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Solidarität und Sozialstaat

Über soziale Mechanismen staatlich organisierter Wohlfahrt

Solidarität und Sozialstaat
Über dieses Buch
  • Art: Diplomarbeit
  • Autor: Michael Neuber
  • Abgabedatum: November 2004
  • Umfang: 108 Seiten
  • Dateigröße: 911,1 KB
  • Note: 1,7
  • Institution / Hochschule: Freie Universität Berlin Deutschland
  • ISBN (eBook): 978-3-8324-9716-3
  • ISBN (Paperback) :
    978-3-8324-9716-3 P
  • ISBN (CD) :978-3-8324-9716-3 CD
  • Sprache: Deutsch
  • Prämierung:
  • Arbeit zitieren: Neuber, Michael November 2004: Solidarität und Sozialstaat, Hamburg: Diplomica Verlag
  • Schlagworte: Hartz, Reform, Sozialversicherung, Wohlstand

Diplomarbeit von Michael Neuber

Einleitung:

Aufgabe der Sozialhilfe ist es, dem Empfänger der Hilfe die Führung eines Lebens zu ermöglichen, das der Würde des Menschen entspricht. BSHG § 1 (2) Gerade in jüngster Zeit ist der Sozialstaat in Deutschland vor allem im Zusammenhang mit der Umsetzung der so genannten Hartz-Reformgesetze wieder verstärkt Gegenstand öffentlicher Diskussion. Demographischer Wandel und wirtschaftliche Depression hätten zu einem explosionsartigen Anstieg der Kosten der sozialen Sicherungssysteme beigetragen und große Löcher in den öffentlichen Haushalten hinterlassen. Das teilweise über ein Jahrhundert alte Modell des Sozialstaats müsse deshalb der veränderten Situation angepasst und umstrukturiert werden. Reformen, die zur Kosteneinsparung beitragen, seien unvermeidbar, um auch in Zukunft das ›soziale Netz‹ zu erhalten.

Die Lager der Protagonisten und Antagonisten solcher Vorhaben bzw. in diesem Sinne von der Bundesregierung durchgeführter Maßnahmen waren rasch besetzt. Manch ein Kritiker sah und sieht sogar angesichts der Veränderungen gleichsam die dunklen Wolken einer existentiellen Gefährdung staatlicher Sozialleistungen heraufziehen. Vor dem Horizont eines solchen Krisen-Diskurses wird nicht selten auf den Begriff der Solidarität rekurriert – mit dem Verschwinden der Institutionen der sozialen Sicherung, so eine geläufige Auffassung, stünde zugleich auch ein »bestimmtes Verständnis« von Solidarität zur Disposition, welches in Hinblick auf die gesellschaftliche Integrität von besonderer Bedeutung wäre.

Zwischen Solidarität und Sozialstaat, so ließe sich vermuten, muss folglich eine enge Verknüpfung bestehen, die einen dependenten Charakter aufweist. Wo aber genau liegen die sozialen Berührungspunkte der beiden Topoi? Eine soziologische Bestimmung eben dieser dem Anschein nach selbstverständlichen Assoziation ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Ich möchte dabei, ganz im Sinne der genannten Auffassung, die These vertreten, dass mit Solidarität in der Tat ein notwendiger Faktor für die Genese des Sozialstaates vorliegt, der sich in dessen Strukturen fortpflanzt und widerspiegelt. Solidarität wird folglich als konstituierendes und konstitutives Moment sozialstaatlicher Arrangements angenommen.

In einem ersten Schritt der Arbeit soll es darum gehen, den durch seine vielfältige Anwendung in gesellschaftlichen Diskursen doch recht schillernden und gleichsam unscharfen Begriff der Solidarität in soziologischen Kategorien zu erfassen. Im zweiten Schritt wird dann eine Verbindungslinie zum Sozialstaat und seinen Institutionen zu zeichnen sein. Sowohl die historische Entwicklung als auch die aktuelle Beschaffenheit des Sozialstaates und deren reformerische Umgestaltung sind dabei für die analytischen Betrachtungen zu berücksichtigende Punkte. Einer besonderen Prüfung möchte ich in diesem Rahmen das Hartz-IV-Reformgesetz unterziehen, da dieses ein außerordentlich hohes Mobilisierungspotential für Protestbewegungen zeigte.

