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Spektrum des Selbst im interkulturellen Kontext

Gloria Anzaldúa, Borderlands/La Frontera. The New Mestiza

Spektrum des Selbst im interkulturellen Kontext
Über dieses Buch
  • Art: Magisterarbeit
  • Autor: Ramona Wolf
  • Abgabedatum: Dezember 2007
  • Umfang: 70 Seiten
  • Dateigröße: 1,0 MB
  • Note: 1,3
  • Institution / Hochschule: Friedrich-Schiller-Universität Jena Deutschland
  • Bibliografie: ca. 31
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-1426-9
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Wolf, Ramona Dezember 2007: Spektrum des Selbst im interkulturellen Kontext, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Gloria Anzaldúa, Chicanaliteratur, Interkultur, Mestizentum, interkultureller Kontext

Magisterarbeit von Ramona Wolf

Einleitung:

Gloria Anzaldúa leistete durch ihre Werke sowie durch ihre starke Persönlichkeit einen herausragenden Beitrag für die verschiedensten Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre. Sie beeinflusste nachhaltig die feministischen Strömungen ihrer Zeit, die Betrachtungen der Kultur-, Chicana- und Homosexuellen Theorie, indem sie diese Bewegungen herausforderte und neue Sichtpunkte herausarbeitete: „she challenged these movements in an effort to make real change happen to the world, rather than to specific groups“.

Für ihre Arbeiten wurde sie durch zahlreiche Preise geehrt. Unter anderem empfing sie den American Book Award (1986), den National Endowment for Arts (1991), den Lesbian Rights Award (1991) und den Amarican Studies Association Lifetime Achievement Award. Außerdem wurde Borderlands/La Frontera von dem Library Journal zu einem der 38 besten Bücher des Jahres 1987, und von dem Hungry Mind Review zu einem der 100 besten Bücher des Jahrhunderts gewählt.

Gloria E. Anzaldúa starb am 15. Mai 2004 in Santa Cruz, Kalifornien, an einer mit Diabetes in Verbindung stehenden Krankheit.

Schon ihre Geburt im Grenzgebiet von Südtexas und Mexiko bezeichnete den Ursprung für eine Grenzerfahrung. Eine Erfahrung, die geprägt ist durch Uneindeutigkeit, ein Hin- und Hergerissensein, ein Gefühl des Nichtdazugehörens, weder zur einen noch zur anderen Seite, welche sich im Laufe ihres Lebens immer weiter vertiefte und sich über den geografischen Aspekt hinaus auf sexuelle und psychologische Aspekte ausweitetet, und durch die bewusste Auseinandersetzung mit den Themen Rasse, Geschlecht, Kultur, Geschichte etc. zum dominanten Thema ihres Lebens und ihres Schreibens entwickelte.

So bildete sich als Schwerpunkt ihres literarischen Schaffens der „Versuch, die verschiedenen Aspekte ihres gesellschaftlichen, politischen und literarischen Lebens (chicanismo, writing, feminism und lesbianism) zu verbinden und zum Entstehen einer neuen Bewegung der Women of Color beizutragen.“ Da diese Aspekte nicht streng voneinander abgegrenzt, sondern eher durchlässig sind und ineinander übergehen, kommt es oftmals zu einer Überlagerung von Räumen, zu einer Mischung, einem Mestizentum im weitesten Sinne, von Ideen, Ansichten und Empfindungen.

Im Zentrum dieser Arbeit soll Anzalduás Werk Borderlands/ La Frontera. The New Mestiza stehen, in welchem sie Mestizaje bewusst als Methode einsetzt, um ein neues Mestizenbewusstsein zu entwerfen.

Anzaldúas erste Monographie ist „ein aus Essays bestehender erster Teil, [der] sich weitestgehend in einem Gedichtteil widerspiegelt. Beide führen eine parallele Bewegung von einem geografischen spezifischen Raum zu einer neuen Kultur aus.“ Diese Kultur ist durch die Überlagerung verschiedener Räume, durch die Vereinigung und Verflechtung vieler Subkulturen geprägt. Sie ist keine abgeschlossene, fassbare Sache. Sie ist ein Prozess, der sich ständig verändert und neu ereignet. Sie ist definiert durch ihre Nichtdefinierbarkeit.

