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Sozialisation und Identität bei türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen im Hinblick auf den Berufswahlprozess

Ansätze einer Lebenswelt- und Ressourcenorientierten Sozialen Arbeit

Sozialisation und Identität bei türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen im Hinblick auf den Berufswahlprozess
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Nursel Erdogan-Kartaloglu
  • Abgabedatum: Juli 2008
  • Umfang: 85 Seiten
  • Dateigröße: 565,7 KB
  • Note: 1,0
  • Institution / Hochschule: Fachhochschule Nordwestschweiz Schweiz
  • Bibliografie: ca. 60
  • ISBN (eBook): 978-3-8366-3473-1
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Erdogan-Kartaloglu, Nursel Juli 2008: Sozialisation und Identität bei türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen im Hinblick auf den Berufswahlprozess, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Berufswahlprozess, Soziale Arbeit, Migrationshintergrund, Sozialisation, Jugendliche

Diplomarbeit von Nursel Erdogan-Kartaloglu

Einleitung:

Immer mehr Jugendliche haben heute ernsthafte Probleme, nach der obligatorischen Schulzeit, eine geeignete Lehrstelle oder einen Ausbildungsplatz zu finden. Der Berufswahlprozess, als wichtiger Entwicklungsschritt in die Erwachsenenwelt, ist für viele Jugendliche mit Schwierigkeiten und Enttäuschungen verbunden und endet nur allzu oft in Ausbildungen der ‘zweiten oder dritten Wahl’ ohne Zukunftsperspektiven und im schlimmsten Fall in Situationen ohne jegliche Berufsbildung. Am stärksten von dieser Entwicklung betroffen sind einerseits die weiblichen Jugendlichen im Allgemeinen und andererseits die Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Speziellen. Gemäss einer Studie der Universität Freiburg vom März 2007 ‘die Chancenungleichheit zwischen Schweizern und Ausländern hat sich in den letzten zehn Jahren nicht reduziert, sondern verschärft’.

Die türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen (TWJ) gehen dank ihrer doppelten Benachteiligung als Frauen und Migrantinnen mit deutlich schlechteren Karten an den Start um die begehrten Ausbildungsplätze. Nebst den Anforderungen, die eine erfolgreiche Berufswahl an sie stellt, sehen sie sich auch einer gesellschaftlichen Stigmatisierung ausgesetzt, die den Frauen gemäss dem Klischee der vorherrschenden patriarchalischen Familienstruktur ihrer türkischen Herkunft wenig Möglichkeiten einräumt. Der Vater als Oberhaupt entscheidet für die TWJ und es wird für sie eine Rolle als Ehefrau und Mutter vorgesehen. Übersehen werden dabei die Verschiedenheiten, die es in den türkischen Familienformen gibt, und die Modernisierungstendenzen, die sie durch ihre Migration erfahren. Ebenso werden im Hinblick auf bildungsspezifische Aspekte und die Bildungsbeteiligung der TWJ des Öfteren nur die Schattenseiten aufgezeigt, sodass das Thema und die Beispiele für Bildungserfolge vernachlässigt und aus den Augen verloren werden.

Unter diesen Gesichtspunkten stellt der Berufswahlprozess der TWJ eine neue Herausforderung für die professionelle Soziale Arbeit dar, welche geeignete Konzepte und Ansätze entwickeln sollte, um ihnen bei der Überwindung der Hindernisse auf dem Weg zu einem erfolgreichen Berufswahlprozess behilflich zu sein.

Motivation:

Mich interessiert die Auseinandersetzung mit dem Thema der Sozialisation und Identität der TWJ im Hinblick auf ihren Berufswahlprozess vor allem deshalb, weil ich in meiner Praxisorganisation als Jugendarbeiterin immer wieder mit ähnlichen Fragen konfrontiert wurde. Obwohl die Begleitung des Berufswahlprozesses nicht expliziter Auftrag der Jugendarbeit ist, gelangten die TWJ immer häufiger mit ihren Sorgen, Ängsten und Wünschen bezüglich ihrer Berufswahl an mich, verbunden meist mit weiteren Schwierigkeiten ihres Alltags.

