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Sozialpädagogik in psychoanalytischer Tradition

Reanalyse zweier klassischer Fälle

Sozialpädagogik in psychoanalytischer Tradition
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Heiko Timmer
  • Abgabedatum: März 2002
  • Umfang: 130 Seiten
  • Dateigröße: 707,4 KB
  • Note: 1,5
  • Institution / Hochschule: Katholische Hochschule für Soziale Arbeit Saarbrücken Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-6758-6
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-6758-6 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-6758-6 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Timmer, Heiko März 2002: Sozialpädagogik in psychoanalytischer Tradition, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: psychoanalytische Pädagogik, Bettelheim, Redl, Aichhorn, Zulliger

Diplomarbeit von Heiko Timmer

Einleitung:

In zahlreichen Vorlesungen des Studiums der Sozialen Arbeit kommen die Studierenden mit Sigmund Freud und der Psychoanalyse in Kontakt. Somit ist das Vorhaben naheliegend, den Klassiker Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse als Lektüre zu verwenden. Ich tat dies in der Absicht, um mein Wissen zu vertiefen, war jedoch von den zum größten Teil um die hundert Jahre alten Schriften derart angetan, dass ich den Entschluss fasste, mich in meiner Diplomarbeit mit diesem Thema zu befassen. Das zunächst vornehmlich psychologische Interesse habe ich im Verlaufe meines zweiten Praktikums aufgegeben, wandte mich stattdessen dem pädagogischen Hintergrund zu, da mir eine Sozialarbeiterin geraten hatte, einen gut fundierten Ansatz vertreten zu müssen, wenn ich professionelle Arbeit leisten wolle. Der systemische Ansatz war mir im Umgang mit Jugendlichen zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt, da ich ihn während meines ersten Praktikums in einer Jugendhilfeeinrichtung kennen gelernt habe. Im Rahmen meiner Diplomarbeit möchte ich mich nun mit einem pädagogischen Ansatz beschäftigen der psychoanalytisch orientiert ist, und herausfinden wie mit diesem einem Jugendlichen innerhalb einer Erziehungssituation begegnet werden kann.

Bei der vorausgehenden Literaturrecherche sah ich mich binnen kurzer Zeit mit einer Flut von Büchern über die Psychoanalytische Pädagogik konfrontiert und war vor allem über die Vielfalt der Literatur erstaunt, die zu dem Thema vorliegt. Um sich in diesem ‚Dschungel’ zurechtfinden zu können, beschloss ich mich auf die klassische Literatur zu beschränken, um herausfinden zu können, was einen solchen Ansatz ausmacht, und was ihn charakterisiert. Unter den zahlreichen Pionieren der sogenannten Psychoanalytischen Pädagogik musste ich mich leider auf einige wenige beschränken, und deren zentrale Ideen rekonstruieren. Dabei habe ich mich, nach eingehenden Recherchen in der klassischen Literatur, für August Aichhorn, Fritz Redl, Bruno Bettelheim und Hans Zulliger entschieden, da zwischen diesen Querverbindungen erkennbar sind, auf die allerdings nicht explizit eingegangen wird. Mir lag auch daran herausfinden, was ihre Ideen zu leisten vermögen, wenn eine Sozialisation zu scheitern droht bzw. bereits gescheitert ist, und welchen Platz die Theorien dieser Männer noch heute in der neueren Literatur einnehmen. Im Folgenden möchte ich also der Frage nachgehen: Was kann eine Sozialpädagogik in psychoanalytischer Tradition nach den Ideen von Aichhorn, Bettelheim, Redl und Zulliger leisten, wenn „eine“ Sozialisation zu scheitern droht?