Im Gegenzug zur „alten“ Mestizaje, die eine bloße Mischung der Elemente bedeutete (in diesem Fall der indianischen und spanischen oder mexikanisch-amerikanischen Kultur) und oftmals einen negativen Beigeschmack besaß, geht die „neue“ Mestizaje viel weiter. In ihr verschmelzen die Elemente und werden zum Selbst eines neuen Menschentypes, der die Wirren seiner Herkunft nicht mehr verflucht oder bejammert, sondern der sich ihrer bewusst erinnert. Er schöpft Kraft aus ihnen und erkennt den Vorteil, den er als vielseitig geprägter Mensch hat, da er ein Teil vieler kultureller Einflüsse ist und somit das Wissen aller in sich vereinigt. Er besitzt die Fähigkeit einer besonderen Sensibilität, die es ihm ermöglicht, zwischen den Kulturen zu vermitteln.

Generell lässt sich sein Charakter als hybrid, flüssig oder fließend, bezeichnen, da er keine abgeschlossene kulturelle Linie verfolgt, sondern offen ist. Die Nichtdefinierbarkeit ist sein Merkmal, das es ihm möglich macht, sich frei in allen Sphären zu bewegen, zu wachsen und sich zu entwickeln.

Ebenso, wie Anzaldúa ihre neue Mestizenkultur beschreibt, definiert Jürgen Bolten „Kultur als Netzwerk von ‚subkulturellen’ Lebenswelten“ und entwirft den Terminus „Interkultur“, welcher eine Grenz-, eine Zwischenwelt beschreibt, „die weder der Lebenswelt A noch der Lebenswelt B vollkommen entspricht, [...] eine vollständig neue Qualität, eine Synergie, [...] die für sich weder A noch B erzielt hätten.

Der „alte“ Mestize stellte eine bloße Kombination von A und B dar. Der „neue“ Mestize, oder besser la Nueva Mestiza, schafft eine Synergie C, die zwar Aspekte von A und B enthält, aus ihnen heraus jedoch neue Aspekte hervorbringt, die keine der beiden ursprünglichen Lebenswelten innehatte.

Aus dieser Parallelität ist die Idee entstanden, Anzaldúas Werk Borderlands, welches ein weites Spektrum ihres Selbst offenbart, an Hand von Interkulturalität zu erörtern und die einzelnen Facetten verschiedenen Ausprägungen von Interkultur gegenüberzustellen.

Gang der Untersuchung:

Um die Vielschichtigkeit und Verwobenheit der Thematik zu erfassen, empfinde ich es als notwendig, einzelne Schwerpunkte zur Bearbeitung herauszugreifen, um sie später wieder in ihren großen Kontext einzuordnen.

Dabei lasse ich mich vom auf der ersten Seite eingefügten Zitat leiten und teile die Arbeit in drei große Abschnitte.

Im ersten Abschnitt sollen die physischen Grenzgebiete, als Ursprung jeder anderen Borderlanderfahrung, genauer betrachtet und analysiert werden. Gleichzeitig sollen sie mit den Themen Kultur und kulturelle Identitäten in Zusammenhang gebracht werden. In diesem ersten Teil wird die Geschichte der Grenzregion zwischen den USA und Mexiko eine zentrale Rolle spielen. Außerdem werde ich Sprache als physischen Ausdruck von Kultur unter verschiedenen Blickwinkeln thematisieren.

Im zweiten großen Teil soll es dann um sexuelle Grenzgebiete und Identitäten gehen. Hierbei soll die spezielle Problematik der Chicanas dargestellt werden, sowie die Geschichte der Frauenbewegung und der Women of Color Feminismus unter dem Einfluss von Fremdheit und Vorurteilen betrachtet werden.

Des Weiteren werde ich mich besonders mit den weiblichen Gottheiten aus Borderlands beschäftigen, die eine zentrale Rolle auf dem Weg zum neuen Mestizentum spielen. In diesem Zusammenhange werde ich auf Homosexualität und lesbian writing eingehen.

