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Soziale Bewegungen als Wurzel des Terrorismus?

Soziale Bewegungen als Wurzel des Terrorismus?
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Boris Hillig
  • Abgabedatum: Juli 2003
  • Umfang: 122 Seiten
  • Dateigröße: 1,0 MB
  • Note: 2,3
  • Institution / Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-4042-8
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-4042-8 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-4042-8 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Hillig, Boris Juli 2003: Soziale Bewegungen als Wurzel des Terrorismus?, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Soziale Bewegung, Terrorismus, Rote Armee Fraktion, Black Panther, Karriere Modell

Diplomarbeit von Boris Hillig

Einleitung:

„Soziale Bewegungen sind in den Gesellschaften, in denen sie aufkommen, störende Ereignisse. Was sie wollen, überschreitet das Selbstverständliche und läßt sich dem Common sense schlecht erklären. Hinzu kommt das Unheimliche ihrer Form. Sie besitzen keine feste Gestalt. Soziale Bewegungen schwellen oft ganz unvermittelt an, explodieren auch manchmal, sind dann wieder lange still, zerrinnen gleichsam. Und ob sie danach wiederkommen oder aber schon zu Ende sind, das läßt sich nur unzuverlässig ausrechnen.“ Auch wenn der Grundstein der sozialen Bewegung wohl schon in der Französischen Revolution gelegt wurde (´mouvement social´), so hat sich die Soziologie der sozialen Bewegung – die Bewegungsforschung – erst innerhalb der letzten gut zwanzig Jahre als eigenständiger Forschungsbereich entwickelt und etabliert. Doch hat Lorenz von Stein bereits 1921 angemerkt, „(…) daß für den wichtigsten Teil Europas die politische Reform und Revolution zu Ende ist; die soziale ist an ihre Stelle getreten, und überragt alle Bewegungen der Völker mit ihrer furchtbaren Gewalt und ihren ernsten Zweifeln.“ Auch wenn ich die Meinung von Lorenz von Stein bezüglich der Bedeutungslosigkeit politischer Reformen nicht teile, so weist dieses Zitat doch auf die potenzielle Kraft und Bedeutung einer sozialen Bewegung hin, welche ihr spätestens zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zugewiesen wurde.

Die Fragen, die sich zunächst einmal stellen, sind die Folgenden: Was genau ist eine soziale Bewegung? Die so genannten 68er-Bewegungen? Faschistische Bewegungen? Gibt es demnach linke und rechte soziale Bewegungen? Wo ist der Unterschied zwischen Protesten, Aufständen, Warnstreiks, Demonstrationen, Mobs, Revolutionen, Volksunruhen und sozialen Bewegungen?

Waren oder sind die weltweiten Friedensdemonstrationen dieses Jahres gegen den Irak-Krieg eine soziale Bewegung? Welches sind die Entstehungsgründe? Wer ist der Initiator bzw. die Initiatoren? Wer nimmt an einer sozialen Bewegung teil und warum (oder warum nicht)? Wie erfolgen die Rekrutierung und die Mobilisierung der Mitglieder einer sozialen Bewegung? Folgt die gesamte Bewegung einem einheitlichen und nur einem Kollektivgedanken?

Wovon hängt der Erfolg der sozialen Bewegung ab? Ist es so, wie Saint-Simons behauptet, nämlich dass die soziale Bewegung vom Kampf zwischen der produktiven und der nicht-produktiven Klasse in Gang gehalten wird? Welchen Einfluss haben die Gesellschaft, die Politik auf soziale Bewegungen?

All jene Fragen sollen mit vorliegender Arbeit beantwortet werden. Dabei ist die eigentliche Aufgabe dieser Arbeit aber noch nicht erschöpft. Sehr viel mehr sollen die eben genannten Fragen auch auf das Zustandekommen des Terrorismus angewandt werden. Dabei wird vor allem der Frage nachgegangen, ob und wenn ja in wie weit eine Verbindung zwischen einer sozialen Bewegung und dem Terrorismus besteht.

Eine Kausalität in der Art, ob eine terroristische Vereinigung aus einer sozialen Bewegung resultieren kann (die Möglichkeit der umgekehrten Kausalität – ob eine soziale Bewegung aus einer bestimmten Form des Terrorismus erwachsen kann wird in dieser Arbeit vernachlässigt). Wird diese Antwort bejaht, so müssten sodann die Hintergründe und „Motoren“ erarbeitet werden, welche für solch eine Entstehungsgeschichte verantwortlich wären.