Verschiedene Stellen der Stadt Opfikon (Schule, Jugendarbeit, Sozialamt, Stadtrat) haben vor vier Jahren die Brisanz der Problematik erkannt und die private Organisation «Nahtstelle» (heute «Impulsis») beauftragt, den Jugendlichen im letzten Schuljahr oder den ersten Jahren im Berufsleben eine intensive Beratung und ein persönliches Coaching anzubieten. Ziel ist es, allen Jugendlichen die Integration ins Berufsleben zu ermöglichen und sie dabei auch auf schwierigen und teils unüblichen Wegen zu begleiten. Diese Initiative speziell auch aus Sicht der Jugendarbeit zu unterstützen und einen Beitrag an die Berufswahl der TWJ zu leisten, war meine Hauptmotivation für diese Arbeit. Vor einem Jahr wechselte ich intern in Opfikon von der Jugendarbeit auf das Sozialamt als Sozialarbeiterin. In dieser Funktion werde ich über Eltern und junge Erwachsene, die zu mir in die Beratung kommen, weiterhin laufend mit diesem Thema konfrontiert.

Auf persönlicher Ebene motivierte mich vor allem mein eigener beruflicher Werdegang, meine eigene Erfahrung und die Auseinadersetzungen mit meiner eigenen familiären Prägung, die Abschlussarbeit über die Berufswahl der TWJ bezogen auf ihre Sozialisationsbedingungen und Identitätsbildung zu schreiben. Sowohl die Vor- und Nachteile zwischen zwei Kulturen zu leben habe ich am eigenen Leib erfahren. Ebenso habe ich die Wichtigkeit, eine kulturelle Balance zu finden, erkannt. Auch heute beobachte ich in meinem privaten Umfeld, dass TWJ im Berufswahlprozess oft mit den erwähnten Schwierigkeiten zu kämpfen haben und sich täglich behaupten und beweisen müssen, dass sie gleich gut wären oder sein könnten, wenn sie die nötige Unterstützung und Voraussetzungen hätten. Als Mutter einer bald 10-jährigen Tochter ist zudem die Auseinandersetzung mit der Sozialisation und Identitätsfindung auch ein persönliches Interesse. Ich bin der Ansicht, dass eine ausbalancierte Identität und die Vermittlung von universellen Werten wie Toleranz und Respekt gegenüber Jugendlichen und kommenden Generationen eine der wichtigsten Voraussetzung sind, um während des Berufwahlprozesses mit Misserfolgen umzugehen und am Ball zu bleiben.

Ziele und Fragestellung:

Als Folge meines eigenen beruflichen Werdeganges sowie auf Grund meiner vierjährigen Berufserfahrung mit Jugendlichen interessiert mich generell die Frage, welche Faktoren den Berufswahlprozess bei TWJ erschweren oder begünstigen. Dabei gilt mein Interesse insbesondere ihren Sozialisationsbedingungen und ihrer Identitätsfindung im Hinblick auf ihren Berufswahlprozess.

Meine Erfahrungen mit TWJ zeigen, dass sie auf Grund ihres Migrationshintergrundes mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Sie fühlen sich unter anderem zwischen zwei Lebenswelten, der schweizerischen Alltagskultur und derjenigen ihrer Eltern hin und her gerissen. Sie wachsen mit Bräuchen, Normen und dem Verhaltenskodex, sowie der Lebensphilosophie bzw. den Weltanschauungen der eigenen Familie auf und sollten sich parallel dazu in der schweizerischen Gesellschaft und mit deren Wertvorstellungen sowie Verhaltensvorstellungen zurechtfinden. Ein Mädchen aus dem Mädchentreff drückte dies wortwörtlich wie folgt aus: «Ich komme mir am Ende des Tages oft so vor, als fliege ich tagsüber in die Schweiz und am Abend wieder zurück in die Türkei». Damit gab sie zu verstehen, dass ihre Familie, aus welchen Gründen auch immer, Mühe hat, sich in den beiden Welten zurechtzufinden, und sich der hiesigen Gesellschaft nicht öffnen kann. Diese Problematik war auch an einem Infoabend der Jugendarbeit Opfikon (JAO) zu beobachten. Manche Eltern zeigten bezüglich der Berufswahl ihrer Töchter eine gewisse Passivität, deren Wurzeln oft in ihrer eigenen Hilflosigkeit zu finden war. So sagte mir eine Mutter: ‚Wenn meine Tochter eine Lehre machen kann, ist es gut. Wenn nicht, ist es auch nicht tragisch. Sie wird beizeiten heiraten’.

Vor diesem Hintergrund lassen sich für meine Abschlussarbeit folgende Fragestellungen formulieren:

Welche Faktoren erschweren oder begünstigen den Berufswahlprozess der TWJ?

Welche Ansätze der professionellen sozialen Arbeit eignen sich zur Förderung des Berufswahlprozesses der erwähnten Zielgruppe?