Nachdem zuerst die physischen und anschließend die sexuellen Grenzgebiete Mittelpunkt der Betrachtung waren, sollen nun im dritten Teil die psychologischen Grenzgebiete bearbeitet werden. Dabei werde ich über die Darstellung des Selbst in der Autobiografie im Zusammenhang mit autobiografischer Schreibtradition sprechen, um schließlich die Brücke zu Interkulturalität und der Schaffung eines neuen Menschentypus zu schlagen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich der Aufbau dieser Arbeit an die Gliederung von Borderlands anlehnt und von physischen, greifbaren, ursprünglichen Grenzerfahrungen, über sexuelle und psychologische hinaus, hin zu einem neuen Persönlichkeitskonzept führt und somit einen Lösungsvorschlag für aktuelle Fragestellungen zu Kulturkontakt und multikulturellen Räumen anbietet.

Allerdings ist anzumerken, dass es schwierig sein kann, vollständig in das Werk einzudringen und es in seiner ganzen Komplexität zu erfassen. Hierbei werden auch, wie Anja Bandau schon anmerkte, „Disziplingrenzen zu Rezeptionsgrenzen“, die einem die persönlichen Grenzgebiete ins Bewusstsein rufen und daran erinnern, dass das Ziel der vorliegenden Arbeit nur eine Annäherung an eine sehr komplexe Thematik bedeuten und keine vollständige Abhandlung sein kann.

So möchte ich versuchen, Borderlands aus einem interkulturellen Blickwinkel zu betrachten, und der Aufforderung Anzaldúas zum „integrativen Lesens der verschiedenen Kontexte“ nachkommen.

„I will no longer be made to feel ashamed of existing. I will have my voice: Indian, Spanish, white. I will have my serpent’s voice, my sexual voice, my poet’s voice. I will overcome the tradition of silence”.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 5
1. Physical Borderlands - Kulturelle Identitäten 9
1.1 Die Geschichte einer Region als Ursprung der Borderlanderfahrung 10
1.1.1 Die ofizielle geschichte des US-mexikanischen Grenzgebietes 10
1.1.2 Rekonstruktion von Geschichte 15
1.2 Sprache als Ausdrck kultureller Identität 17
1.2.1 Die kulturelle Vergewaltigung der Chicanos durch den Raub ihrer Sprache 17
1.2.2 Schreiben als Selbstfindungsprozess 19
Bridge 20
2. Sexual Borderlands - Sexuelle Identitäten 21
2.1 Die Chicanaproblematik 23
2.2 Feminismus und die Schlange als Symbol der Weiblichkeit 30
2.2.1 Frauen-in-bewegung 30
2.2.2 Die Schlange als Symbol der Weiblichkeit 32
2.3 Women of Color Feminismus 35
2.4 Halb und Halb 37
Bridge 43
3. Psychological Borderlands - Auto Identitäten 44
3.1 Über das Werden seines eigenen Selbst schreiben – Autobiografie 45
3.1.1 Geschichte der Autobiografie 46
3.1.2 Theorie der Autobiografie 48
3.1.3 Lateinamerikanische Autobiografien 50
3.2 Autobiografische Traditionen in Borderlands 52
3.3 La Nueva Mestiza 57
Schlussbetrachtungen 66
Dank 70
Bibliografie 71

Textprobe:

Kapitel 2.2.2, Die Schlange als Symbol der Weiblichkeit:

Ein Motiv, welches sich in Borderlands immer wieder in verschiedenen Aspekten wiederholt, ist das Schlangenmotiv.

Als erstes weist sie (die Schlange) auf die schon genannte Konnotation mit der biblischen Schlange und damit auf die Erbsünde hin. Sie wurde nach christlicher Sichtweise durch Eva hervorgerufen und hatte zur Folge, dass Mann und Frau sich „erkannten“ und sich ihrer Nacktheit schämten. Dies bedeutete eine augenscheinliche Trennung der Geschlechter und somit auch des Geschlechterverhaltens, was die diskriminierende Behandlung der Frau rechtfertigte.

