Im Spannungsfeld zwischen Rassismus und Antisemitismus
Das Verhältnis der deutschen extremen Rechten zu islamistischen Gruppen
- Art: Diplomarbeit
- Autor: Jan Riebe
- Abgabedatum: Oktober 2002
- Umfang: 139 Seiten
- Dateigröße: 1,3 MB
- Note: 1,0
- Institution / Hochschule: Georg-August-Universität Göttingen Deutschland
- ISBN (eBook): 978-3-8324-6858-3
-
ISBN (Paperback) :
978-3-8324-6858-3 P - ISBN (CD) :978-3-8324-6858-3 CD
- Sprache: Deutsch
- Prämierung:
- Arbeit zitieren: Riebe, Jan Oktober 2002: Im Spannungsfeld zwischen Rassismus und Antisemitismus, Hamburg: Diplomica Verlag
- Schlagworte: Rechtsextremismus, Antizionismus, Nazis, Großmufti, Neonazis
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Diplomarbeit von Jan Riebe
Zusammenfassung:
Gibt es eine Zusammenarbeit zwischen Rechtsextremisten und Islamisten? Diese Frage, der innerhalb der Rechtsextremismusforschung durchaus vereinzelt schon vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington nachgegangen wurde, erhielt jedoch durch diese eine neue Bedeutung. Angesichts des Rassismus der deutschen extremen Rechten erscheint eine politische Kooperation mit Muslimen erst einmal als Widerspruch. Dass eine solche Konstellation aber nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch möglich ist, belegt neben aktuellen Beispielen auch die historische Allianz zwischen den Nationalsozialisten und dem islamistischen und palästinensischen Führer Haji Amin el-Husseini, dem Mufti von Jerusalem.
Ist eine Kooperation in diesem Ausmaß jedoch unter den heutigen Umständen überhaupt noch denkbar, oder ist sie auch aufgrund der vielen in Deutschland lebenden Muslime, die oftmals im rassistischen Diskurs der deutschen extremen Rechten als Sinnbild für die Einwanderung herhalten müssen, nicht ausgeschlossen? Ich gehe von der These aus, dass die Möglichkeit der Kooperation gegeben ist, solange der Antisemitismus bei der deutschen extremen Rechten einen höheren Stellenwert einnimmt als der Rassismus, der sich gegen Muslime als Menschen anderer Herkunft richtet.
Gerade unter dem Aspekt des wiedererstarkten Antisemitismus, insbesondere in Europa und den arabischen Ländern, ist die Rechtsextremismusforschung dazu verpflichtet eine mögliche Allianz zwischen der extremen Rechten und Islamisten zu untersuchen. Dass ein solches Bündnis eine ernsthafte Gefahr für Juden, aber auch für den Staat Israel darstellen würde, darauf hat bereits im Januar 2001 der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, unmissverständlich hingewiesen. Seine Aufforderung ein solches Bündnis genauer zu untersuchen, muss auch als Aufforderung an die Politikwissenschaft verstanden werden.
Gerade unter dem Aspekt der historischen Allianz zwischen den Nationalsozialisten und dem Mufti von Jerusalem, welcher auch der Onkel des heutigen palästinensischen Führers Jassir Arafat ist, und der fast vollständigen Ausrottung des europäischen Judentums durch die Nationalsozialisten, ist die Untersuchung einer solchen Allianz in Deutschland von besonderer Wichtigkeit.
Im Vordergrund dieser Arbeit steht deshalb die Frage, inwieweit und unter welchen Vorraussetzungen deutsche Rechtsextreme bereit sind, sich mittel- bis langfristig an islamistische Gruppierungen anzunähern und welche Gemeinsamkeiten sich auf ideologischer Ebene zwischen den jeweiligen Gruppierungen aufzeigen lassen, oder ob eine Zusammenarbeit rein strategischen Überlegungen geschuldet ist.
Die Arbeit gliedert sich in zwei große Themenblöcke, die den Definitionen der verwendeten Begriffe angeschlossen sind. Da die Bezeichnungen „Rassismus“, „Antisemitismus“, „Rechtsextremismus“ und „Islamist“ bzw. „Islamismus“ in der Forschung als umstritten gelten können und vielfältig verwendet werden, wird zu Beginn der Arbeit festgelegt, wie die Begriffe in diesem Kontext zu verstehen sind.