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung 3
1. Solidarität – eine Begriffsbestimmung 5
1.1 Solidarität zwischen traditionaler und moderner Gesellschaft 7
1.1.1 Modernisierung und Moderne 7
1.1.2 Bedingungen und Grenzen moderner Solidarität 11
1.2 Solidarität und Gerechtigkeit 17
1.2.1 Synoptische Betrachtungen 17
1.2.2 Relationale Aspekte 20
1.2.3 Iustitia distributiva 24
1.3 Solidarität als Steuerungsprinzip 28
1.3.1 Markt 29
1.3.2 Hierarchie 32
1.3.3 Solidarität 34
2. Die sozialstaatliche Solidarität 38
2.1 Die Genese des Wohlfahrtsstaates 40
2.1.1 Entstehungsphase 40
2.1.2 Konsolidierungsphase 46
2.1.3 Stagnationsphase 49
2.2 Der Sozialstaat – das deutsche Modell 58
2.2.1 Versicherungen 59
a. Unfallversicherung 59
b. Krankenversicherung 60
c. Rentenversicherung 62
d. Arbeitslosenversicherung 64
2.2.2 Hilfen 66
a. Arbeitslosenhilfe 66
b. Sozialhilfe 67
2.3 Der Faktor Solidarität 70
2.3.1 Solidarität als konstituierendes Moment 70
2.3.2 Solidarität als konstitutives Moment 78
a. Unfallversicherung 79
b. Krankenversicherung 79
c. Rentenversicherung 80
d. Arbeitslosenversicherung 81
e. Arbeitslosenhilfe 82
f. Sozialhilfe 83
2.3.3 Arbeitslosengeld II – Analyse und Bewertung 84
Schlussbetrachtung 90
Literatur 93

Automatisiert erstellter Textauszug:

Westeuropa152 1975 die Kranken- und Rentenversicherung 90 Prozent, die Unfallversicherung 80 Prozent und Arbeitslosenversicherung immerhin zwei drittel aller Erwerbstätigen.153 Aber auch Teile der nichterwerbstätigen Bevölkerung wurden sukzessiv in das Sicherungssystem integriert: neben Studenten betraf dies behinderte Menschen, Hausfrauen und Strafgefangene. Auf einen fruchtbaren Boden fiel diese Entwicklung nicht zuletzt deshalb, weil die Zeit des Wiederaufbaus und der Reindustrialisierung Westeuropas mit einem enormen Wirtschaftswachstum (Zeit des Wirtschaftswunders) verbunden war, welches die Utopie eines ›zahnlosen‹ Kapitalismus, der allen zum Wohle gereichen könne, mehr und mehr realistisch erscheinen ließ. So führte diese Euphorie zu einem stetigen Generositätszuwachs bei den Sozialleistungen bzw. zur deutlichen Abschwächung diverser Kontrollbestimmungen, wie den Sperrfristen in der Arbeitslosenversicherung und den Wartezeiten bei der Krankenversicherung; die Anwartschaftszeiten in der Rentenversicherung, welche die Mindestzahl der zu leistenden Beiträge für einen Rentenbezug vorgeben, wurden merklich verkürzt.154 Sehr deutlich wird jener Trend in den Zahlen der Sozialleistungsquote155: lag diese 1950 im Durchschnitt bei 4,9 Prozent, erreicht sie 1974 einen Wert von 13 Prozent. Im Verlaufe der 70er Jahre kam es allerdings schon zu ersten Zweifeln ob sich das hohe Niveau der sozialen Sicherung dauerhaft behaupten könne. Als im Herbst 1973 die OPEC-Staaten ihre Fördermengen drosselten und damit die erste Ölkrise einläuteten – der 1979 bereits eine zweite folgte – wurde der Glaube an ein auch weiterhin unge- [...]