Weiterhin weist die Schlange auf den Gründungsmythos Mexikos zurück, in dem sich die Azteken dort niederließen, wo sie einen Adler auf einem Kaktus mit einer Schlange in den Klauen sahen. Hierbei steht sie symbolisch für den Teil der Chicanogeschichte, der Unterdrückung und innere Gefangenschaft bedeutet. Die Chicana als Teil ihres Volkes, als Teil ihrer Kulturgeschichte wurde von den Männern ihrer Gesellschaft (von Indianern als auch Mexikanern) wie die Schlange in den Klauen gehalten, ohne Freiheiten, ohne Bewegung, praktisch tot.

Das Schlangenmotiv ist jedoch ein weitaus tiefgründigeres, als es auf den ersten Blick scheint. Anzaldúa führt die Schlange in Entering Into the Serpent, dem dritten Kapitel des Prosateils, als mythische Symbolfigur ein. Sie verfolgt deren unterschwellige Existenz (der Schlange) zurück auf die Jungfrau von Guadalupe und von ihr noch weiter zurück auf alte indianische Göttinnen. Sie rekonstruiert deren Identität und entdeckt somit auch gleichzeitig die ihrige.

Nach Anzaldúa ist der indianische Name für Guadalupe Coatlalopeuh, welcher auf mesoamerikanische Fruchtbarkeits- und Erdgöttinnen zurückgeht. Coatl ist nahua und bedeutet „Schlange“. Lopeuh sagt so viel wie „diejenige, die Macht über die Schlangen hat“ aus. Die frühste dieser Göttinnen ist Coatlicue, was so viel wie „Schlangenrock“ bedeutet. Diese wiederum verkörpert drei Aspekte (ähnlich vorstellbar wie die Dreieinigkeit des christlichen Gottes): Coatlicue, wie eben schon genannt, als eine Art Göttinnenmutter und Tlazolteotl und Cihuacoatl, welche dunklere Aspekte ihres Seins darstellen. Dieselben Aspekte wurden von der aztekisch-mexikanischen Männerkultur missverstanden und mit furchtbaren Eigenschaften versehen. Da sie Tlazolteotl und Cihuacoatl fürchteten, ersetzten sie sie durch eigene, männliche Götter. Somit beraubten sie Coatlicue zwei Aspekte ihres Seins und zugleich auch ihre Vollkommenheit.

The male-dominated Azteca-Mexican culture drove the powerful female deities underground by giving them monstrous attributes and by substituting male dieties in their place, thus splitting the female Self and the female dieties. They devided her who had been complete, who possessed both upper (light) and underworld (dark) aspects. Coatlicue, the Serpent goddess, and her more sinister aspects, Tlazolteotl and Cihuacoatl, were ‘darkened’ and disempowered much in the same manner as the Indian Kali.

Doch die Verstümmelung Cuatlicues sollte noch kein Ende haben. Nach der Eroberung Mexikos durch die Spanier sahen diese in ihr Guadalupe. Das bedeutet, indem sie in ihr nur die Heilige, die Mutter, die Lebenspendende sahen, verleugneten sie ihre Sexualität. Die Teilung erreicht ihren Höhepunkt, als sie Guadalupe zur Jungfrau dekradieren, was vollkommen ihrem ursprünglichen Sein entgegenläuft.

After the Conquest, the Spaniards and their Church continued to split Tonantsi/Guadalupe. They desexed Guadalupe, taking Coatlalopeuh, the serpent/sexuality, out of her. They completed the split begun by the Nahuas by making la Virgen de Guadalupe/ Virgen María into chaste virgins and Tlazolteotl/Coatlicue/la chingada into putas; into the Beauties and the Beasts.

Mit der Enteignung der Sexualität Guadalupes und der damit in Verbindung stehenden Schaffung der Jungfrau/Hure Dichotomie, hat man schließlich auch die Frau auf ein Minimum ihres ursprünglichen Seins reduziert. Deshalb scheint es nicht verwunderlich, dass zu Beginn des Kapitels die Schlange als etwas Unbekanntes und Angsteinflössendes erscheint, vor dem die Mütter ihre Töchter warnen: „Don’t go outhouse at night, Prieta, my mother would say. No se te vaya a meter algo por allá. A snake will crawl into your nalgas, make you pregnant“.

Immer wieder präsentiert sich die Schlange als bedrohlicher Phallus, der das Mädchen oder die Frau zu Strafen gilt: für ihre „Schuld“ die Erbsünde auf die Menschen gezogen zu haben, die Indianer verraten zu haben, für das Unbekannte und die mögliche Bedrohung, die sie für die Männer darstellen.