Der erste Teil beschäftigt sich daran anschließend mit der Geschichte der Zusammenarbeit zwischen dem NS- Regime und den verschiedenen arabischen Organisationen und Führungspersönlichkeiten wie insbesondere dem Mufti von Jerusalem als historischem Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen islamischen Führern und der extremen Rechten bzw. den Nationalsozialisten. Dabei werden einerseits die verschiedenen Facetten und Probleme der Kooperation benannt, andererseits anhand ausgewählter Texte die ideologischen Überschneidungen zwischen Islamismus und Nationalsozialismus dargestellt und analysiert.
Anhand der ausführlichen Darstellung der Zusammenarbeit der Nationalsozialisten mit dem Mufti soll aufzeigt werden, ob die Gründe der Zusammenarbeit eher von strategisch-taktischen Überlegungen oder von einer ideologischen Überschneidung geprägt waren und auf welchen Ebenen die ideologischen Überschneidungen vorhanden waren. Aber es soll auch untersucht werden, ob und welche Grenzen es für die Zusammenarbeit gab, inwieweit der Rassismus der Nationalsozialisten eine Zusammenarbeit erschwert oder in Teilen unmöglich gemacht hat. Der Rückgriff auf die Historie scheint aber auch gerade vor dem Hintergrund einer erneuten Kooperation zwischen deutschen Rechtsextremen und Islamisten von Bedeutung und könnte diesen als positiver Anknüpfungspunkt dienen. Nach dem historischen und historisch-ideologischen Abschnitt wird im zweiten Teil untersucht, ob unter dem Eindruck, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist, in dem auch viele Muslime leben und in dem für Ethnopluralisten das Bedrohungsszenario „Islam“ als Gegner des „christlichen Abendlandes“ allgegenwärtig ist, eine Zusammenarbeit mit Islamisten nach wie vor vorstellbar ist. Sollte dem so sein, stellt sich wie im historischem Teil die Frage, ob die Basis dafür eine überschneidende Ideologie ist, die manifeste Grundlagen für gemeinsame politische Arbeit bietet oder ob es sich doch nur um rein strategische Überlegungen handelt, die keine langfristige Perspektive der Vernetzung ergeben können. Die Überschneidungen und Differenzen werden sowohl anhand tatsächlich stattfindender Zusammenarbeit, wie z.B. Solidaritätskampagnen für Palästina und den Irak, als auch den theoretischen Debatten innerhalb der extremen Rechten über den Islam untersucht. Als Quellengrundlage dienen hierzu insbesondere die Theoriezeitschrift der „Neuen Rechten“, die „Criticón“, und das „Strategie- und Theorieorgan der Rechtsextremisten“, „Nation & Europa“, aber auch andere Zeitungen der extremen Rechten wie „Sleipnir“, „Signal“, „wir selbst“ und weitere.
Auch wenn gerade nach den Terroranschlägen vom 11. September zunehmend über eine Allianz von Rechtsextremisten und Islamisten diskutiert wurde und wird, spielen die Reaktionen auf den 11. September in dieser Arbeit nur eine untergeordnete Rolle. Eine Fixierung auf die Rezeption des 11. Septembers durch Rechtsextreme, unter der Betrachtung einer sich daraus wohlmöglich ergebenden Allianz mit Islamisten, könnte nur eine Momentreaktion widerspiegeln und nicht aussagekräftig für eine mittel- bis langfristige Zusammenarbeit von der extremen Rechtem mit Islamisten sein.
Während sich die Untersuchungen im ersten Teil überwiegend auf Sekundärliteratur stützen, liegt im zweiten Teil im wesentlichen eine Quellenstudie vor. Dies ist u.a. dem Umstand geschuldet, dass der untersuchte Gegenstand, wie schon zuvor erwähnt, zwar zunehmend Eingang in die Forschung über Rechtsextremismus findet, die Veröffentlichungen dazu allerdings noch nicht sehr zahlreich sind.