Dabei gilt zunächst zu klären, dass es nicht „die“ Sozialisation gibt, sondern lediglich einige Sozialisationstheorien, zu denen auch die Psychoanalyse zählt, denn: „Sie ist zugleich eine wissenschaftliche Subjekttheorie und eine Heilmethode“. Da ich im weiteren Verlauf ihre klassischen Form nach Sigmund Freud vorstellen werde, ist es naheliegend, sie auch als Sozialisationstheorie zu verwenden. Ferner ist zu klären, zu welchem Zeitpunkt eine Sozialisation überhaupt als gescheitert bezeichnet werden kann. Die Auswertungsmethode werde ich in Anlehnung an das fallrekonstruktionslogische Verfahren von Bernhard Haupert und Klaus Kraimer, erläutern, bevor ich dieses zur Reanalyse zweier bewusst ausgewählter - mir typisch erscheinender - klassischer Fallbeispiele von konkreten Erziehungssituationen heranziehen werde. Von Reanalyse zu sprechen ist gerechtfertigt, da diese Fallbeispiele, wie sich später herausgestellt hat, bereits von anderen Autoren ausgewertet wurden.

Inhaltsverzeichnis:

Vorwort 5
1. Einleitung 6
2. Begriffsbestimmung 8
2.1 Sozialpädagogik 8
2.2 Klassische Psychoanalyse 9
2.2.1 Erste Annäherung 10
2.2.2 Zentrale Theorien 11
2.3 Sozialisation 17
2.3.1 Psychoanalytische Sozialisationstheorie 18
2.3.2 Bedrohte Sozialisation 23
3. Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik 25
3.1 August Aichhorn 26
3.1.1 Zur Person August Aichhorn 26
3.1.2 Sein pädagogisches Verständnis 27
3.1.3 Zentrale Ideen 29
3.1.3.1 Technik der Übertragung 29
3.1.3.2 Experiment Oberhollabrunn 32
3.1.3.3 Der Erziehungsberater 35
3.2 Fritz Redl 39
3.2.1 Zur Person Fritz Redl 39
3.2.2 Zentrale Theorien 45
3.2.2.1 Gesundes Ich 45
3.2.2.2 Gestörtes Ich 47
3.2.2.3 Ich-Unterstützung 52
3.3 Bruno Bettelheim 59
3.3.1 Zur Person Bruno Bettelheim 59
3.3.2 Schlüsselerfahrungen im KZ 61
3.3.3 Bettelheims Selbstverständnis 62
3.3.3.1 Verständnis von Pädagogik 62
3.3.3.2 Verständnis von Psychoanalyse 64
3.3.4 Die Idee des umgekehrten Konzentrationslagers 66
3.3.4.1 Heilung durch Humanität 66
3.3.4.2 Achtung und Wertschätzung 67
3.3.5 Die Orthogenic School 71
3.3.5.1 Aus alt mach neu 71
3.3.5.2 Jenseits der Sprache 72
3.3.6 Das therapeutische Milieu 73
3.3.6.1 Wallfahrt und therapeutisches Milieu 74
3.3.6.2 Konzept der Milieutherapie 76
3.4 Hans Zulliger 81
3.4.1 Zur Person Hans Zulliger 81
3.4.2 Annäherung an Hans Zulliger 83
3.4.3 Zentrale Ideen 84
3.4.3.1 Gruppenphänomene 84
3.4.3.2 Eine tiefgreifende pädagogische Beziehung 87
3.4.3.3 Erziehungsberatung bzw. Erziehungshilfe 91
4. Datenerhebung 98
5. Auswertung 99
5.1 Methodenbeschreibung 99
5.2 Hermeneutische Analyse 101
5.2.1 Fallbeispiel zu Hans Zulliger 102
5.2.2 Fallbeispiel zu August Aichhorn 107
6. Resümee 112