In Ella tiene su tono erreicht die Furcht vor der Schlange ihren Höhepunkt, indem die Ich-Erzählerin schildert, wie sie von einer Klapperschlange gebissen wurde. Durch dieses Ereignis kam es nicht nur zu einer Konfrontation, sondern auch durch das Schlangengift, dass durch ihren Körper floss, zu einer Vereinigung, einer Verschmelzung. „In the morning I saw through snake eyes, felt snake blood course through my body. The serpent, mi tono, my animal counterpart. I was immune to its venom. Forever immune”.

Mit dieser Verschmelzung erlangt die Ich-Erzählerin stellvertretend für Guadalupe und für alle Frauen ihre verlorene Sexualität zurück, und geht einen Schritt vorwärts in der Wiedererlangung ihrer verlorenen Aspekte und somit ihrer Gesamtheit, Vollkommenheit und Identität. „Initiation und Verschmelzung leiten auch die Umwertung der phallisch konnotierten Schlange ein. ... ‚Sueño con serpientes’ nimmt das Bild der alptraumhaft bedrohlichen Schlange wieder auf, wendet es aber positiv.

So wendet sich das einst phallisch konnotierte Bild der Schlange zu la vibora (die Schlangenfrau) und wandelt sich somit zum Symbol für die weibliche Sexualität und Körperlichkeit sowie, auf die Göttinnen zurückschauend, für das Weibliche im Allgemeinen. „Forty years it’s taken me to enter into the Serpent, to acknowledge that I have a body, that I am a body and to assimilate the animal body, the animal soul“.

Gleichzeitig konstatiert die Vereinigung mit der Schlange nicht nur die neu erworbene Sexualität der Frau, sondern unterscheidet sie auch gleichzeitig von der männlichen. Sie bedeutet eine „Abkehr vom Modell einer dominanten Genialität. ... Penetration wird durch Durchdringung ersetzt.“ Besonders bildlich wird die neue Weiblichkeit im Gedicht Interface dargestellt, indem die Geliebte der Ich-Erzählerin in sie eindringt und sie mit purem Licht und Klang erfüllt.

I wasn’t scared just astonished/ rain drummed against my spine/ turned to steam as it rushed through my veins/ light flickered over me from toe to crown./ Looking down my body I saw/ her forearm, elbow and hand/ sticking out of my stomach/ saw her hand slide in./ I wanted no more food no water nothing/ just her – pure light sound inside me.

Women of Color Feminismus:

Wie vielfältig die Identitäten der Chicanas sind, wird im Women of Colour Feminismus besonders deutlich. Als Frau kann sie nicht mit der von Männern dominierten Gesellschaft einverstanden sein. Sie kämpft für die Rechte der Frau und fordert eine grundlegende Überdenkung der bestehenden gesellschaftlichen Normen. Andererseits sind aber diese Männer und deren Normen ein Teil ihrer Geschichte und damit ihrer Identität als Frau mexikanischer Herkunft, diejenigen, die von „den Weißen“ erobert, unterdrückt und ihrer Kultur beraubt wurden.

Das bedeutet, dass die Chicana auch der Frauenbewegung, d.h. dem Feminismus nicht in allen Punkten zustimmen kann, was sie auch in dieser Bewegung wiederum zu einer Außenseiterin, einer Fremden werden lässt.

Aus diesem Grund setzt sich Anzaldúa für eine Erweiterung des Feminismus um eine kulturelle Komponente ein und leistet somit einen bedeutenden Beitrag für den Women of Color Feminismus. Hier werden die verschiedenen kulturellen Hintergründe (afroamerikanische, Latinas, Chicanas, asiatische...) der Frauen anerkannt. Zusammen kämpfen sie gegen die Dominanz des männlichen Geschlechts und gleichzeitig auch gegen ein „weißes“ Superioritätsgefühl.

Denn wo die Chicana als Frau von ihrer eigenen Rasse betrogen wurde, wurde sie als Chicana von den weißen Frauen betrogen.

