Bahn und der GDL zu einem Spitzengespräch ein. Am Abend des gleichen Tages gegen 20:00 Uhr, nach dem das Gespräch stattgefunden hatte, gab der Vorsitzende der GDL, Manfred Schell, eine Meldung ab. Schell verkündete, dass es logistisch nicht mehr möglich sei, die ab zwei Uhr morgens geplanten bundesweiten Streiks abzusagen. Im Verlauf des nächsten Tages folgten Ausführungen, denen zu entnehmen war, dass man die bereits mobilisierten Mitglieder nicht mehr hinhalten konnte. Die Eigendynamik der Masse wäre nicht mehr aufzuhalten. Somit entschied sich der Vorstand für die Abgabe der Kontrolle über die Ausführung der Drohung, um die Entschlossenheit seiner Strategie glaubwürdig erscheinen zu lassen.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/ean/9783836636339
Arbeit zitieren:
Gauk, Viktor Februar 2008: Spieltheoretische Betrachtung von Tarifverhandlungen, Hamburg: Diplomica Verlag
Schlagworte:
Spieltheorie, Tarifverhandlung, Gewerkschaft, Strategie, Brinkmanship