Automatisiert erstellter Textauszug:

mit einem psychiatrischen Krankenhaus vergleichen lässt. Das Gebäude, in dem seit 1933 die Orthogenic School untergebracht ist, war ehemals ein mit Seminarräumen ausgestattetes Pfarrhaus der angrenzenden Kirche. Bruno Bettelheim, der mit Übernahme der Schulleitung zugleich eine Umstrukturierung vornahm, verfügte zunächst nicht über das nötige Kapital ein neues Gebäude zu errichten, sondern war gezwungen das Haus nach seiner Auffassung umzugestalten. Bei der Renovierung machten Patienten und Mitarbeiter eine entscheidende Erfahrung, die ihnen bei einem völligen Neubau verlorengegangen wäre: „dass man niemals ganz von vorn anfängt, wenn man die seelische Gesundheit wiedererlangen und das heißt, die Persönlichkeit eines Menschen neu bilden will“ (BETTELHEIM, B. 1975, S. 110). Eine Persönlichkeitsstruktur ist immer schon – und sei dies auch nur fragmentel – vorhanden, die dann lediglich erweitert, verbessert oder erneuert werden braucht. Für die vom Scheitern bedrohte Sozialisation bedeutet dies, dass einzelne Teile von ihr „ausgebessert“ werden müssen, der Kern jedoch bestehen bleiben kann. Mit anderen Worten: Ein delinquenter Jugendlicher ist niemals von Grund auf schlecht, sondern verfügt lediglich über gesellschaftswidrige Eigenschaften die es auszubessern gilt. Zurück zur Orthogenic School. Selbst als die erforderlichen finanziellen Mittel später verfügbar waren, wodurch die Errichtung eines neuen Anbaus finanziert werden konnte, blieb Bettelheim diesem Grundsatz treu und selektierte, welche Teile des Gebäudes renovierungsfähig waren und welche gänzlich erneuert werden mussten. 3.3.5.2 Jenseits der Sprache Immer wenn Renovierungsarbeiten anstanden, wurden den Kindern Vorschläge unterbreitet, innerhalb derer sie auswählen konnten. Dabei wurde nicht nur vermieden über die Köpfe der Kinder hinweg zu entscheiden, vielmehr räumte man ihnen Gelegenheit ein sich mit ihrer Umwelt zu identifizieren, sich einzubeziehen und schließlich zu integrieren, vor allem trug man auch dem Symbolcharakter von Einrichtung und Gegenständen Rechnung. Farben, Formen, Bilder usw. sind Symbole die jenseits der Verbalität Botschaften vermitteln, welche der Sprache nicht zugänglich, der Person also unbewusst sind. In der räumlichen und baulichen Abstimmung mit den individuellen Präferenzen der Kinder sah Bettelheim einen Weg zu ihrem Seelenleben vorzudringen. So identifizierten die Kinder eine Frauenskulptur im Hof mit der Mutter, wodurch sich ein Ort der Begegnung und somit ein -72- [...]

Als Bettelheim 1943 seine Datensammlungen über die Zeit im Konzentrationslager veröffentlichte, ging er vor allem der Frage nach, welche persönlichen Voraussetzungen dafür verantwortlich seien, eine innere Widerstandskraft gegen die unmenschlichen Verhältnisse aufzubauen und die eigene Persönlichkeit vor dem Zerfall zu schützen. Seiner Überzeugung nach war dafür die Persönlichkeitsstruktur vor der Inhaftierung entscheidend, ob dort eine entsprechende Fundierung und stabile Autonomie bestand oder nicht (GÖPPEL, R. 1995, S. 114). Darüber hinaus beschäftigte Bettelheim eine gewisse Schuldfrage, warum gerade er überlebt hat, so viele andere hingegen nicht. Nicht zuletzt aus diesem Beweggrund entwickelte sich bei ihm der Wunsch, für Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer seelischen Störungen gewissermaßen in einem inneren Gefängnis gefangen sind, ein sogenanntes umgekehrtes Konzentrationslager einzurichten, dessen Türen nach außen hin offen waren, für die darinnen lebenden aber Schutz und Sicherheit boten (GÖPPEL, R. 1995, S. 115). Dies konnte er verwirklichen, nachdem er zunächst an der Universität von Chicago im Bereich „Psychologie der Kunst“ dozierte, dann aber aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen mit der Psychoanalyse einerseits, dem autistischen Kind in seiner Familie andererseits, von der Leitung der Universität von Chicago beauftragt wurde die Neukonzeption der Orthogenic School, eine an die Universität angegliederte kinder- und jugendpsychiatrische Institution, zu übernehmen. Die Überlegungen, die Bettelheim zum Aufbau eines „therapeutischen Milieus“ für emotional gestörte Kinder anstellte, reichen von der räumlichen und ästhetischen Ausstattung des Heims über die Gestaltung all der verschiedenen Phasen und Übergänge des Tageslaufs bis hin zur Auswahl und Fortbildung der Mitarbeiter (GÖPPEL, R. 1995, S. 117). 3.3.5.1 Aus alt mach neu Die Orthogenic School kann als eine Ganztagsschule für emotional gestörte Kinder und Jugendliche im amerikanischen Bundesstaat Chicago beschrieben werden, die sich -71- [...]