Inhaltsverzeichnis:
| 1 | Einleitung | 1 |
| 1.1 | Einführung | 1 |
| 1.2 | Theoretische Grundlagen | 2 |
| 1.3 | Forschungsstand | 5 |
| 1.4 | Aufbau, Methode und Quellen | 7 |
| 2. | Begriffsdefinitionen | 9 |
| 2.1 | Rassismus | 9 |
| 2.2 | Antisemitismus | 11 |
| 2.2.1 | Europäisch-christlicher Antisemitismus | 11 |
| 2.2.2 | Arabisch-islamischer Antisemitismus | 15 |
| 2.3 | Extreme Rechte - Rechtsextremismus | 20 |
| 2.4 | Islamisten | 23 |
| 3. | Der Nationalsozialismus und sein Verhältnis zum Islam | 25 |
| 3.1 | Die ersten Kontakte zwischen dem Mufti und den Nationalsozialisten | 25 |
| 3.2 | Zwischen Flucht und Kooperation mit den „Achsenmächten“ | 27 |
| 3.3 | Exkurs: Stohrers „Islam-Programm“ | 31 |
| 3.4 | Unterredung des Mufti mit Ribbentrop und Hitler | 31 |
| 3.5 | Zwischen Agitation und militärischer Unterstützung | 34 |
| 3.5.1 | Das „Büro des Großmufti“ in Berlin und die DAL | 34 |
| 3.5.2 | Das islamische Zentral-Institut in Berlin | 37 |
| 3.5.3 | Die islamischen Ostlegionen und die Schulungen durch „Mulla-Lehrgänge“ | 38 |
| 3.5.4 | Islamische Legionen auf dem Balkan | 40 |
| 3.5.5 | Islamische Schulungszentren der SS | 44 |
| 3.6 | Der Mufti als Akteur in der „Endlösung der Judenfrage“ | 46 |
| 3.7 | Nazis im Nahen Osten im Exil | 49 |
| 4. | Ideologische Gemeinsamkeiten | 51 |
| 4.1 | Der Islam und der Nationalsozialismus aus der Sicht des Mufti | 51 |
| 4.2 | Mohamed Sabry und der Kommunismus als „gemeinsamer Feind“ | 54 |
| 4.3 | Himmler und der Islam | 56 |
| 5. | Zwischenfazit | 59 |
| 6. | Aktuelle Projekte der Zusammenarbeit | 63 |
| 6.1 | Revisionismus | 63 |
| 6.2 | Völkische Solidarität mit islamischen Staaten am Beispiel der Palästina- und Iraksolidarität | 67 |
| 7. | Schönhuber als Vordenker einer Allianz mit Islamisten | 74 |
| 8. | Längerfristige Perspektive einer Zusammenarbeit ? Untersuchung der „Islam-Kontroverse“ in „Sleipnir“ und die Islamdiskussion in den rechtsextremen Theorieorganen „Nation & Europa“ und „Criticón“ | 77 |
| 8.1 | Die Kontroverse in der „Sleipnir“ um das richtige Verhältnis zu Islamisten | 78 |
| 8.2 | Nation & Europa | 84 |
| 8.3 | Criticón | 92 |
| 9. | Rassismus der extremen Rechten gegen Muslime | 102 |
| 10. | Reaktionen der extremen Rechten auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 betrachtet unter der Perspektive ihrer möglichen Zusammenarbeit mit Islamisten | 106 |
| 11. | Abschlussdiskussion | 113 |
| Abkürzungsverzeichnis | 119 | |
| Quellen- und Literaturverzeichnis | 120 |
4.3 Himmler und der Islam Die Beziehung zwischen dem Mufti und führenden Nationalsozialisten war jedoch nicht nur einseitig, so belegt das Beispiel Himmlers, dass einzelne Führungspersonen durchaus weitgehende ideologische Überschneidungen zwischen dem Islam/Islamismus und der nationalsozialistischen Weltanschauung konstatierten und sich intensiv mit dem Islam beschäftigten. Dass Himmler diese enge Verbundenheit propagiert hat, ist bereits dargelegt worden, die enge Vertrautheit zwischen dem Mufti und ihm kann ebenfalls als Indiz für seine intensive Auseinandersetzung mit dem Islam gewertet werden. Gegenüber seinem finnischen Leibarzt Felix Kersten267 sprach er des öfteren voller Bewunderung über den Islam. So erläuterte Himmler z.B., dass der Islam einen gewaltigen Einfluss auf die Menschen hätte, weil er ihre Neigungen und Triebe richtig einschätze und ihnen entgegenkomme. Als Beispiel führte Himmler an, dass tapfere Soldaten, die in der Schlacht fallen, zwei schöne Frauen zur Belohnung erhielten, die beide eine Stufe höher ständen als er sie in seinem Leben eingenommen habe. Solch eine Sprache verstehe der Soldat: „Wenn er glaubt, so im Jenseits empfangen zu werden, setzt er gern sein Leben ein, zieht mit Begeisterung in die Schlacht und [...]