Kriegszeit bzw. in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise147 (1929/33) gemacht wurden, nicht unwesentlich: sie zeigten nämlich, dass auch Schichten, die als wohlhabend gegolten hatten, ebenso in existenzielle Notlagen geraten konnten wie einst die Arbeiterschaft.148 Gleichsam änderte sich damit auch das alte Bild der Arbeiterversicherung und wurde durch ein Konzept ersetzt, welches besser verdienende Berufstätige sowie nicht-erwerbstätige Personen wie Familienmitglieder und Rentner einbezog. D.h. das alte durch Leistungsgerechtigkeit geprägte Prinzip wich einer Konzeption, die an der Bedürftigkeit der Betroffenen, im Sinne der Gewährung eines Mindestschutzes, ausgerichtet war. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges kam es erneut zu einer großen Expansionswelle, im Rahmen derer nun auch Selbständige in die Sicherungssysteme eingebunden wurden.149 Die Abdeckung der Standardrisiken war mit Implementierung der finnischen Krankenversicherung 1963 nunmehr vollständig gewährleistet. Nach dem neuen Leitbild der Sozialgesetzgebung, welches sich sowohl in der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen als auch in einem Großteil der nationalen Verfassungen niederschlug, sollte die soziale Sicherheit aller Bevölkerungsgruppen gewährleistet werden. In der Atlantic Charta von 1941, in der die Kriegsziele festgesetzt wurden, war erstmals ein Plan zur Sicherung sozialer Grundrechte für alle enthalten. Nach Kriegsende war diese Programmatik Grundlage für sozialpolitische Reformen mehrerer Nationalstaaten, wobei sie mit dem so genannten BereridgePlan150 in Großbritannien ihre konkreteste Umsetzung fand.151 Der Mitgliederkreis, den die Sozialversicherung umfasste, dehnte sich in der Nachkriegszeit erheblich aus: durchschnittlich erfasste in [...]

Neudefinition ihrer Position in der bürgerlichen Gesellschaft. Galt der Arbeiter bislang primär als ein Mittel zum Sachzweck der Güterherstellung, dessen Wert sich nach der Tauglichkeit seiner Arbeitskraft bemaß, so erhielt er jetzt den Status eines vollwertigen Mitgliedes der politischen Gemeinschaft, das auch beim Verlust der Arbeitskraft in seiner Funktion als Staatsbürger noch Ansprüche auf Sicherung seiner Existenz geltend machen konnte.«145 Fassen wir noch einmal kurz zusammen: Im 19. Jahrhundert ist die Geburtsstunde institutionalisierter sozialer Sicherungssysteme auf staatlicher Ebene zu sehen. Im Kontext der Modernisierungsprozesse übernahmen die Nationalstaaten vor dem Hintergrund einer Massenverarmung in der neu entstandenen Arbeiterschaft die vormals durch verwandtschaftliche, kirchliche und feudale Strukturen getragenen Versorgungsleistungen der Menschen. Das Aufkommen parlamentarischer Regierungsformen brachte ein neues integratives Element mit sich – den Staatsbürgerstatus. Er erlaubte einer breiten Masse von Menschen über die Institution von Parteien und Gewerkschaften in einem größeren Maße als dies bisher möglich war, auf das Schicksal der Nationen Einfluss zu nehmen. 2.1.2 Konsolidierungsphase Eine erste Zäsur in der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung bildete der erste Weltkrieg. Sowohl im Verlaufe des Krieges als auch in der Zwischenkriegszeit erlebten die Wohlfahrtssysteme eine allgemeine Expansionswelle.146 Kein Land verfügte bei Ausbruch des Krieges über Pflichtversicherungen, die alle vier Standardrisiken abdeckten. Bis zum zweiten Weltkrieg hatten hingegen nahezu alle westeuropäischen Nationen (außer Finnland, Island und der Schweiz) ein vollständiges System sozialer Sicherung. In Deutschland wurde in diesem Zuge nach langer Auseinandersetzung zwischen Tarifparteien und Reichsregierung 1927 die Arbeitslosenversicherung eingeführt. Als Grund für die kontinuierliche Ausdehnung der Sozialversicherungen sind die Erfahrungen, die in der [...]

Arbeit zitieren:
Neuber, Michael November 2004: Solidarität und Sozialstaat, Hamburg: Diplomica Verlag

Schlagworte:
Hartz, Reform, Sozialversicherung, Wohlstand

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