Dabei muss die Dynamik der Gewalt – von einer friedlichen Protestbewegung zu einer militanten Bewegung oder gar zur terroristischen Vereinigung – als ein Prozess von Reiz und Reaktion verstanden werden, als ein Konfliktprozess zwischen der Protestbewegung und den Instanzen der sozialen Kontrolle, dem politischen System. Diese Fragen sollen mit der vorliegenden Arbeit beantwortet werden. Wie dabei vorgegangen wird, ist dem folgenden Kapitel zu entnehmen.

In Kapitel 2 werden zunächst einmal kurz die für diese Arbeit wichtigen Termini erläutert. Dabei handelt es sich vor allem um soziologische Begriffe, aber auch um die Schutzaufgaben des Staates.

Kapitel 3 definiert den Terminus Terrorismus und nennt mögliche Erscheinungsformen. Die Abgrenzung des Terrorismus zu Krieg oder Guerilla wird dabei ebenso vollzogen. Die soziale Bewegung, von der Definition über die Entstehungsursachen bis hin zu den verfolgten Zielen, Phasen und möglichen Formen werden ausführlich in Kapitel 4 behandelt. Dabei werden auch Rekrutierungs- und Mobilisierungsmaßnahmen sowie die Medien eine Rolle spielen.

Kapitel 5 bildet den Schwerpunkt dieser Arbeit. Ausgehend von der sozialen Bewegung aus Kapitel 4 wird gezeigt werden, wieso und in welcher Weise soziale Bewegungen zu ihrem Ende kommen können und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Die hauptsächliche Frage ist jedoch, unter welchen Bedingungen eine soziale Bewegung ihr Ende finden und mehr oder weniger gleichzeitig den Beginn des Terrorismus markieren kann. Dabei werden unterschiedliche Erklärungsebenen betrachtet, welche knapp ein Drittel dieser Arbeit einnehmen.

Zu Beginn wird kurz auf die makro-soziale Ebene eingegangen, gefolgt von den ausführlichen Darlegungen der meso- und mikro-sozialen Erklärungsebenen für die Entstehung des Terrorismus. Innerhalb des Kapitels der mikrosozialen Ebene wird auf einzelne RAF-Mitglieder zurückgegriffen, um zu zeigen, wie diese zur RAF kamen bzw. was sie zu deren Entstehung beigesteuert haben. Nach makro-, meso- und mikro-sozialer Erklärungsebene schließen kurz diverse Beispiele von Gründungsgeschichten terroristischer Vereinigungen an. Diese werden zumeist auf meso-sozialer, teilweise auch auf makro-sozialer Ebene dargelegt. Dabei soll gezeigt werden, inwieweit diese Terrororganisationen mit sozialen Bewegungen zusammenhängen bzw. zusammenhingen.

Kapitel 6 fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Theorie der Erklärungsebenen für die Entstehung des Terrorismus noch einmal zusammen und nennt wünschenswerte Entwicklungen der soziologischen Forschung in Bezug auf die Wandlung sozialer Bewegungen hin zum Terrorismus.

Inhaltsverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis V
Tabellenverzeichnis VI
Abkürzungsverzeichnis VII
1. Einleitung 1
1.1 Problemstellung 1
1.2 Aufbau der Arbeit 3
2. Terminologische Begriffe und wichtige Staatsaufgaben 4
2.1 Kollektiv und kollektives Handeln 4
2.2 Zum Begriff Konflikt 4
2.3 Das Verhältnis von Recht, Macht, Gewalt und Herrschaft 6
2.4 Die Schutzaufgaben des Staates 8
3. Zum Begriff des Terrorismus 11
3.1 Definition des Terminus Terrorismus 11
3.2 Abgrenzung des Terrorismus zu verwandten Erscheinungsformen 12
3.2.1 Terrorismus, Krieg und Kriminalität 12
3.2.2 Terrorismus und Guerilla 13
3.3 Formen von Terrorismus 14
3.3.1 Repressiver Terrorismus 14
3.3.2 Revoltierender Terrorismus 16
3.3.3 Internationaler Terrorismus 18
4. Die soziale Bewegung 20
4.1 Definition des Terminus soziale Bewegung 20
4.2 Ursachen der sozialen Bewegung 25
4.2.1 Einführung 25
4.2.2 Strukturanalytischer Ansatz 26
4.2.3 Sozialpsychologischer Ansatz 27
4.2.4 Interaktionistischer Ansatz 28
4.3 Ziele der sozialen Bewegung 28
4.4 Typologisierung der sozialen Bewegung 30
4.4.1 Formen von sozialen Bewegungen 30
4.4.2 Beispiele sozialer Bewegungen 32
4.4.2.1 Beispiel Hattinger ArbeiterInnenbewegung 32
4.4.2.2 Die deutsche StudentInnenbewegung und die APO 34
4.5 Die Entwicklungsstadien einer sozialen Bewegung sowie ihre elementaren Begleiterscheinungen 36
4.5.1 Die soziale Bewegung und ihr gesellschaftlicher Kontext 36
4.5.2 Der Ursprung einer beginnenden Bewegung 38
4.5.3 Die Rekrutierung neuer Mitglieder und die Mobilisierung der Bewegung 40
4.5.4 Entwicklungsstadien der sozialen Bewegung 45
4.5.5 Soziale Bewegungen und die Rolle der Medien 47
5. Zur Interaktion zwischen der Dynamik kollektiver Aktionen und dem Auftreten terroristischer Vereinigungen 49
5.1 Das Ende der Bewegung – oder – Die Reaktion des Staates 49
5.2 Die soziale Bewegung auf dem Weg zur terroristischen Vereinigung? 54
5.2.1 Ausgangsbasis 54
5.2.2 Institutionalisierung von Forderungen 54
5.2.3 Verschiedene Erklärungsebenen für den Wandel gewaltloser BewegungsteilnehmerInnen zum gewaltbereiten Militanten 56
5.2.3.1 Erklärungsansatz der makro-sozialen Ebene 56
5.2.3.2 Erklärungsansatz der meso-sozialen Ebene 58
5.2.3.2.1 Theoretische Grundlagen: Begrenzte Regelverletzung, Provokation, Überreaktion und Beschleunigungsfaktoren 58
5.2.3.2.2 Empirie: Die Ereignisse des 2. Junis 63
5.2.3.2.3 Institutionalisierung des Terrorismus 65
5.2.3.3 Erklärungsansatz der mikro-sozialen Ebene 68
5.2.3.3.1 Die Theorie des Karriere-Modells 68
5.2.3.3.2 Empirische Belege zur politischen Gewaltbereitschaft 72
5.2.3.3.3 Das Karriere-Modell in empirischer Anwendung auf einzelne RAF-Gründungsmitglieder 74
5.2.3.3.3.1 Ausgangsbasis 74
5.2.3.3.3.2 Ulrike Meinhof 75
5.2.3.3.3.3 Gudrun Ensslin und Andreas Baader 82
5.2.4 Entstehungshintergründe diverser terroristischer Vereinigungen 86
5.2.4.1 Deutschland: Revolutionäre Zellen 86
5.2.4.2 Deutschland: Otte-Gruppe 87
5.2.4.3 Spanien: Die baskische ETA 88
5.2.4.4 Italien: Rote Brigaden 90
5.2.4.5 Korsika: Front de libération nationale de la Corse 91
5.2.4.6 Russland: Narodnaja Wolja 92
5.2.4.7 Islamismus – eine soziale Bewegung? 93
5.2.4.8 Kaschmir: Jammu und Kashmir Liberation Front 96
5.2.4.9 USA: Terrorismus und Black-Power-Movement 97
6. Zusammenfassung 101
7. Anhang 103
Literaturverzeichnis 105
Ehrenwörtliche Erklärung 114

Automatisiert erstellter Textauszug:

Die StudentInnenbewegung140 ebbte um Mitte des Jahres 1968 dann schließlich ab, da die vielen nicht-politisch engagierten StudentInnen den wenigen politisch engagierten bei der weiteren Boykottierung von Vorlesungen nicht mehr folgen wollten. Schließlich endete die Bewegung als solche 1969, als die von den StudentInnen ursprünglich geforderten Universitätsreformen realisiert wurden. Aber auch nach der Erkenntnis des nicht einsetzen wollenden Durchbruchs einer Revolution machte sich Ernüchterung, Ohnmacht und Deprimierung breit, welche zu resignierenden Reaktionen führte.141 Diese Erkenntnis wurde auch noch durch das Scheitern der Befreiungsbewegungen der „Dritten Welt“, der Zerschlagung der Pariser Studenten-Kommune und der Besetzung der CSSR im August 1968 bestärkt.142 Während durch das „Hoch“ der StudentInnenbewegung bestehende Differenzen der Linken zusammengehalten wurden, löste sich die StudentInnenbewegung nun wieder in ihre politisch heterogenen Bestandteile auf.143 Doch bei einigen BewegungsteilnehmerInnen machte sich eine emotionale Grundstimmung breit, welche zur Frage führte, ob nicht auf die Gewalt des Staates mit Gegengewalt geantwortet werden müsse, damit sich gesellschaftlich überhaupt etwas ändern könne – ein erster „(Gedanken-)Schritt“ zur RAF (vergleiche hierzu Kapitel 5.2.3.3)144 [...]