nach marxistischer Definition nicht vorhanden sei. Außerdem würden die Arbeiter durch den Sammelbegriff ´Proletariat` mit dem „Untermenschentum“ gleichgesetzt, was sich weder der deutsche noch der islamische Arbeiter gefallen lasse.254 Die stärkste Säule gegen den Kommunismus sei aber die Religion. „Infolgedessen ist die gewissenloseste Waffe der Moskauer Internationale, nämlich die Gottlosenpropaganda, mit der die innere Bindung der Menschen zerstört werden soll, um den bolschewistischen Wahnlehren Platz zu machen, im Orient nicht nur wirkungslos, sondern ein Bumerang, der dem den Schädel zerschmettert, der ihn geworfen hat.“255 Die größte kommunistische Gefahr innerhalb der arabischen Welt bestehe in Palästina, wo die Kommunisten den palästinensischen Unabhängigkeitskampf für ihre Propaganda missbrauchen würden.256 Sabry macht einen zunehmenden Misserfolg der kommunistischen Idee in islamischen Ländern aus, die er auf die Unvereinbarkeit mit der „Weltanschauung des Islam“257 zurückführt. Diese Unvereinbarkeit liege darin begründet, dass die „jüdische Mentalität“ den Kommunismus geschaffen habe: „Von Juden gemacht, von Juden geleitet – damit ist der Bolschewismus der natürliche Feind des Islam“258. Er fügt für eine im Auftrag der Nationalsozialisten geschriebene Schrift fast obligatorisch hinzu, dass die antijüdischen Maßnahmen Deutschlands nirgends in der Welt soviel Zustimmung wie in der islamischen Welt hervorgerufen hätten.259 Auch die unbedingte Anerkennung und der Schutz von Privateigentum unterscheide den Islam vom Kommunismus. Außerdem predige der Kommunismus den „Klassenhass“, da er den gleichen Lohn für jede Art von Arbeit fordere und somit eine äußerliche Gleichheit und die Verarmung aller anstrebe. Der Islam dagegen strebe die innere Gleichheit an, während die unterschiedliche Verteilung von „Glücksgütern“ bewusst so von Gott vorgenommen worden sei und „als gottgewollte Ordnung“260 verstanden werden müsse.261 Die Gleichsetzung von Mann und Frau lehne der Islam ebenfalls ab, denn die Frau müsse auf ihre „natürliche Funktion als Gattin und Mutter“ beschränkt bleiben, um die Familie als Zelle des Staates zu bewahren.262 Im Gegensatz zur „heimatlosen Menschenmasse“263 im [...]
4.2 Mohamed Sabry und der Kommunismus als „gemeinsamer Feind“ In den „Schriften der Hochschule für Politik“ erschien die Reihe „Idee und Gestalt des Nationalsozialismus“, in der führende Politiker und Theoretiker des Nationalsozialismus wie Goebbels und Rosenberg zu bestimmten Themenbereichen Aufsätze veröffentlichten, um die Position des Nationalsozialismus darzulegen. Unter dem Titel „Islam – Judentum – Bolschewismus“ veröffentlichte Dr. Mohamed Sabry islamische Positionen zum „Judentum“ und Kommunismus. Mohamed Sabry führt am Anfang aus, warum aus seiner Sicht der Kommunismus in den islamischen Ländern mit mehr Problemen konfrontiert sei, als in europäischen Staaten. Als einen Hauptgrund sieht er an, dass die meisten islamischen Staaten keine Industriestaaten seien, und somit könnten sich die Kommunisten dort nicht an das ´Proletariat` wenden, da es [...]
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http://www.diplom.de/ean/9783832468583
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Rechtsextremismus, Antizionismus, Nazis, Großmufti, Neonazis