Zur Erarbeitung dieser Fragen lassen sich mehrere Leitfragen stellen:

Mit welchen Bedingungen betreffend ihrer Sozialisation sind die TWJ konfrontiert, und wie bildet sich dadurch ihre Identität aus bzw. was brauchen sie, um eine ausbalancierte Identität zu erlangen?

Welche Anforderungen stellt der Berufswahlprozess und wie präsentiert sich die spezifische Situation der TWJ?

Welche Anforderungen, sowie welche konkreten Projekte ergeben sich daraus für die JAO?

Das Ziel der Arbeit ist eine Sensibilisierung dafür zu erreichen, dass türkische Mädchen wie auch Schweizer Mädchen ihre individuelle Erlebniswelt - unabhängig ihrer ethnischen Herkunft - haben und daraus ihre speziellen Bewältigungsstrategien entwickeln. Ich möchte mit meiner Arbeit aufzeigen, dass in der Schweiz lebende TWJ, entgegen stereotyper Zuweisungen, kein einheitliches ethnisch-typisches Bild aufweisen und dementsprechend individuell ganz unterschiedliche Lebensorientierungen, Ziele und Erwartungen sowie divergierende Probleme haben können.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 5
1.1 Einführung, Themenstellung 5
1.2 Motivation 5
1.3 Ziele und Fragestellung 7
1.4 Zielgruppe und Eingrenzung 8
1.5 Vorgehensweise 9
2. Türkischstämmige weibliche Jugendliche im Kanton Zürich aus Sicht der Statistik 10
2.1 Anteil an der Gesamtbevölkerung 10
2.2 Sprachkenntnisse 11
2.3 Aufenthaltsstatus 12
2.4 Bildungsniveau 13
2.5 Zivilstand 15
2.6 Fazit 16
3. Sozialisation der türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen 17
3.2 Sozialisation nach Hurrelmann 17
3.2 Geschlechtsspezifische Sozialisation 18
3.3 Sozialisationsinstanzen 20
3.3.1 Familiäre Sozialisation 20
3.3.2 Schulische und berufliche Sozialisation 22
3.3.3 Peer-Group 23
3.4 Sozialisation im Kontext der türkischen Herkunft 24
3.4.1 Wertesystem und Normen 24
3.4.2 Verschiedene Familienformen 26
3.4.3 Geschlechtsspezifische Erziehung 27
3.4.4 Bildungsvorstellungen der Eltern 28
4. Identität der türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen 30
4.1 Entwicklungsstufen nach Erikson 30
4.2 Identität und soziale Interaktion nach Krappmann 32
4.3 Gleiche Herkunft - verschiedene Identitäten? 33
5. Berufswahl der türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen 39
5.1 Theorien zur Berufswahl 39
5.2 Phasen der Berufswahl 41
5.3 Die Situation der beruflichen Bildung in der Schweiz 42
5.4 Chancenungleichheit im Übergang von der Schule zur Berufswahl 44
5.4.1 Geschlechterspezifische Berufswahl 44
5.4.2 Herkunftsspezifische Barrieren in der Berufswahl 45
5.5 Situation und Ressourcen der türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen 46
5.5.1 Mit schlechten Karten an den Start 46
5.5.2 Ressourcen 48
5.6 Fazit 52
6. Soziale Arbeit in Bezug auf Jugendliche mit Migrationshintergrund 55
6.1 Ansatzpunkte der Sozialen Arbeit 55
6.1.1 Lebensweltorientierung 55
6.1.2 Ressourcenorientierung 58
6.2 Fazit 60
7. Ansatzpunkte für die professionelle Praxis 61
7.1 Offene Jugendarbeit und Mädchenarbeit 61
7.2 Jugendarbeit Opfikon 62
7.3 Mädchenarbeit im Hinblick auf die Berufswahl der TWJ 66
7.3.1 Förderung der Bildungsmotivation 66
7.3.2 Förderung der bikulturellen Identität und interkulturellen Handlungskompetenz 67
7.3.3 Ausbau der Elternarbeit 68
7.3.4 Mentoringprojekt für TWJ auch in Opfikon? 69
8. Schlussteil 71
8.1 Zusammenfassung der Erkenntnisse 71
8.2 Beantwortung der Fragestellung 75
8.3 Kritische Würdigung 76
8.4 Selbstreflexion 78
8.5 Schlusswort 80
8.6 Danksagungen 81
9. Literaturverzeichnis 82
10. Abbildungen und Tabellen 86

Textprobe:

Kapitel 4.2, Identität und soziale Interaktion nach Krappmann:

Krappmann hat die interaktionistische Identitätstheorie von G.H Mead und Goffman in seiner soziologischen Identitätstheorie aufgegriffen und weiterentwickelt. Krappmann definiert Identität als «Leistung, die das Individuum als Bedingung der Möglichkeit zur Beteiligung am Kommunikations- und Interaktionsprozess zu erbringen hat». Identität ist für ihn kein stabiler Besitz, sondern entwickelt sich lebenslang weiter. Identität muss daher in sozialer Interaktion immer wieder neu hergestellt und dargestellt werden. Die Bildung von Identität hängt somit nicht zuletzt vom Erfolg der Interaktion ab.