Den anderen akzeptieren heißt aber auch, die Dinge mit dessen Augen zu sehen, erst dann ist ein echtes Verstehen möglich. Durchaus im Bereich des Möglichen liegt die Annahme des Patienten, ihm könne ohnehin nicht geholfen werden, weshalb man lediglich das Beste aus der gegebenen Situation machen müsse. „Der Therapeut weiß (...), dass Therapie dem Patienten helfen wird. Er geht von der Grundlage dieses Wissens aus und erwartet vom Patienten das gleiche. Der Patient aber geht von seiner Überzeugung aus, dass es keine Hoffnung für ihn gibt. Sie befinden sich so beide in einer Sackgasse, die nur aufgebrochen werden kann, wenn einer der beiden – und es muss der Therapeut sein – anfängt, die Situation von der Grundlage des andern zu sehen, ohne diese andere Grundlage zu seiner eigenen zu machen“ (BETTELHEIM, B. 1975, S. 39). 3.3.4.4 Existenzielle Bedürfnisse Liebe, Achtung und Wertschätzung sind für die Entwicklung der Persönlichkeit, und somit für eine gelungene Sozialisation, von größter Wichtigkeit. Aber auch existenzielle Bedürfnisse, wie die nach Obdach, Kleidung und Nahrung, wollen befriedigt werden. Gemäß seiner auf den Erfahrungen der Extremsituation basierenden Theorie, dass emotionale Störungen unter anderem auf infantile Mangelerscheinungen, sowohl psychischer als auch physischer Art, zurückzuführen sind, galt Bettelheims Bestrebungen diesen elementaren Grundbedürfnissen, um ganzheitlich in ausreichender Form Befriedigung zu verschaffen. Die Kinder konnten den ganzen Tag über etwas essen, wann immer sie das wollten, da viele von ihnen die Befürchtung hatten, hungern zu müssen. Die Angst vor mangelnder Versorgung ließen sich die Kindern nur nehmen, indem ihnen bewiesen wurde, dass die Nahrungsmittel nie knapp waren. Darüber hinaus stellte er einen Süßigkeitenschrank auf, aus dem sich die Kinder nach Herzenslust bedienen durften. Die Nahrungsaufnahme nutzte Bettelheim aber nicht nur zur Rehabilitierung, sondern auch zur Sozialisierung. So bekamen zum Beispiel Ausreißer zwar die Hauptmahlzeit, mussten jedoch auf Kuchen oder Schokolade verzichten. Einige Kinder gaben zu, dass sie nun auf Stehlen verzichten konnten, da reichlich Vorrat an Nahrung vorhanden war. Die Gier, welche sich aus einer infantilen Regression, dem Rückfall auf frühkindliche Unterversorgung, ergab und zum Diebstahl führte, ließ allmählich nach. Die Mahlzeiten wurden zu einem wahrhaften Vergnügen, und erlaubten zudem eine unbefangen Möglichkeit der -70- [...]

Arbeit zitieren:
Timmer, Heiko März 2002: Sozialpädagogik in psychoanalytischer Tradition, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
psychoanalytische Pädagogik, Bettelheim, Redl, Aichhorn, Zulliger

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