bietsweiten Aktionen der Bonner Montanrunde 1988, woran die Hattinger Bewegung teilnahm, hatte die Bewegung an Schwung verloren. Trotz der Niederlage musste man sich nun wenigstens auf die Erhaltung der Arbeitsplätze der Schmiede und ihrer Zuliefererbetriebe konzentrieren. Des Weiteren wurde erkannt, dass nicht nur die noch vorhandenen Arbeitsplätze erhalten werden müssten, sondern auch welche für die zukünftigen Generationen von Hattingen geschaffen werden müssten. Eine neue Bewegung entstand, worin der längst fällige ökologische Umbau der Montan- und Chemieregion Ruhrgebiet gefordert wurde. Trotz der bisherigen vielen Niederlagen war es wohl dem vorläufigen Sieg um den Kampf der Arbeitsplätze eines Bergbauzulieferers zu verdanken, dass für die neue Bewegung Motivation gewonnen werden konnte. Die Hattinger Bewegung als soziale Bewegung war von Anfang an betriebsübergreifend. Auch wurden im „Hattinger Aufruf“ die Solidarität der Stahlstandorte und der Zusammenhalt aller Menschen im Revier – über Städte- und Branchengrenzen hinweg – gefordert. Der IG-Metall folgten andere Gewerkschaften; Hattinger Geschäftsleute, Bäcker, Metzger, der Einzelhandelsverband, der Bürgermeister, die Vertreter der Kirchen und viele andere schlossen sich dem Aufruf an. Wahrscheinlich war es das über lange Zeit gewachsene Gefühl der Zusammengehörigkeit Hattingens, welches so mobilisierend, stabilisierend und einigend wirkte und somit die soziale Bewegung zustande kommen konnte. Die Bewegung bestand aus einer Vielfalt von Demonstrationen, Kundgebungen, Versammlungen und Aktionsformen wie Menschenketten oder Mahnwachen. Diese Widerstandsformen symbolisierten moralische Überlegenheit auch über Hattingen hinaus und ermöglichten es, die teilnehmenden Individuen nicht nur als Teil einer Masse, sondern als denkende, kommunizierende und handelnde Subjekte zu begreifen. Obwohl die Handlungsbereitschaft vorhanden war und es bisweilen auch zu kämpferischen Stimmungen kam, so war die Hattinger Bewegung doch immer frei von Gewalt. Randow zufolge lag es an der Struktur der Auseinandersetzung, dass militante Kampfformen keine Aussicht auf Erfolg gehabt hätten. Das Hauptanliegen neben den eigentlichen Forderungen der Bewegung war es, von Anfang an die (Massen-)Medien zu involvieren. Auch wurden eigene medienwirksame Mittel erarbeitet. Eigene Betriebszeitungen, Plakate, Plastiken, Gedichte und Lieder dienten der Protestbewegung und der Mobilisierung der Öffentlichkeit. Die Metamorphose hin zum Terrorismus erreichte die ArbeiterbInnenbewegung jedoch nie. [...]

4.4.1 Formen von sozialen Bewegungen In der Fachliteratur ist es üblich, die „alten“ sozialen Bewegungen von den so genannten Neuen Sozialen Bewegungen zu trennen.127 Als die traditionellen bzw. ursprünglichen sozialen Bewegungen werden beispielsweise die Arbeiter- oder auch die StudentInnenbewegung betrachtet. Ihnen gemeinsam waren vor allem Partizipationsfragen und Forderungen nach (gleichberechtigter) Teilnahme an unterschiedlichen sozialen Systemen wie Ökonomie oder Politik.128 So demonstrierten die StudentInnen derselben Bewegung beispielsweise gegen die autoritären Strukturen an den Universitäten sowie gegen andere gesellschaftliche Institutionen.129 Im Zusammenhang mit der ArbeiterInnenbewegung kann die Ausbeutungs-Verelendungsthese genannt werden, wonach sich „Volksproteste als Reaktion auf die Ausbeutung dank antagonistischer kapitalistischer Marktbeziehungen und der damit verbundenen tat- [...]

Arbeit zitieren:
Hillig, Boris Juli 2003: Soziale Bewegungen als Wurzel des Terrorismus?, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Soziale Bewegung, Terrorismus, Rote Armee Fraktion, Black Panther, Karriere Modell

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