Zur genaueren Definition unterscheidet Krappmann, angelehnt an Goffmann, zwischen persönlicher und sozialer Identität, die beide zueinander im Widerstreit stehen. « in der biographischen Dimension der persönlichen Identität wird vom Individuum verlangt, zu sein wie kein anderer. In der horizontalen Dimension der sozialen Identität dagegen wird das Individuum betrachtet, also ob es mit den vorgegebenen Normen voll zur Deckung zu bringen sei. In dieser Dimension wird ihm folglich zugeschrieben, zu sein wie alle anderen () Zwischen ihnen zu balancieren, ist die Leitung des Individuums, die als Ich-Identität bezeichnet werden soll».

Da es Individuen nicht möglich ist, alle an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen, müssen sie sich so verhalten, ‘als ob’ sie den Erwartungen entsprechen. Sie bemühen sich somit um ‘Scheinnormalität’. Die Bedeutung dieses ‘Als ob’-Verhaltens liegt darin, dass der Mensch den Anschein erweckt, er ordne sich den allgemeinen Erwartungen unter, um gleichzeitig den Anschein seiner Einmaligkeit zu betonen. Ein Individuum hat nun die Möglichkeit sich der Balance zu entziehen, indem es sich entweder den Erwartungen anderer anpasst oder sie ignoriert. Beide Strategien führen nach Krappmann jedoch auf Dauer zu psychischen Schäden. Werden die Anforderungen verweigert und die Individualität zu stark behauptet, ist es nicht mehr in der Lage, den Balanceakt der Scheinnormalität aufrechtzuerhalten. Lehnte das Individuum wiederum die ihm zugeschriebene Einmaligkeit total ab, würde es eine integrierende Lebensgeschichte leugnen und sich einseitig den angebotenen Erwartungen unterwerfen.

Aus Krappmanns Sicht lebt die Errichtung einer individuierten Ich-Identität von Konflikten und Ambiguitäten und jede Interaktion hinterlässt, alleine schon aufgrund von sprachlichen Missverständnissen, Diskrepanz und Konflikte. Die Sprache bildet bei ihm, wie auch bei Mead, das Hauptelement in der Vermittlung der eigenen Identität. Interaktion ist somit für das Individuum immer mit einem Gewissen Grad an Frustration, mit dem es leben lernen muss verbünden.

Eine gelungene Identität beruht so nicht nur auf einer geglückten Balanceleistung, sondern auch auf der Tolerierung von Inkonsistenzen und Konflikten. Eine erfolgreiche Balanceleistung, die zur Wahrung der Identität führt, wird nach Krappmann entscheidend von ‘identitätsfördernden Fähigkeiten’ beeinflusst: Ambiguitätstoleranz, Rollendistanz und Empathie.

Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, konkurrierende und widersprüchliche Erwartungen und Bedürfnisse wahrzunehmen und nebeneinander zu dulden und sie in die Handlungsstrategie aufzunehmen. Nach seiner Ansicht ist die Ambiguitätstoleranz die entscheidendste Fähigkeit für die Identitätsbildung. Rollendistanz ist die Fähigkeit, sich über die Anforderungen von Rollen zu erheben, um auswählen, verneinen, modifizieren und interpretieren zu können. Rollendistanz ermöglicht also den notwendigen Abstand zur eigenen Rolle. Bei der Empathie versetzt sich das Individuum in die Rolle des Kommunikationspartners, um die eigene Rolle in der Interaktion festlegen zu können. Nur dann ist die Interaktionsbeteiligung des Individuums möglich. Gemeint ist hier nicht Einfühlungsvermögen in die Lage des anderen, sondern kognitive Erkenntnis.

Arbeit zitieren:
Erdogan-Kartaloglu, Nursel Juli 2008: Sozialisation und Identität bei türkischstämmigen weiblichen Jugendlichen im Hinblick auf den Berufswahlprozess, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Berufswahlprozess, Soziale Arbeit, Migrationshintergrund, Sozialisation, Jugendliche

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