Von den Männern ihrer Rasse als zerstückeltes Etwas zurückgelassen, bleibt der Chicana als letzter Aspekt ihrer Identität die Erinnerung an diesen grausamen Akt, der ihr durch die Verleumdung des kulturellen Einflusses auf den Feminismus durch die weißen Frauen auch noch genommen wurde.

Somit haben sowohl der Feminismus als auch das Chicanosein anziehende wie auch abstoßende Aspekte, die die Chicana immer zwischen ihrer Sexualität (im weitesten Sinne) und Kultur hin und her pendeln lassen. Umso mehr sie sich dem einen annähern, desto stärker werden sie von diesem abgestoßen und gleichzeitig vom Gegenpart angezogen. Folgen sie dieser Kraft, provoziert jeder Schritt der Annäherung ein stärkeres Gefühl der Ablehnung. So pendeln die Chicanas konstant zwischen Kultur und Sexualität hin und her. Niemals erreichen sie das eine noch das andere Ende. Sie befinden sich in kontinuierlicher Bewegung. Niemals tritt ein Zustand von Ruhe ein. Ständige Veränderung definiert ihr Sein und macht sie wiederum zu Bewohnern eines Grenzgebietes.

caught in the crossfire between camps/ while carrying all five races on your back/ not knowing which side to turn to, run from.

In dem Gedicht that dark shining thing, im vierten Kapitel des Gedichtteils, vokalisiert Anzaldúa die Differenzen zwischen weißen und farbigen Frauen. Sie klagt ihre Mitstreiterinnen an, sie nicht als eine von ihnen anzusehen, sich von Äußerlichkeiten täuschen zu lassen und sie aufgrund ihrer Herkunft zu verurteilen.

I am the only round face,/ Indian-beaked, off-colored/ in the faculty lineup, the workshop, the panel/ and reckless enough to take on you.

Mit diesem Verhalten erliegen die Frauen genau dem männlich determinierten Verhalten, gegen das sie eigentlich ankämpfen und verraten somit ihre eigenen Ideale und sich selbst.

Das lyrische Ich versucht diesem Verhalten entgegenzuwirken, indem sie eingesteht, selbst Opfer ihrer Prägung geworden zu sein.

Here we are four women stinking with guilt/ you for not speaking your names/me for not holding out my hand sooner.

Indem sie jedoch ihren Fehler eingesteht, bricht sie mit ihrem männlich geprägten Verhalten. Obwohl sie versucht ist, sich einfach abzuwenden von dem, was ihr Schmerz und Angst hervorruft, der ständigen Konfrontation, entscheidet sie sich dafür, dies gerade nicht zu tun, sondern die anderen Frauen in ihrem Denken herauszufordern.

Auffällig ist die Überlagerung des lyrischen Ichs mit dem Ich der Autorin. Sie spricht zu sich selbst oder man könnte fast sagen, sie „feuert sich an“, um sich Mut zu machen und diesen kraftaufreibenden Widerstand aufrechterhalten zu können.

push Gloria breathe Gloria/ feel their hands holding me up, prompting me/ until I’m facing that pulsing bloodied blackness/ trying to scream/ from between your legs/ feel again the talons raking my belly.

Nach dieser Vereinigung findet jedoch darauf sofort wieder eine Distanzierung statt „him/me/they“. Optisch wird sie noch mit einem Schrägstrich hervorgehoben. Sie unterstreicht die Aussage, dass es eine klare Trennung zwischen ‚him’ (ihm = dem Männlichen), ‚me’ (mir = die Autorin) und ‚they’ (sie = die Gesellschaft, die anderen Frauen) gibt. Dies bedeutet, dass es, wenn jeder seine bis dahin erkämpfte Identität behalten will, keine Einheit geben kann und darf „I know it’s come down to this: vida o muerte, life or death” , und dass jede zu starke Annäherung einer Aufgabe der eigenen Prinzipien und Werte bedeuten und die komplette Vernichtung der eigenen Identität mit sich bringen würde.

Arbeit zitieren:
Wolf, Ramona Dezember 2007: Spektrum des Selbst im interkulturellen Kontext, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Gloria Anzaldúa, Chicanaliteratur, Interkultur, Mestizentum, interkultureller Kontext

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